Vor einiger Zeit hatte ich einen Artikel über den verlorenen Sohn geschrieben, den ich diese Woche als Grundlage für einen Impuls in der Presbyteriumssitzung verwendete. In der Diskussion erwähnte jemand, dass der Sohn ja nicht das Vermögen des Vaters verprasst hatte. Da merkte ich, dass ich das Gleichnis Zeit meines Lebens falsch gelesen hatte.
Der Sohn muss zu Kreuze kriechen und der Vater vergibt ihm – grob zusammengefasst war das für mich die Story aus Lukas 15. Ganz automatisch war ich immer davon ausgegangen, dass der Sohn etwas Böses getan hatte. Dass er das Geld des Vaters durchgebracht und damit den Vater völlig enttäuscht hatte. Dass er sich im Grunde des Diebstahls oder wenigstens der Veruntreuung schuldig gemacht hatte.
Konsequenterweise hatte ich in meinem Artikel auch vier verschiedene mögliche Szenarien beschrieben, in denen immer die Schuld im Mittelpunkt stand, die beseitigt, abgearbeitet oder vergeben werden muss. In diesem Licht habe ich immer das ganze Gleichnis gelesen und verstanden. Da in den Kommentaren zum Artikel keiner daran Anstoß genommen hat vermute ich, dass es vielen so geht.
War der verlorene Sohn in Sünde gefallen und dann zum Vater zurückgekehrt, weil ihn sein schlechtes Gewissen plagte? Weil er ahnte, dass er etwas falsch gemacht hatte? Und hat der Vater ihm dann seine Schuld freimütig vergeben? Ist das die Moral der Geschichte?
Versagen
Wenn man die Erzählung Jesu einmal versucht, ganz frisch zu lesen, ohne die über viele Jahre eingeprägten Bilder und Deutungen im Kopf, dann muss man feststellen: Der Vater hat seinen Sohn ausgezahlt und was der anschließend verprasst hat war nichts anderes sein eigenes Vermögen. Ja, das war sicher nicht klug und ja, er hat mit seinem Verhalten wohl Mist gebaut – denn für die über das Land hereinbrechende Hungersnot war er nicht gerüstet. Aber hatte er etwas unrechtmäßiges getan? Hat er den Vater bestohlen? Hat er gegen ein Gesetz verstoßen? Nein. Nicht einmal einen Auftrag vom Vater hatte er, dem er untreu geworden wäre. Er hat einfach nur das Leben in vollen Zügen genossen, ohne vorzusorgen, ohne an Morgen zu denken. Aber Schuld? Selbst die Huren, mit denen er angeblich sein Geld durchgebracht hat, entpuppen sich bei genauem Hinsehen lediglich als wilde Vermutung des älteren Bruders. Der junge Sohn war einfach ein Lebemann.
Die Schlagworte aber bleiben bei uns hängen und erzeugen schnell das Bild des „sündigen“ Jünglings, der in zwielichtigen Etablissements ein und ausgeht. Das Wort „sündigen“, das leider in allen Übersetzungen verwendet wird, führt uns hier aber auf die falsche Fährte. Das griechische Wort ἥμαρτον entspricht zwar tatsächlich dem, was wir mit „sündigen“ übersetzen, bedeutet aber zunächst einmal so etwas wie „Ich habe versagt“, „Ich bin den Erwartungen nicht gerecht geworden“ oder „Ich habe das Ziel verfehlt“. Und das trift es hier besser, weil es hier nicht um Moral geht, etwas, das wir sehr schnell mit „Sünde“ verknüpfen. Der junge Sohn hat Mist gebaut, keine Frage – und so sehr, dass er sich nicht mehr würdig glaubt, weiterhin als Sohn seines Vaters zu gelten. Was er spürt ist das Versagen, mit seinem neu gewonnenen Reichtum weise umzugehen – so wie es der Vater wohl von ihm erwartet hätte. So wie es die Gesellschaft erwartet hätte. Er war ein lausiger Verwalter seines eigenen Lebens.
Dem Vater aber oder irgendwem sonst gegenüber ist er mit seinem Versagen nicht schuldig geworden. Er hat kein Gesetz gebrochen und er hat niemandem etwas weggenommen. Er hat sich einfach nur selbst in Armut und Verzweiflung manövriert. Dementsprechend muss der verlorene Sohn aber auch weder Schuld abarbeiten noch muss ihm vergeben werden. In dem ganzen Gleichnis geht es überhaupt nicht um Schuld. Es geht um etwas ganz anderes: Um Liebe und Gerechtigkeit.
Warum der Sohn nämlich zurückkehrt ist nicht ein schlechtes Gewissen oder ein geläutertes Herz, sondern die blanke Not. Er hat kein Geld mehr, er muss die Schweine hüten und er bekommt nicht einmal ein paar der Schoten, die an die Schweine verfüttert werden. Denn für den neuen Herrn, dem er sich selbst versklavt hat, sind die Schweine wertvoller als der junge Schweinehüter. Die Schweine bringen wenigstens noch Geld. Der Schweinehüter dagegen ist austauschbar. So weit ist er gesunken.
Da – und erst da – denkt der gescheiterte Weltenbummler daran, nach Hause zurückzukehren. Als Sohn hat er keine Ansprüche mehr auf Kost und Logis, dessen ist er sich sicher. Sein Erbe hatte er bereits bekommen – würde der Vater ihn wieder als Sohn aufnehmen, so würde er erneut vom Erbe zehren. Er würde vom Erbteil des Bruders zehren. Es wäre ungerecht und undenkbar. Dass sein Vater ihm Liebe entgegenbringen könnte, die sich über diese vordergründige, materielle Gerechtigkeit erhebt und Dinge möglich macht, die menschliche Konventionen nie zulassen würden, das ist seinem Denken fremd.
Pläne
So schmiedet er Pläne. Er möchte den Vater um Hilfe bitten und sich dessen Hilfe verdienen. Er plant, für Kost und Logis im heimatlichen Hof zu arbeiten. „Vater, ich habe versagt vor dem Himmel und vor dir“, so legt er sich seine Worte zurecht. „Ich bin es nicht wert, dass ich dein Sohn heiße, mach mich zu einem deiner Tagelöhner.“ Er wiederholt die Worte wahrscheinlich immer wieder auf seinem Weg nach Hause, spricht sie vor sich hin, schleift an der Wortwahl, malt sich aus, wie der Vater wohl reagiert. Er ahnt, dass der Vater sofort weiß, was los ist, wenn er ihn in diesen schmutzigen Kleidern sieht. Ist er zornig? Fassungslos? Wird er ihn sich erklären lassen? Was soll er überhaupt erklären? Ist das zu erklären? Solche Dummheit? Will sein Vater so einen Taugenichts wie ihn überhaupt als Arbeiter haben? Wahrscheinlich muss er auch dort die Schweine hüten. Aber der Vater hat seine Arbeiter immer gut behandelt – dort wird es ihm wenigstens besser…
Und dann sieht er auf einmal seinen Vater.
Von Weitem sieht er ihn vor dem Eingang des Hauses stehen. Der Vater blickt in seine Richtung, hält sich die Hand über die Stirn, als ob er genauer hinsehen will. Sein Vater will ihn genauer sehen! Will wissen, ob das tatsächlich sein Sohn ist, der da in Lumpen in der brütenden Hitze den Weg entlang gestolpert kommt. Jemand ruft und zeigt in seine Richtung. Ein Tumult erhebt sich, plötzlich kommen noch mehr Leute zum Haus gelaufen. Eine Gestalt löst sich aus der Gruppe und rennt. Sie rennt auf ihn zu! Der Vater! Mit weit offenen Armen rennt der Vater auf ihn zu, auf seinen ehemaligen Sohn. Seinen Sohn. Ihm sacken die Knie zusammen. Als ihn der Vater erreicht, reißt er ihn hoch, schlingt die Arme um ihn und küsst ihn immer wieder. Der junge Sohn weiß nicht, wie ihm geschieht. Er sieht dem Vater scheu in die Augen, senkt den Blick sofort und versucht, den einstudierten Satz zu sagen: „Vater, ich habe versagt vor dem Himmel und vor dir, ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein…“
Doch der Vater hört ihm nicht zu! Er will ihm nicht zuhören! Er will davon nichts wissen.
Stattdessen ruft er seinen Dienern zu: Bringt die beste Kleidung, neue Schuhe und einen Ring! Schlachtet das gemästete Kalb und lasst uns feiern…! Der Sohn steht mit offenem Mund da. Jetzt ist er fassungslos. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Des Vaters Liebe setzt sich über alle Konventionen hinweg. Über alles, was gesellschaftlich geboten war. Über alles, was Recht war.
Liebe und Neid
Das allerdings sieht auch sein älterer Bruder so. Bei allem was recht ist… Er ist es doch, der treu gewesen war, der nie dem Vater widersprochen hatte, der sich immer penibel an dessen Weisungen gehalten hatte. Er ist es, der ein Fest verdient hätte. Warum ist der Vater so ungerecht und überschüttet den Taugenichts, der sein Vermögen verprasst hatte, mit Jubel und Ehre? Der Taugenichts, der seinen Anteil gehabt und verspielt hatte und nun wieder auf Kosten des Vaters – und letztendlich auf Kosten des großen Bruders – isst und trinkt und feiert?
Das Gleichnis, das Jesus da erzählt, hat in der Tat nichts mit Schuld zu tun. Es erzählt vielmehr von einer großen Liebe, einer Liebe, die jenseits dessen agiert, was sich gehört und was (ge)recht wäre. Die alle gleich behandelt, umarmt und mit Gutem überschüttet, auch wenn sie es gar nicht verdienen. Einer Liebe, die sich über Leistungsdenken und Gehorsamkeit erhebt.
Und es erzählt die Geschichte von Verbitterung, Eifersucht und Neid. Dass der Bruder sauer ist, können wir verstehen, denn was der Vater tut widerspricht unserer Vorstellung von Gerechtigkeit. Wer es vergeigt hat, kann doch nicht einfach wieder bei Null anfangen! Wo bleibt denn da die Strafe, die Konsequenz, die Wiedergutmachung? Wenn das jeder so täte…! Und ich als der, der immer brav war, komme dabei mal wieder zu kurz…
Es ist typisch menschliches Defizitdenken, dass wir nicht das viele Gute sehen, das wir selbst haben, sondern stattdessen neidisch sind auf das, wo es anderen (vermeintlich) besser geht. Gott erliegt – Gott sei dank – dieser Versuchung nicht. Und Jesus möchte den Pharisäern, die sich über Jesu Umgang mit dem Abschaum der Gesellschaft ärgerten, mit dieser Geschichte genau diesen Wesenszug Gottes aufzeigen. Gott liebt die Versager genauso wie die vorbildlichen Frommen. Und sie sollen sich nicht ärgern, wenn Gott diese trotz ihres Versagens als seine Kinder aufnimmt – immer und immer wieder. Denn Gottes Gerechtigkeit ist nicht gerecht. Nicht in einem menschlichen Sinne. Nur in einem göttlichen.
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