Sex: Christen, entspannt euch!

Wenn es ein Reizthema unter Christen gibt, dann Sex. Über wenig können Christen so dauerhaft und leidenschaftlich streiten wie darüber, wer wem wann wie an die Wäsche darf. Die einen wollen Sex stark reglementieren, die anderen sich auf keinen Fall reglementieren lassen. Was fehlt: Eine christliche Sexualethik, die Freiheit schenkt, Lust an der Lust hat und mit Leidenschaft verantwortungsvoll handelt. Ein Entwurf.

In letzter Zeit fühlen sich auffällig viele christliche YouTuber*innen und Hipster-Prediger*innen berufen, Sex vor der Ehe zum Thema zu machen. Häufig gibt man sich dabei diplomatisch: Es wird betont, dass uns ja niemand zwingt, nach Gottes Maßstäben zu handeln. Andere schreien ihre Zuhörer schlichtweg an. Was Gottes Wille ist, das steht für sie alle zusammen fest: Sex nur mit einem Menschen im Leben und natürlich nur nach dem Ja-Wort. Alles andere sei zerstörerisch für uns – und Gott darüber traurig.

Kürzlich ist nach vielen Jahren sogar mal wieder ein Buch erschienen, das uns vor Sex vor der Ehe warnen soll. ICF-Pastor Daniel Kaluppner fährt alle Geschütze auf: Von den Schauergeschichten vom Klebehormon Oxytocin, das Menschen auf ewig aneinander heftet, bis hin zur selbstverständlichen argumentativen Nähe von vorehelichem Sex zu Betrug und sogar zu Vergewaltigung und Missbrauch.

Diese Menschen treffen den Nerv vieler Christen. Weil sie mit Unsicherheiten spielen. Und weil in der Kirche nach wie vor die Angst regiert, göttliche Gesetze zu übertreten. Etwas falsch zu machen. Gott zu erzürnen.


Diese Angst hat ihre Wurzeln in einer Sexualethik, die davon ausgeht, Gott lege universell für alle Zeiten und Kulturen fest, was richtig ist und was falsch. Und es sei an den Menschen, das eine wie das andere zu erkennen.

Menschen wie Kaluppner lösen diese Aufgabe, in dem sie den ersten Christengenerationen vertrauen, die universellen Festlegungen Gottes richtig erkannt und in der Bibel niedergeschrieben zu haben. Andere gehen davon aus, dass jede Zeit und Kultur diese Festlegungen neu für sich entdecken muss.

Letzteres klingt moderner. Aber beides ist ein Denken, das der Apostel Paulus „gesetzlich“ nannte, eine Falle, in die Christen jeglicher Couleur gleichermaßen gerne tappen: Wir streiten unentwegt und mit Verve darüber, wo genau die Grenzen verlaufen, ob dies in Ordnung ist oder das, ob dies verboten ist oder jenes. Immer aber geht es um Grenzen, um Regeln, um Kataloge, die Gut und Böse voneinander scheiden, indem sie unser Verhalten in erlaubt und verboten einteilen.

Diese Ethik führt nie zu einem Ziel, weil die Diskussion nie beendet ist. Einerseits, gibt es keine Kriterien dafür, die Richtigkeit der eigenen Lesart und Erkenntnis zu beweisen. Und andererseits ist die Welt komplex und einmal festgelegte Regeln passen nicht auf jede Situation. Ganz besonders gilt das für unser ultraschnelllebiges Heute.


Zeit für eine andere Sexualethik! Keine neue – sondern eine uralte. Eine, die ohne die Kategorien „gut“ und „böse“, „verboten“ und „erlaubt“ auskommt. Denn – Überraschung! – schon die Verfasser des Schöpfungsepos aus Genesis empfanden genau das als die Wurzel allen Elends: den Drang, über Gut und Böse zu urteilen. 

Überlegen wir mal: Im Garten Eden dürfen und sollen die Menschen von all den vielfältigen Bäumen essen. Die Früchte scheinen in der Sonne, duften betörend und verwöhnen den Gaumen. Das Leben, wie Gott es sich vorstellt, ist bunt, vielfältig, spannend und voll von Verlockungen und Abenteuern.

Das einzige Tabu ist der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen – oder besser übersetzt: der Baum der Gewissheit des Guten und des Bösen. Dieses Tabu zu brechen, also pauschale Festlegungen zu treffen, was gut ist und was böse, das ist der große Fehler der Menschheit. 

Die Menschen in der Erzählung schämen sich plötzlich dafür, zu sein, wie sie sind. Nicht weil sie plötzlich erkennen, dass Nacktsein falsch wäre (das ist es ja gar nicht). Sondern weil sie sich nicht mehr sicher sein können, ob sie den Einordnungen und Ansprüchen von außen gerecht werden, weil sie sich der bedingungslosen Annahme des Anderen – und sogar Gottes – nicht mehr sicher sind. Sie haben gelernt, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Und genau das tun sie nun.

Doch das bringt plötzlich Angst ins bisherige Paradies. Die Menschen fürchten sich, nicht gut zu sein. Dann lieber bedeckt halten, nicht die eigene Nacktheit zeigen, nicht verwundbar machen. Dann lieber Mauern aufbauen, auf Sicherheit spielen. Vertrauen vergeht, Furcht zieht ein. Verlockend und bunt geht anders. Lieben geht anders. Leben geht anders. In der Gewissheit über Gut und Böse lauert der Tod.


Deshalb formuliert der Apostel Paulus es so drastisch: Auf Regeln zu bauen bringt uns um. Und deshalb lautet auch die gute Nachricht, die Jesus bringt „Wir sind keine Sklaven religiöser Gesetze! Wir sind freie Menschen, solange wir uns von Liebe bestimmen lassen.“ 

Das ist das Herz christlicher Überzeugung. Dafür hat Christus gelebt und dafür ist er gestorben. Seit ihm richten sich richtig und falsch nicht mehr nach Paragrafen, die immer und überall gleich gültig sind. Seit Jesus sind unser all Individualität, unsere Situation, unsere Zeit und unser Kontext relevant für die Entscheidung, was hilfreich ist und was destruktiv.

Seit Jesus richtet sich alles nach der Liebe als dem zentralen Prinzip, in dem alle Regeln aufgehen. Ein Prinzip, das in jeder individuellen Situation zu individuellen Ergebnissen kommt. Das nicht Böses verharmlost, aber auch nicht mit Angst und Knechtschaft antwortet.

Oder wie die Bibel es ausdrückt: Die Liebe ist geduldig und gütig, ohne Neid, sie spielt sich nicht auf, sie handelt nicht unangemessen, ist nicht auf den eigenen Vorteil bedacht, ist nicht verbittert oder nachtragend. Sie ist traurig über Unrecht und erfreut von der Wahrheit. Die Liebe erträgt, vertraut, hofft und erduldet. Immer. Christus steht für dieses Prinzip und wir nennen uns genau aus diesem Grund − Christen!


Vielfach tun wir Christen uns damit aber noch schwer: Wir umarmen nicht die von Liebe geprägte Freiheit, sondern klammern uns an die vermeintlich sicheren Ordnungen, an die Frage, was Gott wohl generell richtig findet und was falsch. Und zurzeit kann man das Gefühl bekommen: Je moderner die Form, desto fester der Griff: ICF, Hillsong, Youtube-Churches – sie alle verkünden mit viel Licht, Nebel und Dezibel die engstmögliche Moral.

Die daraus entstehende Unfreiheit hat handfeste Konsequenzen: Da wird in einer Gemeinde in Hessen ein Mitarbeiter von seinen Ämtern entbunden, weil er mit seiner Freundin zusammengezogen ist. Da verweigert der Vatikan einem Pater fast das Rektorenamt einer Hochschule, weil er sich für eine Anerkennung von gleichgeschlechtlich Liebenden ausspricht. Da wird ein Mitarbeiter-Paar aus einer Hipsterkirche geworfen, weil sie nicht bereit waren, heile Welt zu spielen und über ihre Liebe zueinander zu lügen. Alles in den letzten Monaten. Alles im 21. Jahrhundert, in Zeiten von Aufklärung, Verhütung und Tinder. Unfreiheit in Zeiten der Möglichkeiten. Wenn etwas Kirche von den Menschen entfremdet, dann auf jeden Fall das.


Vor allem: Es sind nicht nur die Menschen außerhalb der Institution. Entfremdet sind auch wir: Christen, die ihrer Kirche verbunden sind und doch immer wieder den Kopf schütteln über die Enge, die Angst und die Ignoranz, mit der für unser Menschsein so zentrale Dinge wie Sexualität einfach weggeregelt werden. Klappe auf, Lust hinein, Sargdeckel zu. Bis dass der Tod euch scheidet.

Doch das Leben ist nicht schwarz-weiß, es lässt sich nicht in Passepartouts stecken. Das Leben ist bunt und vielfältig, spannend und voll von Lust und Abenteuern, aber genauso voll von Möglichkeiten, sich gegenseitig weh zu tun. Und offensichtlich ist sie genau so von Gott angelegt. Vielleicht hat der Apostel Paulus deshalb so legendäre Worte formuliert wie „Alles ist erlaubt — es führt nur nicht alles zum Guten.“

Viele Christen verbieten gerne im Namen Gottes, weil sie sich damit auf der sicheren Seite wähnen. Paulus aber war von Jesu Sicht der Dinge inspiriert: Gott setzte uns in diese Welt ohne Betriebsanleitung, gab uns Neugier und Forscherdrang, dazu Lust, Leidenschaft und das Gebot zur Liebe: zu Gott, zu unseren Mitmenschen und zu uns selbst.

Die Folge dieses Liebensgebots ist der klare Auftrag, unser Urteil immer erst auf den zweiten Blick zu fällen, oder wie Jesus es sagt: Urteile immer nur aufgrund der Früchte, nie aufgrund von Samen. Denn nicht alles, was ungewohnt ist, hat schlechte Folgen. Und selbst wer sich streng an die Gesetze hält, kann fleißig Faules hervorbringen.

Die Protagonisten der Bibel nehmen die Dinge nicht auf die leichte Schulter: Paulus geht gleich mehrfach harsch gegen negatives Verhalten ins Gericht, unter anderem gegen sexuelle Übergriffigkeit und Kindesmissbrauch. Auch Jesus hat scharfe Worte für Menschen parat, die destruktiv handeln: Sie werden „abgehauen und ins Feuer geworfen“, sie haben keinen Platz im Reich Gottes. Und er liefert gleich ein paar Beispiele mit: Die Wölfe im Schafspelz, die Blender und die, die ihre Macht über andere Menschen im Namen Jesu missbrauchen. Doch allen anderen gilt viel Gnade und Geduld von dem Mann, den die christliche Tradition den Sohn Gottes nennt. 

Der Grundansatz im Reich Gottes ist damit genau umgekehrt als es die Lehrer der Gesetzlichkeit in ihrer Heidenangst vor einem strafenden Gott predigen: Alles ist gut, was eine gute Wirkung hat. Nichts ist schlecht, was keine schlechten Folgen für mich oder andere hat. Punkt. Der ethische Bewertungsmaßstab für menschliches Verhalten kann allein sein, ob etwas die Liebe und ihre Kinder mehrt: Den Respekt. Die Freiheit. Die Wahrheit. Die Barmherzigkeit. 


Zeit also für eine Ethik der individuellen Wirkung, die Menschen nicht an ihrem Verhalten misst, sondern an den Folgen ihres Verhaltens. Eine Ethik, die nicht die Tat beurteilt, sondern deren Konsequenz – oder auch erwartbare Konsequenz. Und die erst daraus Rückschlüsse für die Beurteilung der Tat selbst zieht.

Ist die Wirkung schlecht, weiß man das oft schon schnell – und kann es sich oft genug auch vorher rausrechnen, so dass es gar nicht erst dazu kommen muss: Wird jemand in seiner Würde verletzt oder seiner persönlichen Souveränität? Nimmt jemand Schaden? Geschieht etwas ohne eindeutige Zustimmung? Führt etwas in Unfreiheit, Lüge oder Angst?

Das Böse erkennt man oft recht schnell, wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht. Und dann gilt es zu reagieren zum Wohl der Betroffenen – möglichst schon, bevor etwas passiert. 

Viele Früchte aber erkennt man erst nach langer Zeit. Und auch die beste Frucht ist ungenießbar, solange sie noch grün ist. Die Unsicherheit gilt es auszuhalten.

Dass Gott uns das zumutet, zeigt sich daran, wie entspannt er mit individuellen Abweichungen vom Bewährten umgeht. Jesus verurteilte niemanden mit schrägem Lebenslauf oder ungewohntem Liebesleben. Und forderte uns auf, das ebenso wenig zu machen. 

Ausdrücklich gibt Jesus im Gleichnis den Rat: Reißt nicht das Unkraut heraus, denn ihr könntet auch eine gute Frucht erwischen, die sich darunter versteckt. Das ist Jesu Vorstellung vom Reich Gottes: Warten, beobachten, nicht vorschnell urteilen, die Früchte prüfen, wenn sie reif sind, nur eingreifen, wenn jemand lieblos behandelt wird.

Dass dagegen die Gewissheit über Richtig und Falsch zu einer besseren Welt führen würde, das war die große Verführung der Schlange im Paradies. In Wirklichkeit sät das aber nur Zwietracht, Missgunst, Scham, Hass und Tod.


Wenn sich also jemand anders verhält, als wir es tun würden, dann ist die Frage irrelevant, ob Gott das erlaubt. Weil Gott nichts erlaubt oder verbietet, sondern weil er prüft, was es am Ende bewirkt. Mit der Liebe im Blick lassen sich alle Fragen, ob etwas am Ende gute oder schlechte Früchte trägt, nur noch im Einzelfall und damit nur mit den Betroffenen selbst beurteilen: Zwei Liebende ohne Trauschein. Oder mit dem gleichen Geschlecht. Oder ohne eindeutige Zuordnung desselben. Menschen ohne Beziehung zueinander. Oder mit Beziehungen. Oder mit sich selbst, inspiriert von Bildern der Lust oder von der eigenen unendlichen Fantasie.

Die Fragen bleiben immer dieselben: Nach dem Respekt voreinander, der Freiheit aller direkt und indirekt Beteiligten, der Ehrlichkeit zueinander, der Barmherzigkeit gegenüber uns allen und uns selbst.

Dann darf der Trauschein fehlen, aber nicht der Respekt vor den Grenzen des Gegenübers. Dann ist das Geschlecht egal, nicht aber die Verantwortung für das Wohl der anderen. Dann erfreuen wir uns am Anblick von Menschen, die uns gerne und freiwillig inspirieren. Dann können wir Körperlichkeit frei von Tabus genießen, weil das einzige Tabu ist, etwas zu tun, was nicht frohen Herzens oder voller Neugier miteinander vereinbart war und bei dem alle sich wohl und sicher fühlen.

Sexualität ist dann frei von Druck, Scham und schlechtem Gewissen. Verlangen führt nicht zur Glaubenskrise. Lust können wir entspannt zulassen, sie einander mit Leidenschaft schenken und sie zusammen in vollen Zügen genießen.

Und endlich ist dafür gesorgt, dass wir durch Sexualität wirklich keinen Schaden nehmen – weder durch destruktives Verhalten noch dadurch, dass wir einander Schuld und Scham einreden oder uns verbieten zu sein, wie Gott uns geschaffen hat.


Damit lassen sich freilich schwerer Bücher verkaufen. Weil es nicht pauschalisiert, sondern differenziert. Weil es die Menschen in die eigene Verantwortung entlässt.

Und weil man damit nicht die Angst bedient, Sex würde Menschen wie magisch für ihr Leben aneinander schweißen. Es lässt sich auch kein Facebook-Mob entfesseln, der über Menschen herfällt, die anders sind als es die eigene Gotteserkenntnis als richtig ansieht. Und das ist gut so.

Eins stimmt übrigens bei der Argumentation der eingangs erwähnten Menschen: Das Hormon Oxytocin wird tatsächlich beim Genießen zärtlicher Berührungen und beim Sex von glücklichen Menschen ausgeschüttet. Es ist aber kein Bindungshormon, das Menschen aneinander bindet. Es ist ein Öffnungshormon. Es öffnet uns für Nähe, es schafft eine Atmosphäre des Vertrauens und der Geborgenheit, es baut unsere Schutzpanzer ab und sorgt sprichwörtlich dafür, dass die Chemie zwischen uns stimmt. Und dafür, dass Verbindung möglich wird.

Oxytocin wird übrigens auch beim gemeinsamen Singen ausgeschüttet. Schon immer haben Menschen zusammen musiziert – und das Hormon hat dabei unbewusst genau diesen Effekt gehabt: Die Gruppe wächst zusammen, sie vertraut einander, die Chemie stimmt, viele Individuen werden zu einer Stimme.

Oxytocin ist nichts Gefährliches – im Gegenteil: Er ist die Voraussetzung dafür, dass wir nicht alle vereinsamen. Es bindet uns nicht, es öffnet uns. Sonst wäre Chorarbeit ganz schön riskant.


Was heißt das jetzt konkret? Der Versuch, diese Haltung in ein Manifest zu gießen kann nur kläglich sein, ist doch nichts starr und alles in Bewegung. Und neue Regeln helfen uns nicht weiter. Trotzdem ist es manchmal ganz gut, Dinge auf den Punkt zu bringen. Hier also der Versuch von 12 Thesen für eine gesunde christlich geprägte Sexualität:

  1. Genießt Sexualität!
    Sie ist Teil der wunderbaren Schöpfung Gottes. Sie ist nicht nur lebenserhaltende Notwendigkeit, sondern auch noch wunderschön, prickelnd, schillernd, kraftvoll, leidenschaftlich, beglückend und allgegenwärtig. Das mag Hinweis genug sein auf die Lebenslust und Phantasie des Schöpfers, der sie nicht für ein verschämtes Dasein im dunklen Schlafzimmer geschaffen hat.

  2. Habt vor ihr Respekt!
    Sexualität ist aber auch die ganz andere: sie ist wild, ungestüm, atemberaubend, unberechenbar, geheimnisvoll, lockt uns an Abgründe. Und stößt uns hinab. Verunsichert, verstört, ist schmerzhaft, kann Beziehungen brechen. Und Menschen. Und doch hat sie der Schöpfer in unsere Hände gegeben. Ganz so, als ob er genau wusste, was er tat. Ganz so, als ob er uns zutraut, eigenverantwortlicher damit umzugehen.

  3. Alles ist erlaubt, außer festzulegen, was erlaubt ist.
    Im Schöpfungsepos sagt Gott zum Menschen: Von allen verlockenden Bäumen des Gartens darfst du essen! Leben heißt: neugierig sein, Unerhörtes wagen, in Bewegung bleiben, uns an den Horizont locken lassen – und ihn überschreiten. Die Gefahr dagegen lauert in der Mitte: Im Baum der Gewissheit des Guten und des Bösen, in der zweifelsfreien Festlegung, was richtig sei und was falsch. Mitten durch das Zentrum des Lebens schlängelt sich die stete Versuchung, das Leben zu verbieten. Ihr nachzugeben bringt Scham, Streit, Feindschaft, Ausgrenzung und schließlich den Tod. (Genesis 2+3)

  4. Frage nach den Früchten.
    Doch wie dann erkennen, was Glück bringt und was Schmerz, was guttut und was nicht, was lebendig macht und was zerstört? In einer Welt, in der wir alle unterschiedlich geschaffen sind? Und in der Glück und Schmerz oft so nah beieinander liegen? Jesus fordert uns auf: Beurteilt nicht den Baum, beurteilt die Früchte! Fragt nicht: Ist etwas richtig oder falsch? sondern fragt: Sind die Auswirkungen gut oder schlecht? Das hängt von vielen Faktoren ab: von mir selbst, den beteiligten Personen, der Situation, dem Kontext. Und zwingt uns, zu differenzieren, statt zu pauschalisieren. Wenn wir so fragen, wird es uns leichter fallen, das Böse als das Böse zu erkennen, aber auch das Gute leichter als das Gute. (1. Kor. 10,23, Mt. 12,33)

  5. Gib den Früchten Zeit zum Reifen.
    Die Güte von Früchten lässt sich nicht immer sofort erkennen. Wir können zwar fragen: Wird jemand in seiner Würde verletzt oder in seiner persönlichen Souveränität? Geschieht etwas ohne Zustimmung von Beteiligten? Nimmt jemand Schaden? Führt etwas in Unfreiheit, Lüge oder Angst? Das sind klare Anzeigen von Fäule. Lass die Finger davon! Mach deinen Mund auf! Aber auch die beste Frucht ist ungenießbar, solange sie grün ist. Wenn es nicht faul ist, warte ab! Halte Ausschau nach der Liebe und ihren Kindern: Respekt, Freiheit, Wahrheit, Barmherzigkeit. Wir werden überrascht sein, an welchen unerwarteten Orten sie sich zeigen. (1. Kor. 13)

  6. Im Zweifel: Lass es wachsen.
    Jeder Mensch ist anders. Etwas, was dir nicht bekommt, mag für andere gesund sein. Und nur weil dir selbst eine Frucht nicht schmeckt, muss sie nicht faul sein. Von außen lässt sich sowieso schwer ein Urteil fällen. Oder wie die Indianer sagen: Verurteile niemanden, bevor du nicht einen Mond lang in ihren Mokassins gelaufen bist. Erhebe dein Wort, wenn jemand zu Schaden kommt, aber widersteh dem Impuls zu zerstören, was du nicht verstehst. Jesus empfahl ausdrücklich, das Unkraut wachsen zu lassen, um die gute Frucht nicht mit ihm auszureißen. So geht entspannt. (Mt. 13,30)

  7. Freiheit ist auch die Freiheit zum Nein.
    Paulus betont die Freiheit, das eigene Maß festzulegen und Möglichkeiten nicht zu nutzen. Niemand hat sich über diejenigen zu erheben, die ihre Freiheit wahrnehmen. Aber genauso hat sich niemand über diejenigen zu erheben, die drauf verzichten. Egal aus welchen Gründen. Egal ob generell oder in einer konkreten Situation. Mit wem sich jemand in welchem Maße Nähe, Intimität und Sexualität aussetzt ist eines jeden Menschen souveräne Wahl. Und vergessen wir nicht: Konsens braucht mehr als kein „nein“. Konsens braucht ein „ja“. (Römer 14)

  8. Sexualität braucht Liebe.
    Alles ist nichts ohne die Liebe, schreibt Paulus, und meint damit nicht die romantische Liebe zweier Verliebter. Sondern gerade die ganz unromantische, bewusste, selbstlose, manchmal anstrengende Nächstenliebe zu den Menschen, mit denen wir interagieren. Jesus fordert uns zu dieser Liebe auf und stellt sie in das Zentrum christlichen Handelns. Wer seine*n Nächste*n liebt ist nicht auf den eigenen Vorteil bedacht, spielt sich nicht auf, handelt nicht unangemessen, ist traurig über Unrecht und freut sich an der Wahrheit, will Balance, Respekt und Augenhöhe („…wie dich selbst“) und bemüht sich aktiv um das Wohlergehen des Gegenübers. Gesunde Sexualität lebt aus dieser Liebe und kann nicht ohne sie. Sie muss Maxime jeglichen Handelns sein – gerade solch intimem wie der Sexualität. (1. Kor. 13, Mt. 22,39)

  9. Liebe braucht Wahrheit.
    Die Lüge ist der Feind der Liebe. Sie gebiert stets die Angst davor, aufzufliegen. Und es ist schwer, Menschen in die Augen zu sehen, die man anlügt. Lüge zerstört Liebe. Lüge zerstört Beziehungen. Manchmal akzeptieren Menschen unsere Freiheit nicht – dann kann es nötig sein, Wahrheit zu verbergen, um Liebe zu bewahren. Doch niemals sollte Lüge zwischen Liebenden stehen. Und spätestens Gott gegenüber können wir uns nicht verstecken. Nicht umsonst stellt Jesus dieses Gebot allen voran: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, mit all deinem Sein und mit all deiner Kraft.“ Tue also nichts, mit dem du nicht guten Gewissens dem liebenden Gott in die Augen sehen könntest. (Eph. 4, Eph. 5,9, Rom. 12,9)

  10. Wahrheit braucht Vertrauen.
    Nichts ist so anfällig für Missverständnisse wie das Reden über so persönliche Dinge wie Sexualität. Gerade darum ist klare Kommunikation nötig. Dafür braucht es einen Raum des Vertrauens. Vertrauen schafft ihr durch die Sicherheit, weich zu fallen: Schaut euch in die Augen und versprecht euch, einander immer die Wahrheit sagen zu dürfen und einander nicht dafür zu bestrafen, dass ihr es tut. Der reine Tisch gehört zum festen Inventar jeder guten Beziehung. Immer gilt: Fragt nach, fragt nochmal nach, lauft einen Mond in den Mokassins eures Gegenübers und urteilt erst dann. Wenn ihr euch mal dazu überwunden habt, der Wahrheit Raum zu geben, werdet ihr merken: Die Wahrheit fühlt sich besser an als die Angst vor der Wahrheit. (Joh. 8,32)

  11. F*ck responsibly.
    Sex ist nichts für Kinder. Aber sie waren schon immer dessen unausweichliche Folge. Bis neulich, seit effektive Verhütungsmethoden die Sexualität revolutionierten. Seit rund 80 Jahren wird erstmals Sexualität nicht mehr bestimmt von der Sorge vor ungewollter Schwangerschaft oder übertragenen Krankheiten. Aber die neue Freiheit bringt neue Verantwortung: Sicherer Sex benötigt Sicherheit im Umgang damit. Das heißt: Offenes Gespräch, sowohl zwischen Liebenden als auch in Gesellschaft, Familie und – ja, auch – Gemeinde. Eine „Sex am besten vermeiden“-Atmosphäre führt zwangsläufig zu Unsicherheit und mangelnder Information. Ein positiver, bejahender Umgang mit Sexualität hingegen ermöglicht ein ungezwungenes Gespräch, mehr Wissen und mehr Sicherheit – und letztlich mehr wahrgenommene Verantwortung.

  12. Zuletzt: Seid barmherzig.
    Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, betont der Johannesbrief. Wir alle sind fehlbare Menschen. Wir sind abhängig von Gnade und Vergebung. Nicht nur von Gott, auch voneinander. Wenn etwas schiefgelaufen ist, wenn ihr zu weit gegangen seid, wenn ihr wisst: Das war nicht richtig, dann gebt der Lüge keinen Raum! Denn sie zerstört Beziehungen. Sagt einander die Wahrheit. Und erinnert euch an euer Versprechen, einander nicht für einen reinen Tisch zu bestrafen. Am Ende können auf dem größten Mist die schönsten Blumen wachsen. (1. Joh 1)

Mein Traum ist, dass wir durch eine solche Ethik zu einem entspannten und positiven Verhältnis zu Sexualität kommen. Denn Sexualität ist schön und einer der tiefsten, wunderbarsten, lebendigsten, aber auch verletzlichsten Teile unseres Seins. 

Sexualität beeinflusst unsere innerste Identität und verbindet uns miteinander auf innigste und zugleich schönste Art und Weise. Sexualität ist einer der Motoren unseres Zusammenlebens. Zugleich sind unsere Selbstzweifel und negativen Selbstbotschaften tief damit verknüpft. Wir definieren uns zu einem großen Teil über unsere Sexualität, darüber, ob andere uns so akzeptieren, wie wir sind, und ob wir für andere attraktiv sind.

Mein Traum ist, dass wir in großer Freiheit und gegenseitiger Achtsamkeit die gute, große und unergründliche Gabe genießen, die uns Gott mit der Sexualität anvertraut hat. Nur dies scheint mir im Sinne eines Schöpfers zu sein, in dessen Schöpfung er solch unermessliche Vielfalt und Phantasie legte, dass die erste Anweisung an seine Geschöpfe war: Lasst euch verlocken, genießt und verurteilt einander nicht. Und dessen Sohn dann sekundierte: Wer liebt erfüllt alle Gesetze.

Deshalb: Lasst uns lieben und genießen. Und die Liebe genießen. Ganz entspannt.

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