Ein bildhübsches, klassisches Ehepaar – auf den ersten Blick: Sie lernen sich bei Facebook kennen, heiraten, sie nimmt seinen Nachnamen an, sie streiten über Socken auf dem Boden. Sie lieben sich heiß und innig, träumen von einer Familie mit Kindern und feiern die Ehe als das Beste, was ihnen passieren konnte.
Doch wer den beiden zuhört, wenn sie ihre Geschichte erzählen, merkt schnell: Hier stimmt etwas nicht. Sie sagen Sätze wie: „Gott würde nie eine Verbindung zwischen Leuten wie uns segnen“ und „Alle 21 Stunden wird jemand wie wir irgendwo auf der Welt ermordet“.
Tiq und Kim sagen das, weil die beiden Mann und Frau sind, aber es nicht immer waren: Tiq ist als Mädchen geboren worden, fühlte sich aber nie so und oszillierte als Kind und Jugendliche zwischen den Geschlechterrollen, was zu noch mehr Verwirrung und Unsicherheit in ihrem Umfeld und bei ihm selbst führte. 2007 begann er die Umwandlung ihres Körpers. Nun ist er ein Mann „aus eigenem Entschluss“, wie er stolz sagt. Und ein sehr glücklicher.
Auch Kim wurde als Mädchen geboren – und ist heute (immer noch) eine glückliche Frau. Das macht sie nicht „natürlich“ oder „normal“, betont sie, sondern es ist einfach einer der vielen unterschiedlichen Wege, wie Menschen existieren.
Sie identifiziert sich als eine queere Frau, was einfach nur bedeutet, dass sie sich nicht auf ein bestimmtes Geschlecht bei der Wahl ihrer Liebespartner beschränkt. Sie liebte schon bi und lesbisch und heiratete nun letztendlich einen transgender Mann. Queer zu sein umfasst für sie all die unterschiedlichen Schichten ihrer Persönlichkeit und ihrer Liebe zu anderen Menschen. Schichten, nicht Brüche, das ist ihr wichtig.
Beide haben wegen ihrer Andersartigkeit zum Mainstream schon viel Ablehnung und Gewalt in ihrem Leben erfahren. Und ganz besonders schmerzt mich, dass es gerade auch die Christen als die vermeintlichen Vertreter der Liebe waren, die ihnen diese Ablehnung zufügten. Gott würde nie eine Verbindung zwischen uns segnen, sagen sie und meinen: Kein Christ hat uns je so akzeptiert, wie wir sind, und uns fühlen lassen, dass Gott jeden Menschen liebt, wie er ist.
Dabei gibt es von queeren Menschen so viel zu lernen!
Zum Beispiel, mit den eigenen Schwächen ganz ehrlich zu sein und miteinander so achtsam umzugehen, dass wir einander nicht verletzen, selbst wenn unserer Gegenüber anders ist als wir. Vielmehr: gerade, wenn unser Gegenüber anders ist als wir.
Wer würde ernsthaft behaupten, etwas anderes wäre besser? Oder jesusmäßiger? Aber wie berühmt sind Christen für solch eine Achtsamkeit? Nicht sehr, fürchte ich…
Definitiv jesusmäßig ist die „Goldene Regel“: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst. Doch bedeutet das konsequent zu Ende gedacht nicht, dass wir uns selbst zum Maßstab dessen machen, wie Menschen behandelt werden sollten, fragt Kim.
Ein solcher Gedanke wird allen fremd vorkommen, die nicht in erster Linie im Blick haben, wie andere Menschen sich fühlen, sondern denen die Bewahrung der (ihnen bekannten) Ordnung besonders am Herzen liegt. Aber trifft Kim nicht einen wichtigen Punkt?
Denn auch Auge um Auge war ein großer, alttestamentlicher Fortschritt gegenüber dem damals üblichen Ich brenne dein Dorf ab und töte deine Familie, wenn du mir etwas klaust. Doch Jesus gibt sich damit nicht zufrieden. Er geht weiter und mutet seinen Zeitgenossen viel mehr zu: Wenn dir jemand auf die linke Wange schlägt, halte ihm auch die rechte hin.
Genauso war Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! zweifelsohne ein großer Fortschritt gegenüber dem machohaften Egoismus der Antike und es ist auch heute noch ein Mindeststandard, den viele Menschen nicht erreichen. Aber können wir ewig dort stehen bleiben?
Inzwischen ist die Welt doch weiter entwickelt und viel komplexer. Und ich glaube auch reifer – trotz Trump, Erdogan, Putin, Geerd Wilders und der AfD. Ist es deshalb nicht nur konsequent (und jesusmäßiger), heute den nächsten Schritt zu gehen? Behandle andere so, wie sie selbst behandelt werden wollen.
Was bedeutet: Wir müssen nachfragen, miteinander ins Gespräch kommen und ehrlich zueinander sein. Das ist anstrengend. Aber es ist auch richtig schön. Und ist es nicht genau dieser Mangel an Gespräch und ernsthaftem Interesse am Ergehen des Anderen, an dem unsere komplexe Welt am meisten krankt?
Einsichten wie diese entstammen einer ehelichen Verbindung, an die vermutlich viele unserer klassischen Ehen nicht einmal ansatzweise heranreichen. Weder in ihrer Leidenschaft füreinander, noch in ihrer Begeisterung für die Institution Ehe, noch in ihrem stetigen Streben nach dem Wohl und der Freiheit des Anderen, noch in ihrer Ehrlichkeit zueinander und ihrer Ehrlichkeit nach außen über ihre eigenen Unzulänglichkeiten als Personen und als Paar (denn oh Wunder, auch bei den beiden ist nicht alles so glamourös, wie es auf der Bühne scheint – aber sie verstecken es auch nicht).
Unser Ausgangspunkt war es nie, wie wir uns als Paar in unserer Unterschiedlichkeit zusammenraufen sollen, sagen die beiden. Sie fragen einander stattdessen: Was sind deine Träume und wie kann ich dir helfen, sie zu erreichen?
Wenn das nicht jesusmäßig ist – was dann?
Gott würde nie die Verbindung zwischen uns segnen, sagen Tiq und Kim. Und doch strahlt von ihrem Leben so viel mehr Liebe aus als von unseren durchschnittlichen protestantischen, pietistischen, charismatischen oder katholischen Ehen.
Wer Tiq und Kim zuhört, wenn sie ihre Geschichte erzählen, der merkt schnell: Mit diesen Menschen stimmt alles.
Die allerdings, die ihnen den Bund fürs Leben verweigern und abschätzig auf sie herabsehen – aus welch hehren geistlichen Beweggründen auch immer -… an deren Einstellung stimmt vielleicht etwas nicht.
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