…und er schuf sie nicht als Mann und Frau.

Von Kritikern der Gender-Idee wird oft argumentiert, Gott habe den Menschen als „Mann und Frau“ geschaffen. Die Bibel sagt etwas anderes.

„Mann und Frau sind doch wunderbar eindeutige Kategorien“, hört man landauf landab in christlichen Kreisen von strammen Traditionalisten bis hin zu hippen ICFs. Gott habe uns ganz bewusst als Männer und Frauen geschaffen. Alles andere sei eine Anomalie, eine Abweichung, vielleicht sogar ein bisschen krank. Auf keinen Fall aber die Norm.

Wenn wir unsere Bibeln aufschlagen, scheinen sie das zunächst zu bestätigen. „Er schuf sie als Mann und Frau“ lässt die Lutherbibel wissen – selbst in ihrer neuesten Revision. Genauso übersetzen die meisten anderen deutschen Übersetzungen und Übertragungen den Vers 27 aus Genesis 1. Nur die Einheitsübersetzung und die NeÜ widersetzen sich hartnäckig der trauten Einigkeit: Bei ihnen wird der Mensch „männlich und weiblich“ erschaffen. Der Unterschied mag marginal erscheinen – doch er verändert alles.

Die beiden Worte, die dort eigentlich stehen, sind die hebräischen Begriffe זָכָ֥ר „zakhar“ und נְקֵבָ֖ה „neqewa“.  Sie können für sich genommen Mann und Frau, aber auch männlich und weiblich bedeuten. Denn im Hebräischen sind Adjektive formgleich mit ihren entsprechenden Nomen. Das macht die Zuordnung nicht immer eindeutig, wenn die Formen – so wie hier – alleine stehen. Beim „männlichen Tier“ ist die Sache klar: Es ist ein Adjektiv, weil es das Substantiv „Tier“ näher beschreibt, so wie bei „buntes Tier“. Bei unserem Vers ist das nicht auf den ersten Blick erkennbar. Und das veranlasste vermutlich Martin Luther zu dieser fatalen Fehlübersetzung, an der sich viele deutsche Übersetzer bis heute orientieren.

Allerdings ist der gesamtbiblische Befund recht klar: Es existieren für „Mann“ und „Frau“ noch andere Vokabeln, die im restlichen Bibeltext viel häufiger als nominale Form benutzt werden. Mit ihnen hätten die Autoren der Genesis „Mann“ und „Frau“ als Kategorien viel expliziter ausdrücken können – wenn sie gewollt hätten. Die beiden im Text benutzten Begriffe werden dagegen in der restlichen Bibel fast ausschließlich als Adjektive verstanden. Nur 7 Mal bedeutet „zakhar“ Mann, ganze 67 Mal bedeutet es „männlich“ (z.B. nach King James). 

Zeugin aus dem ersten Jahrhundert

Ja, das ist viel Spekulation. Wäre es nicht toll, wir hätten einen Text aus der damaligen Zeit, der uns eindeutig zeigt, wie das ursprünglich verstanden wurde? Und tatsächlich: Wir haben einen solchen Text! Zumindest aus der Zeit Jesu: Es ist die Septuaginta, die griechische Übersetzung des alten Testaments, mit der bereits Lukas, Paulus & Co, arbeiteten, wenn sie die alten Schriften auf Griechisch zitierten.

Jesus kannte vermutlich die Septuaginta. Die hellenistischen Gemeinden lasen sie in den Gottesdiensten. Und die Septuaginta übersetzt die beiden Wörter als Adjektive. Hätte das nicht der damaligen Auffassung entsprochen, dann wäre das so nicht in dieser Bibelübersetzung gelandet. „Er schuf sie männlich und weiblich“ ist also keine neuzeitliche Erfindung. Es war die im Judentum zur Zeit Jesu und in der Urgemeinde präsente Lesart. Und so mit ziemlicher Sicherheit die ursprüngliche.

Gott will uns nicht einteilen

Warum das wichtig ist? Weil es in der Schöpfungserzählung nicht um göttliche Kategorien geht, sondern um menschliche Eigenschaften, um Facetten von Gottes Ebenbildlichkeit. Genesis will uns nicht in zwei Kartons einteilen – einen rosafarbenen und einen blauen.  Genesis will uns nicht sagen, waswir sind, sondern wiewir sind.

Früher dachte ich folgendes (und hielt mich dabei für unheimlich progressiv): Der Mensch ist das Ebenbild des vollkommenen Gottes. Doch seine Eigenschaften hat Gott in seiner Schöpfung in männlich und weiblich aufgeteilt, so dass nur Frau und Mann zusammen das ganze göttliche Ebenbild verkörpern. Quasi als Trick von Gott, damit der Mensch nur mit seiner „besseren Hälfte“ vollständig ist und alleine nicht zu viel auf die Reihe kriegtvollkommen ist.

Diese Vorstellung ist unheimlich romantisch und passt gut auf kitschige Hochzeitskarten. Doch wenn wir genau hinsehen sagt Genesis nicht: Menschen der einen Kategorie sind männlich und Menschen der anderen Kategorie sind weiblich. Sondern wörtlich steht da: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich.“ Gottes Wesen vereinigt offensichtlich sowohl „männlich“ als auch „weiblich“. Aber wenn alle Menschen zum Bilde Gottes erschaffen sind, vereinen offensichtlich ebenso alle Menschen „männlich“ und „weiblich“ in sich.

Das hört sich für unsere Ohren erst einmal ziemlich befremdlich an. Frauen sind doch weiblich und Männer sind männlich, oder nicht? Wir bringen unsere Schubladen mit, wir haben unsere Bilder im Kopf und es hat ja auch handfeste biologische Gründe, warum wir das eine Wort für Leute mit Penissen und Hoden und das andere für solche mit Vagina, Eierstöcken, Gebärmutter und Brüsten verwenden. Das ist nun mal unsere Lebenswirklichkeit und Alltagserfahrung. Doch ist sie das wirklich? Oder ist es nur unsere gewohnte Brille, mit der wir die Welt sehen?

Den Text neu lesen

Um unsere Brillen abzusetzen, könnte es helfen, statt „männlich“ und „weiblich“ die hebräischen Adjektive aus Genesis und ihre Bedeutung zu benutzen und den Text noch einmal zu lesen: Gott schuf den Menschen sowohl  זָכָ֥ר „zakhar“ als auch נְקֵבָ֖ה „neqewa“. Zakhar ist das Wilde, Ungestüme, Fordernde, Aktive, Harte, Erobernde, Laute. „Neqewa“ ist das Sanfte, Weiche, Beschützende, Passive, Leise. (Ja, das Hebräische hat viel weniger Vokabeln als moderne Sprachen und deshalb hat jedes Wort auch ein viel größeres Bedeutungsspektrum). 

Genesis 1,27 liest sich dann so:

Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn: sowohl wild, ungestüm, hart, aktiv, laut, fordernd, erobernd als auch sanft, weich, passiv, leise, beschützend.

Zu dieser Bedeutung entfaltete sich der Vers aus Genesis für die damaligen Leser*innen. So wie sich für uns der Satz „Er war wie Ghandi“ sofort zu einer schillernden Kaskade an Eigenschaften wie friedfertig, willensstark, stur und charismatisch entfaltet, ohne dass auch nur eine dieser Eigenschaften erwähnt wird.

Nun würde ja niemand behaupten, alle Frauen seien passiv und alle Männer aktiv. Oder alle Männer wild und alle Frauen sanft. Oder alle Frauen leise und alle Männer laut. Nur um mal die Klischees zu bedienen. Man könnte die Begriffe auch umkehren – die Sätze stimmten trotzdem nicht. 

Wahr sind dagegen zwei Dinge. Erstens: Zakhar und Neqew sind nichts Absolutes. Es sind Tendenzen. Was ist absolut wild oder absolut beschützend? Nichts! Und wie sieht ungestüm oder sanft überhaupt aus? Genesis beschreibt zwei unterschiedliche Tendenzen sich zu verhalten, es definiert keine Kategorien des Seins.

Und zweitens: Jeder und jeder von uns ist emotional, geistig und körperlich eine Mischung aus zakhar und neqew: Wir sind wild, ungestüm und laut, oder sanft und leise und trotzdem wild und frei. Wir sind leise, aber dabei klar und fordernd. Oder hart, klar und dabei trotzdem sanft und beschützend. So (und durch zahlreiche andere Faktoren) entsteht unsere wunderbare Vielfalt an Persönlichkeiten.

XXY

Doch letztendlich – und das ist jetzt gar nicht mehr romantisch – werden diese Eigenschaften maßgeblich von den Hormonen Östrogen und Testosteron mitbestimmt, die aufgrund der Erbinformationen, featuring X- und Y-Chromosom, bereits vom frisch entstandenen Fötus produziert werden. XX lässt Östrogen in rauen Mengen entstehen, XY vor allem Testosteron. Letzteres sorgt dafür, dass aus den Genitalanlagen Penis und Hoden entstehen, Östrogen lässt sie zu Eierstöcken und Vagina werden, dazu entwickelt sich die Gebärmutter. Und weil die Hormone auch das Verhalten bestimmen finden wir bei den Menschen, die wir Frauen nennen, viel mehr neqewische Tendenzen als bei bei denen, die wir Männer nennen (und anders herum).

Das also ist das Geheimnis von Mann und Frau: die Geschichte von zwei unterschiedlichen Prinzipien, die Welt zu erleben und zu prägen, die in jeder Person in einer einzigartigen Mischung präsent sind und die in den zwei unterschiedlichen anatomischen Varianten des Menschen kumulieren, die wir „Mann“ und „Frau“ nennen.

Aber auch wenn Männer anatomisch im wahrsten Sinne des Wortes zakhar „verkörpern“, weil sie bei der Fortpflanzung eindringen und abgeben und Frauen im wahrsten Sinne des Wortes neqewa  „verkörpern“ weil sie aufnehmen, empfangen, beschützen, das Empfangene und das Eigene zusammenführen und das gemeinsame neue Leben in sich tragen, bedeutet das keinesfalls eine Festlegung oder auch nur ein Rückschluss auf die Persönlichkeit – und vor allem nicht darüber, wie eine einzelne Person zu sein hat, um eine „richtige Frau“ oder ein „richtiger Mann“ zu sein. 

Echte Männer und richtige Frauen

Es gibt Frauen, die eher zakharisch aussehen und einen zutiefst neqewischen Charakter haben. Es gibt Frauen, die eher zakharisch aussehen und einen sehr zakharischen Charakter haben. Es gibt Männer, die sehr neqewisch aussehen und auch so fühlen. Und so weiter. Es gibt auch Menschen, die körperlich zakharische und neqewische Anteile vereinen – die zum Beispiel Vagina und Penis haben. Und es gibt Menschen, die körperlich Frauen sind, aber ausgeprägt zakharisch fühlen und das als starke Diskrepanz empfinden. Sie sehnen sich deshalb, auch körperlich ein Mann zu sein, um diese Diskrepanz aufzulösen. Wir sehen: Es gibt jede nur erdenkliche Möglichkeit und Variation – was übrigens das ist, was manchmal als „Die Genderleute wollen tausende Geschlechter einführen“ durch kleingeistige Medien spukt.

Wahr ist dagegen: Es gibt keine „richtigen Männer“ und keine „richtigen Frauen“, sondern nur wunderbare, wertvolle und von Gott geliebte Menschen mit einer ganz individuellen Mischung aus zakhar und neqewa – denn so hat Gott uns geschaffen, sagt Genesis. Nicht plump als „Mann“ und „Frau“.

Wenn also christliche Theologie oder irgendwer sonst sagt: (richtige) Männer sind wild, ungestüm, fordernd, aktiv, hart, erobernd, laut und (richtige) Frauen sind sanft, weich, beschützend, passiv, abwehrend, leise und beide hätten ihre entsprechenden Rollen (gerne verbrämt als „Gaben“) in Gemeinde, Familie und Gesellschaft zu spielen, dann scheint mir das grob an der Intention des Schöpfers vorbei gedacht.

Lasst uns lieber die wunderbare anatomische und emotionale Vielfalt feiern, die der Schöpfer in seine Schöpfung gelegt hat und aus der unsere Welt besteht. Ohne zu werten. Ohne zu verurteilen. Ohne zu belächeln. Jede einzelne Person ist von Gott geliebt und individuell befähigt. Alles was wir tun müssen ist, dieser Individualität Raum zur Entfaltung zu geben. Das ist unser Auftrag als Geschöpfe.

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