Michael Diener, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz und Präses der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung, hat sich in einem Beitrag für die Zeitschrift „Zeitzeichen“ zur Frage nach dem Bibelverständnis geäußert. Er kritisiert, dass die Bibel für Protestanten profan geworden sei, weil sie dank historisch-kritischer Exegese wissenschaftlich „stranguliert“ worden wäre, dass man in der EKD zu wenig Rücksicht auf den biblischen Wortlaut nehme und mehr die Vernunft als der heilige Geist zu Rate gezogen werde. Kurz: Die Bibel werde nicht mehr als Gottes Wort gesehen. Aber die Frage ist doch: was dürfen wir von der Bibel erwarten? Und viel wichtiger: was erwartet sie von uns? Eine freundliche, aber bestimmte Gegenrede.
Michael Diener macht eine wichtige Feststellung: Es ist heute wichtiger denn je, „um das hermeneutische Erbe der Reformation zu ringen und zu streiten“. Wie wir die Bibel verstehen und ihre Aussagen auf heute übertragen, prägt unsere Antworten auf fast alle Fragen, über die man sich im christlichen Diskurs die Köpfe zerbrechen (und einschlagen) kann.
Die pietistische Sicht – so führt Michael Diener aus – besteht darauf, dass der Bibeltext nur aus dem Heiligen Geist heraus verstanden werden kann. Freilich sei es nötig „die menschlich und geschichtlich gewordene Gestalt des Wortes Gottes“ wahrzunehmen. Und auch ein fundamentalistisches „Friss-oder-stirb“ sei nicht hilfreich. Aber der protestantischen Theologie hält er dennoch vor, „die Bibel als Wort Gottes nur noch subjektiv hier und da bekennen zu können“. Sie könne sich „ein Bekenntnis zur Bibel als Wort Gottes überwiegend nur noch im Erfahrungsmodus vorstellen“.
Diese Diskrepanz spüren viele Menschen und wenden sich deshalb gelangweilt von Kirche und Glaube ab.
Selbstverständlich hat Michael Diener Recht, wenn er die inhaltliche Diskrepanz kritisiert, die häufig zwischen Kanzel und Liturgie zu finden ist: Auf der einen wird kraftlos und diffus von Gott gepredigt, in der anderen wird anschließend die tröstende Kraft beschworen, die im Glauben liegt. Diese Diskrepanz spüren viele Menschen und wenden sich deshalb gelangweilt von Kirche und Glaube ab.
Aber liegt das tatsächlich daran, dass die protestantische (und im Übrigen seit dem 2. Vatikanischen Konzil auch die katholische) Theologie die Bibel zunächst mit wissenschaftlichen Mitteln analysiert, bevor sie geistliche Schlüsse daraus zieht? Ist die historisch-kritische Methode schuld an der fehlenden Frömmigkeit in vielen evangelischen Christenherzen? Oder ist sie vielleicht einfach von denjenigen besonders dankbar rezipiert worden, die sich eh schon längst innerlich von einem lebendigen Glauben gelöst hatten und die nun endlich ihrer Entkehrung eine wissenschaftliche Grundlage geben konnten? Eine scheinbare eigentlich nur, weil zu Wissenschaftlichkeit immer Unvoreingenommenheit gehört und das Ergebnis nicht vorher feststehen darf.
Wie jede Wissenschaft ist eben auch die Bibelkritik nur ein Werkzeug, das in den falschen Händen zu allem möglichen Unfug missbraucht werden kann. Wer historisch-kritische Forschung bewusst mit dem Ziel anwendet, den lebendigen, persönlichen und auch fordernden Gott zu zähmen oder ganz zu verwerfen, weil man die eigenen Schwierigkeiten mit einem solchen kaschieren will, dem wird das mit Bravour gelingen. Das ist traurig, aber es ist nicht die Schuld des Werkzeugs. Es ist der Missbrauch durch den, der es zweckgerichtet führt.
Was ist die Bibel?
Dass daraufhin dann gerne das Werkzeug infrage gestellt wird, ist schlecht. Denn dieses Werkzeug einzusetzen scheint mir sehr wichtig. Was ist denn die Bibel? Das Wort Gottes, sagen Christen meist reflexartig. Zunächst einmal aber ist sie eine Sammlung von Texten, in denen Menschen ihre Erfahrungen und Ansichten nieder geschrieben haben. Christen glauben, dass die Texte Gottes Geist atmen. Das tun sie aber nicht, weil sie zwischen genau diesen Buchdeckeln mit der Aufschrift „Bibel“ stecken. Sie tun es auch nicht, weil Gott die Buchstaben diktiert hätte, wie es die Moslems vom Koran glauben. Sie tun es, weil ihre Autoren offensichtliche Begegnungen mit dem lebendigen Gott hatten und man das diesen Texten abspürt.
Von diesen Begegnungen wurden die Autoren inspiriert (!) und von ihnen berichten sie uns. Das unterscheidet die Texte aber nicht strukturell von allem, was Gottes Geist bis heute atmen kann: Eine Predigt, eine Erzählung, eine Skulptur, ein Gemälde, ein Buch, ein Theaterstück, ein Gebet, ein gutes Gespräch unter Freunden, ein Erlebnis, ein Blogbeitrag.
Was die biblischen Texte besonders macht ist ihre ausgesprochene Qualität, bestätigt von unzähligen Generationen, die inspiriert (!) von diesen Geschichten und Gedanken ihr Leben neu verstanden und änderten. Viele, viele, viele unserer Vorfahren haben erlebt, wie diese Texte zu ihnen gesprochen haben – ja, wie Gott durch diese Texte zu ihnen gesprochen hat. Diese kollektive Erfahrung begründet die Besonderheit der biblischen Texte. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Die Texte sind eben nicht vom Himmel gefallen. Wir sind zwar eine Buchreligion, aber unser Glaube gründet sich nicht auf ein Buch, sondern auf einen Menschen — Jesus. Viele Christen allerdings verklären die Bibel zu einem unantastbaren Heiligtum. Sie darf dann nicht mit offenem Verstand untersucht werden, so als ob man damit ihre Heiligkeit und ihr Potential zerstören würde. Stattdessen wird zur „Unterordnung der Vernunft unter die Schrift“ aufgerufen.
Bibel vs. Vernunft?
Ernsthaft? Die Vernunft soll sich unter die Autorität der Bibel fügen? Wie genau soll das funktionieren, ist doch unser Kopf das, was uns überhaupt Zusammenhänge und Inhalte verstehen lässt? Man sonnt sich hier in der Tradition Luthers, der die Vernunft als „des Teufels Hure“ bezeichnete. Doch war es nicht auch Luther, der die Erkenntnis des „Narren“ Kopernikus ablehnte, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht anders herum? Und zwar mit dem Argument: „Wie die Heilige Schrift zeigt, hieß Josua die Sonne stillstehen und nicht die Erde!“ Ob er ein guter Kronzeuge für das Verhältnis von Denken und Bibel ist?
Legitimiert wird diese Selbstbeschneidung auch noch durch das miteinkalkulierte Wirken des Heiligen Geistes. Den benötigt der Mensch nämlich dann, um „die Schrift aufzuschließen“, wenn er seinen Verstand nicht einsetzen darf. Ein nicht ungefährliches Unterfangen, aus zwei Gründen: Zum einen geht es davon aus, man könne die Bibel in irgendeiner Form losgelöst vom eigenen Denken erfassen. Und zum andern versucht es, sich den Heiligen Geist verfügbar zu machen.
Dieser Verstand lügt sich ein bisschen selbst in die Tasche, wenn er glaubt, sich ausblenden und die Bibel “pur” lesen zu können.
Das erste liegt eigentlich auf der Hand: Wer von uns kann unter Umgehung seiner eigenen weltanschaulichen und biografischen Prägungen denken? Wer kann seinen Verstand abschalten und etwas gänzlich neutral interpretieren? Jeder Mensch ist immer tief geprägt von seiner Vergangenheit, seinen Begegnungen, seinen Erfahrungen und der Zeit, in der der lebt. Niemand kann sich davon frei machen. Alles, was wir lesen, hören und erleben durchläuft diesen Filter und unsere Äußerungen sind immer davon gefärbt. Auch wer glaubt, nur durch den Heiligen Geist sei das „gottgewollte Verständnis der Schrift“ möglich, kommt an diesem simplen Umstand nicht vorbei. Auch ein „Input“ des heiligen Geistes wird von unserem Verstand verarbeitet und interpretiert – und dieser ist parteiisch. Dieser Verstand lügt sich ein bisschen selbst in die Tasche, wenn er glaubt, sich ausblenden und die Bibel „pur“ lesen zu können.
Der Heilige Geist ist frei
Das andere aber erscheint mir noch viel gewichtiger. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: der Heilige Geist ist lebendig und wirkt und hat die Kraft, uns den Zugang zu Bibelstellen zu ermöglichen, die uns zuvor verschlossen waren. Das glaube ich und davon bin ich überzeugt!
Aber sieht man den Heiligen Geist als einzige Möglichkeit, in der Bibel enthaltene allgemeingültige Wahrheiten richtig zu erkennen, dann setzt man voraus, dass dieser ständig und überall bei der Beschäftigung eines jeden Menschen mit biblischen Texten wirkt und er jede neue (richtige) Erkenntnis initiiert. Das aber behauptet weder die Bibel selbst, noch spiegelt es sich in der Praxis wider. Ist nicht eins unserer großen Probleme, dass viele Christen stillschweigend davon ausgehen, der heilige Geist hätte ihnen selbst die richtige Erkenntnis geschenkt, nicht aber denen, die eine andere Meinung haben? Gibt es nicht so viele gegensätzliche theologische Meinungen unter ausweislich gottesfürchtigen Menschen? Existieren nicht so viele unterschiedliche Schlussfolgerungen aus biblischen Texten?
Die Christenheit ist eine einzige theologische Kakophonie. Würde der Heilige Geist tatsächlich exklusiv allgemeingültige Wahrheiten verteilen, dann hieße das angesichts dieser Situation, dass er das nur bei sehr wenigen Menschen täte. Alle anderen lägen völlig falsch. Das aber würde uns vor ein unlösbares Problem stellen: Es gäbe für uns keinerlei Möglichkeit zu verifizieren, bei wem denn nun der heilige Geist gewirkt hat und bei wem nicht, wer also die Wahrheit kennt und wer nicht.
Wohin das führt, sehen wir ja jeden Tag: Wir hacken ständig alle aufeinander rum und bescheinigen uns gegenseitig, daneben zu liegen. Hat Gott sich das so gewünscht?
Wenn wir die Bibel nach dem Wesen des Heiligen Geistes befragen, erhalten wir eine Erklärung dafür. Nämlich die Auskunft, dass der Geist weht, wo er will. Er wirkt, er schenkt Erkenntnisse, aber sie sind für uns nicht berechenbar und nicht verfügbar. Sein Wirken ist auch stets persönlich und auf die Lebenssituation der von ihm berührten Menschen hin gerichtet. Er spricht in das Leben von Menschen hinein, wie man so schön sagt. Doch das tut er ziemlich selektiv und punktuell. Und nicht immer für alle erkennbar. Es bleibt Gnade, wenn mich der Geist Gottes berührt. Und damit kann es kaum sein, dass der Geist Gottes regelmäßig und exklusiv „die Schrift aufschließt“.
Gott liebt den Vielklang
Bleibt noch eine andere Möglichkeit: Wollte Gott vielleicht gar keine so klare Sprache sprechen? Oder anders gesagt und frei nach dem Motto „Taten sprechen lauter als Worte“: Zieht es Gott vor, uns etwas vorzuleben statt uns etwas vorzuschreiben? Und ist deshalb Jesus in die Welt geboren worden und nicht ein Buch vom Himmel gefallen?
Sagen wir es ganz deutlich: Der Vorwurf, die Bibel sei für sie nicht das Wort Gottes, entlockt vielen Christen nur ein müdes Schulterzucken. Natürlich ist sie nicht selbst Gottes Reden zu uns, würden sie sagen. Sie berichtet aber davon, wie Gott geredet hat, „zuerst durch die Propheten und in den letzten Tagen dann durch Jesus Christus“, wie es der Hebräerbrief ausdrückt. Die Orthodoxe Kirche lehrt das von jeher, Karl Barth tat es, genau so wie die moderne protestantische und katholische Theologie. Liegen sie alle falsch?
Ich weiß, viele beunruhigt der Gedanke, weil wir es gewohnt sind, die Bibel als „Wort Gottes“ zu bezeichnen. Aber die Bibel redet nicht so von sich. Gottes Wort ist nach biblischem Zeugnis zuvorderst eine Person, nämlich Jesus von Nazareth. Durch ihn hat Gott geredet. Durch ihn lernen wir Gott kennen. Das bestätigt sogar die Gnadauer „Erklärung zur Hermeneutik“, die der Artikel zitiert. Doch im nächsten Atemzug wird die EKD für ihre Feststellung gescholten, die Bibel sei nicht Gottes Wort, sondern enthalte es „nur“. Was denn nun? (Und wieso eigentlich „nur“?)
Die Beweggründe für diese Diskrepanz kann ich nur erahnen. Vielleicht ist es die berechtigte Sorge um all die Christen, die von Kind an gelehrt wurden, die Bibel hinterfrage man nicht? (Was in der Praxis bedeutete: Die Lehren der jeweiligen Gemeinde hinterfragt man nicht?) Für viele von ihnen hängt ihr Glaube eher an der Unfehlbarkeit der Bibel als am Vertrauen auf Gottes Liebe.
Wir sollten nie der Versuchung erliegen, die Bibel auf die selbe Ebene wie Jesus zu heben.
Diese Unterscheidung ist für mich nicht nur Haarspalterei. Wir sind keine Biblisten, sondern Christen. Wir orientieren uns am Vorbild Jesu, genauso wie die ersten Christen und damit die Verfasser des neuen Testaments. Von ihnen können wir viel lernen. Aber wir sollten nie der Versuchung erliegen, die Bibel auf die selbe Ebene wie Jesus zu heben.
Ja, mir ist bewusst, dass wir auch Jesu Reden und Wirken nur durch die Bibel kennen und nur durch unsere persönlichen Filter wahr nehmen können. Aber ist der Schachzug nicht trotzdem ziemlich pfiffig von Gott, als handelnder Mensch in die Welt zu kommen, statt mit einem ermahnenden Buch nach uns zu werfen? Jesu Handeln ist von größter Klarheit und doch überlässt es jedem von uns die Aufgabe, aber auch die Freiheit, dies in unsere eigene Lebenswirklichkeit zu übersetzen. Dabei entsteht dann tatsächlich ein vielstimmiges Orchester, weil das für eines jeden Lebenswelt anders aussehen kann. Und trotzdem hören alle auf den selben Dirigenten – nämlich Jesus.
Was erwartet die Bibel von uns?
Es gibt also zwei Möglichkeiten: Entweder wir attestieren Gott, versagt zu haben beim Übermitteln einer klaren Botschaft (denn sonst wäre sich ja wenigstens der Großteil der Christen über wichtige Fragen einig). Es wäre ja durchaus möglich gewesen, ein paar Spielregeln klipp und klar zu formulieren, wenn sie so heilsentscheidend wären.
Oder wir lassen uns auf den Gedanken ein, dass es Gott gar nicht daran liegt, viele exakte und ewig gültige Botschaften zu verkünden. Außer ein paar ganz grundlegenden Dingen vielleicht: Die Liebe steht über allem. Es gibt Hoffnung über den Tod hinaus. Punkt. Deshalb auch kein Buch im Zentrum, sondern ein Mensch. Deshalb wenig Worte und viele Taten. Deshalb wenig Lehrstunden und viele Erfahrungen (!) mit dem lebendigen Gott.
Wenn wir von der Bibel erwarten, uns absolute, göttliche Weisungen für unser Leben zu geben, missachten wir den Charakter dieses Buches. Die Bibel ist kein Regelwerk, sie ist ein Buch, in dem Menschen von ihren Erfahrungen mit dem lebendigen Gott berichten. Sie ist keine Landkarte, kein Rezeptbuch, keine Bedienungsanleitung fürs Leben (wie oft habe ich diese fürchterlichen Bilder schon gehört…).
Nein, sie ist vielleicht ein Kompass, an dem wir uns orientieren können (und es ist klug, das zu tun!). Sie ist eine Bibliothek von unterschiedlichster, historischer Literatur, von der wir lernen können (und es ist wichtig, das zu tun!). Sie berichtet uns davon, wie Gott im Leben von Menschen und sogar ganzen Völkern gewirkt hat; sie berichtet uns, wie Menschen sich durch die Zeit Gott vorstellten und wie Gott sich uns irgendwann selbst vorstellte: in der Person des Jesus von Nazareth.
Es ist respektlos, die Texte verstehen zu wollen, ohne sich aufrichtig für ihre Entstehungsgeschichte und ihre Autoren zu interessieren.
Was können wir also von der Bibel erwarten? Oh, sehr, sehr viel! Inspiration, Gottesbegegnung, Korrektur, Trost. Aber dazu ist es wichtig, zu verstehen, was die Bibel von uns erwarten kann. Dieses Buch hat eine so reiche Geschichte hinter sich und gibt uns Einblicke in so viele unterschiedliche Kulturen, Epochen und Biographien. Damit darf sie von uns den Respekt erwarten, gründlich zu erforschen, was wirklich hinter den Texten steckt. Es ist respektlos, die Texte verstehen zu wollen, ohne sich aufrichtig für ihre Entstehungsgeschichte und ihre Autoren zu interessieren. Es ist respektlos, aus ihnen Schlussfolgerungen für das Leben anderer zu ziehen, wenn man sich nur in dem Maße mit den Hintergründen und den ursprünglichen Bedeutungen beschäftigt, wie es der Bestätigung der eigenen Meinung dienlich ist. Was wurde nicht schon alles mit der Bibel in der Hand legitimiert? Kriege, Massenmorde, die Diskriminierung von Schwarzen in den USA, die Apartheit und so vieles Schreckliches mehr. Wer so handelt respektiert die Bibel nicht.
Kritik im besten Sinne
Es muss unser Ziel sein, den Sinn und die Aussage biblischer Texte so gut wie möglich im Rahmen ihres geschichtlichen sozialen und religiösen Kontextes zu verstehen. Und nichts anderes macht Theologie, wenn sie sich mit aufrichtigem Herzen der Bibelkritik widmet. Viele Christen werden allein bei dem Begriff „Kritik“ nervös. Dabei ist das nichts negatives, der Theaterkritiker schreibt ja auch nicht alles in Grund und Boden. Ziel der Bibelkritik ist nicht, die Bibel auf die eigene Meinung zurecht zu biegen. Natürlich, Menschen, die das im Namen der Bibelkritik tun, gibt es zuhauf. Aber dazu braucht man Bibelkritik gar nicht. Wir sehen jeden Tag in Gemeinden und Internetforen, dass das auch mit dem Aufkleber „bibeltreu“ sehr gut geht.
Ziel aufrichtiger Bibelkritik ist es, zu erforschen, was die ursprünglichen Schreiber sagen wollten und wie es die ursprünglichen Hörer vermutlich verstanden. Es gilt auch die Interessen herauszufinden, welche die Schreiber beim Verfassen der Texte hatten (einen Text ohne ein solches Interesse gibt es nicht einmal im Lexikon). Es gilt zu unterscheiden, welche Textgattung vorliegt und wie die Überlieferungswege waren. Es gilt, den Bibeltext möglichst nicht zu bevormunden, wenn man seine Erkenntnisse auf die heute Situation überträgt.
Das alles geht nur mit dem Einsatz eines wachen Verstands. Martin Luthers Ablehnung der Vernunft ist ulkig, war es doch gerade seine intensive Auseinandersetzung mit den Lehren der Kirche und mit der Bibel, die ihn zur Auflehnung gegen den Ablasshandel führte und die Reformation in Gang setzte. Er war ein helles Köpfchen und sein Verstand war sein fleissigster Helfer. Aber schon hier müssten wir eigentlich kritisch forschen, in welcher bierseligen Laune Luther seine Ablehnung des Verstands vielleicht formulierte, wann in seinem Leben das war, was man damals unter Verstand überhaupt verstand. Immerhin ist das bald 500 Jahre her und die Welt war eine ganz andere. Nur wenn wir das tun und uns sicher sind, dass Luther wirklich genau das meinte, was sein Ausspruch für heutige Hörer bedeutet, handeln wir respektvoll. Sollte er es anders gemeint haben, würden wir ihn für unsere Zwecke missbrauchen. Dann hätte ich ihn auch in diesem Artikel für meine Zwecke missbraucht.
Ja, das nennt man subjektiv. Und irgendwie scheint Gott das so gewollt zu haben.
In der evangelischen Kirche ist einiges im Argen, keine Frage. Doch was wir brauchen ist keine Überhöhung der Bibel zu etwas, was sie gar nicht ist. Was wir brauchen ist, Jesus wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Er ist Gottes große Rede an uns Menschen.
Was wir brauchen ist ein hoher Respekt vor den biblischen Texten, was bedeutet anzuerkennen, dass sie immer nur auf dem Hintergrund unserer persönlichen Biographie verstanden werden können, geprägt von der Zeit, Kultur und Familie, in die wir geboren wurden. Ja, das nennt man subjektiv. Und irgendwie scheint Gott das so gewollt zu haben. Damit Gott, wie es in den biblischen Texten berichtet wird, zu uns ganz persönlich sprechen und uns berühren kann.
Insofern bin ich dankbar für (im besten Sinne bibel-kritische) protestantische und katholische Theologie, die biblische Botschaft mit wachem Verstand liest und versucht, die vielen darin verborgenen Schätze auszugraben. Sie ist es, die die Bibel für mich lebendig und glaubwürdig macht.
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