Es ist schon ein paar Tage her, dass die Meldung durch die Weltpresse ging: Die 29-jährige Brittany Maynard hat Sterbehilfe in Anspruch genommen. Anfang des Jahres war sie mit der Diagnose „inoperabler Hirntumor“ konfrontiert worden, die Ärzte gaben ihr ein halbes Jahr zu leben. Sie hatte damals entschieden, ihrem Leben ein Ende setzen zu wollen, bevor die Symptome so stark werden, dass sie nicht mehr zurechnungsfähig ist. Sie wollte ein Ende in Würde, so ihre Worte.
Sie war nach der Diagnose von Kalifornien nach Oregon gezogen, wo Sterbehilfe legal ist, und hatte sich die benötigten Medikamente vorsorglich von einem Arzt verschreiben lassen. Dann hatte sie sich zusammen mit ihrem Mann und ihren Eltern noch einige Lebensträume erfüllt: Kajaken mit der besten Freundin, Yellowstone mit der Familie besuchen, den Grand Canyon sehen. Vor drei Wochen kündigte sie dann an: Am 1. November werde ich sterben. Und an diesem Tag nahm sie dann tatsächlich die tödliche Medizin im Kreise ihrer Lieben selbst ein.
Ihr Tod hat weltweit Reaktionen ausgelöst – vielfach negativ. Sogar der Vatikan fühlte sich bemüßigt, ihre Tat zu verurteilen. Suizidbeihilfe sei absurd, weil sie nichts mit Würde zu tun habe. Ein Bischof sprach aus, was viele denken: Hinter assistierter Selbsttötung verberge sich der Wunsch moderner Gesellschaften, nicht für die Kosten der Gesundheitsversorgung Schwerkranker aufzukommen.
Gerade diesen Einwand gegen assistierten Suizid kann ich gut nachvollziehen: Dieser gesellschaftliche Druck, der auf Ältere und Kranke subtil ausgeübt werden könnte, sollte sich Sterbehilfe einbürgern. Die Frage, die dahinter steht, ist: Wann ist Leben lebenswert? Ist es ein seniler, geistesabwesender, sich selbst einnässender Opa wert, weiterzuleben und die Gesellschaft Geld zu kosten? Oder ein geistig schwer behindert geborenes Kind? Wenn wir an diesen Stellen anfangen, über diese Frage zu urteilen, dann kommen wir freilich ganz schnell in Teufels Küche. Ein solches Urteil steht uns ganz einfach nicht zu.
Bei Brittany Maynard aber liegt der Fall ein wenig anders. Sie war bei klarem Bewusstsein, als sie ihre Entscheidung traf. Auch schielte keine Familie auf ein Erbe und keine Gesellschaft hätte lange für ihre Pflege aufkommen müssen. Sie fällt total aus dem Raster der Kritiker. Vielleicht löst ihr Fall auch deshalb so starke Reaktionen aus. „Ich will nicht sterben, aber ich sterbe. Und ich will so sterben, wie ich es für richtig halte“ gab sie zu Protokoll. Ein Mensch der in Würde sterben will und – ja – vielleicht auch niemandem unnötig zur Last fallen möchte.
Ist Leben nur gesund und bei Bewusstsein wert, aufrecht erhalten zu werden? Ich kann und will das nicht entscheiden, schon gar nicht pauschal. Aber mir fällt es schwer, Brittanys Entscheidung zu verurteilen. Wenn ein Mensch nicht unheilbar und ohne klaren Verstand vor sich hin vegetieren will, möchte ich das respektieren. Ebenso, wenn er nicht bewusstlos und ohne Hoffnung auf Änderung an Maschinen hängen will, die ihn nur (und nur) darum am Leben halten, weil der medizinische Fortschritt das heute eben kann. So erfreulich dieser Fortschritt ist, so richtig ist es auch, dass viele als unwürdig empfundene Situationen heute nur deshalb überhaupt da sind, weil die Medizin die Menschen länger am Leben halten kann und es tut. Noch vor 100 Jahren wären es vielfach gar nicht so weit gekommen. Ob das gut oder schlecht ist, muss (und darf nur) jeder individuell für sich beurteilen.
Die Theologen haben schon immer darum gestritten, ob Selbstmord Sünde ist oder nicht. Ich finde, Sterbehilfe ist noch ein wenig anders gelagert. Während Selbstmörder üblicherweise aus einer extremen emotionalen Drucksituation heraus ihrem Leben ein Ende setzen (und das oft – nicht immer – durch ein besseres Auffangen durch die Gesellschaft und das direkte Umfeld vermieden werden könnte), geht es hier um schwerkranke Menschen, die wissen, dass sie bald sterben. Um die Art dieses Sterbens geht es ihnen. Das in Würde zu tun, dazu hat meiner Meinung nach jeder Mensch ein Recht. Und was würdig zu sterben heißt, auch das hat jeder selbst das Recht zu definieren. Das ist vielleicht für eine Gesellschaft besonders schwer zu akzeptieren, die ein ungeklärtes Verhältnis zum Tod hat, die diesen sogar mehr fürchtet, als unzurechnungsfähig, sabbernd und brabbelnd vor sich hin zu existieren. Die Herausforderung der Zukunft wird es sein, diese sabbernden und brabbelnden Menschen mit aller Liebe, Geduld und Hingabe zu pflegen – und trotzdem anderen Menschen zu erlauben dafür zu sorgen, dass ihr eigenes Leben so nicht endet.
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