Sexualität war schon immer ein pikantes Thema – gerade im religiösen Kontext. Doch mit „Vulven malen“ und „Schöner kommen“ scheinen viele gar nicht mehr umgehen zu können. Warum nicht? Und geht es auch anders?
Jeder Kirchentag hat seine Programmpunkte, die in konservativen Kreisen Herzflimmern verursachen. In Zelt 13 findet an diesem sonnigen Samstag ein solcher statt: „Schöner kommen – zur Sexualität von Frauen“. Es herrscht reger Andrang. Viele sind da, um dem zu lauschen, über das es im Vorfeld schon viel Gerede gab. Selbst in meiner linksprogressiven Filterblase zeigen Menschen Unverständnis für das Thema. Aber außerhalb meiner Timeline wird sogar mit Häme und Beleidigungen nicht gespart. Manchmal bin ich dankbar für die Kuscheligkeit meiner Bubble.
Dabei gibt es keinerlei Grund dafür, vor diesem Programmpunkt – und vor diesem Thema – Angst zu haben. Zunächst liest die Schauspielerin Ulrike Böhmer feierlich abstrahierte Texte aus dem Hohelied der Liebe. Dann stellt die Filmemacherin Barbara Miller mit kurzen Filmausschnitten Frauen vor, die in ihrer jeweiligen Kultur das Tabu des Schweigens und der Scham brechen. Da ist Leyla Hussein, die mit 7 Jahren genitalverstümmelt wurde und heute für das Recht auf weibliche Lust kämpft. Oder Doris Wagner, die in einem katholischen Kloster sexuell missbraucht wurde und sich nun dafür einsetzt, das Thema Sexualität aus dem Zwielicht in die Selbstverständlichkeit zu holen. Oder die fröhliche japanische Künstlerin Rokudenashiko, gegen die zurzeit ein Prozess wegen „Obszönität“ läuft, weil sie Gipsabdrücke von ihrer Vulva mit Modelfiguren in kleine Szenen verwandelt – die Atomkatastrophe von Fukushima, zum Beispiel. Zwei Jahre Haft drohen ihr in dem Land, in dem Frauen nur sexy sein dürfen, wenn sie Männer damit befriedigen.
Die Fragen, die Barbara Miller stellt, hallen nach: Warum sind die häufigsten Schönheitsoperationen solche an der Vulva, während wir gleichzeitig Genitalverstümmelung in Afrika kritisieren? Warum blüht der sexuelle Missbrauch gerade da, wo Sexualität nicht vorkommen darf? Und welche Angst steckt hinter der Körperfeindlichkeit ganzer Kulturen – aber auch von vielen Menschen in unserem Land?
Viva la vulva
Diese Körperfeindlichkeit konnten am Tag zuvor die Macherinnen und Teilnehmerinnen des Workshops „Vulven Malen“ im Schauspielhaus hautnah spüren. Wer sich in den sozialen Medien outete, wurde dort von Menschen (die nicht da waren) beschimpft, man bezeichnete sie als hässlich, machte sie für den Untergang der Kirche verantwortlich und drohte ihnen körperliche Gewalt an („Bück dich mal, dann befreie ich dich“):
Zur Freiheit hat uns Christus befreit. #Kirchentag
— Hanna Jacobs (@hannagelb) June 22, 2019
(Danke @franzi_hein und @epd_news) pic.twitter.com/0A2XbEBD2Q
Wer selbst dort war, zeichnet ein anderes Bild. Eine Teilnehmerin schreibt bei Facebook (nicht öffentlich, aber ich darf ihren Text hier zitieren):
Die 3 jungen Theologinnen haben den Workshop sehr einfühlsam angeleitet. Wir haben erst Zeichnungen gesehen und ein Modell der Klitoris anfassen können, kritisch Aufklärungsmaterial gesichtet, dabei viel abwertende Sprache, aber auch Gutes gefunden, vor allem aber die Fähigkeit, selbst die Worte zu sprechen, die wir kaum unter Freundinnen sagen, geschweige denn den Partner*innen. Und dann ging es ganz leicht, auch über uns und unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen zu sprechen.
Facebook (hier anonym, weil öffentlich, Autorin ist mir bekannt)
Schließlich war Zeit mit Yaxon Kreiden auf A3 zu malen, mit oder ohne Blick auf die Zeichnungen und das Modell. Es war unfassbar wunderschön, diese Fülle und Energie zu sehen und zu spüren.
Es ging für mich um Sprachfähigkeit, um Ganzsein, um Verbundensein mit sich selbst und über Generationen hinweg (Frauen und Mädchen zwischen 11-Mitte 50, viele großartige junge Frauen). Es ging auch um Heilung nach sexuellen Übergriffen. Selbstermächtigung.
Es zeigte sich eine solche Kraft in den Gesprächen und in den Bildern! Das hat mich sehr bewegt, spirituell bewegt – ganz und gar: Ich danke, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin.
Rollenbilder, Ängste und Ehrlichkeit
Auch am Samstag in Zelt 13 wird es persönlich: Wir besprechen die Fragen von Barbara Miller in kleinen Gruppen, da wo wir gerade sitzen. Ein mutiger Versuch der Veranstalter – und eine Menge Leute flüchten auch, bevor die Gruppen starten. Aber der Mut hat sich gelohnt. In unserer alters- und geschlechtsmäßig bunt gemischten Gruppe (es gibt auch angeleitete, reine Frauengruppen, in die man gehen kann) tauschen wir uns als bisher Wildfremde offen und interessiert aus: über Rollenbilder und persönliche Ängste, über Priesterseminare als die größten Puffs der Stadt und wie Teilnehmerinnen als Mädchen gesagt wurde, sie seien selbst schuld, wenn sie nachts durch einen Park gehen und dann vergewaltigt werden. Wir sprechen über die Sprachlosigkeit zu sexuellen Themen in vielen Partnerschaften, über tatsächliche und gefühlte Erwartungen im Bett und den Druck, der dadurch in vielen Köpfen entsteht (auch bei Männern). Und wie gut es tut, den Mut zu fassen, das Thema mit dem Partner oder der Partnerin anzuschneiden.
Auf der Bühne kommen dann noch die Sexualtherapeutin Anja Franke, die Sexualberaterin Julia Sparmann, die 74-jährige, quickfidele Künstlerin Rotraud Rospert und die Trantralehrerin Ilka Stoedtner zu Wort, zwischendurch begleitet von der phänomenalen Soulsängerin Diana Ezerex. Es geht um zahlreiche Fragen und Erfahrungen rund um Intimität, Sinnlichkeit und Sexualität – sehr offen und dabei sehr achtsam.
Warum viele Menschen mit Themen rund um Erotik und Körperlichkeit nicht umgehen können wird an diesem Nachmittag in Zelt 13 eine noch größere Frage als zuvor. Denn natürlich waren die Fantasien der Kritiker mal wieder viel wilder als die Realität. Wer da ist, merkt: Es ist völlig harmlos – aber sehr wichtig. Denn die durch die Tabus verborgenen Nöte sind riesig. Die anonymen Fragen aus dem Publikum, die Rotraud Rospert und Ilka Stoedner zum Schluss beantworten, offenbaren den Blick in tiefe Abgründe und große Hilflosigkeit: „Ich habe so gut wie nie Sex mit meinem Partner, weil ich dabei große Schmerzen empfinde – was kann ich tun?“ oder „Meine Oma verriet mir, sie habe noch nie in ihrem Leben einen Orgasmus gehabt. Kann man das auch noch im Alter lernen?“
Wenn man dagegen die zotigen Bemerkungen und schamlosen Beleidigungen auf Facebook, Twitter und in Blogs und manchen Medien liest, dann steht man ratlos davor, warum desinteressierte Menschen statt mit Desinteresse mit Aggression reagieren.
„Erwartungsoverflow“
Bei Computern gibt es die Fehlermeldung „overflow“. In einem Programm muss der Programmierer dem Computer immer mitteilen, welche Informationen es verarbeiten soll und wie genau sie aussehen. So kann der Computer den entsprechenden Speicherplatz vorbereiten, der darauf wartet, mit Daten gefüllt zu werden. Der Programmierer könnte zum Beispiel festlegen, dass ein Vorname bis zu zehn Zeichen lang ist. „Manfred“ entspricht auf jeden Fall den Erwartungen. „Gundula“ auch.
Wenn das Programm nun Informationen erhält, die den Speicherplatz übersteigen („Lena-Katharina“), gibt es ein Problem. Die Information wird abgeschnitten oder gar nicht erst gespeichert. Bei komplexeren Vorgängen verhält sich das Programm dann unberechenbar, liefert falsche Ergebnisse oder stürzt ganz ab. Am Ende kann das auch andere Daten beschädigen und die Arbeit des Besitzers zunichte machen. Ein „overflow“ ist ein schwerer Ausnahmefehler (alle Windows-Benutzer kennen den Begriff).
Vielleicht kann dieses Bild ein wenig erklären, warum es Menschen schwerfällt, ruhig mit Dingen umzugehen, die nicht in ihre Vorstellungswelt passen. Wenn wir mit festen Vorstellungen durch die Welt gehen und auf etwas treffen, das diese Vorstellungen übersteigt, dann tun wir uns schwer, damit umzugehen. Wir können es nicht einordnen und nicht verstehen und das macht uns Angst. Wir reagieren mit Abwehr und manchmal auch aggressiv, weil unsere Instinkte uns sagen: Das könnte mir gefährlich werden – und wenn es nur dadurch ist, dass ich plötzlich unsicher bin, wie ich mich damit verhalten soll. Wir wollen uns und unsere Welt schützen und fangen an, die vermeintliche Störung zu bekämpfen.
Bei einem Computerprogramm lässt sich das Problem recht leicht umgehen: Entweder bemisst man den benötigten Platz für Informationen von vornherein nicht zu eng. 100 Zeichen zum Beispiel wird kaum ein Vorname übersteigen, wenn er noch aussprechbar sein soll. Die (bessere) Alternative ist, dem Programm gar keine starren Grenzen vorzugeben, sondern ihm stattdessen beizubringen, was im Falle von unerwarteten Daten zu tun ist. Zum Beispiel, den Speicherplatz selbständig so lange zu erweitern, bis die ankommende Information hineinpasst. Oder eine Rückfrage an den Anwender zu stellen, die Information auf eine Größe herunter zu brechen, die das Programm verarbeiten kann.
Feste Erwartungen und lebendige Neugier
Natürlich hinkt die Analogie. Wir sind keine Roboter mit fester Programmierung. Aber unsere Erfahrungen, unsere Erziehung und die Umwelt, die unser Leben prägten, können dennoch dafür sorgen, dass wir mit ziemlich festen Erwartungen in dieser Welt unterwegs sind. Zum Beispiel, dass Sexualität privat ist und nicht an die Öffentlichkeit gehört. Zu diesem Schluss kann man aus vielerlei Gründen kommen – von abstrakter religiös-ethischer Überzeugung bis hin zu eigenen negativen oder traumatischen Erfahrungen. Wenn dann jemand auf einem Kirchentag Vulven malen möchte oder wir öffentlich mit Wildfremden über unsere Sexualität sprechen sollen, dann passt das ganz und gar nicht in unsere Erwartungen an ein christliches Festival – oder den christlichen Glauben an sich.
Wenn wir darauf nicht vorbereitet sind, werden wir solch einen Workshop kategorisch ablehnen. Kommt mangelnde psychische Reife dazu, dann beleidigen und bedrohen wir darüber hinaus Veranstalter und Teilnehmer. Schwerer Ausnahmefehler. Absturz der guten Sitten.
Wollen wir dem vorbeugen, gibt es zwei wichtige Maßnahmen: Wir können und sollten uns einerseits selbst vorbereiten. Wir können uns dafür trainieren unseren Horizont zu erweitern, damit er besser in diese Welt passt, die sich ständig verändert und in der ständig neues passiert. Am besten geht das langsam und behutsam – durch eine interessierte Beschäftigung mit verschiedensten neuen Themen. Wenn wir neugierig sind und Unbekanntem immer wieder Chancen geben, sich als etwas Gutes zu entpuppen, wenn wir Vertrauen in Gott und die Welt haben, dann werden wir auch vieles Gute finden, das wir andernfalls verpasst hätten, weil wir es ablehnten, als wir es noch nicht einschätzen konnten. Und wir trainieren, uns Unbekanntem gegenüber offen zu verhalten, statt es sofort zu verteufeln. Und stellt sich etwas tatsächlich als schlecht heraus, können wir es immer noch ablehnen – dann aber fundiert und mit viel größerer Überzeugungskraft und Wirkung.
Wir können und sollten aber auch andere vorbereiten, wenn wir etwas machen, was vielleicht nicht bei allen auf Begeisterung stößt. Wir sollten immer davon ausgehen, dass wir Menschen begegnen, deren Weltbild zu fest ist und deren Erwartung zu klar. Besonders gilt das im religiösen Kontext. Wir können Sorgen antizipieren und unser Anliegen gut erklären. Wir können warnen, dass etwas anstößig sein könnte, und erklären, warum wir es trotzdem tun. Wir können Verständnis zeigen, dass Menschen ablehnend reagieren. Wir können Vorschläge machen für den Umgang damit. Und wir können einladen, zu prüfen und sich der Möglichkeit zu öffnen, etwas Positives daraus zu ziehen.
Damit schaffen wir im besten Fall Verständnis, im geringsten Fall signalisieren wir, dass wir Sorgen ernst nehmen und nicht unbedacht agieren. In beiden Fällen wird die Kritik hoffentlich sachlicher und milder ausfallen als wenn wir Menschen auf dem völlig falschen Fuß erwischen und ihnen Angst machen. Eine kalte Dusche, sprich einen neuen Blick auf etwas Gewohntes, kann man aushalten, wenn man weiß, was einen erwartet. Wenn sie einen unvorbereitet trifft, gehen schnell die Emotionen durch.
Und siehe, es war sehr gut
Die Menschen vorbereiten auf das was kommt heißt aber nicht, die Sache an sich abzumildern. Manche fanden die Workshop-Titel „Vulven malen“ und „Schöner kommen“ zu provokativ, viele fanden die Veranstaltungen selbst auf dem Kirchentag zu öffentlich. Doch im Gegenteil: Die beiden Veranstaltungen waren perfekt benannt und gehörten genau dort hin – ins Zentrum kirchlicher Öffentlichkeit. Die Kirchen haben bei den Themen Sexualität, Intimität, Körperlichkeit und Identität so viel Schuld im Namen Jesu auf sich geladen. Es wird dringend Zeit, nicht nur dafür Buße zu tun, sondern aktiv zur Heilung beitragen. Die Bibel weiß: die Auswirkungen von Schuld sind über viele Generationen zu spüren. Wir können uns deshalb jetzt nicht einfach aus dem Thema zurückziehen, weil es uns vielleicht unangenehm ist oder wir Gegenwind von Mitchristen bekommen, die selbst unsicher mit ihrer Sexualität sind. Nein, wir werden noch lange bewusst positiv über Sexualität sprechen müssen, um dem entstanden Schaden entgegenzuwirken. Gut, dass mutige Menschen jetzt damit anfangen.
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