Sex vor der Ehe? Ja, bitte!

Wir befinden uns im Jahr 2021. Liebespaare haben selbstverständlich Sex. Alle Liebespaare? Nein! Eine Bubble aus unbeugsamen Christfluencer:innen und hippen Pastor:innen leistet unermüdlich Widerstand. Sex gehört für sie allein in die Ehe — und Paare sollten warten. Doch gesunde Partnerschaften sind ganzheitlich.

Gibt man bei YouTube „Christen“ und „Sex“ ein, bekommt man eine Menge Videos und in fast allen versuchen uns christliche Influencer:innen davon zu überzeugen, dass Sex vor der Ehe eine schlechte Idee sei. Auch bei Insta und TikTok, auf Blogs und in vielen hippen Kirchen mit bunten Bühnenshows sind Menschen ziemlich engagiert, uns vor den Gefahren von unverheiratetem Sex zu warnen.

Neulich wurde ich von einer christlichen Zeitschrift für junge Erwachsene für einen Artikel angefragt. In dem Heft sollte ein Buchvorabdruck eines angesagten Pastors erscheinen. Das sehr stylische Buch erscheint dieser Tage und hat nur ein Thema: Es warnt junge Menschen davor, unverheiratet Sex zu haben. Dem wollte die Redaktion aus journalistischer Sorgfalt eine alternative Sichtweise zur Seite stellen – damit sich die Leser:innen selber ihr Urteil bilden können. Kurz vor Druck wurde der Artikel bei der Endkontrolle von der Chefredaktion wahrgenommen und gecancelt. Es bestünde die Gefahr, junge Menschen zu etwas Falschem zu verführen. Die Angst, dass Menschen sich selbst entscheiden könnten, sitzt tief.

Weil diese Christfluencer:innen und Pastor:innen so beharrlich und medial so präsent sind und sich so hipp geben, aber gleichzeitig Ängste, Selbstzweifel und Scham bei jungen Menschen säen, ist es mir ein Anliegen, dass diese Sicht auf Sexualität nicht gänzlich unwidersprochen bleibt.

Ich will die drei wichtigsten Argumente ansehen und etwas Positives dagegensetzen. Die Argumente sind ja dieselben, die schon seit Jahrzehnten kursieren: Wer Sex hat bindet sich an das Gegenüber. Wer einmal Sex hatte geht unrein in die nächste Partnerschaft. Das Ideal ist es, nur mit einem Menschen im Leben zu schlafen – und wer weiß schon, wer das ist, bis tatsächlich das Ja-Wort gefallen ist? Sexualität als ständiges Minenfeld.

Ich möchte ein anderes Bild von Sexualität zeichnen. Eins, das nicht davon ausgeht, dass Intimität unrein ist oder macht. Eins, für das Sex ein integraler Bestandteil unseres Lebens und damit von Beziehungen ist. Eins, das Partnerschaften wie die Ehe als ganzheitliches Geschehen aus Herzensverbindung und Körperlichkeit begreift.

Feuerwerk

Wir sind körperliche Wesen, unser Geist ist ohne Körper nicht lebensfähig. Selbst die Jenseitshoffnung der Bibel spricht von neuen Körpern für uns, selbst Jesus hatte nach der Auferstehung einen Leib. Unser Körper bestimmt maßgeblich unsere Identität, wie wir uns fühlen, wer wir sind, wie wir wahrgenommen werden.

Und Sexualität ist einer der stärksten Aspekte unseres körperlichen Seins. Ein Geschenk Gottes – darin dürften sich alle Christen einig sein. Sex auf Augenhöhe in einem sicheren Raum, in dem wir aufeinander achten und uns gegenseitig wertschätzen, gehört für die meisten von uns zu den schönstmöglichen Momenten im Leben: Das gemeinsame Erleben von Berührung, Erregung und Extase, das gemeinsame Spiel, die Intimität und Verletzlichkeit, das gegenseitige Beschenken. Nicht die süßeste Melodie, kein Fünf-Sterne-Coq-au-vin, nicht die zärtlichsten Strahlen des Sonnenaufgangs auf unserer Haut kommt für die meisten von uns an das Feuerwerk heran, das unser Körper zündet, wenn wir einander (oder uns selbst) sexuell verwöhnen. Wir alle sind Kinder dieses Feuerwerks. Welch eine Idee unseres Schöpfers!

Heute wie damals?

Die patriarchal geprägte und besitzfokussierte Gesellschaft allerdings hat seit der Sesshaftwerdung den Sex instrumentalisiert. Land gehörte plötzlich jemandem, die Verhältnisse sollten klar bleiben, aber man konnte nicht verhüten. Entsprechend wichtig wurde die Garantie, dass Sexualität nur im ehelichen Kontext stattfand. Lebenslang exklusive Sexualität hat seinen Ursprung in der Sicherung von Macht, Besitz und Erbfolge.

Dieses Setting war Normalität für die biblischen Autoren. Alle biblischen Aussagen zu Sexualität und Partnerschaft, aber eben auch zu Unzucht & Co., müssen in diesem Licht gelesen werden.

Und so müssen wir uns entscheiden: Entweder wir halten die Sichtweise der biblischen Autoren 1:1 auch für heute gültig. Dann müssen wir allerdings mit der Diskrepanz zu unseren heutigen Vorstellungen von Gleichberechtigung, Freiwilligkeit und Liebespartnerschaft leben. Denn diese ernsthaft aufgeben und zurück zur wirtschaftlich motivierten Vernunftheirat wollen wahrscheinlich die wenigsten Christfluencer:innen.

Die andere Möglichkeit ist anzuerkennen: Wir leben in einer noch nie da gewesenen Zeit, die gerade was Liebe und Sexualität angeht mit keiner bisher vergleichbar ist. Und wir müssen uns mit den grundlegenden christlichen Werten wie Nächstenliebe, Respekt, Gnade und Wahrheit einen ganz neuen Weg erarbeiten, wie wir mit diesem wunderbaren Geschenk Sexualität umgehen.

Bindung, Reinheit, Objektifizierung

Doch zuerst lasst uns ein bisschen aufräumen: Wer Sex vor der Ehe ablehnt argumentiert meist mit drei Themen: Bindung, Reinheit, Objektifizierung.

Gerne wird das Hormon Oxytozin als Kronzeuge angeführt. Oxytozin wird beim Sex ausgeschüttet (stimmt) und verursacht angeblich eine feste Bindung, die nur unter Schmerzen und Verletzungen lösbar ist (stimmt nicht). In Wirklichkeit ist Oxytozin kein Bindungshormon, sondern ein Öffnungshormon. Es tritt auch beim gemeinsamen Singen oder Sport in Aktion. Es fährt unsere Firewall herunter, ermöglicht Vertrauen und gibt uns die Möglichkeit zur seelischen Verbindung. Aber es wird durch das Hormon nichts unwiderruflich zusammen getackert.

Dazu wird Sex immer mit dem Verdacht belegt, etwas Schmutziges und Gefährliches zu sein. Die Christfluencer:innen würden das so nie sagen, aber warum sollte es sonst nur durch Enthaltsamkeit möglich sein, die eigene Reinheit gegenüber dem oder der zukünftigen Ehepartner:in zu bewahren? In all den einschlägigen Büchern, Videos und Blogs gilt man als beschmutzt, wenn man mit jemandem geschlafen hat. Dieses Reinheitsdenken wird vor allem aus dem ersten Testament begründet, wo es sich aber auf die kultische Reinheit bezieht. Die anderen Reinheitsgebote (keine Shrimps, kein Schweinefleisch, auf keinen Fall Jeans mit Elastan) werden geflissentlich ignoriert. Vor allem aber: Die Reinheitsgebote stehen im Kontext von Ehe als wirtschaftlichem Bund zur Macht- und Vermögenssicherung. Keine Liebesheirat, kein Konsens. Sex als Mittel zum Zweck. Wir leben heute zum Glück in anderen Zeiten.

Und schließlich wird suggeriert: Sex ohne gemeinsame Zukunft macht das Gegenüber zum Konsumgut. Eine flüchtige sexuelle Begegnung oder Freundschaft+ sei nur ein Mittel zur Triebbefriedigung. Aber wie bedeutsam uns ein Mensch in der sexuellen Begegnung ist, hängt nicht von Länge, Intensität und Verbindlichkeit des Miteinanders ab, sondern von dessen Qualität und Tiefe. In wie vielen langjährigen Ehen wird nur noch emotionslos gevögelt, ohne dass sich dabei die Seelen je berühren? Die Ehe ist keine Garantie für echten Herzenssex. Und eine einmalige nächtliche Begegnung kann zutiefst wertschätzend, zauberhaft und intim sein und beiden ein Leben lang bei dem Gedanken daran ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Es kommt immer auf das Wie an.

Liebe, Persönlichkeit, Ganzheitlichkeit

Und da sind wir bei dem, was ich der Angst vor Bindung, Unreinheit und Objektifizierung gerne entgegensetzen würde: Liebe, Persönlichkeit und Ganzheitlichkeit.

Jesus ließ keinen Zweifel daran, was für ihn zentral war: Liebe Gott, deinen Nächsten und dich selbst. Die Liebe steht über allem. Unsere Begegnungen sollten immer von ihr geprägt sein und damit von Wertschätzung, Respekt Wahrheit und Achtsamkeit. Auf welche Art und Weise und in welchem Rahmen wir die Begegnung dann gestalten ist zweitrangig, solange sie von diesen Werten geprägt ist. Ich wünsche dies jeder Partnerschaft, jeder Ehe, dem Miteinander im Kollegenkreis, jedem flüchtigen Gespräch im Supermarkt oder an der Bar. Und jeder sexuellen Begegnung, ganz gleich ob sich die Beteiligten schon ewig kennen oder erst seit ein paar Stunden.

Das Andere: Wenn sich zwei Menschen begegnen, dann begegnen sich immer zwei Individuen, zwei Persönlichkeiten, zwei Personen mit ihrer Prägung und Geschichte. Echte Liebe respektiert nicht nur das Gegenüber, sondern liebt genau diese Individualität, mit allem, was sie dazu gemacht hat. Bedingungslos, wie Jesus es mit Menschen stets tat. Wen es abtörnt, dass der oder die Partner:in schon sexuelle Begegnungen hatte, für wen schöne Erinnerungen an vergangene Sexualpartner:innen ein Makel sind, der Vergebung benötigt, der reduziert das Gegenüber auf einen Gebrauchsgegenstand. Der kämpft lediglich mit seinem verletzten Stolz. Der sieht sich selbst um ein vermeintliches „Erstlingsrecht“ gebracht. Das aber ist nicht Respekt für das Gegenüber und seine Persönlichkeit. Das ist Egoismus.

Und das Dritte: Wir sind ganzheitliche Wesen. Wir sind ganz Verstand, ganz Gefühl und ganz Körper. Wir können keins davon für längere Zeit ausblenden, wenn wir gesunde und tragfähige Ehen aufbauen wollen. Wenn die Bibel davon redet, dass sich Partner:innen „erkennen“, dann ist diese tiefe, allumfassende Verbindung aller Ebenen gemeint. Freunde können sich mit den Köpfen, mit dem Herzen oder körperlich verbinden und das Miteinander genießen: sporadisch oder intensiv, verbindlich oder unverbindlich, lebenslang oder nur für eine Begegnung. Und alles davon kann echte Freundschaft sein.

Doch Partner:innen kommen damit nicht aus. Sie brauchen sich ganz. Sie können weder nur in einem Rausch von Gefühlen und Körperlichkeit leben, ohne je miteinander zu reden und sich in der Tiefe auszutauschen. Noch können sie ihre Partnerschaft auf Vernunft und Sexualität bauen, ohne dass Gefühle füreinander existieren würden. Das war zwar Jahrtausende lang üblich, aber ob die Ehe und vor allem die Sexualität dann für beide wirklich erfüllend war?

Ebenso hinkt romantische Partnerschaft ohne Sexualität. In der von Herzensliebe getragenen körperlichen Intimität kommen sich die Partner:innen erst wirklich nah. Und sie lernen wichtige Seiten des Gegenübers (und an sich selbst) kennen, die auch viele Aspekte des alltäglichen Umgangs miteinander berühren: Sensibilität, Rücksicht, Augenhöhe, Vertrauen, die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, zwischen Zärtlichkeit und Wildheit, zwischen Nehmen und Geben, die Fähigkeit zum Spiel, die Bereitschaft, ehrlich zu sein und mit Unzulänglichkeiten und Ängsten umzugehen, die Fähigkeit zur Kommunikation über Gefühle und die eigenen Bedürfnisse. Und auch wenn man Sex physiologisch „lernen“ kann und es viele Tricks gibt, um Lust zu entfachen: Ob man sexuell miteinander schwingt und Intimität mühelos und natürlich ist, kann man nur im gemeinsamen Tun herausfinden.

Sexuelle Anziehung prägt Partnerschaften von Anfang an. Wird sie nicht in dem Maße integriert, wie es sich für das Paar stimmig anfühlt, dann klafft eine große Lücke, die nur schwer und kaum unverkrampft anders zu füllen ist. Viele Paare, die dem „kein Sex vor der Ehe“-Credo gefolgt sind, können ein Lied davon singen.

Der Zauber der Liebe

Am Ende sorgen die hippen Christfluencer:innen und Pastor:innen mit ihren Videos, Stories und Büchern vor allem für Frust, für ein schambehaftetes Miteinander und dafür, dass Paare jahrelang gegen sich selbst und ihre natürliche Sehnsucht nach Nähe und Intimität kämpfen. Nicht nur, weil ihre Sicht auf Sexualität uns zu Objekten macht, die weniger wert sind, wenn sie schon von anderen „benutzt“ wurden. Und nicht nur, weil sie in sexuellen Begegnungen einen lebenslang anhaftenden Makel sehen, anstatt sie als Teil unserer Persönlichkeitsentwicklung zu wertschätzen und zu feiern.

Sollten Ehen mit so einer Hypothek starten? Am Ende muss das jedes Paar für sich entscheiden. Ich glaube: Gesunde Beziehungen und erst recht Ehen brauchen die Wertschätzung der Persönlichkeiten und der individuellen Vergangenheit, Ehrlichkeit und Augenhöhe im Austausch und das gemeinsame Erleben aller Aspekte des Miteinanders – von Anfang an. Das ist ganzheitliche Partnerschaft. Das ist der Zauber der Liebe.

Zum Weiterlesen: Sex – Christen, entspannt euch!

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