Warum ich nicht mehr (1): …den Begriff „Suchende“ verwende

In den vergangenen Jahren hat sich mein Glaube verändert. Das sollte nichts Ungewöhnliches sein. Es ist gut, wenn wir uns weiter entwickeln. Nicht umsonst erbleicht Brechts Herr K., als ihm bei einem Wiedersehen attestiert wird: „Sie haben sich gar nicht verändert!“

Veränderung und Wachstum gehören zum Leben, ja sind sogar seine Kennzeichen. Ohne Veränderung gleichen wir einem Stein, der ewig vor sich hin liegt und je nach Größe und Beharrungsvermögen zum Spielball der Naturgewalten und lebendigen Organismen wird oder einfach im Weg ist.

Verändert hat sich in dieser Zeit nicht nur meine grundsätzliche Sicht auf viele Dinge, ich tue und sage auch einiges anders als früher. Oft sind es nach außen nur subtile Veränderungen, die am Ende des Tages aber doch einen großen Unterschied machen. Dinge, die mir zuvor selbstverständlich waren und bei denen es manchmal gar nicht einfach ist, den alten Mustern zu entkommen.

In einer kleinen Serie möchte ich einige dieser Punkte mit euch teilen. Als erstes: Ich verwende den Begriff „Suchende“ nicht mehr.

Ich denke, Willow Creek hat den Begriff im deutschen Sprachraum eingeführt oder zumindest recht populär gemacht. Die „seeker friendly services“ der Megachurch aus Chicago woll(t)en 30 Jahre lang besonders Menschen ansprechen, die noch keine Christen waren. Das Anliegen war ein Gutes und es hat auch viele deutsche Christen aus ihrem klerikalen und selbstzufriedenen Tiefschlaf wachgerüttelt. Jesus hatte eben eine Mission, und die lautete nicht: Gebäude bauen und Spenden sammeln, sondern: Immer neue Menschen mit der Liebe Gottes berühren. Das erreicht man nicht, indem man wartet, bis jemand seine Nase in ein ihm unbekanntes Gebäude steckt, in dem es mieft.

Der Begriff hatte also viele positive Folgen. Gleichzeitig aber ist er Ausdruck einer Weltsicht, die Menschen in klare Lager einteilt: Auf der einen Seite die „Suchenden“, die umherirren wie Schafe. Auf der anderen Seite die Christen, die offensichtlich nicht mehr suchen, die „es“ also gefunden haben und damit genau wissen, wohin die „Suchenden“ gehen müssen, um zu finden. Das ist lieb gemeint. Aber damit verbreitern wir gleichzeitig jenen Graben, von dem wir hoffen, dass ihn der „Suchende“ durch sein Finden überspringt. Genau genommen schaffen wir diesen Graben erst. Denn wir definieren, was jemand gefunden haben muss, um nicht mehr „Suchender“ zu sein. Wir haben die Wahrheit und unser Auftrag ist es, sie den Suchenden mitzuteilen.

Jesus hat uns aber nicht aufgefordert, Menschen zu Wissenden zu machen. Er hat uns nicht aufgefordert, den Kreis der „Eingeweihten“ zu vergrößern. Er hat uns aufgefordert, Menschen zu seinen Jüngern zu machen. Wörtlich: Zu seinen Schülern zu machen.

Rabbinische Schüler zur Zeit Jesu folgten ihrem Rabbi, hörten ihm zu, diskutierten und lernten jeden Tag Neues. Sie beobachteten, wie ihr Rabbi handelte und versuchten, ebenso zu handeln. Sie folgten einem Rabbi nach, weil sie Antworten auf die tiefen Fragen des Lebens suchten. Aber während sie Schüler waren, waren sie niemals selbst Rabbis.

Die Unterscheidung zwischen „Christen“ und „Suchenden“ impliziert lauter kleine Rabbis auf der einen Seite des Grabens, die den unwissenden Suchenden zum Überqueren desselben verhelfen wollen, müssen oder glauben, zu müssen. Diese Attitüde finde ich bei Jesus nicht: Er fordert seine Schüler auf, andere ebenfalls zu Schülern zu machen. Sie unterscheiden sich nicht voneinander: Schüler beobachten, lernen, entwickeln sich, immer auf der Suche nach den Antworten auf die Fragen des Lebens. Dafür folgen sie ihrem Lehrer nach. Christen sind Schüler Jesu, nicht Rabbis Gottes. Christen sind Suchende. Und deshalb ist es Unsinn, Menschen in Abgrenzung zu Christen als „Suchende“ zu bezeichnen. Im Grund ist es sogar ziemlich arrogant. Denn es hebt Christen in die Rolle von Rabbis – eine Rolle, die uns nicht passt.

Ehrlicher wäre anzuerkennen, dass wir mit allen Menschen im gleichen Boot sitzen, die auf dieser Suche sind: Juden, Moslems, Atheisten, Bert Brecht, Thomas D. Was uns zu Christen macht ist, dass wir uns dabei an Jesus Christus orientieren, dass wir ihm nachfolgen. Wir glauben, dass er die richtigen Antworten hat, die Antworten, die uns weiter bringen, Gott und die Tiefen des Seins besser erkennen lassen. Wir glauben, dass er der Sohn Gottes ist und deshalb eine ganz besondere Rolle spielt. Aber nur weil wir auf unserer Suche Jesus nachfolgen macht uns das noch nicht zu Menschen, deren Suche zu Ende ist. Vielleicht fängt sie mit der Entscheidung, Schüler Jesu zu werden, gerade erst an, nimmt Fahrt auf und wird aufregend.

Aber wir sind und bleiben Suchende und könne andere nur einladen, mit uns bei Jesus in die Schule zu gehen. Mit allem anderen schließen wir uns aus dem lebenslangen Lernprozess aus, dem Lernen dessen was und wie Gott ist und was unsere Berufung auf dieser Welt ist.

Ob ein Leben aus ewigem Suchen nicht irgendwann depressiv macht, fragt jetzt der schon längst selbst Depressive. Nein, denn selbstverständlich finden wir ja immer wieder Neues. Und erkennen immer mehr und lernen dazu. Nach unseren ersten Funden aber davon auszugehen, dass wir alles gefunden und erkannt haben (nach welchem denn genau?), macht uns hart und leblos, wie ein Stein. Und dabei lädt uns Jesus ein, als Christen Teil eines lebendigen Organismus zu sein, der wächst und sich verändert: dem Leib Christi, der Kirche. Kirche? Ich weiß, nicht gerade der Inbegriff für Veränderung, Dynamik und Lernbereitschaft. Höchste Zeit, das zu ändern…

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