Markus Till wagt in der neuen Ausgabe der Zeitschrift AUFATMEN (3/18) einen kritischen Blick aus der frommen Blase. Er fragt sich, „warum Postevangelikale alte Glaubensgründe hinter sich lassen“ und welche Schuld daran die Evangelikalen tragen.
Seine Analyse der evangelikalen Bewegung ist scharfsinnig und selbstkritisch: Till bemängelt zu geringen Raum zum Denken, zu wenig Platz für Gottes Liebe, zu wenig Gewissensfreiheit, zu viel Fokus auf Leistung statt auf Gnade. Er bekennt, dass die evangelikale Frömmigkeit auch Zerrbilder von Gottes Wesen hervorgebracht habe und bittet im Namen aller Evangelikalen um Vergebung dafür, dass sie die Menschen so oft mit ihren Fragen alleine gelassen haben. Stattdessen, so Till, haben sie Menschen mit mehr oder weniger starkem Druck dazu gezwungen, „auf Linie“ zu bleiben.
Diese Erkenntnisse sind erfreulich und es steckt viel Wahrheit in Tills Worten. In der Tat ist es wichtig, dass sich jede Bewegung immer wieder selbstkritisch hinterfragt.
Dann allerdings kommt das Ende des Artikels – und mit einem Mal zeigt sich, wie schwer es offenbar ist, die evangelikale Brille abzusetzen, um neue Blickwinkel zu entdecken. Markus Till zeigt mit wenigen Sätzen, wie viel an Missverständnissen und Vorurteilen immer noch selbst in klugen Köpfen sitzt.
Deshalb an dieser Stelle ein paar Anmerkungen, die vielleicht eine Hilfe sein können, um die progressiven Christen (von denen die Postevangelikalen ein Teil sind) besser zu verstehen.
Die Bibel sagt…
”Markus Till schreibt:
“Wegen Zerrbildern das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel über Bord zu werfen, ist die falsche Konsequenz.“
Till macht den beliebten Flüchtigkeitsfehler von Evangelikalen und behauptet, progressive Christen hielten die Bibel nicht für verlässlich. Für ihn scheint wie für viele Evangelikale die Sache ganz klar: Wer mit dem Satz „Die Bibel sagt…“ nichts anfangen kann, kann die Bibel nicht ernst nehmen. Aber das ist zu kurz gedacht.
Die Zuverlässigkeit der Bibel steht für progressive Christen ja gar nicht infrage. Natürlich glauben sie, dass die Bibel ein verlässliches Stück Literatur ist. Sonst würden sie sich wohl kaum überhaupt damit abgeben.
Sie nehmen die Bibel im Gegenteil ernst als das, was sie ist, nämlich als eine Sammlung historischer Texte, ohne Frage voll tiefer Weisheit und heiliger Berührung. Aber sie halten sie nicht für ein einheitliches, von einem einzelnen Autor entworfenes Werk mit eigenständiger Persönlichkeit. Schließlich sind die Texte über einen langen Zeitraum von völlig unterschiedlichen Menschen in völlig unterschiedlichen Kulturen und mit völlig unterschiedlichen Textgattungen entstanden. Und in den Texten selbst wird keine Einheitlichkeit behauptet, die einen Satz wie „Die Bibel sagt“ rechtfertigen könnte.
Dass die Texte an sich von den Autoren mit besten Wissen und Gewissen und in großer Ehrfurcht vor Gott aufgeschrieben wurden und deshalb verlässliche zeitgeschichtliche Zeugen sind, und dass darüber hinaus in den Texten tiefe, heilige Weisheiten stecken, die oft auch noch für heute sehr relevant sind, das alles steht auch für progressive (und historisch-kritische) Christen außer Frage.
Aber eine Verlässlichkeit im Sinne einer einheitlichen Aussage über ein Thema zu erwarten (wie man es beispielsweise von einer Betriebsanleitung für eine Maschine oder einem medizinischen Sachbuch tut), macht in diesem Lichte einfach keinen Sinn.
Auch die wenigsten Evangelikalen in Deutschland gehen heute sicherlich von einem wortwörtlichen Diktat der biblischen Texte durch Gott aus, wie es noch die Chicago-Erklärung von 1978 festschreibt. Die meisten glauben an eine Mischung zwischen inhaltlicher Inspiration und persönlicher Note des Autors mit einer Art Qualitätssicherung durch Gottes Geist, die sicherstellt, dass biblische Texte in jedem Fall Gottes Willen wiedergeben. Diese Qualitätssicherung dauerte nach evangelikaler Überzeugung bis hin zur Zusammenstellung des Kanons im fünften Jahrhundert, wo festgelegt wurde, welche Bücher Teil der heutigen Bibel wurden und welche nicht.
Für Evangelikale spielt Gott als (mindestens inhaltlicher) Inspirator der Heiligen Schrift also eine entscheidende Rolle. Gott hat viel zu sagen und sagt es uns durch die Bibel. Folglich nehmen sie die Bibel sehr stark als Einheit wahr, die als Gesamtheit einheitliche, göttliche Aussagen zu bestimmten Themen macht. Der Satz „Die Bibel sagt“ ist Herz evangelikaler Überzeugung.
Von diesem Verständnis her leitet sich für sie ab, von der Bibel als „Richtschnur für das Leben“ zu reden, in ihr eine einheitliche Offenbarung göttlichen Willens zu sehen und in diesem Sinne von einer Verlässlichkeit zu sprechen. Wer die Bibel kennt, kennt Gottes Willen. Die Bibel ist für Evangelikale deshalb ein kostbarer Juwel, dessen strukturelle Integrität es zu bewahren gilt, weil diese für ihren inhaltlichen Wert maßgeblich ist.
Diese Haltung entspringt freilich einer hohen Wertschätzung gegenüber der Heiligen Schrift: Man möchte sie nicht falsch verstehen, nicht entehren, nicht den Willen Gottes beugen. Dem will ich gerne Respekt zollen. Es zeigt auf eine bestimmte Weise eine große Liebe zu den Texten. Entsprechend zurückhaltend ist man, diese Einheitlichkeit durch eine historisch-kritische Herangehensweise an die Texte zu gefährden. Denn ist die Bibel tatsächlich eine solche, von Gottes Geist sehr bewusst kuratierte (oder womöglich sogar wörtlich den Schreibern eingegebene) Textsammlung, dann ist es natürlich auch viel schwerer möglich, einzelne Texte auf ihren historischen Kontext hin zu befragen und zu hinterfragen, ohne diese Einheitlichkeit zu gefährden.
Steinbruch und Juwel
Aber genau diese Einheitlichkeit löst sich für Postevangelikale auf (wie für alle anderen Christen schon länger), passend zur postmodernen Auflösung von festen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Strukturen zugunsten von individuellen Werten und Überzeugungen. Für sie ist – um im Bild zu bleiben – die Bibel kein kunstvoll geschliffener Juwel, dem man keinen Kratzer hinzufügen dürfte, sondern ein Steinbruch, in dem man zahlreiche Edelsteine findet, die es jeweils für das eigene Leben zuzuschleifen gilt. Aber eben auch Dinge, wo die Protagonisten und Autoren der Bibel entweder einen sehr kurzen Horizont hatten oder sich sogar völlig verranten (man denke an die Anweisung Samuels an Saul, nach dem Sieg über die Amalekiter im Namen Gottes auch ausdrücklich Frauen und Kinder zu töten).
Die Edelsteine sind für Progressive ebenso wertvoll wie für Evangelikale die ganze Bibel. Aber für sie sind die einzelnen Bücher individuelle Stimmen von einzelnen Autoren (oder in vielen Fällen von mehreren), sie sind Zeugen ihrer Zeit, getränkt in ihrer jeweiligen Kultur und Persönlichkeit. Sicherlich inspiriert in dem Sinne, dass die Autoren diese Texte in der Ausrichtung auf Gottes Geist verfasst haben. Vielleicht passt hier ebenso das Bild, die Texte seien „getränkt im Geist Gottes“. Aber im Grunde ähnlich wie unsere jeweiligen Überzeugungen vom Zeitgeist getränkt sind. Oder ist es ein Zufall, dass die Einheitlichkeit der Bibel gerade in der Hochzeit der Industrialisierung beschworen wurde, wo der Glaube an die Vereinheitlichung von Produktion und Fertigung die gesamte Gesellschaft revolutionierte? Und dass die Auflösung dieser Einheitlichkeit just in einer Zeit geschieht, in der sich gerade alle anderen Grenzen auch auflösen? Natürlich ist das kein Zufall. Wir sind alle Kinder unserer Zeit, egal, ob wir uns vor dem Zeitgeist fürchten oder ihm huldigen. Der Zeitgeist sind wir ja selbst. Er ist nichts anderes als die Summe aus jedem von uns.
Wenn also Till das fehlende Vertrauen von Progressiven in die Bibel beklagt, dann beklagt er eigentlich, dass sie die Bibel nicht als eine einheitliche Stimme mit konsistenter Botschaft wahrnehmen, dass sie mit „Die Bibel sagt“ einfach nicht viel anfangen können. Und damit hätte er recht. Nicht aber damit, dass Progressive kein Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel hätten.
Mit Sinn und Verstand
Till schreibt weiter:
„Mich befriedigt der Gedanke nicht, die Frage nach „wahr“ und „falsch“ in der Bibel daran zu entscheiden, was unserem begrenzten Verstand einleuchtet oder nicht.“
Unser begrenzter Verstand – das klingt zunächst sehr demütig. Aber ich fürchte, es ist eine ziemliche Selbstüberschätzung. Markus Till postuliert – bewusst oder unbewusst – man könne an einen antiken Text wie die Bibel herangehen, ohne den Verstand einzuschalten, ganz ohne subjektive Verarbeitung des Gelesenen. Roh, ungefiltert, ungefärbt. Ich verstehe das Ansinnen und natürlich wäre es schön, einen Text (oder generell eine Information) völlig klar genauso verstehen zu können, wie der Absender ihn meinte.
Aber leider funktioniert das noch nicht mal heute im direkten Gespräch, wie jeder weiß, der schon einmal missverstanden wurde. Nicht nur Schulz von Thun lässt grüßen. Eine Botschaft hat immer Raum zur Interpretation – noch dazu, wenn sie aus einer anderen Sprache kommt und erst recht, wenn sie aus einem anderen Jahrtausend und einem ganz anderen Kulturkreis stammt. Wir wissen kaum etwas über das Leben damals, über die Kultur und den Zeitgeist. Wir müssen zwingend unseren Verstand gebrauchen, um die Chance zu haben, ansatzweise zu verstehen, was der Absender einer Jahrtausende alten Botschaft sagen wollte. Ansonsten ist es kaum möglich, eine Botschaft zu verstehen, die über ein simples „Liebe deinen Nächsten“ hinaus geht. Und selbst das ist ganz offensichtlich nicht für jeden leicht zu verstehen, wie unsere Zeit zeigt.
Außerdem ist es ja gar nicht möglich, an unserem Verstand vorbei eine Information zu verarbeiten. Wie auch? Der Verstand ist es schließlich, der uns überhaupt erst unsere Welt wahrnehmen und verstehen (!) lässt. Unser Verstand ist geprägt von unseren Erfahrungen und Einstellungen – gleichzeitig ist er es, der neue Informationen verarbeitet. Es gibt keine Neutralität (außer man zwingt sich sehr bewusst und mit großem Willen dazu, was aber auch wieder eine Verstandesleistung ist). Unser Verstand ist immer parteiisch und jede Information, die wir uns aneignen, geht genau durch diesen Filter. Es ist ganz schön gewagt zu behaupten, nur wer die Bibel einfach liest, statt sie mit Verstand zu untersuchen und zu analysieren, könne ihren wahren Inhalt erkennen.
Back zu the roots
Till weiter:
„Menschen für Jesus zu begeistern und gegen den Trend lebendige Kirche zu bauen: Das traue ich doch immer noch am ehesten diesem alten, rauen Evangelium der ersten Zeugen zu, das schon damals gegen alle Widerstände die Welt auf den Kopf gestellt hat …“
Das ursprüngliche Evangelium oder die neutestamentliche Gemeinde sind Zauberwörter, die viele Evangelikale immer wieder begeistern: Sie fühlen sich ganz nah dran an dem Wanderprediger vor 2000 Jahren in der kargen Landschaft Palästinas. Sie glauben, die liberale Kirche mit ihren historisch-kritischen und anderen Methoden hätte die Botschaft verfälscht und würde alles durch die moderne oder (noch schlimmer!) postmoderne Brille sehen.
Die Sehnsucht ist verständlich, ich habe sie auch. Aber die Wirklichkeit ist nicht so schwarz-weiß. Denn ungefiltert kann man einen solchen antiken Text eben nicht lesen und die große Frage lautet deshalb:
- Hat die moderne Bibelwissenschaft die Botschaft verfälscht und nur ein rohes Lesen des Textes, einfach so wie er ist, lässt uns die ursprüngliche Botschaft erkennen?
…oder…
- Fehlt uns für das rohe Lesen einfach viel zu viel Verständnis für den Text und hilft die moderne Bibelwissenschaft uns gerade dabei, die ursprüngliche Botschaft unter der Auslegungstradition der Jahrtausende, Jahrhunderte und Jahrzehnte wieder auszugraben?
Ich nenne bewusst die Jahrzehnte zuletzt, weil oft die jüngsten Traditionen die stärkste Macht haben, den eigentlichen Sinn einer Botschaft zu verfälschen. Sie sind noch nicht durch das Feuer der Geschichte gegangen und mussten sich noch nicht beweisen. Die Argumentationen sind noch frisch und begeistern selbstverständlich genau die Menschen, in deren Zeit sie entstanden sind, weil sie Antworten geben auf ihre veränderte Sicht auf die Welt im Vergleich zu den Jahrzehnten davor. Oder anders gesagt: Die im selben Zeitgeist getränkt sind wie die neue Auslegung. Im Laufe der Zeit verändert sich der Zeitgeist wieder und die Auslegung hat entweder bestand oder erweist sich als Scheinantwort.
Deshalb vertrauen die meisten Christen der modernen Bibelwissenschaft und gehen mit diesen Werkzeugen auf die Suche nach dem beschworenen rauen, ursprüngliche Evangelium, dass sie in der evangelikalen Auslegung offensichtlich nicht so leicht finden.
Freiheit vor Gott – oder Freiheit durch Gott?
Und zuletzt schreibt Till:
„Ja, es stimmt: Gott gibt uns Freiheit. Selbst wenn wir wie Jona einfach weglaufen, verliert Gott nicht die Geduld mit uns. Aber am Ende gibt es nichts Schöneres und Heilsameres als die Rückkehr in die Arme des himmlischen Vaters.“
Diese Sätze fassen gut zusammen, was die Grundcrux der Sicht vieler Evangelikaler auf Menschen mit anderen Glaubensüberzeugungen zu sein scheint: Sie haben die Arme des himmlischen Vaters verlassen und sind in der Freiheit unterwegs, die aber von Gott nur geduldet wird. Gut wird alles erst wieder mit der Rückkehr in die Arme Gottes, was gleichbedeutend ist mit einer Rückkehr zu den evangelikalen Glaubenssätzen.
Die damit verbundene Botschaft scheint positiv und in der Lage, uns Tränen in die Augen zu treiben: Gott hält euch nicht gefangen, sondern lässt uns frei, aus Liebe zu uns. Und auch wenn wir unsere eigenen (sündigen) Wege gehen, empfängt er uns doch wieder wie ein liebender Vater mit offenen Armen, wenn wir von der Freiheit genug haben und uns eines Besseren besinnen.
Ich verstehe mit zahllosen Christinnen und Christen Gott allerdings grundlegend anders: „Zur Freiheit seid ihr berufen“, schreibt Paulus. Unsere Freiheit ist nichts, was Gott nur duldet, bis wir wieder „nach Hause in seine Arme“ kommen. Im Gegenteil: Freiheit ist das Ziel allen Glaubens. Wer keine Freiheit verspürt, wird von Paulus in Römer 14 sogar mitleidig als „schwach im Glauben“ bezeichnet. Freiheit ist etwas, zu dem uns Gott einlädt, ja geradezu drängt. Das gesamte neue Testament ist ein einziger Ruf zur Freiheit. Freiheit zu erleben ist das wahre „nach Hause kommen“. Denn wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.
Alle Anhänger einer anderen als der eigenen Sicht als Menschen auf Abwegen zu sehen hat im Übrigen keine gute Tradition. Es war in der Geschichte nie der Hort von Frieden und Gerechtigkeit, sondern stets der Quell von Zwietracht, Ausgrenzung und Leid und nicht selten auch von Krieg, Zerstörung und Tod.
Die Postevangelikalen müssen aufpassen, dass sie nicht denselben Fehler machen und ihre Vergangenheit dämonisieren. Es gibt schließlich auch viel Gutes in „Evangelikalien“ zu entdecken und manchen Schatz zu heben. Man muss nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Evangelikale sind nicht abtrünnig. Genauso wenig wie Postevangelikale. Wir sind alle einfach nur Kinder unserer Zeit. Wenn wir das übereinander akzeptieren könnten, dann wäre das schon die halbe Miete.
Falsche Voraussetzungen
Die Selbstanalyse im ersten Teil von Tills Artikel entwertet es nicht, dass der Autor eigentlich von falschen Voraussetzungen ausgeht. Allerdings würde ich die Fehler der evangelikalen Gemeinschaft nicht allzu hoch ansetzen. Sie mag einiges an Verletzung verschuldet haben, aber sie sind nicht der eigentliche Grund, warum viele Menschen „Evangelikalien“ verlassen. Der eigentliche Grund ist, dass sich so mancher evangelikaler Glaubenssatz im Feuer von gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und persönlichen Entwicklungen als nicht tragfähig erweist.
Vieles führt in Enge statt in Freiheit. Und die Freiheit zu dämonisieren, wie Till es elegant und fast unmerklich tut, ist da nicht hilfreich. Die Menschen spüren einfach, dass Gott sie nicht in Gefangenschaft führen will, sondern in Freiheit. Vielleicht, weil das der Zeitgeist der Postmoderne ist. Vielleicht aber auch, weil es ganz tief im Innersten des Menschen angelegt ist.
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