Schnitzel oder Kuchen? Eine Anmerkung zu Konversionstherapien für Schwule

Muss es in einer Welt der sexuellen Selbstbestimmung nicht erlaubt sein, schwule Menschen bei ihrem intrinsisch motivierten Wunsch zu unterstützen, hetero zu werden? Natürlich! Aber gibt es solche Menschen wirklich?

Der CDU-Politiker und aktuelle Gesundheitsminister Jens Spahn äußerte sich diese Tage positiv zu einem Verbot von sogenannten Konversionstherapien, im Volksmund „Schwulenheilung“ genannt. Spahn – selbst homosexuell – bezeichnete sie als Körperverletzung und würde sie gerne verbieten – weiß nur nicht, auf welcher gesetzlichen Grundlage. Selbst das Justizministerium hatte er schon um Rat gefragt.

Schnell wehrten sich Therapeuten, die solche Therapien anbieten, gegen den Vorwurf, Homosexualität „heilen“ zu wollen. Und es ist auch richtig: Niemand nimmt heute mehr diesen Begriff in den Mund. Es wird von dem Wunsch von Menschen gesprochen, die eigene sexuelle Ausrichtung zu ändern. Man helfe diesen Menschen lediglich dabei, ihren Wunsch zu erfüllen.

So gesehen gibt es keinen Grund, solche Therapieansätze zu verbieten. Wer kann schon einem Menschen seinen freien Wunsch abschlagen, sich sexuell verändern zu wollen? „Haben wir nicht eine sexuell freie Gesellschaft?“, wird gerne  gespottet. „Ihr seid für sexuelle Selbstbestimmung – aber wenn jemand nicht mehr schwul sein will, dann hört die Toleranz auf.“ Auf den ersten Blick ist das ein schlagendes Argument.

Doch das Thema ist vielschichtig und geht tiefer. Denn das Angebot, Homosexualität zu therapieren, basiert auf der Annahme, Menschen könnten ihre sexuelle Neigung überhaupt freiwillig verändern wollen. Und genau hier liegt der Knackpunkt. Denn dieser Gedanke ist absurd.

Rufen wir uns ins Bewusstsein, dass unsere sexuelle Neigung ein tiefes, inneres Verlangen nach etwas Bestimmtem ist. Dieses Ziel der Begierde zu erlangen ist innerer Antrieb für jegliche sexuelle Phantasie und Handlung. Erst bei Erreichen dieses Ziels unseres Verlangens erlangen wir Befriedigung. Körper und Geist sehnen sich danach, wir empfinden Glück dabei. Welche Motivation könnte es geben, das Ziel seines Glücks in etwas verändern zu wollen, nach dem man bisher keine Sehnsucht empfand und das für uns bisher gerade kein Glück, keine Befriedigung versprach?

Ein kleiner Vergleich mag die Antwort darauf deutlich machen: Niemand, der am liebsten ein deftiges Essen auf dem Tisch hat, wird sich freiwillig bemühen, in Zukunft vor allem nach Süßem zu schmachten. Warum auch, ist es doch gerade das eigene Verlangen, Deftiges zu essen. Wenn jemanden nach saftigem Fleisch oder deftig gewürzten vegetarischen Alternativen gelüstet, dann gibt es keine intrinsische Motivation, das ändern zu wollen. Vielmehr wird man zusehen, dass man sich das Essen entsprechend zubereitet.

Der einzige Grund, warum jemand seine Geschmacksnerven anders trainieren wollen könnte, wären starke äußere Erwartungen, z.B. von Familienangehörigen oder engen Freunden, die deftiges Essen – zum Beispiel aus religiösen Gründen – für falsch halten. Auch dauerhaft erlebte Diskriminierung, die der Person den letzten Nerv raubt, könnte ein Motiv sein. Oder ein starker gesellschaftlicher Erwartungsdruck, wenn z.B. Menschen mit dem Bedürfnis nach Deftigem schief angeguckt werden, weil das nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, wenn „jeder“ Zucker über alles liebt und es in den Schaufenstern auch nur Süßes zu sehen gibt.

Nichts anderes gilt für sexuelle Neigungen. Wer sollte sein tiefstes Verlangen, den Gegenstand seiner Träume, den Ort des erotischen Glücks freiwillig ändern wollen, außer aufgrund von äußeren Erwartungen durch Familienangehörige („Wir sind enttäuscht von dir und hatten uns auch so sehr Enkel gewünscht“) oder der Gesellschaft („Das macht man nicht, das ist igitt“), durch bestimmte theologische Annahmen („Gott will das nicht“) oder durch konkret und dauerhaft erlebte Diskriminierung („Du kannst nur in dieser Gemeinde mitarbeiten, wenn du nachts vom anderen Geschlecht träumst!“).

Unter solchen Umständen können Menschen natürlich den Wunsch entwickeln, ihre sexuelle Neigung zu ändern. Ungeachtet dessen, dass das wie beim Essensgeschmack immer nur eine antrainierte Überlagerung der eigentlichen Sehnsucht sein kann, wird es natürlich Menschen geben, die danach tatsächlich glücklicher leben als vorher. Sie wurden „erfolgreich“ therapiert. Aber klar ist auch: Glücklicher sind sie alleine deswegen, weil sie endlich den an sie gestellten familiären, religiösen oder gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen (die sie vielleicht auch schon internalisiert haben). Das kann ohne Frage Glücksgefühle und Zufriedenheit hervorrufen. Aber es bleibt ja trotzdem nur das Glück, der Missgunst anderer entgangen zu sein. Das hat einen bitteren Beigeschmack. „Endlich entspricht der ehemalige Schnitzelliebhaber dem, was wir als Gruppe schon immer als normal angesehen haben: der Lust auf süßen Kuchen. Und schön, dass er sich freiwillig ändern wollte. Schließlich hat ihn niemand dazu gezwungen.“ So, so.

Genauso, wie es ohne äußeren Erwartungsdruck keinen Anlass gibt, seinen Geschmackssinn von deftig auf süß (oder andersherum) zu ändern, gibt es ohne äußeren Druck, ohne erlebte Ablehnung oder Missgunst Dritter kaum Gründe, seine sexuelle Neigung ändern zu wollen.

Niemand kann unzufrieden mit seiner sexuellen Neigung sein, ist ihre Erfüllung doch gerade die Quelle der Zufriedenheit. Unzufrieden kann man im Grunde nur mit der Situation sein, in die man durch das Ausleben der sexuellen Neigung (oder auch nur das Bekenntnis dazu) kommen kann, wenn das Umfeld diese Neigung nicht goutiert oder zumindest toleriert.

Das perfide an christlichen Angeboten, jemanden bei der Änderung seiner sexuellen Neigung zu unterstützen, ist also, dass diese Veränderung erstens überhaupt erst aufgrund des Erwartungsdrucks der eigenen theologischen Richtung erfolgt (mir sind keine derartigen Angebote von Therapeuten bekannt, die nicht selbst Homosexualität theologisch kritisch sehen) und zweitens das Ergebnis diesen Erwartungsdruck befriedigt. Die Diskriminierung bleibt bestehen, aber sie endet für diese Person dadurch, dass sie nun den Vorstellungen der Gruppe entspricht. Das ist mehr als bitter. Aber so ehrlich, das zuzugeben, sollten Menschen sein, die Konversationstherapien anbieten.

Es steht außer Frage, dass es gut ist, Menschen zu helfen, die mit ihrer Sexualität unglücklich sind. Und das ist sogar nötig und unerlässlich, wenn die sexuelle Neigung negative Folgen für andere hat, deren Freiheit einschränkt oder gar ihr Wohlergehen bedroht, wie bei Pädophilie oder anderen zerstörerischen Varianten des Sexualtriebs. Aber darum geht es hier nicht. Wir reden über Erwachsene, die freiwillig handeln und einfach nur selbst glücklich sein und andere glücklich machen wollen.

Hilft man ihnen wirklich dadurch, dass man ihre Neigung verändert? Oder nicht vielmehr, indem man die Umstände ändert, die sie daran hindern, mit ihrer Neigung glücklich zu sein? Indem man den Grund der Unzufriedenheit an der Wurzel packt? Indem man den externen Druck adressiert, die familiären, theologischen und gesellschaftlichen Erwartungen hinterfragt und die Diskriminierung beseitigt?

Und sollte die Unzufriedenheit mit der eigenen Sexualität (auch) innere Gründe haben, sollte sie in der Persönlichkeit oder Geschichte der Person liegen (was bei allen Menschen oft genug vorkommt), dann hilft eine Veränderung des Ziels der Sehnsucht ja auch nicht weiter. Dann müssen die Probleme im jeweiligen Kontext ernst genommen und angegangen werden. Wenn eine heterosexuelle Person Probleme mit ihrer Sexualität hat, wird ihr schließlich auch selten eine Konversion zur Homosexualität vorgeschlagen.

P.S.: Ich habe im Vorfeld schwule und lesbische Freunde gefragt, ob sie den Vergleich mit dem Geschmackssinn nicht für zu trivial oder unangemessen halten. Sie haben alle verneint und empfanden das Bild als treffend. Sollte sich dennoch jemand dadurch missverstanden fühlen, möchte ich schon jetzt um Verzeihung bitten – das liegt mir sicher fern. Aber es scheint mir mindestens hilfreich, um das eigentliche Problem etwas zu veranschaulichen.

Sollten das deine Freunde auch lesen? Teile es!

Kommentare

Comments are closed.

Hinterlasse eine Antwort auf den Artikel

Die Datenschutzerklärung findest du hier.
a