Von harten Kämpfen mit verletzten Herzen, die sich als unnötig herausstellen

Wir überlegen in unserer Gemeinde mal wieder, die Orgel zu verkaufen. Als wir das vor Jahren schon mal planten, kamen sofort entsetzte Stimmen: Wie sieht nur unsere Kirche ohne Orgel aus? Die Wand wäre ja völlig kahl! Was soll da nur statt dessen hin? So hat sich der Architekt das aber nicht gedacht!

Sicherlich berechtigte Bedenken. Und dann erfuhren wir: Die Kirche hatte ursprünglich gar keine Orgel. Der Architekt hatte sie ohne geplant und eingeweiht. Sie wurde irgendwann später eingebaut. Wir aber haben uns so an sie gewöhnt, dass wir sie für einen unveränderlichen Bestandteil des Gebäudes hielten. Wir können sie uns gar nicht mehr wegdenken. Durch einen Verkauf versetzen wir die Kirche sozusagen wieder in ihren Ursprungszustand zurück, den keiner von uns mehr kennt. Er ist das Original, aber er ist uns fremd.

Eine nette Episode für die Gemeindechronik. Was aber, wenn wir das so auch mit unseren Glaubenstraditionen oder, schlimmer noch, mit unseren Glaubensüberzeugungen machen? Was, wenn wir darauf beharren, diese und jene Position gehöre doch fest zum christlichen Glauben, unverhandelbar! Und wir streiten dafür, verurteilen andere, zerstören Lebensentwürfe und schlagen eine Schlacht… für etwas, von dem wir später einmal feststellen müssen: Es gehört eigentlich gar nicht zum Kern des Glauben. Es hat sich später entwickelt, ist dazu gekommen, war eine Hommage oder gar eine Anbiederung an  eine Zeit, die lange vergangen ist. Ohne diese bestimmte Position wären wir in Wirklichkeit näher am Ursprung des Glaubens, näher an dem, wie Glaube gemeint ist von dessen Architekt – Gott.

Schon bei Vielem sind wir so verfahren: Wir schmunzeln heute darüber, dass wir noch vor 20 Jahren darum kämpfen mussten, Rockmusik zu hören. Heute wird sie im Gottesdienst gespielt. Frauen in geistlichen Leitungsämtern werden selbst in Freikirchen nur noch von wenigen Christen hinterfragt. Wenn sich jemand scheiden lässt, wird er nicht mehr aus der Gemeinschaft ausgestoßen, sondern getröstet. Und wenn er wieder einen Partner findet, freuen sich alle, statt ihm das Abendmahl zu verweigern (ausgenommen die römische Kurie). Und Menschen, die unverheiratet zusammen leben, werden auch nicht mehr aus der Gemeinde geworfen. Das war noch vor 20 Jahren zumindest in Freikirchen durchaus die Regel.

Alles Dinge, um die es harte Kämpfe gab mit vielen verletzten Herzen. Alles Dinge, bei denen man dem Gegner vermeintlich eindeutige biblische Befunde unter die Nase rieb und im Zweifelsfalle mit der Hölle drohte. In Wirklichkeit aber waren (und manchmal auch noch sind) diese Kämpfe die Hölle – zumindest für die Rockmusikhörer, die Frauen mit geistlichen Leitungsgaben, die Geschiedenen und die Verliebten ohne Trauschein.

Allen diesen Themen ist gemeinsam: Die strenge dogmatische Theorie ist irgendwann der praktischen Liebe gewichen, aus dem Anerkenntnis heraus, dass Jesus uns auffordert, sein Reich zu bauen, indem wir die Menschen lieben. Und nicht, indem wir aus ihnen rechtgläubige Befolger des Gesetzes und unserer eigenen Interpretation desselben machen. Und ganz profan auch wegen der gesellschaftlichen Realitäten, die wir als Christen natürlich ganz normal adaptieren, wie wir es schon in allen Jahrhunderten zuvor getan haben. Der böse Zeitgeist, ihr wisst schon. Und weswegen wir heute in unseren Glaubensgebäuden Dinge finden, die wir uns nicht mehr wegdenken können, die zum geistlichen Inventar gehören, und die trotzdem Zeitgeist sind – nur nicht unserer, sondern der vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Nicht mehr viele Themen bleiben nun übrig. Selbst die traditionellsten Christen ahnen inzwischen, dass man die Bibel kaum ernst nimmt, wenn man die Schöpfung der Welt in einen 6×24 Stunden Marathon zwängt oder in Expeditionen nach den Überresten der Arche Noah sucht. Und auch wenn homosexuell empfindenden Geschwistern in den Gemeinden noch selten Liebe und Annahme entgegenweht, so werden auch hier langsam die Fragen lauter, womit dem Reich Gottes und den Menschen mehr gedient ist: Mit der selektiven und damit halbherzigen Durchsetzung von Gesetzestexten (wer wird heute noch gemäß 2. Mose 35,2 getötet, weil er am Samstag arbeitet?). Oder mit dem liebevollen, sanftmütigen, fragenden Ertragen und Mittragen des so völlig anderen.

Dies sind „nur“ die großen Themen – viele kleine gibt es, um die wir täglich miteinander kämpfen. Und es gibt Themen, da lohnt es sich, zu kämpfen. Die Kämpfe der Vergangenheit aber haben viele Opfer gefordert, Leben zerstört, Menschen von Gott weggetrieben. Opfer, die wir im Rückblick bedauern, aber nicht ungeschehen machen können. Ob dies das Reich Gottes vorangebracht hat? Wohl eher nicht. Vielleicht sollten wir bei unseren aktuellen Auseinandersetzungen immer im Blick haben, dass Jesus stets die Liebe zum Anderen höher gestellt hat als das Recht darauf, Recht zu haben.

Bild: thinkstock.com

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