Ja, ich weiß, wir haben Pfingsten und nicht Ostern. Trotzdem will ich heute mal diese Frage stellen angesichts einer Ungereimtheit, die mir im Zusammenhang mit den letzten Worten Jesu am Kreuz immer wieder auffällt: Nämlich die Behauptung, Gott habe Jesus am Kreuz tatsächlich verlassen.
Wir alle kennen die Worte, die Jesus am Kreuz kurz vor seinem Tod ausstieß: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wenn über diese Stelle gepredigt und gesprochen wird, dann häufig mit diesem Bild im Kopf: Gott musste sich in diesem Moment tatsächlich von Jesus abwenden, weil Gott heilig ist und keine Gegenwart von Sünde ertragen kann, aber in diesem Moment alle Sünde der Welt auf Jesus geworfen war. Heiliger Gott und Sünde, das verträgt sich nicht, so heißt es dann. Deshalb musste Gott sich in diesem Augenblick sogar von seinem Sohn abwenden.
Die Sühnetheologie braucht diesen Moment als den Augenblick des großen Zornes Gottes, der sich in dieser Sekunde an seinem Sohn entlädt (und ihn tötet) und damit alle anderen Menschen verschont – zumindest die, die diesen „Blitzableiter“ für sich „im Glauben in Anspruch nehmen“.
Aber daran stört mich etwas: Die Gelehrten aller Couleur sind sich einig, dass Jesus da den Anfang des 22. Psalms zitiert und damit gemäß dem damaligen Usus den ganzen Psalm meint. Vielleicht hat Jesus auch den ganzen Psalm gebetet und die Evangelisten wollten nicht den kompletten Text aufschreiben, den eh jedes jüdische Kind auswendig kannte. Und in der Tat finden sich in diesem Psalm einige erstaunliche Parallelen zu Jesu Situation: Da sind die Feinde, die den Psalmbeter umringen, sie verspotten ihn und fordern ihn auf, sich von Gott helfen zu lassen, denn der habe doch „gefallen an ihm“. Sie durchbohren seine Hände und Füße und würfeln um seine Kleider. Der Psalm 22 scheint maßgeschneidert zu sein auf die Situation von Jesus am Kreuz.
Und der Psalmbeter ruft nach Leibeskräften zu Gott und klagt ihn an, warum er nicht hilft und sich vor ihm verbirgt. Soweit so gut – bisher passt das Bild.
Doch dann wendet sich das Blatt: Ab Vers 22b (wer die völlig unsinnige Verseinteilung dieser Sätze im 15. Jahrhundert machte muss mit seinen Gedanken gerade irgendwo ganz anders gewesen sein) erkennt der Psalmbeter plötzlich: Gott hat mich gar nicht verlassen! Ich fühlte mich nur verlassen. In Wirklichkeit aber hat Gott mich erhört! Klipp und klar heißt es in Psalm 22,25:
25 Denn er hat nicht verachtet noch verabscheut das Elend des Elenden, noch sein Angesicht vor ihm verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er.
Wenn es also wahr ist, dass Jesus da am Kreuz nicht nur losgelöst von allem diesen Satz sagte, sondern damit tatsächlich den Psalm 22 zitierte (dafür spricht der Inhalt des Psalms und auch, dass es damals nach allem was wir wissen im Judentum absolut üblich war, Psalmen nur mit dem ersten Satz zu zitieren), dann heißt das auch klar: Gott hat Jesus nicht verlassen, als er am Kreuz hing.
Das passt ja auch gar nicht zusammen mit dem Jesus, den wir sonst kennen: Der in die schuldige Welt kommt, in fragwürdigen Verhältnissen groß wird, das religiöse Establishment meidet und sich immer mitten unter den Ausgestoßenen und Sündern aufhält. „Wer mich sieht, sieht den Vater!“, sagt Jesus. Und wenn wir das ernst nehmen, dann ist es Gott, der den Kontakt mit den Sündern und den sündigen Verhältnissen nicht scheut, ja der ihn sucht, der sich die Finger dreckig macht und überhaupt mit seiner Menschwerdung mitten in die Sünde eintaucht. Und dieser Gott soll Sünde plötzlich nicht mehr aushalten können und sich von seinem Sohn abwenden müssen? Da stimmt doch was nicht…
Ist es nicht vielmehr das Wunder, dass Gott am Kreuz nicht der Sünde ausgewichen ist? Dass er sich dem sündigen Tun der Menschen völlig unterworfen hat? Liegt nicht gerade darin die Erlösung, dass Gott seinen Peinigern – obwohl sie an einem Unschuldigen schuldig werden – ungefragt vergibt? Dass Jesus nicht Legionen von Engeln ruft, um ihn zu befreien, dass er nicht zurückschlägt, sondern das macht, was er von uns Zeit seines irdischen Lebens verlangt hat: Die andere Wange hinhalten, die zweite Meile mitgehen, demjenigen, der vor Gericht um das Hemd streitet, auch noch den Mantel geben? Ist es nicht das, woraus wir leben – die Gnade Gottes?
Mir ist bewusst, dass dieses „Verlassensein Jesu“ am Kreuz eine wichtige Säule der Sühnetheorie ist, also der Vorstellung, dass Gott wegen seiner Heiligkeit Sünde sühnen muss, aber gleichzeitig nicht mit Sünde in Berührung kommen kann und diese Strafe aus Liebe zu uns dann an seinem Sohn am Kreuz vollzieht, quasi als Substitut, damit dem Gesetz, dass für Sünde den Tod fordert, genüge getan ist, Gott heilig bleibt und die wirklich Schuldigen (also wir) trotzdem verschont werden, wenn wir dieses Substitut annehmen. Klassische Sühnetheologie eben. Und für viele Christen das Zentrum des Evangeliums.
Deshalb würde mich interessieren, wie ihr diese Sache mit dem Verlassensein Jesu seht: Verstehe ich das so richtig? Stehe ich völlig auf dem Schlauch? Übersehe ich etwas? Kann es doch sein, dass Gott Jesus am Kreuz verlassen hat, obwohl der von Jesus zitierte Psalm genau das Gegenteil sagt? Ich würde mich freuen, eure Erklärung dafür zu lesen.
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