Warum die Jahreslosung 2013 nicht viel mit dem Jenseits zu tun hat

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. – Hebräer 13,14

Was hat die Jahreslosung 2013 eigentlich mit dem Jenseits zu tun, wie es in vielen Auslegungen vorausgesetzt wird? Eigentlich nicht viel. Bevor wir die neue Jahreslosung intuitiv auf den tröstenden Himmel beziehen, lade ich deshalb ein, uns einmal eine völlig andere Frage zu stellen:

Wenn Jesus doch laut Hebräerbrief (aus dem die Losung stammt) das ultimative Opfer in der Tradition und in der Vollendung des Tempelkultes war, warum ist er dann damals nicht schnurstracks in den Tempel marschiert, um sich dort selbst als freiwilliges Opfer auf den Altar zu legen? Wäre das nicht im Sinne des levitischen Ritus konsequenter gewesen? Notfalls hätte er ja auch von erbosten Hohepriestern in einer tumultartigen Szene auf den Opferaltar im Tempel gestoßen werden können, wo er dann statt der Opfertiere qualvoll verbrennt. In jedem Fall als das oberste und beste aller in der Tradition des levitischen Kultes denkbaren Opfer, also dem Gesetz des Mose, das einst dem Volk Israel gegeben wurde als Ordnung für den Umgang mit der Schuld: Nämlich dass Schuld immer gesühnt werden muss, durch den Täter selbst oder aber durch ein stellvertretendes Opfer. Und Jesus wäre dann selbst das beste, weil unfehlbare Opfer, das sich als Reinigung für die Schuld der Menschen hingibt und damit alle weiteren Opfer überflüssig macht. Diese Dramaturgie, ein letzter Showdown im Tempel, wäre durchaus eines großen Planes zur Rettung der Welt würdig gewesen. Auf jeden Fall aber hätte eine letztgültige Selbstopferung des Sohnes Gottes in der Tradition des levitischen Sühnekults und als dessen Höhepunkt und Abschluß irgendwie im Zusammenhang mit dem Opfergeschehen des Tempels stattfinden müssen.

Aber das alles ist nicht passiert. Stattdessen ist Jesus von den levitischen Priestern abgelehnt, verfolgt und auf ihr Betreiben hin von der herrschenden Staatsmacht irgendwo außerhalb der Stadt (und erst recht des Tempelbezirkes) als stinkender Verbrecher hingerichtet worden. War das der Plan? Warum wurde Jesus von den heidnischen Römern hingerichtet statt in einem priesterlichen Akt geopfert, wie es das Gesetz mit Sündopfern vorschreibt? Warum haben die Geschehnisse um Jesu Tod so gar nichts mit dem Tempel und dem dort während des Passahfestes gerade stattfindenden Opferkult zu tun? Und überhaupt: Warum fand der Höhepunkt von Jesu Erlösungs-Mission eigentlich ausgerechnet am Passah-Fest statt und nicht am Jom Kippur, jenem höchsten Feiertag der Juden, an dem es doch eigentlich um die Sündenvergebung geht, an dem der Hohepriester das einzige Mal im Jahr das Allerheiligste betritt und (mit dem Blut eines Opfertiers) Reinigung für die Schuld des ganzen Volkes schafft?

Auf dieses Gewirr an Fragen scheinen unsere Jahreslosung und ihr Kontext eine Antwort zu geben:

Der Schreiber des Hebräerbriefs drückt es in den Versen davor so aus: Es gibt einen Altar, von dem diejenigen nicht essen können, die dem alten Tempelkult anhängen, der Ordnung Levis, dem alten Bund. Diejenigen also, die in der Mechanik von Beseitigung der Schuld durch ein stellvertretendes Opfer verhaftet sind. Diese Mechanik wurde von Gott im Gesetz des Mose eingeführt, ist also an sich nichts Schlechtes. Aber sie ist eine vorläufige Einrichtung gewesen, die nun durch Jesus ihre Erfüllung (und damit ihr Ende) gefunden hat. Sie war lediglich ein Schatten dessen, wie Gott in Wirklichkeit mit Schuld umgeht, so das Urteil des Hebräerbriefs.

Während der Opferfeste (oder auch bei „routinemäßigen“ Opfern mitten im Jahr) essen üblicherweise die Priester und die normalen Leute das Fleisch der Opfergaben, die im Rahmen des Kultgeschehens im Tempel von den Priestern geschlachtet und Gott dargebracht worden sind. Durch die Opferung sollen sie von ihrer Schuld gereinigt werden. Das anschließende Essen des Fleisches entspringt eher praktischen Überlegungen, ist aber auch irgendwo ein Symbol für die Teilhabe an der Kulthandlung.

Das dies alles aber nur eine Zeichenhandlung ist, stellt der Hebräerbriefschreiber schon zuvor klar: Das Blut von Stieren und Böcken kann niemals die Schuld beseitigen, schreibt er. Die Menschen werden durch den ganzen Opfer- und Sühneritus (der Jahrtausende alt ist) nur immer wieder an ihre eigene Schuld erinnert. Eine pädagogische Maßnahme, sozusagen. Denn wenn diese Opfer ein für alle mal wirken würden, so seine Argumentation, dann hätte der Opferkult ja einfach irgendwann eingestellt werden können. Das war aber nicht der Fall. In dem System musste es immer weiter gehen, weil Schuld so nicht beseitigt werden kann, schon gar nicht beständig.

Es gab im levitischen Ritus beim Verspeisen des Opferfleisches aber eine Ausnahme – und auf den weist der Text rund um unsere Jahreslosung hin: Was die Menschen nicht essen durften war das Fleisch der Tiere, deren Blut der Oberste Priester einmal im Jahr am Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag, ins Allerheiligste brachte – zur Versöhnung der Sünden des Volkes. Dieses Fleisch war für Priester wie Volk tabu. Es wurde nach außerhalb der Stadt (früher des Lagers) gebracht und dort verbrannt. Soweit so gut.

Doch jetzt wird es spannend: Ist nicht genau das auch der Ort, wo Jesus gestorben ist – außerhalb der Stadt, fragt der Hebräerbrief. Er, das einzigartige und endgültige Opfer, wurde dort, wo es keiner vermutete, ein für alle mal für die Schuld aller Menschen geopfert: Draußen, außerhalb der Stadt, bei den Ausgestoßenen, auf dem Müllhaufen der Gesellschaft. Dort, wo auch die Opfertiere hinkamen, die im Allerheiligsten für die (kultische) Reinigung der gesamten Schuld des Volkes gesorgt hatten. Die Kreuzigung als verabscheuter Verbrecher, weit weg vom etablierten, offiziellen Tempelkult, war die heimliche Krönung von Gottes Heilsplan. Es wäre nicht das erste Mal, das Gott ziemlich subversiv agiert. Gott liebt es, anders zu handeln, als wir es in unserem Kleinglauben von ihm erwarten.  Anders, aber besser. Warum sollte das bei der Erlösung der Welt von der Schuld anders sein? Durch das Blut des ausgestoßenen Sohnes Gottes wurden wir von aller Schuld gereinigt – vorbei am Tempelkult und doch auf geheimnisvolle Weise ultimativ damit verwoben. Und ganz unfreiwillig waren es dann sogar doch die Priester, die in ihrem Hass dieses Opfer in die Wege geleitet haben.

Jesus sagte: Ich  bin nicht hier, um das Gesetz abzuschaffen, sondern um es zur Vollendung zu führen. Jesus hat das Gesetz und damit den Opferkult nicht aufgehoben, sondern ihm seine eigentliche Funktion in der Geschichte zugewiesen: Nämlich ein Schatten zu sein der eigentlichen Art und Weise, wie Gott mit Schuld umgeht. Diese nämlich muss nicht gesühnt werden, sondern sie wird vergeben. Gesetze werden nicht (mehr) auf Steintafeln geschrieben, sondern in die Herzen. Gott denkt nicht in den Kategorien von Schuld und Sühne, sondern weiß, dass der Mensch fehlbar ist und will nie mehr an die Sünden und bösen Taten der Menschen denken. Denn nur die vergebende Liebe kann Schuld wirklich beseitigen. Deshalb hat sich Jesus auch nicht an Jom Kippur für die Menschen geopfert, sondern am Passah-Fest. Weil es nicht um eine Perfektion (und damit Zementierung) des alten Systems von Schuld und Sühne ging, sondern um die Befreiung aus der Sklaverei eben dieses Systems. Passah ist das Fest der Befreiung aus der Sklaverei. Das Blut des unbefleckten Passah-Lammes wurde an die Türen der Israeliten gestrichen, als Markierung für den Engel des Todes, der in jeder Nacht alle unmarkierten Häuser der Ägypter heimsuchte.

So wie das Blut jenes Lammes für die endgültige Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei des Pharaos steht, so steht das Blut des Lammes Gottes – Jesu Blut – für die endgültige Freiheit vom Gesetz der Sünde und des Todes, wie es Paulus im Römerbrief ausdrückt. Wir sind nun nicht mehr Sklaven (des Gesetzes), sondern Kinder Gottes. Es muss keine Schuld mehr gesühnt werden, sondern das Gesetz von Schuld und Sühne wurde durch Jesus aufgehoben. Der Hebräerbrief macht das an anderer Stelle mit dem Wechsel von der levitischen Ordnung (Gesetz des Mose, Sühne) zur Ordnung Melchisedeks deutlich, dem ersten überhaupt in der Bibel erwähnten Priester. Der kam, nachdem Abraham Lot, dessen Familie und die Bevölkerung Sodoms (!) gerettet hatte, Abraham mit Brot und Wein (!) entgegen und segnete Abraham. Danach gab Abraham Melchisedek den Zehnten seines Besitzes und dem König von Sodom all dessen Eigentum zurück, das Abraham vor den Feinden hatte retten können – obwohl es dem König von Sodom völlig genügt hätte, nur seine Leute zurück zu bekommen. Eine sehr kurze, aber sehr explosive Episode in Genesis 14. Denn sie zeigt eins: Gottes Anliegen ist die Tischgemeinschaft mit uns als seine Kinder, die in der arabischen Welt die höchste Form der Gemeinschaft ist und die er uns schlussendlich in Jesus anbietet – die bessere Wahl für jeden Menschen statt einer ewig unfertigen rituellen Reinigung unserer Schuld.

Die ersten Christen – selbst Juden und mit der ganzen Symbolik aufgewachsen – haben diesen radikalen Perspektivwechsel durch Jesu Tod außerhalb der Tempelmauern natürlich schnell verstanden und verinnerlicht. Deshalb sprachen sie vom Lamm Gottes, das für unsere Schuld geschlachtet sei. Das Lamm steht in der jüdischen Tradition immer zuerst für Passah. Am Jom Kippur, dem höchsten Feiertag des alten Bundes, wurde ein Bock geschlachtet und ein anderer mit der Sünde des Volkes belastet in die Wüste gejagt.  Wenn Johannes der Täufer also über Jesus sagt: „Das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“, dann war das ein erster Angriff auf den Tempelkult und ein erster Hinweis auf den Wechsel vom Jom-Kippur-Blick auf die Sünde zum Passah-Blick auf die Sünde. Ich bin überzeugt: Wenn wir diesen Perspektivwechsel nicht nachvollziehen, dann verstehen wir auch das Erlösungswerk Christi nicht richtig. Seit Jesus wissen wir: Wir sind frei von der tödlichen Mechanik des Sühnekultes. Gottes Blick auf Schuld ist eine andere: Barmherzige Liebe und gütige Vergebung.

Diesen Perspektiv-(oder sagen wir besser: Paradigmen-)wechsel hat unsere Jahreslosung für 2013 im Blick. Die ersten Christen spüren: Das alte System, die Ordnung Levis, das Gesetz, repräsentiert von der Stadt mit ihrem Tempel, ist kein Ort mehr, an den sie ihr Herz hängen können. Der Tempelkultus ist keine Option mehr für sie. Sie wissen: Er war nur ein Zwischenspiel. Die ersten Christen fühlen sich tatsächlich „draußen“, getrennt von einem Herzstück ihres Glaubens und der  ganzen Kultur um sie herum – ihrer Heimatkultur. Aber sie wissen: Es gibt einen neuen solchen Ort. Es ist nicht mehr der Tempel mit seinen Opferaltären darin. Es ist eine Stadt mit einem Tempel, in dem die neue Art und Weise des Umgangs mit Schuld repräsentiert und gelebt wird. Dieser Tempel sind sie selbst, gefüllt mit dem heiligen Geist. Sie, die sie das Reich Gottes auf Erden mitbilden und mitbauen. Dort will Gott wohnen. Eine neue Freiheit von Schuld, die noch im Wachsen begriffen ist, die sie wie durch einen halbblinden Spiegel sehen. Sie verstehen nicht alles. Vieles ist nicht klar. Doch sie sind unterwegs. Und wir mit ihnen. Wir erleben wie auch die ersten Christen, dass Gottes Gesetz in unsere Herzen geschrieben ist. Das ist das neue Testament mit dem Blut des Lammes, das geopfert ist – zur Erlösung von der Schuld. Wie damals, beim Exodus aus Ägypten. Und auch vor dem Volk Israel lag damals ein langer Weg.

Zum Weiterlesen:

Hebr. 8,5; 10,1; 10,16.17; 13,14 ; 10,3.4.14
1.Korinther 13,12
Röm 8,2ff
Mt. 5,17
Psalm 103
Gen 14,17-20

Bild: IguanaJo@flickr

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