Einer der signifikantesten theologischen Differenzen innerhalb der Christenheit ist die Frage nach der „Rettung“, also die Frage, wer ewig im Himmel mit Gott leben darf und wer nicht. Aus der einen, gemeinsamen heiligen Schrift ziehen die verschiedenen Lager ganz unterschiedliche Schlussfolgerungen. Zu einer von Ihnen würde mich Eure Meinung interessieren – unabhängig davon, wie ihr zu ihr steht. Ich würde gerne ganz unvoreingenommen darüber mit euch ins Gespräch kommen – mit allen „Lagern“.
Das wohl zahlenmäßig am weitesten verbreitete Heilsverständnis ist das katholische, das die Zugehörigkeit zur (katholischen) Kirche (vollzogen durch die Taufe) als vorwiegendes Kriterium des Heils bestimmt. Und man kann sich darüber streiten, ob Luthers Heilsverständnis, nämlich allein durch Glauben gerettet zu werden, nun viel weiter oder viel enger ist. Und dann gibt es am Ende der Skala den Universalismus, der von einer allgemeinen Wirksamkeit des Erlösungswerks Jesu für die Menschheit ausgeht und die Frage nach der eigenen Positionierung zu diesem Erlösungswerk in den Hintergrund stellt.
Der schmale Weg
Eines der engsten Heilsverständnisse allerdings ist jenes, welches alle Menschen als verdammt ansieht, die nicht zu ihren Lebzeiten Jesus als ihren persönlichen Herrn und Retter angenommen haben. Sie werden nach dieser Theologie von Gott ewig verstoßen. Dieses Verständnis erfreut sich nach wie vor hoher Beliebtheit, quer durch alle Denominationen. Viele Glaubenskurse und Evangelisationsveranstaltungen werden von dieser Sicht getragen und motiviert.
Die ganz radikalen Vertreter malen den mit der Verdammnis einhergehenden Höllenaufenthalt sehr bildlich als nicht endende körperliche und seelische Qual in einem Feuer, das nie ausgeht und in einem Körper, der zwar verbrennt, aber doch nie stirbt. So zum Beispiel Francis Chan in seinem aktuellen Buch „Hölle“ (Gerth-Medien). Die gemäßigteren Vertreter stellen sich eher eine ewige Finsternis oder Kälte vor, eine Abwesenheit Gottes, was Strafe genug sei. Manche vermuten auch eine komplette Auslöschung der Existenz.
Das Ergebnis aber bleibt immer das gleiche: Nur für den, der bewusst Jesus als Retter anerkennt, kommt Jesu Erlösungswerk zum Tragen, nur der kommt in den Himmel. Als Untermauerung dafür wird gerne Jesu Bild vom breiten und schmalen Weg gewählt, bei dem der breite Weg ins Verderben führt und der schmale Pfad, der nur von Wenigen gefunden wird, zum „Leben“.
Aus diesem Verständnis ergeben sich natürlich Folgen für andere Themen, zum Beispiel das Verständnis von Mission als Aufklärungsarbeit bei Unwissenden: Der Missionar (und auch jeder einzelne Christ) ist Überbringer der rettenden Botschaft, um den Empfänger in die Lage zu versetzen, sich für Jesus zu entscheiden. Ohne diese Möglichkeit wäre er – so die Überzeugung – in jedem Fall verloren. Das macht Mission und Evangelisation lebenswichtig. Über-lebenswichtig.
Ein anderes Thema ist die Konzentration auf eine persönliche Lebensübergabe, welche die Rettung quasi im Gepäck hat (und die dann nach der Überzeugung der meisten Anhänger auch nur noch durch eine ganz bewusste, radikale Abwendung vom Glauben verloren gehen kann). Diese Bekehrung wird gerne als Entscheidungskriterium verwendet, ob jemand dazu gehört oder nicht. So ist die Frage „Ist dein Pfarrer denn Christ?“ eine der häufigsten Fragen, die Landeskirchler von Freikirchlern in ihrem ersten Gespräch zu hören bekommen – explizit oder implizit. Ökumene wird nicht zuletzt deshalb oft nur mit einer kritischen Falte auf der Stirn gelebt.
Und natürlich hat dieses Verständnis auch Konsequenzen im Verständnis von Ethik. Allermeist geht diese Sicht deshalb auch einher mit einem recht engen moralischen Rahmen, vor allem was Sexualität angeht. Wenn der Normalfall die ewige Verdammnis ist und nur wenige gerettet werden, dann ist es umso wichtiger, sich möglichst die Gunst desjenigen zu erhalten, der über die Rettung entscheidet.
Dieses Verständnis ist nach einer bestimmten Lesart der Bibel gerechtfertigt – ja sogar zwingend – und scheint auch mit vielen Passagen aus dem neuen Testament zusammen zu passen. Wenn wir dieses Heilsverständnis allerdings einmal bis zum Ende durchdenken ergibt sich für mich ein sehr krasses Bild, wie wenige Menschen tatsächlich gerettet werden – und wie viele nicht. Meine Frage an euch Vertreter dieser Richtung ist, wie ihr damit umgeht.
Aber mal ganz langsam von Anfang an:

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass der Mensch im heutigen Sinne vor etwa 50.000 Jahren aufgetreten ist. Seitdem haben insgesamt etwa 110 Mrd. unterschiedliche Personen auf diesem Planeten gelebt.

Etwa die Hälfte der je geborenen Menschen hat vor Jesu Geburt gelebt, die andere Hälfte danach. Gemäß des zur Diskussion stehenden Heilsverständnisses konnten die Menschen vor Jesu Geburt sich unmöglich für Jesus entscheiden und ergo auch nicht gerettet werden. Ausnahmen siehe unten.

Es fing mit 12 Menschen an und nach einigen Jahrzehnten waren es einige Zehntausend. Zur gleichen Zeit aber lebten und starben Millionen von Menschen irgendwo auf der Erde, ohne von diesen Vorgängen Kenntnis zu haben. Nehmen wir nur das Beispiel Amerika: Vor dem Jahr 1492 hat noch niemand dort von der Existenz Europas oder Afrikas gehört, geschweige denn von Israel und schon gar nicht von Jesus aus Nazareth.

Darunter fällt fast die gesamte Zeit von etwa 500 bis zur Reformation (und in vielen Gebieten noch weit darüber hinaus – bis heute).

…zum Beispiel aufgrund einer geistigen Behinderung oder einfach, weil sie nur 2 Jahre alt wurden.
Das gilt sowohl für viele zwangschristianisierte und –getaufte Menscher im Mittelalter als auch für heutige Opfer sexuellen Missbrauchs durch Kleriker oder nur einfach für jeden, der negative Erfahrungen mit Gemeinden und Christen gemacht hat.
Der dunkle Bereich unserer Diagramme zeigt auf erschreckende Weise, wie wenige Menschen nach diesem Verständnis überhaupt die Chance gehabt haben, von der Existenz Jesu und seiner Botschaft zu hören: Nämlich nur ein Bruchteil der jemals geborenen Menschen! Und es wird noch drastischer: Davon reagiert, wie jeder aus persönlicher Erfahrung weiß, der schon mal „evangelisiert“ hat, nur eine kleine Minderheit positiv auf diese Botschaft. Nur ein paar davon sind also Christen geworden und haben Jesus ihr Leben übergeben.
Das alles würde bedeuten: Jesu großes Erlösungswerk wäre von vornherein so gestaltet, dass es nur für eine verschwindende Minderheit relevant wäre. Fast alle Menschen, die Gott liebevoll geschaffen hat und deren Haare auf dem Kopf von Gott gezählt sind, würde Gott am Ende in ein ewiges Höllenfeuer werfen, wo sie unendlich gequält werden (oder wahlweise nur in ewiger Kälte sitzen, was nicht substantiell besser ist).
Einspruch
Manche sagen nun: Wer das Evangelium nicht gehört hat, für den gelten doch andere Maßstäbe! Gemäß Römer 1 werden sie nach ihrem Gewissen gerichtet, andere sagen: Nach Matthäus 25 nach ihren Taten. Das gälte sowohl für diejenigen, die vor Jesus gelebt haben (auch Abraham ist ja im Himmel) als auch für unsere Zeitgenossen, die das Evangelium nicht hören konnten.
Wenn allerdings Psalm 14,3 gilt („Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer“, zitiert in Römer 3,12), dann setzt diese Annahme voraus, dass Gott beim Gericht über fast alle Menschen eine gewisse Fehlertoleranz zulassen müsste, denn sonst wäre faktisch jeder Mensch nach ein paar Atemzügen bereits ein sicherer Kandidat für die Verdammnis, richtig?
Wenn diese Ausnahme – die ja eigentlich der Regelfall ist – einen Sinn ergeben soll, dass müsste es für die meisten Menschen darum gehen, ein überwiegend gutes Herz zu haben, ein Mensch mit guten Motiven zu sein oder ein Mensch, der mehr Gutes als Schlechtes tut (wie auch immer man das genau abwägen möchte). Das würde auf den chinesischen Landbauern zutreffen, der seine kärgliche Ernte mit seinen Mitbürgern teilt oder die malawische Eingeborene, die eine liebevolle Mutter für ihre Kinder ist und der selten ein barsches Wort über die Lippen fährt.
Es würde auch gelten für den Deutschen, der sich in der Suppenküche engagiert und generell ein freundlicher, umgänglicher Mensch ist. Außer: Ein Christ erklärt ihm das Evangelium!
Gute Nachricht?
Das würde alles ändern, denn schlagartig müsste er sich entscheiden zwischen ewigem Leben und ewiger Verdammnis, wobei letztere Option ihm bislang ja eigentlich gar nicht gedroht hätte. Das Evangelium wandelt sich damit plötzlich von der guten Botschaft zur schlechten Nachricht, denn entscheidet sich unser Deutscher oder unser Chinese gegen die gerade gehörte Botschaft von Jesu Tod am Kreuz, dann ändert sich sein ewiges Schicksal schlagartig. Denn hätte der Christ ihm nicht von Jesus und der Notwendigkeit erzählt, ihm sein Leben zu übergeben, dann wäre er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in den Himmel gekommen. Nun aber kommt er in die Hölle. Vielen Dank, lieber Christ!
Der letzte Absatz troff natürlich vor Polemik. Genug davon. Ich würde über dieses Thema gerne ganz sachlich mit euch ins Gespräch kommen. Wenn ihr dieses Heilsverständis unterstützt: Kann es sein, dass die Weitergabe des Evangeliums solche Folgen hat? Kann das mit dem Missionsbefehl gemeint sein? Wie erklärt ihr euch, dass Gott den allergrößten Teil der Menschen, die er liebevoll erschafft, von vornherein zum Wegwerfen bestimmt hat?
Aber auch (wenn ihr dieses Heilsverständnis ablehnt): Wie geht Ihr mit den Bibelstellen um, in denen von Verdammnis gesprochen wird? Wie geht ihr damit um, dass Jesus mehrfach klar davon redet, dass einige gerettet und einige ewig verloren gehen? Dass er von Feuer spricht, in das Menschen geworfen werden?
Ich bin gespannt auf eure Sichtweisen…
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