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Sex vor der Ehe? Ja, bitte!

Wir befinden uns im Jahr 2021. Liebespaare haben selbstverständlich Sex. Alle Liebespaare? Nein! Eine Bubble aus unbeugsamen Christfluencer:innen und hippen Pastor:innen leistet unermüdlich Widerstand. Sex gehört für sie allein in die Ehe — und Paare sollten warten. Doch gesunde Partnerschaften sind ganzheitlich.

Gibt man bei YouTube „Christen“ und „Sex“ ein, bekommt man eine Menge Videos und in fast allen versuchen uns christliche Influencer:innen davon zu überzeugen, dass Sex vor der Ehe eine schlechte Idee sei. Auch bei Insta und TikTok, auf Blogs und in vielen hippen Kirchen mit bunten Bühnenshows sind Menschen ziemlich engagiert, uns vor den Gefahren von unverheiratetem Sex zu warnen.

Neulich wurde ich von einer christlichen Zeitschrift für junge Erwachsene für einen Artikel angefragt. In dem Heft sollte ein Buchvorabdruck eines angesagten Pastors erscheinen. Das sehr stylische Buch erscheint dieser Tage und hat nur ein Thema: Es warnt junge Menschen davor, unverheiratet Sex zu haben. Dem wollte die Redaktion aus journalistischer Sorgfalt eine alternative Sichtweise zur Seite stellen – damit sich die Leser:innen selber ihr Urteil bilden können. Kurz vor Druck wurde der Artikel bei der Endkontrolle von der Chefredaktion wahrgenommen und gecancelt. Es bestünde die Gefahr, junge Menschen zu etwas Falschem zu verführen. Die Angst, dass Menschen sich selbst entscheiden könnten, sitzt tief.

Weil diese Christfluencer:innen und Pastor:innen so beharrlich und medial so präsent sind und sich so hipp geben, aber gleichzeitig Ängste, Selbstzweifel und Scham bei jungen Menschen säen, ist es mir ein Anliegen, dass diese Sicht auf Sexualität nicht gänzlich unwidersprochen bleibt.

Ich will die drei wichtigsten Argumente ansehen und etwas Positives dagegensetzen. Die Argumente sind ja dieselben, die schon seit Jahrzehnten kursieren: Wer Sex hat bindet sich an das Gegenüber. Wer einmal Sex hatte geht unrein in die nächste Partnerschaft. Das Ideal ist es, nur mit einem Menschen im Leben zu schlafen – und wer weiß schon, wer das ist, bis tatsächlich das Ja-Wort gefallen ist? Sexualität als ständiges Minenfeld.

Ich möchte ein anderes Bild von Sexualität zeichnen. Eins, das nicht davon ausgeht, dass Intimität unrein ist oder macht. Eins, für das Sex ein integraler Bestandteil unseres Lebens und damit von Beziehungen ist. Eins, das Partnerschaften wie die Ehe als ganzheitliches Geschehen aus Herzensverbindung und Körperlichkeit begreift.

Feuerwerk

Wir sind körperliche Wesen, unser Geist ist ohne Körper nicht lebensfähig. Selbst die Jenseitshoffnung der Bibel spricht von neuen Körpern für uns, selbst Jesus hatte nach der Auferstehung einen Leib. Unser Körper bestimmt maßgeblich unsere Identität, wie wir uns fühlen, wer wir sind, wie wir wahrgenommen werden.

Und Sexualität ist einer der stärksten Aspekte unseres körperlichen Seins. Ein Geschenk Gottes – darin dürften sich alle Christen einig sein. Sex auf Augenhöhe in einem sicheren Raum, in dem wir aufeinander achten und uns gegenseitig wertschätzen, gehört für die meisten von uns zu den schönstmöglichen Momenten im Leben: Das gemeinsame Erleben von Berührung, Erregung und Extase, das gemeinsame Spiel, die Intimität und Verletzlichkeit, das gegenseitige Beschenken. Nicht die süßeste Melodie, kein Fünf-Sterne-Coq-au-vin, nicht die zärtlichsten Strahlen des Sonnenaufgangs auf unserer Haut kommt für die meisten von uns an das Feuerwerk heran, das unser Körper zündet, wenn wir einander (oder uns selbst) sexuell verwöhnen. Wir alle sind Kinder dieses Feuerwerks. Welch eine Idee unseres Schöpfers!

Heute wie damals?

Die patriarchal geprägte und besitzfokussierte Gesellschaft allerdings hat seit der Sesshaftwerdung den Sex instrumentalisiert. Land gehörte plötzlich jemandem, die Verhältnisse sollten klar bleiben, aber man konnte nicht verhüten. Entsprechend wichtig wurde die Garantie, dass Sexualität nur im ehelichen Kontext stattfand. Lebenslang exklusive Sexualität hat seinen Ursprung in der Sicherung von Macht, Besitz und Erbfolge.

Dieses Setting war Normalität für die biblischen Autoren. Alle biblischen Aussagen zu Sexualität und Partnerschaft, aber eben auch zu Unzucht & Co., müssen in diesem Licht gelesen werden.

Und so müssen wir uns entscheiden: Entweder wir halten die Sichtweise der biblischen Autoren 1:1 auch für heute gültig. Dann müssen wir allerdings mit der Diskrepanz zu unseren heutigen Vorstellungen von Gleichberechtigung, Freiwilligkeit und Liebespartnerschaft leben. Denn diese ernsthaft aufgeben und zurück zur wirtschaftlich motivierten Vernunftheirat wollen wahrscheinlich die wenigsten Christfluencer:innen.

Die andere Möglichkeit ist anzuerkennen: Wir leben in einer noch nie da gewesenen Zeit, die gerade was Liebe und Sexualität angeht mit keiner bisher vergleichbar ist. Und wir müssen uns mit den grundlegenden christlichen Werten wie Nächstenliebe, Respekt, Gnade und Wahrheit einen ganz neuen Weg erarbeiten, wie wir mit diesem wunderbaren Geschenk Sexualität umgehen.

Bindung, Reinheit, Objektifizierung

Doch zuerst lasst uns ein bisschen aufräumen: Wer Sex vor der Ehe ablehnt argumentiert meist mit drei Themen: Bindung, Reinheit, Objektifizierung.

Gerne wird das Hormon Oxytozin als Kronzeuge angeführt. Oxytozin wird beim Sex ausgeschüttet (stimmt) und verursacht angeblich eine feste Bindung, die nur unter Schmerzen und Verletzungen lösbar ist (stimmt nicht). In Wirklichkeit ist Oxytozin kein Bindungshormon, sondern ein Öffnungshormon. Es tritt auch beim gemeinsamen Singen oder Sport in Aktion. Es fährt unsere Firewall herunter, ermöglicht Vertrauen und gibt uns die Möglichkeit zur seelischen Verbindung. Aber es wird durch das Hormon nichts unwiderruflich zusammen getackert.

Dazu wird Sex immer mit dem Verdacht belegt, etwas Schmutziges und Gefährliches zu sein. Die Christfluencer:innen würden das so nie sagen, aber warum sollte es sonst nur durch Enthaltsamkeit möglich sein, die eigene Reinheit gegenüber dem oder der zukünftigen Ehepartner:in zu bewahren? In all den einschlägigen Büchern, Videos und Blogs gilt man als beschmutzt, wenn man mit jemandem geschlafen hat. Dieses Reinheitsdenken wird vor allem aus dem ersten Testament begründet, wo es sich aber auf die kultische Reinheit bezieht. Die anderen Reinheitsgebote (keine Shrimps, kein Schweinefleisch, auf keinen Fall Jeans mit Elastan) werden geflissentlich ignoriert. Vor allem aber: Die Reinheitsgebote stehen im Kontext von Ehe als wirtschaftlichem Bund zur Macht- und Vermögenssicherung. Keine Liebesheirat, kein Konsens. Sex als Mittel zum Zweck. Wir leben heute zum Glück in anderen Zeiten.

Und schließlich wird suggeriert: Sex ohne gemeinsame Zukunft macht das Gegenüber zum Konsumgut. Eine flüchtige sexuelle Begegnung oder Freundschaft+ sei nur ein Mittel zur Triebbefriedigung. Aber wie bedeutsam uns ein Mensch in der sexuellen Begegnung ist, hängt nicht von Länge, Intensität und Verbindlichkeit des Miteinanders ab, sondern von dessen Qualität und Tiefe. In wie vielen langjährigen Ehen wird nur noch emotionslos gevögelt, ohne dass sich dabei die Seelen je berühren? Die Ehe ist keine Garantie für echten Herzenssex. Und eine einmalige nächtliche Begegnung kann zutiefst wertschätzend, zauberhaft und intim sein und beiden ein Leben lang bei dem Gedanken daran ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Es kommt immer auf das Wie an.

Liebe, Persönlichkeit, Ganzheitlichkeit

Und da sind wir bei dem, was ich der Angst vor Bindung, Unreinheit und Objektifizierung gerne entgegensetzen würde: Liebe, Persönlichkeit und Ganzheitlichkeit.

Jesus ließ keinen Zweifel daran, was für ihn zentral war: Liebe Gott, deinen Nächsten und dich selbst. Die Liebe steht über allem. Unsere Begegnungen sollten immer von ihr geprägt sein und damit von Wertschätzung, Respekt Wahrheit und Achtsamkeit. Auf welche Art und Weise und in welchem Rahmen wir die Begegnung dann gestalten ist zweitrangig, solange sie von diesen Werten geprägt ist. Ich wünsche dies jeder Partnerschaft, jeder Ehe, dem Miteinander im Kollegenkreis, jedem flüchtigen Gespräch im Supermarkt oder an der Bar. Und jeder sexuellen Begegnung, ganz gleich ob sich die Beteiligten schon ewig kennen oder erst seit ein paar Stunden.

Das Andere: Wenn sich zwei Menschen begegnen, dann begegnen sich immer zwei Individuen, zwei Persönlichkeiten, zwei Personen mit ihrer Prägung und Geschichte. Echte Liebe respektiert nicht nur das Gegenüber, sondern liebt genau diese Individualität, mit allem, was sie dazu gemacht hat. Bedingungslos, wie Jesus es mit Menschen stets tat. Wen es abtörnt, dass der oder die Partner:in schon sexuelle Begegnungen hatte, für wen schöne Erinnerungen an vergangene Sexualpartner:innen ein Makel sind, der Vergebung benötigt, der reduziert das Gegenüber auf einen Gebrauchsgegenstand. Der kämpft lediglich mit seinem verletzten Stolz. Der sieht sich selbst um ein vermeintliches „Erstlingsrecht“ gebracht. Das aber ist nicht Respekt für das Gegenüber und seine Persönlichkeit. Das ist Egoismus.

Und das Dritte: Wir sind ganzheitliche Wesen. Wir sind ganz Verstand, ganz Gefühl und ganz Körper. Wir können keins davon für längere Zeit ausblenden, wenn wir gesunde und tragfähige Ehen aufbauen wollen. Wenn die Bibel davon redet, dass sich Partner:innen „erkennen“, dann ist diese tiefe, allumfassende Verbindung aller Ebenen gemeint. Freunde können sich mit den Köpfen, mit dem Herzen oder körperlich verbinden und das Miteinander genießen: sporadisch oder intensiv, verbindlich oder unverbindlich, lebenslang oder nur für eine Begegnung. Und alles davon kann echte Freundschaft sein.

Doch Partner:innen kommen damit nicht aus. Sie brauchen sich ganz. Sie können weder nur in einem Rausch von Gefühlen und Körperlichkeit leben, ohne je miteinander zu reden und sich in der Tiefe auszutauschen. Noch können sie ihre Partnerschaft auf Vernunft und Sexualität bauen, ohne dass Gefühle füreinander existieren würden. Das war zwar Jahrtausende lang üblich, aber ob die Ehe und vor allem die Sexualität dann für beide wirklich erfüllend war?

Ebenso hinkt romantische Partnerschaft ohne Sexualität. In der von Herzensliebe getragenen körperlichen Intimität kommen sich die Partner:innen erst wirklich nah. Und sie lernen wichtige Seiten des Gegenübers (und an sich selbst) kennen, die auch viele Aspekte des alltäglichen Umgangs miteinander berühren: Sensibilität, Rücksicht, Augenhöhe, Vertrauen, die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, zwischen Zärtlichkeit und Wildheit, zwischen Nehmen und Geben, die Fähigkeit zum Spiel, die Bereitschaft, ehrlich zu sein und mit Unzulänglichkeiten und Ängsten umzugehen, die Fähigkeit zur Kommunikation über Gefühle und die eigenen Bedürfnisse. Und auch wenn man Sex physiologisch „lernen“ kann und es viele Tricks gibt, um Lust zu entfachen: Ob man sexuell miteinander schwingt und Intimität mühelos und natürlich ist, kann man nur im gemeinsamen Tun herausfinden.

Sexuelle Anziehung prägt Partnerschaften von Anfang an. Wird sie nicht in dem Maße integriert, wie es sich für das Paar stimmig anfühlt, dann klafft eine große Lücke, die nur schwer und kaum unverkrampft anders zu füllen ist. Viele Paare, die dem „kein Sex vor der Ehe“-Credo gefolgt sind, können ein Lied davon singen.

Der Zauber der Liebe

Am Ende sorgen die hippen Christfluencer:innen und Pastor:innen mit ihren Videos, Stories und Büchern vor allem für Frust, für ein schambehaftetes Miteinander und dafür, dass Paare jahrelang gegen sich selbst und ihre natürliche Sehnsucht nach Nähe und Intimität kämpfen. Nicht nur, weil ihre Sicht auf Sexualität uns zu Objekten macht, die weniger wert sind, wenn sie schon von anderen „benutzt“ wurden. Und nicht nur, weil sie in sexuellen Begegnungen einen lebenslang anhaftenden Makel sehen, anstatt sie als Teil unserer Persönlichkeitsentwicklung zu wertschätzen und zu feiern.

Sollten Ehen mit so einer Hypothek starten? Am Ende muss das jedes Paar für sich entscheiden. Ich glaube: Gesunde Beziehungen und erst recht Ehen brauchen die Wertschätzung der Persönlichkeiten und der individuellen Vergangenheit, Ehrlichkeit und Augenhöhe im Austausch und das gemeinsame Erleben aller Aspekte des Miteinanders – von Anfang an. Das ist ganzheitliche Partnerschaft. Das ist der Zauber der Liebe.

Zum Weiterlesen: Sex – Christen, entspannt euch!

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Kommentare

36 Kommentare auf "Sex vor der Ehe? Ja, bitte!"

  1. Katharina says:

    Vielen herzlichen Dank für diesen deutlichen, reflektierten und wert-vollen Beitrag!
    Es ist wirklich schade, dass deine Gedanken aus Angst und mangelndem Zutrauen an die Mündigkeit der Lesenden nicht in einer christlichen Zeitschrift erscheinen durfte.

    Antworten
    • Katharina says:

      Ich möchte noch etwas hinterherschicken. Mich beschäftigt seit einiger Zeit das Thema Polyamorie, nachdem ich Interviews und Berichte von polyamoren Menschen gesehen habe, die auf mich einen sehr vernünftigen Eindruck machten und nicht dem Klischee entsprachen, dass sie sich wild und egoistisch ausleben usw. Das, was du über Liebe und Zuneigung schreibst – muss das mit der Ehe enden? Ist es wirklich notwendig, sich auf eine/n PartnerIn zu beschränken (wenn man das mit mehreren PartnerInenn denn gut hinkriegt)? Die Polyamoren, deren Lebensgeschichte ich kennengelernt habe, sagten, dass man nur so leben könne, wenn man kein Besitzdenken und keine Eifersucht kennt. Ist die Ehe dann nicht auch wieder so ein “Besitz-Ding”, ein Schutz für Eifersüchtige/ die Eifersucht in uns? Oder spielt die Frage nach Kindern dafür eine Rolle, dass man sich auf eine/n PartnerIn begrenzt? Was bedeutet “Treue”?
      Würde mich freuen, deine Meinung, ausgehend von deinem Beitrag, darüber zu lesen!
      Danke!

      Antworten
      • Rolf Krüger says:

        Hallo Katharina,

        nur weil Ehe ihren Ursprung in der Sicherung von Macht, Besitz und Erbfolge hat bedeutet das ja nicht, dass es nicht auch viele tolle Aspekte von Ehe gäbe, die weit weg von diesem „Besitz“-Aspekt sind. „Ich werde immer treu zu dir stehen!“ ist ein großartiges Versprechen, schafft Sicherheit, Stabilität und Vertrauen. Und wenn so ein Versprechen von der Gesellschaft mit Rechten und Pflichten abgesichert ist, dann ist es sicher für die meisten Menschen (gerade wenn Kinder da sind) verlässlicher, als wenn es nur im stillen Kämmerlein ausgesprochen wird.

        Und wenn sich Menschen so etwas Weitreichendes öffentlich versprechen, dann muss das natürlich gefeiert werden. Ehe ist schon toll – auch oder gerade wenn man den „Besitz“-Gedanken völlig weglässt. Ich bin ein Fan der Ehe!

        Du fragst nach der Treue und bringst das in Bezug zum Besitzaspekt. Vielleicht überrascht dich die Definition von Treue. Wikipedia beschreibt es ganz gut: “Treue (mhd. triūwe, Nominalisierung des Verbs trūwen „fest sein, sicher sein, vertrauen, hoffen, glauben, wagen“) ist eine Tugend, welche die Verlässlichkeit eines Akteurs gegenüber einem anderen, einem Kollektiv oder einer Sache ausdrückt. Im Idealfall basiert sie auf gegenseitigem Vertrauen beziehungsweise Loyalität.”

        Es geht also um Verlässlichkeit. Wenn wir untreu sind, dann entsprechen wir nicht dem Wesen dessen, was wir versprochen haben.
        Am allerwichtigsten ist es zuerst mal, uns selbst treu zu sein. In Einklang mit uns und unserem Wesen zu leben. Uns nicht zu verbiegen. Echt zu sein. Ehrlich zu uns selbst zu bleiben.

        Und dann ist es wichtig, treu zu sein der Verbindung mit den Menschen um uns herum – egal ob Liebespartner:innen, Freund:innen, Kolleg:innen oder Geschäftspartner:innen. Es erfordert, immer wieder abzugleichen, wie die Beziehungen zu anderen (oder zu uns selbst) gestaltet sein sollen, was wir brauchen, was die anderen brauchen, was authentisch ist. Und treu zu dem zu stehen. Also verlässlich zu sein.

        Treue hat also erstmal nichts mit Exklusivität zu tun, sondern mit der Qualität der Verbindung. Und natürlich hast du völlig Recht: das muss nicht auf eine Person beschränkt sein. Ganz im Gegenteil: Wir sind hoffentlich alle verlässlich und loyal gegenüber unserer Familie, unseren Kolleg:innen oder Geschäftspartner:innen.

        Polyamorie heißt, mehrere Menschen nicht nur als Freund:innen, sondern als (romantische) Partner:innen zu lieben und zu ehren, verlässlich und loyal zu sein. Egoistisch ist das nicht, im Gegenteil: es erfordert viel Reflexion, Kommunikationskompetenz, Demut und Augenhöhe. Vor allem erfordert es, das Gegenüber nicht als Besitz zu sehen – sondern als jemanden, der:die aus Liebe und freien Stücken treu zu dir steht und den Mut zu haben, darauf zu vertrauen. Das können oder wollen tatsächlich nicht alle – vor allem viele von denen nicht, die die Ehe so derart überhöhen, dass es für sie sogar die Ehe beschmutzt, wenn man vorher Sex mit anderen Menschen hatte.

        Wenn du mit deinem:deiner (Ehe)Partner:in den Konsens hast, dass eure Verbindung nicht exklusiv ist und ihr mehrere Personen lieben könnt (und das auch kommunikations- und vertrauensmäßig hinbekommt), dann endet romantische & sexuelle Zuneigung natürlich nicht mit der Ehe. Dann können mehrere stabile, verantwortungsvolle, tragfähige und liebevolle Verbindungen entstehen. Das ist nicht allen gegeben und wahrscheinlich ist es die beziehungsmäßige Königsdisziplin. Aber mehr Liebe in der Welt kann nie schaden, oder?

        Antworten
        • Katharina says:

          Lieber Rolf,
          herzlichen Dank für deine ausführliche Antwort.
          Diese Definition von Treue finde ich spannend. Sie scheint in unserer Gesellschaft nicht weit verbreitet zu sein. Nicht nur im christlichen Kontext ist ja “Untreue” in erster Linie mit “eine erotische Beziehung zu einem anderen Menschen außer dem/r EhepartnerIn aufbauen” verbunden. Vielleicht, weil Sex auch einen Besitzaspekt hat? Weil man denkt, man wäre einem Menschen, mit dem man Sex hat(te), illoyal, wenn man auch Sex mit einem anderen Menschen hat?
          Ich bin auch der Meinung, dass mehr verantwortungsvoll gelebte Liebe (statt Besitzdenken) der Gesellschaft nicht schaden kann. Zu einer polyamoren Beziehung fühle ich mich zwar nicht berufen ;), aber es gibt ja auch noch andere Formen des liebevollen Miteinanders, die in unserer Gesellschaft stark ausbaufähig sind, gerade in Zeiten der wachsenden gesellschaftlichen Spaltung, des Hasses und der Unfreundlichkeit in sozialen Netzwerken etc.

          Antworten
  2. Philip says:

    Guter Artikel,

    Das Thema hat mich als Jugendlicher / junger Erwachsener unglaublich zerissen, aber es gab wenige alternative Meinungen dazu die nicht auf kurz oder lang aus den entsprechenden Kreisen “verdrängt” wurden. Ich und meine heutige Frau haben uns durchgemogelt und verbogen und hatten viel mit den Gefühlen zu kämpfen, das Falsche zu tun, obwohl wir eine gute Beziehung hatten.

    Was für ein Psychostress das Körperliche für einige Jahre – sagen wir bis nach dem Studium bis wir heiraten können – aus einer sonst guten Beziehung entkoppeln zu wollen. Zum Teil hat es mir aber auch die Augen über das Machtsystem Gemeinde und seinen ständigen Wertenormierungsdruck (u.a. und besonders gerne beim Thema Sex) geöffnet. Weil ich darauf keinen Bock mehr habe, bin ich heute nichtmehr dabei. Ich schätze deine alternative Meinung dazu und hoffe, es lesen viele junge Leute, denn die betrifft das am meisten, vorallem die, die in solchen Systemen aufwachsen und Angst haben müssen ihre Umfeld zu verlieren, wenn Sie es anders machen wollen.

    Antworten
    • Rolf Krüger says:

      Danke dir! Ja du hast recht: neben der sachlichen Ebene schwingt hier in Kirche und Gemeinde immer stark die Macht-Ebene mit. Ich habe mehrere Privatnachrichten bekommen von Leuten, die mir zustimmen und dankbar sind, aber sich nicht trauen, das öffentlich zu kommentieren aus Sorge vor beruflichen Konsequenzen. Und das in unserer Zeit. 🙈

      Antworten
    • Simone says:

      Hallo Rolf, vielen Dank für diesen Artikel. Das Mienenfeld beschreibst du sehr gut ich und mein Mann sind beide in diesem Systemen aufgewachsen. Das schlimme daran: Wie kann man plötzlich mit der Heirat etwas geniessen, was vorher verboten und “beschmutzend” war. Und wie wie kann ich meine Kinder vor dem Selben (sorry für die Wortwahl) “mindfuck” bewahren? Und ihnen ihre eigenen Erfahrungen gönnen, ohne sie ständig kontrollieren zu wollen…

      Antworten
      • Sonja says:

        Genau das beschäftigt mich au Simone. Einerseits war das so eine tolle Zeit als Teenager in den Freizeitangeboten andererseits, will ich mein Kind davon bewahren, das es sich so etwas wunderbares wie Sexualität verteufeln lässt.

        Antworten
  3. Carolin Moussa says:

    Danke Rolf! Wirklich wertvolle Arbeit, die du da geleistet hast! Ich hoffe, dein Beitrag zieht weite Kreise.

    Antworten
    • Rolf Krüger says:

      ❤️

      Antworten
    • Sunny says:

      Hallo Rolf,
      was du hier schreibst ist leider nur “zeitgeistig”.
      Mit Sex ohne Ehe wird tiefe Vertrautheit vorweggenommen, obwohl die Beziehung aber tatsächlich noch eine unverbindliche bleibt.
      Das widerspricht christlicher Ethik, – und es missachtet die einfache Erfahrung die Menschen immer wieder gemacht haben.

      “Falsche Liebe fürchtet die Ehe, echte sucht sie.”
      — Peter Rosegger

      Antworten
  4. Johnny Neumann says:

    Vielen Dank für diesen wichtigen und inhaltsvollen Text! Die Bearbeitung dieses Themas wird in so vielen Gemeinden und christlich geführten Familien leider immer noch tabuisiert und die Angst, gewisse Inhalte voreinander auszusprechen wird sich wohl noch eine Weile halten. Aber solche Worte können wirklich helfen…

    Antworten
  5. Bernd Kehren says:

    Mir ist das ehrlich gesagt ein wenig _zu_ liberal.
    So, als könne es keine seelischen Verletzungen geben, so als wäre es geradezu unnormal, Zeiten ohne Sex zu haben.
    So als könne man nicht Kinder in die Welt setzen, die gerade nicht zum richtigen Zeitpunkt kommen: Was dann? Mir fehlt das Stichwort “Verantwortung”.
    Sexualität ist etwas sehr intimes. Ist es selbstverständlich, dass alle Beteiligten sorgsam damit umgehen?
    Mir ist es wichtig, dass schon kleine Kinder auch deutlich “Nein” sagen lernen, wenn es ihnen gerade zu weit geht.
    Ich weiß von jungen Frauen, die sich trotz jahrzehntelanger Aufklärung und feministischer Diskussion für einen “echten Kerl” wer weiß wie auftakeln, um ihm zu gefallen – und letztlich heulen sie sich hinterher bei einem guten Freund aus, in einer völlig unsexuellen Beziehung, und lassen sich trotzdem nicht davon abbringen, sich vom nächsten “echten Kerl” wieder unglücklich machen zu lassen. Und zwar Frauen mit Abitur auf dem Weg zum Bachelor. Im Jahr 2021. Hallo?

    Warten bis zur Ehe? Muss nicht sein. Aber auf der anderen Seite ohne jedes Problembewusstsein für z.B. Missbrauch oder für Abhängigkeitsstrukturen zu empfehlen und (fast?) Druck aufzubauen: Macht doch, es geht doch gar nicht ohne, das finde ich auch nicht ok.

    Antworten
    • Rolf Krüger says:

      Hallo Bernd,

      ich habe im Text eher das Wort “gesund” gewählt statt “verantwortungsvoll”. Für eine umfassende Darstellung aller Aspekte war der Text auch zu kurz – er sollte ja knackig bleiben. Ich habe das in “Sex – Christen, entspannt euch!” ausführlich dargelegt – den Artikel habe ich am Ende des Textes mal verlinkt.

      Ob man auch als Student:in im Jahr 2021 ungesunden Mustern folgen kann? Ja, klar, das ist so. Wir Menschen sind nicht perfekt. Es ist wichtig, diese Muster bei sich zu erkennen und zu bearbeiten. Und Druck ist generell kein guter Ratgeber. Aber wenn ich auf die Nase fliege, dann ist es wenig hilfreich zu hören: Hättest du es mal gleich gelassen! Ein entspannter Umgang mit Sexualität legt aus meiner Sicht erst die Basis für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema an sich.

      Antworten
      • Bernd Kehren says:

        Ich mag es nur nicht, wenn Leute auf die Nase fliegen, weil man ihnen gesagt gat: Alles easy, entspannt euch – und ihnen die Stolperfallen verschwiegen hat.
        Sexualität ist einer der stärksten menschlichen Reize. Das sollte man genauso wenig auf die leichte Schulter nehmen wie ein 200-PS-Mobil bei einem 18jährigen Fahranfänger.
        Denn man kann nicht nur “auf die Nase fliegen”.

        Man sollte vielleicht doch wie beim Judo auch ein wenig Gleichgewicht gelernt haben und wie man beim Fallen den Kopf so dreht, dass die Nase eher heil bleibt.
        Einfach: “Macht doch” führt nicht zwangsläufig aber doch zu oft in die “Notaufnahme”…

        Antworten
        • Rolf Krüger says:

          Hast du das Gefühl, dass Christen auf der Macht-doch-Seite vom Pferd fallen? Ich nicht. 😀 Du scheinst ein eher negatives und problemfokussiertes Bild von Sexualität und Beziehung zu haben, stimmt das? Der Eindruck ergibt sich für mich, weil du die Fallen, Schwierigkeiten und Gefahren so sehr betonst. Die gibt es. Nur halte ich aufgeklärte, selbstbewusste Menschen, die gerne Sex haben, für sehr viel besser gegen mögliche Widrigkeiten gewappnet als Menschen, die sich auf eine Bergwanderung in den Alpen vorbereiten wie auf eine Mount Everest Besteigung. Kann man machen, man wird auch am Gipfel ankommen – aber womöglich schleppt man zu viel Gepäck herum und verpasst, die Schönheit des Weges.

          Weißt du, was ich meine?

          Antworten
          • Bernd Kehren says:

            Ich bin in meiner Jugend im CVJM mit der “Nie vor der Ehe” bzw. “Mit dem Sex seid ihr innerlich verheiratet” konfrontiert worden.
            Ich stimme hier allen zu, die darüber aus persönlichem Erleben klagen.
            Außerhalb der Gemeinde erlebe ich eher aufgeklärtes
            laissez-faire und jetzt bei Dir ein “macht doch!”

            Da finde ich kann man einfach mehr Orientierung geben. Ich finde Sex nicht schlimm, aber ich finde einen gewissen gesellschaftlichen Druck, Ja und nicht Nein zu sagen, nicht angemessen. Da dürfen wir ruhig ein wenig mehr Orientierung geben. Und uns nicht drauf verlassen, dass es irgendwer anderes tut.

            Antworten
            • Rolf Krüger says:

              Die Orientierung, die ich gebe lautet ja auch, dass ich es wichtig finde, sich ganzheitlich kennenzulernen, bevor man heiratet. Ich glaube auch, dass das verantwortungsvoll geschehen muss – ganz klar. Ich glaube es gab in unserer Gesellschaft viel zu viel Druck, es machen zu müssen, um dazu zu gehören. Allerdings setzen sich meiner Wahrnehmung nach inzwischen die Stimmen durch, die Konsens, Achtsamkeit und Augenhöhe an erste Stelle stellen und entsprechend den Druck rausnehmen. Das ist gut. Und gegen solchen Sex spricht m.E. eben auch nichts. 🤷🏻‍♂️

              Antworten
    • Lianna says:

      Ich stimme in vielen Punkten zu, Herr Kehren. Ich denke ganz „alltäglich“ sollte das Thema doch nicht werden, wenn auch natürlich nicht totgeschwiegen. Letztendlich muss es jeder selbst entscheiden – ich persönlich denke dass Gott uns damit ein Stück weit schützen möchte. Sex schafft definitiv engere und seelisch tiefere Verbindungen als Händchen halten, dessen sollte man sich bewusst sein. Ich habe zumindest gewartet, bis ich mir sicher war, dass er der richtige ist, da es mir wichtig war, mich für einen einzigen Mann zu entscheiden. Ich denke aber auch dass Ehe heute etwas anderes ist als vor 1000 Jahren. Vor 1000 Jahren wären mein Freund und ich schon längst verheiratet. Das Thema ist extrem schwierig, keine Frage. Und zu 100% habe ich da selbst auch noch keine Antwort drauf. Mir hilft Römer 13:9-10: die Liebe ist das aller Wichtigste. Wenn beide Menschen in Liebe sind und gegenseitig Verantwortung füreinander übernehmen, dann kann man gegenseitig nichts böses wollen.

      Antworten
  6. Pasci says:

    Unter der Überschrift “Heute wie damals” macht der Autor aus meiner Sicht einen grundlegenden Fehler, weshalb die Schlussfolgerungen des Artikels von mir aus gesehen nicht alle stringent sind.

    Das Thema “Sex in der Bibel” nur aus der Sicht der Patriarchen zu beurteilen, ist eine unzulässige Verkürzung der Bibel, resp. sie wird nicht in der ganzen Breite gelesen. Wenn die Entwicklung der Stellung der Frau beispielsweise angeschaut wird, kann gesehen werden, dass die Frau zur Zeit des Auszugs aus Ägypten in der Bibel als Mensch betrachtet wird, während dem in den umliegenden Völkern Frauen lediglich als “Ware” oder “Besitz” betrachtet wurden. Die Stellung der Frau “verbessert” sich über den gesamten Verlauf der Bibel, obwohl Gott aus meiner Sicht Frau und Mann von Anfang an als gleichwertig und gleichberechtigt geschaffen hat.

    Gerade zur Zeit von Jesus als Mensch auf der Erde war die sexuelle Moral und die Gewohnheiten wahrscheinlich deutlich “schlechter” als Heute (so viel zu den guten alten Zeiten) und im NT werden den Frauen für damalige Verhältnisse revolutionäre Rechte zugestanden. Jesus oder auch Paulus als “Frauenfeind” zu sehen, entspricht definitiv nicht meinem Verständnis.

    Die Stellung der Frau schlägt dann die Brücke zur Sexualität heutzutage. Während sich nämlich die Botschaft der Bibel zur Stellung der Frau permanent “verbessert” bleibt sie zum Thema “Ehe” während der ganzen Zeit, also über ca. 6’000 Jahre, permanent und konstant. Die Ehe wird als verbindliche, öffentlich bezeugte, Partnerschaft verstanden die grundsätzlich nicht aufgelöst werden soll. Sexualität soll innerhalb der Ehe stattfinden. So gibt es kein einziges Beispiel von ausserehelicher Sexualität, das positiv gewertet wird. Auch die Vielehe wird in der Bibel bei nur oberflächlichem Hinschauen nicht als positiv gewertet. Mehrere Frauen, die die Patriarchen haben wollten, waren für sie immer mit Problemen behaftet – nicht wegen den Frauen, sondern wegen der offensichtlichen Unfähigkeit der Männer, eine gute Beziehung zu mehreren Frauen zu führen. Das verwundert nicht, ist doch schon im Genesis die Ehe als Beziehung von einem Mann zu einer Frau als gutes Beispiel und Idee von Gott für die Menschen bezeichnet.

    Ich denke, zum Thema “Sex vor der Ehe” sollten wir also ein ehrlicheres Verhalten aneignen. Meine Stellungnahme dazu ist:
    – Sex vor der Ehe wird in der Bibel an keiner Stelle legitimiert.
    – Die Bibel sieht vor, dass Sexualität innerhalb einer Ehe (und nicht einer “Partnerschaft” oder “Freundschaft”) gelebt werden soll.
    – Es ist Gott bewusst, dass seine Menschen sündigen – auch im Bereich der Sexualität. Er kennt uns als Sünder und liebt uns trotzdem. So hatte z.B. auch David Mühe mit dem Thema und er hatte trotzdem eine gute Beziehung zu Gott (wohl dank seiner Fähigkeit, eigene Verfehlungen zu erkennen [resp. Kritik durch Propheten anzunehmen], zu benennen und um Vergebung zu bitten).
    – Für heutige Verhältnisse bedeutet das, dass wir junge Menschen ermutigen sollen, Sex innerhalb der Ehe auszuleben. Falls sie das nicht schaffen, müssen sie selber einen Umgang damit finden.
    – Wenn wir ihnen aber nicht sagen, was gut für sie ist (gut=Sex innerhalb der Ehe), dann müssen wir uns auch nicht wundern, wenn sie sich nicht daran halten.

    Schlussendlich wäre es wohl für viele Christen angesagt, das Thema “Sex” entspannter anzugehen. Wir müssen fähig sein zu erkennen, dass die Bibel tatsächlich auch ins Heute spricht. Wenn wir uns “einfach” der heutigen Lebensrealität anpassen, heisst das aber nicht, dass wir dadurch auch automatisch “biblisch” handeln.

    Antworten
    • Rolf Krüger says:

      Hallo Pasci!

      danke für deinen ausführlichen Beitrag. Vielleicht liegt da ein Missverständnis vor, aber meine Argumentation bei “Heute wie damals” ist gar keine biblische – sie ist eine viel ältere! Schon bei der Sesshaftwerdung (Neolithische Revolution), die viele tausend Jahre vor den biblischen Patriarchen stattfindet wurde die Stammesgemeinschaft von der Großfamilie rund um eine (meist monogame) Ehe als besitzdefinierende Gruppe abgelöst. Alle biblischen Erzählungen entstehen in einer so geprägten Welt.

      Tatsächlich hast du völlig Recht, dass das Volk Israel teilweise ein bewusster Gegenentwurf zu seiner jeweiligen Zeit war. Bei der Stellung der Frau und anderen Menschenrechten waren die Juden für die damaligen Verhältnisse teilweise deutlich progressiver als ihr Umfeld. Nichtsdestotrotz sind wir heute deutlich weiter und leben in einer ganz anderen Zeit mit ganz anderen Vorstellungen von Freiheit und Gleichberechtigung und auch gänzlich anderen Möglichkeiten (Verhütung).

      Auch zu Zeiten des neuen Testaments war das Patriarchat vorherrschend und gab es weder Verhütung noch einen solidarischen Sozialstaat.

      Und dass die biblische Sicht auf Ehe 6.000 Jahre lang gleich geblieben war, das kann ich nicht erkennen. Im AT wurde man noch amtlich gesteinigt, wenn man außerehelichen Sex hatte – Jesus war da ein bisschen anders drauf. Wurde ein gänzlich unverheiratetes Paar beim Sex erwischt, so mussten die beiden heiraten, dann war alles wieder “gut”. Wohl der Frau, bei der es ihr Liebhaber und nicht ihr Vergewaltiger war.

      Ein paar kurze Antworten auf deine Stellungnahme:

      – Sex vor der Ehe wird in der Bibel an keiner Stelle legitimiert.

      Richtig, aber das NT macht doch einen deutlich neuen Umgang mit Gesetzen im Ganzen auf – Stichwort Gesetzlichkeit vs. Gewissen . Das Verbot Unkoscheres zu essen hatte zum Beispiel viel, viel mehr Tragweite als alles Sexuelle – und trotzdem hat Petrus die Eingebung, dass das aufgehoben ist. Sich beschneiden zu lassen ebenso. Und sogar das zweite der zehn Gebote (Sabbat) deutet Jesus neu und Paulus stellt es endgültig dem Gewissen des Einzelnen frei (Römer 14). Ob also etwas in der Bibel ausdrücklich legitimiert wird ist gar nicht die Frage. Die Frage ist, ob irgendwas in der Bibel legitimiert werden muss, um legitim zu sein. Die Gesetzlichkeit sagt: „ja“ – aber dagegen wettert Paulus durch das gesamte neue Testament vehement.

      – Die Bibel sieht vor, dass Sexualität innerhalb einer Ehe (und nicht einer “Partnerschaft” oder “Freundschaft”) gelebt werden soll.

      Die Bibel sieht wenig vor, die Bibel erzählt vor allem. Und wir müssen das sowieso auf dem Hintergrund von Ehe als wirtschaftlicher und sozialer Zweckgemeinschaft und nicht möglicher Verhütung lesen. Und selbst wo es keine Erzählung ist: Wie gerade beschrieben ist es weniger die Frage, ob die Bibel irgendwas vorsieht, als mehr die Frage, was das Gewissen jeder einzelnen Person vor Gott dazu sagt.

      – Es ist Gott bewusst, dass seine Menschen sündigen – auch im Bereich der Sexualität. Er kennt uns als Sünder und liebt uns trotzdem.
      – Für heutige Verhältnisse bedeutet das, dass wir junge Menschen ermutigen sollen, Sex innerhalb der Ehe auszuleben. Falls sie das nicht schaffen, müssen sie selber einen Umgang damit finden.

      Das klingt für mich in sich sehr inkonsequent. Entweder ist es Sünde oder sie müssen selbst einen Umgang damit finden, oder nicht? Ich kann doch auch nicht sagen: Ihr dürft euch nicht gegenseitig verletzen, aber wenn ihr das nicht schafft, dann findet bitte selbst einen Umgang damit!?

      – Wenn wir ihnen aber nicht sagen, was gut für sie ist (gut=Sex innerhalb der Ehe), dann müssen wir uns auch nicht wundern, wenn sie sich nicht daran halten.

      Vielleicht wäre es besser, ihnen nicht zu sagen, was aus unserer Sicht gut für sie ist, sondern sie zu befähigen, ein eigenes, gut begründetes Urteil zu fällen?

      Liebe Grüße,

      Rolf

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  7. Pasci says:

    Ich sehe keinen Widerspruch darin, jungen Leuten (und auch alten) zu sagen, dass Sex vor der Ehe aus meiner Sicht Sünde ist. Und wenn sie es nicht schaffen, damit einen Umgang finden müssen. Die Argumentation ist dabei die selbe wie bei jeder anderen Sünde. Es gibt schliesslich in der Bibel kein Verzeichnis von Sünden die schlimmer sind als andere. Wenn wir also lehren, dass Diebstahl schlecht ist, können wir doch Dieben auch aufzeigen, dass sie einen Umgang damit finden müssen, oder?

    Betreffend der “Gesetzlichkeit” scheint es mir, dass Du den Begriff als Totaschlagargument gebrauchst. Soweit ich weiss, wurde im NT keines der Gesetze des AT aufgehoben, sondern im Gegenteil durch Jesus bestätigt. Zu Recht, nach meiner Meinung, wird aber die Gesetzlichkeit – also die exzessive Auslegung des Gesetzes zum Schaden der Menschen, verurteilt. Paulus “wetter vehemment” gegen die Gesetzlichkeit aber auf keinen Fall gegen die Gesetze! Oder sollen etwa die 10 Gebote, als überspitztes Beispiel, auch wegen übermässiger Gesetzlichkeit, aufgehoben werden sein?

    Zum Schluss möchte ich noch auf Deine Frage antworten, ob wir junge Leute nicht eher befähigen sollen, gute Entscheidungen zu treffen, als ihnen zu sagen, was richtig oder falsch sei. Meine Antwort: Ja, aber beides! Wir sollen sie befähigen, ihre eigene Meinug zu bilden. Richtschnur dazu soll die Bibel sein. Dort müssen die jungen (und auch dir alten) Leute eine Antwort finden. Weil junge Leute aber auch Richtung haben wollen, wollen sie wissen, wie wir die Bibel verstehen. Der einfache Weg ist es, hier nur an die Selbstverantwortung zu appellieren und sich um eine klare Stellungnahme zu drücken (oder das Thema totzuschweigen, wie es oft auch passiert. Das mache ich Dir aber nicht zum Vorwurf, Du beziehst klar und sauber begründet Stellung. Aus meiner Sicht aber, wie ich es geschrieben habe, nicht genügend durch die Bibel legitimiert.

    Antworten
    • Bernd Kehren says:

      “…dass Sex vor der Ehe aus meiner Sicht Sünde ist.”

      Spannend. In der Bibel findet sich das so nicht. Und im Hohelied findet sich das Gegenteil.

      Die Sache mit dem Verbot von Sex vor der Ehe ist zwar als angeblich biblisch in manchen Kreisen weit verbreitet – findet sich aber so eben nicht in der Bibel und wird manchmal gerade gegen den Wortlaut der Bibel konstruiert.

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    • Rolf Krüger says:

      Ach so, du meinst mit “Umgang damit finden”, dass sie lernen sollen klar zu kommen, das sie keinen Sex vor der Ehe haben sollen? Also nichts mit Eigenverantwortung oder selbst entscheiden?

      Von Jesus und dem NT werden viele Gesetze aufgehoben. Jesus nennt es zwar “erfüllen”, aber was ist denn de facto die Tuch-Vision von Petrus anderes als die Aufhebung der Speisegebote? Oder das Freistellen, ob jemand den Sabbat einhalten will oder nicht in Römer 14? Wichtiger als die einzelne Aufhebung des Gesetzes ist aber der neue Geist (im wahrsten Sinne des Wortes). Was richtig und was falsch ist steht nicht mehr auf Steintafeln geschrieben, sondern in unseren Herzen (= Gewissen) und der Geist Gottes hilft uns, das für uns zu erkennen. Das ist schon echt relevant, Pasci…

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      • Pasci says:

        Nein, mit “Umgang damit finden” meine ich eigentlich, dass wir das Thema “Sex vor der Ehe” in den Gemeinden deutlich entspannter angehen sollten (und diese Sünde nicht schwerer/anders gewichten als andere Sünden). Und ich meine, sowohl Junge wie Alte müssen einen Umgang damit finden, dass “Sex vor der Ehe” eine Realität ist (und wohl auch schon immer war). So lange, als das nur das junge Paar davon weiss, müssen die beiden selber entscheiden und ihre Eigenverantwortung wahrnehmen.

        Wenn das aber “ans Licht kommt”, z.B. durch eine ungewollte Schwangerschaft, so ist es an der Gemeinde, damit einen guten Umgang zu finden. Konkret dürfte das aus meiner Sicht, so wie ich es aus der Bibel lese, eben nicht zu einem “Naming and Shaming”, Ausschluss oder irgendwelchen öffentlichen Sündenbekenntnissen kommen. Die Gemeinde soll einen liebevollen Umgang pflegen und das junge Paar wo immer möglich positiv unterstützen.

        Zum Gewissen ist es leider nicht so, dass es einwandfrei funktioniert. Klar, haben wir den heiligen Geist, aber es ist aus meiner Sicht unablässig, dass wir unser Gewissen mit Gutem “füttern”, weil es sonst zu oft vom eigenen Willen übertönt wird. Gutes wäre zum Beispiel gute Lehre oder Bibelstudium.

        Zu den Speisegeboten weiss ich nicht viel zu sagen, ob die nun für die messianischen Juden gültig sind oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Für die Heiden-Christen gelten sie auf jeden Fall nicht. Ob es bei Römer 14 wirklich um den Sabat ging, ist für mich aus dem Text nicht klar. Immerhin wird der Sabat nicht erwähnt und der Brief ist an die Römer gerichtet, die viele (heidnische) Festtage gefeiert haben.

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        • Rolf Krüger says:

          Ok, danke für die Klarstellung. Ich finde es gut und wichtig, dass du ein Naming und Shaming bei „Ertappten“ ablehnst – das ist in vielen Gemeinden leider Alltag.

          Warum aber dann überhaupt das Versteckspiel? Warum sollten wir Paare zur Lüge anstiften? Warum können wir nicht einfach anerkennen, dass das sexuelle Verlangen zwischen Menschen etwas völlig Natürliches und Gutes ist und seine Reglementierung kulturell verankert ist?

          In der Bibel hat Wahrheit einen sehr hohen Stellenwert. wenn wir in der Wahrheit leben, sind wir frei. Alles Versteckspiel macht und frei und ab führt zu nichts Gutem.

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      • Bernd Kehren says:

        Ich lese gerade noch mal bei Wengst die Frage, wie sich das mit Heiden und Juden verhält.
        Nirgendwo im NT findet sich ein Hinweis, dass die Gebot für Juden aufgehoben wurden.
        Es stimmt in diesem Zusammenhang auch nicht, dass das Halten der Gebot für Juden ein Heilsweg wäre.
        Sondern weil Gott sie erwählt hat, leben und halten ise (mehr oder weniger) die Gebote.

        Aber: Es ist auch klar, dass sich die meisten der Gebote nicht an Nichtjuden wenden.
        Davon schreibt Paulus immer wieder.

        Es geht also nicht um das Aufheben von Geboten (manche sind überhaupt – wenn man der alten jüdischen Auslegung folgt – niemals angewendet worden, etwa das Gebot, den ungehorsamenen Sohn steinigen zu lassen), sondern um die Frage, für wen sie gelten.

        Für mich weiterhin wichtig: Für mich ist die ganze Bibel inspiriert. Allerdings nicht mit der philosophischen Vorgabe, dass Götter allmächtig sein müssen und nur fehlerfreie moralisch einwandfreie Bücher oder Verse inspirieren können, die man dann auch genau so umsetzen muss. (Und die nocht so “einwandfreien” Verse sind dann z.B. “nur Gemeindebildung” und können ignoriert werden.) Sondern so wie sie ist: Dass sie auch mal die “Ebenbilder Gottes” zum Widerspruch herausfordert. (Wie etwa bei Abraham: Vater des Glaubens wird in dem Moment, als er erkennt, dass niemals ein Vater das Messer gegen den eigenen Sohn erheben darf, egal für wie göttlich er die Aufforderung dazu erfahren hat. Dass er sich hingegen mit Issak auf den Weg gemacht hat, kann ich in keiner Weise als beispielhaft für Glauben anerkennen.) D.h.: Für mich ist die Bibel ein Gesprächsangebot, das mich zu eigenen Entscheidungen herausfordert, mit denen ich Erfolg haben kann und mit denen ich scheitern kann. Wegweisend das Gelichnis von den Talenten: Ich kann die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, nicht aus Angst vor Gottes Zorn vergraben. Vorbild sind die beiden, die mit den Talenten handeln, also auch ihren Verlust und die Niederlage riskieren. Am Ende werde ich Rechenschaft ablegen müssen. Aber nie kann ich sagen: “Aber in der Bibel stand doch!”, wenn mir klar wird, dass die Handlung, die dann daraus in der konkreten Situation resultiert, falsch ist.

        Und das wäre mir auch hier beim Thema “Sex vor der Ehe” wichtig:

        Mut zur eigenen Entscheidung zu machen.

        Das heißt aber nicht umgekehrt: “Macht doch!”
        Sondern: Horche in Dich hinein, was jetzt gut für Dich und den Partner/die Partnerin ist.
        Und triff jetzt eine Entscheidung. Sex kann sehr schön sein. Du darfst. Aber Du bist nicht verpflichtet. Nur weil man es doch macht und weil nichts dabei ist. Vielleicht ist ja jetzt gerade für dich doch etwas dabei. Du darfst Ja sagen, aber du darfst auch Nein sagen. Hör in dich hinein. Triff deine Entscheidung. Lass nicht alles mit dir machen – was nicht heißt, dass man nicht auch mal voller Vertrauen etwas mit sich machen lassen darf…

        Jeder gegengeschlechtliche Geschlechtsverkehr hat auch bei bester Verhütung das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft. Kannst du also das Risiko in deiner jetzigen Lebenssituation eingehen? Was bedeutet es für Dich? Was bedeutet es für Dich/für die Partnerin/den Partner, wenn eine Schwangerschaft entsteht? Was bedeutet es (Achtung, absolutes Tabuthema!), wenn dann ein Kind mit einer Behinderung auf die Welt kommt? Selbst im Geburtsprozess kann noch vieles schief gehen. Bis Du in der Lage, damit umzugehen? Mit all den Hilfen, die du bekommst, die aber dennoch dein Leben komplett auf den Kopf stellen werden – noch mehr als jedes “gesunde” Kind es tut?

        Sex ist wunderschön. Aber das nimmt einem die Verantwortung nicht ab für die möglichen Folgen seines Tuns. Für sich, für den Partner/die Partnerin. Für die Menschen, in deren Beziehungsnetz man lebt…
        Und bei aller Ermutigung sollte auch darüber offen gesprochen werden.

        Antworten
  8. Thomas Jakob says:

    Danke für diesen Beitrag! Ich habe ihn mit Interesse gelesen. Meine Frau (rk) und ich (ev.-luth.) hätten uns von unseren Kirchen nicht in die Gestaltung unserer Beziehung hineinreden lassen. Wir waren Ende 20, als wir uns kennengelernt haben, Anfang 30, als wir geheiratet haben, und ganz selbstverständlich gehörte Sex vor der Ehe für uns in unserer Beziehung dazu. Seit es wirksame und leicht zugängliche Verhütungsmittel und -methoden gibt, ist das Thema meiner Meinung nach auch längst nicht mehr so brisant wie früher.

    Aber offensichtlich muss man in dieser Hinsicht mit bestimmten christlichen Gruppen und einflussreichen Personen immer noch Überzeugungsarbeit leisten. Danke, dass du diesen Part übernommen hast und dafür bei Bedarf auch Argumente zur Verfügung gestellt hast.

    Tojak

    Antworten
  9. Christian Rossmanith says:

    Hallo Rolf,
    Ich sehe dein Herz und ich versteh was du sagen möchtest. Deine Sorgen sind berechtigt! Es gibt leider einige christliche Familien oder Kirchen, die das Thema Sex tabuisiert haben. Sie haben versucht mit reinen Verboten Menschen von außerehelichem Geschlechtsverkehr abzuhalten. Sex sei etwas Böses, etc. Das führte zu einem völlig schrägen Bild von Gottes Geschenk, der Sexualität. Die Betroffenen flüchten nun, völlig verständlich, in die entgegengesetzte Richtung: „Das was in der Bibel steht, ist alles nur kulturell bedingt und hat heute keine Bedeutung mehr.“ Ich habe lange ähnlich argumentiert wie du. Nach einem langen Prozess eines Ringens und kritischen Hinterfragens, bin ich heute jedoch erstaunt, dass es noch einen dritten, einen etwas anderen Weg gibt. Genau hier setzt das Buch „Love, Sex, God – der etwas andere Weg“ an. Es zelebriert nicht nur die erotische Liebe, sondern zeigt auch auf eine sehr tiefgründige Weise, dass beides zusammenpasst: Die Prinzipien der Bibel ernst zu nehmen und (dadurch) eine aufblühende Sexualität zu erleben! Dazu gehört auch, so erstaunlich es klingen mag, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten.

    Da die meisten Punkte, die du in diesem Blog erwähnst, sehr tiefgründig im Buch beantwortet werden, gehe ich davon aus, dass du das Buch wenn überhaupt, lediglich grob überflogen hast. Um nur ein Beispiel zu nennen: Du argumentierst, dass Oxytozin kein Bindungshormon sei. Im Buch erwähnen wir sogar mehrmals, dass Oxytozin alleine keine emotionale Anziehung zu einer Person aufbaut. Dann zeigen wir allerdings mit dutzenden wissenschaftlichen Quellen, dass man inzwischen aus der Neurowissenschaft weiß, dass wir Menschen sogar einen ganzen Hormoncocktail besitzen, ein multikomplexes System (Vasopressin, Dopamin D2, etc.) wodurch wir diese einzigartig-starken Bindungen aufbauen können. Dadurch unterscheiden wir uns übrigens von 97% der Säugetieren, bei denen es normal ist, mit mehreren Partnern Sex zu haben.

    Lies das Buch nochmal in Ruhe durch und du wirst festellen, dass wir den selben Wunsch haben wie du: dass Menschen in ihrer Sexualität aufblühen können, in der sie gemeinsam mit ihrem Partner Liebe, Persönlichkeit und Ganzheitlichkeit erleben. Das Buch untersucht nicht nur großartige Schätze aus der Bibel, sondern kombiniert Facts aus der Naturwissenschaft mit sehr persönlichen und ehrlichen Geschichten junger Menschen. Anstatt zu moralisieren und tabuisieren wie du hier behauptest, erklärt es die faszinierenden Prinzipien hinter den göttlichen Ideen.

    Liebe Grüße,
    Christian

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    • Katharina says:

      Hallo Christian,
      du sprichst von “faszinierenden Prinzipien hinter den göttlichen Ideen”. Welche sind das? Und woher weißt du, dass es göttliche Ideen sind?
      Ich verstehe die Argumentation nicht, dass es biblisch sein soll, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten, um sich für “den/die Eine” aufzubewahren. Ich habe noch nirgends in der Bibel gelesen, dass das ein göttliches Prinzip ist. Das “biblische” Prinzip beispielsweise, als Frau spätestens mit 14 verheiratet worden zu sein, lässt eben nicht viel Spielraum, vor der Ehe Sex zu haben. Manche jungen Mädchen damals hatten noch nicht einmal ihre Periode, bevor sie verheiratet wurden und waren noch Kinder, haben sich vllt für Sex noch gar nicht interessiert. Wie sollen sie da auch vor der Ehe Zeit, Lust und Gelegenheit zum Sex gehabt haben?
      Ich finde, da werden einige Aspekte miteinander vermengt, die man sauber auseinanderhalten muss. Heute wird man eben nicht mehr mit 14 resp. 18 (Jungs) verheiratet, sondern heiratet jemanden, den man sich selbst aussucht und das vielleicht erst mit Ende 20 oder in den 30ern. Das ist ein Riesenunterschied.
      Die Argumentation mit den Hormonen finde ich nicht stichhaltig. Weshalb soll das nur beim Sex passieren, mit der hormonellen Bindung? Ich bin sehr konservativ aufgewachsen, Sex vor der Ehe war tabu, man sollte auch möglichst die/den erste/n feste/n Freund/in heiraten. Das war ein enormer Druck und das Verhalten zwischen den Geschlechtern völlig unnatürlich und verkrampft. Mir wurde in meiner Jugend/frühen Erwachsenenzeit zweimal das Herz gebrochen, von Jungs, mit denen ich keinerlei körperliches Verhältnis hatte. Aber die seelische Verbindung war von meiner Seite aus schon so tief, dass es heute nach über 20 Jahren noch schmerzt. Ich finde, Christen machen es sich zu einfach, sich auf Sex zu fokussieren als angebliche nicht auflösbare tiefste Bindung. Ich habe das anders erlebt. Und auf solche nicht-körperlichen Bindungen und Verletzungen wird überhaupt nicht eingegangen. Sex ist halt so schön greifbar und sichtbar. Das Seelische wird überhaupt nicht mitgedacht.

      Antworten
    • Rolf Krüger says:

      Lieber Christian,

      danke für deine Antwort – das schätze ich sehr! Zur Transparenz für die Mitlesenden: Christian ist zusammen mit Tobias Teichen vom ICF München Autor des im Artikel erwähnten Buches.

      Ich habe das Buch ausführlich gelesen, lieber Christian. Und so sehr du auch darauf bestehst, dass es völlig anders sei und ein “dritter Weg”, so ist es doch de facto genau dieselbe Botschaft wie in den letzten Jahrzehnten. Ich glaube auch nicht, dass du je wie ich argumentiert hast. Nach dem, was du in dem Buch beschreibst, hattest du eine sehr unreife Sicht auf Sexualität und Frauen. Das schreibst du ja selbst im Buch – und ich würde dir da zustimmen. Was du da aber beschreibst (z.B. eine Frau, die keinen Sex mit dir will, dafür lächerlich zu machen) hat nichts mit einer achtsamen Sexualität auf Augenhöhe zu tun, wie ich sie im Artikel beschreibe. Vielleicht fällt es dir schwer, da einen Unterschied zu erkennen – aber er ist sehr groß und grundlegend!

      Ich finde es auch spannend, dass du schreibst, dass alle erwähnten Punkte im Blog tiefgründig beantwortet werden. Dir ist nicht entgangen, dass die Punkte hier im Blog bereits die Reaktion auf die Punkte im Buch sind, oder? Würde mich die Argumentation im Buch in irgendeiner Form überzeugen hätte ich es ja nicht mehr hierher geschrieben 😉

      Weil du schon wieder auf das Schlossgespenst Oxytozin eingehst: Du kannst so viele korrekte Wissenschaft zitieren, wie du magst – eure Schlüsse daraus sind einfach falsch. Die erwähnten Hormone ermöglichen Bindung – ich würde lieber von Verbindung sprechen – aber das bedeutet weder, dass das automatisch passiert noch dass eine solche (Ver)Bindung in irgendeiner Form problematisch ist, wenn die Verbindung wieder getrennt wird. Ihr macht Menschen mit einer guten Einrichtung Angst.

      Tut mir leid, aber ich bleibe dabei: Wenn du Zucker über Moralisierendes und Angstmachendes streust, bleibt es moralisierend und angstmachend. Und ungesund. 🤷🏻‍♂️

      Liebe Grüße,
      Rolf

      Antworten
    • Katharina says:

      Ich habe das Buch übrigens nicht gelesen, nur den Präsentationstext bei SCM und hatte da schon den Eindruck, dass es das ist, was ich vom ICF (insbesondere von T. Teichen) bisher kenne: Gesetzlichkeit im hippen Gewand.

      Antworten
  10. Sonja says:

    Hallo Rolf

    Danke für diese weisen, überlegten Worte, die längst an der Zeit waren. Ich war von von 12 bis 30 jährig leidenschaftliche Freikirchenchristin.

    Nun bin ich 40 j. verheiratet und versuche noch immer den alten “minfuck” von früher los zu werden. Es wurde uns so lange ein schlechtes Gewissen eingeredet, dass ich heute noch dran bin es wieder los zu werden.

    Einmal stand in einem christlichen Online Forum: Jedes Mal wenn man das Bedürfnis verspüre sich selbst zu berühren, soll man sich vorstellen, es würde deshalb ein Katzenbaby sterben. Wie krank ist das!? Wir verdrängen, ja beschneiden in uns Anteile, die völlig natürlich sind. Das kann emotional nicht gesund sein…

    Wenn ich an die Freikirchen, die ich kenne denke und an ihrem Bezug zu Sexualität dann erscheint in mir das innere Bild einer Urgrossmutter in Hotpants 😁 (Sorry an alle Urgrossmütter, ja auch ihr dürft sexy sein!) Nein was ich meine ist. Die hippen Kirchen kommen schillernd, modern frech daher aber das was drin steckt ist halt sehr alt.

    Ich wünsche mir für mein Kind nicht den gleichen verkrampften Weg.

    Antworten
  11. André says:

    Hier wird etwas schön geredet, was nicht schön ist. Weil es nicht menschengemäß und nicht beziehungsgemäß ist.

    Denn den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun, das bringt zwangsläufig ins Stolpern.
    Wer in eine sexuelle Beziehung hineinstolpert, eheähnlich zusammenlebt, – ohne aber versprochen zu haben “in guten wie in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit” füreinander da zu sein, der lässt sich nun gerade nicht verbindlich auf den geliebten Menschen ein.

    Deshalb wird Sex vor der Ehe immer wieder zu gescheiterten Beziehungen, zu tiefsten Verletzungen mindestens eines der Partner führen.
    Die Ehe ist der angemessene Raum für Frau&Mann, für Familie&Kinder.

    P.S.
    Natürlich wird es viele hier geben, die sich auf eine sexuelle Beziehung ohne Ehe eingelassen haben.
    Es geht hier nicht um Kritik. Jeder Mensch hat seine eigenen Motive und Geschichte.
    Ich möchte aber ermutigen, ab heute das Beste zu wählen, – und nicht einen Weg weiterzugehen und schönzureden der letztendlich seelisch verletzen wird.
    Jesus ruft uns immer wieder zur Umkehr auf. – Und er empfängt uns mit liebevollen Armen.

    Antworten
  12. Sebastian says:

    Hallo Rolf,

    ich habe da mal eine Frage zu Deinem Artikel. Da sagt Du ja:

    “Lebenslang exklusive Sexualität hat seinen Ursprung in der Sicherung von Macht, Besitz und Erbfolge.”

    Kommt diese exklusive Sexualität nicht von Gott selbst? In Genesis steht: Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und er wird seiner Frau anhangen und sie werden ein Fleisch sein.

    Jesus selbst nimmt diese Textstelle, um das zu bestätigen.In Matthäus 19 lesen wir
    »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein«? So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden! Sie sprachen zu ihm: Warum hat dann Mose geboten, ihr einen Scheidebrief zu geben und sich von ihr zu scheiden? Er sprach zu ihnen: Mose hat euch erlaubt, euch zu scheiden von euren Frauen, eures Herzens Härte wegen; von Anfang an aber ist’s nicht so gewesen. Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Unzucht, und heiratet eine andere, der bricht die Ehe.

    LG Seb

    Antworten

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