Immer, wenn Christen über Mission reden, steht ein Elefant im Raum. Und niemand spricht über ihn, aus Sorge, das zarte Pflänzlein der Einheit zu zertreten. Doch gerade das Schweigen gefährdet es. Der Elefant heißt: Muss der Mensch vor der Hölle gerettet werden? Ein Plädoyer dafür, offen miteinander zu reden!
„Mission muss wieder erste Priorität werden!“ verkündet das Mission Manifest von Johannes Hartl und viele klatschen Beifall. Hundert Vertreter katholischer Organisationen drängten sich Anfang Januar vor 11.000 Besuchern der „mehr“-Konferenz in Augsburg auf der Bühne. Sogar aus dem Vatikan kam ein Grußwort.
Als anschließend ICF-Gründer Leo Bigger offiziell ausführt, was Mission im Sinne des Manifests sei, dürfte einem Großteil davon mulmig zumute geworden sein. Ziel und Sinn von Mission sei es, die Menschen vor der Hölle zu warnen, der ewigen Strafe Gottes für alle Unbekehrten. Biggers erster „eigener Bekehrter“, so erzählt er stolz, kniete schluchzend auf dem Boden des für ihn unerwartet menschenleeren Band-Proberaums, in der verzweifelten Überzeugung, alle anderen seien entrückt worden und er selbst würde jetzt im ewigen Feuer landen.
Das hatte ihm Bigger nämlich kurz zuvor erzählt und hinzugefügt: „Hoffentlich hast du dann noch die Gelegenheit, dich zu Jesus zu bekehren!“ Also fiel der sich zurückgelassen Geglaubte auf die Knie und bekehrte sich. So fanden ihn Bigger und die anderen Bandmitglieder dann auch, als sie vom Kaffeetrinken zurück kamen.
Eine lustige Geschichte, wenn sie nicht so traurig wäre. Denn sie zeigt: Für einen Teil der Christen ist sogar Angst ein probates Mittel für die Mission. Oder Winkelzüge wie zum Beispiel, mit jemandem nur deshalb freundschaftlichen Kontakt aufzubauen, um irgendwann Gespräche über den Glauben zu führen.
Bigger zählt Möglichkeiten auf, wie man scheinbar ungezwungen Beziehungen zu Menschen aufbaut, um sie dann „mit dem Evangelium in Kontakt“ zu bringen. Er illustriert seine Beispiele mit überdimensionalen Angeln, an denen Piktogrammen hängen, die er begeistert über die Bühne trägt: Golfen, Nachbarschaftsparties, Bikerausflug (und „zufällig“ beim ICF-Gottesdienst halten).
Freundschaftsevangelisation wird das euphemistisch genannt. Die Zeugen Jehovas sind wenigstens ehrlich und fallen gleich mit der Tür ins Haus.
Mission als Rettung des Individuums vor göttlicher Strafe
Die Bigger-Predigt zeigt das eine Ende des Spektrums dessen, was jemand mit Mission und dem Auftrag der Kirche meinen kann: Schuld muss bestraft werden. Nur diejenigen, die glauben, dass Jesus ihre Schuld am Kreuz getragen hat, entgehen der Strafe. So laut und klar wie Leo Bigger trauen sich heute die wenigsten, das zu formulieren. Meistens wird von der Liebe Gottes gesprochen und alles unangenehm Klingende verschwindet verschämt zwischen den Zeilen.
Aber die dahinter stehende Missiologie ist klar: Es gibt die geretteten Jesus-Nachfolger, die nach dem Tod in den Himmel zu Gott kommen, und die Verlorenen anderen Menschen, deren Seelen ewig gequält oder ausgelöscht werden. Und deshalb ist es überlebenswichtig für jeden Menschen, von Jesus zu hören und bewusst Christ zu werden.
Mission ist also die Verbreitung der Informationen über Jesus mit dem Ziel, möglichst viele Menschen vor der ewigen Verdammnis zu retten.
Mission als Rettung der Welt vor sich selbst
Am anderen Ende des Spektrums befindet sich die Überzeugung, der der Pastor und Autor Rob Bell mit „Love wins“ einen Namen gab: Die Liebe hat das letzte Wort. Gott wird nach dem Tod keine Bestrafung vornehmen – überhaupt geht es Gott nicht um Strafe.
Sondern gerade darum, das menschliche Muster von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen: Gott möchte, dass wir Böses mit Gutem vergelten. Weil das seiner eigenen Natur entspricht, wie sie sich am Kreuz gezeigt hat, als er sich nicht gegen die Gewalt wehrte, obwohl er es hätte tun können.
Und weil Vergebung der einzige Weg ist, um Schuld wirklich und nachhaltig aus der Welt zu räumen. Anders sind Versöhnung und Frieden niemals möglich.
Es ist deshalb überlebenswichtig für die Menschheit, diesem Weg Gottes zu folgen und nach einem Leben zu streben, das von Gnade, Vergebung und Liebe bestimmt ist.
Mission ist diese Haltung zu verbreiten mit dem Ziel, dass immer mehr Menschen sich davon berühren und anstecken lassen – und sie dann selber weitergeben.
Alle reden über Mission, aber meinen Unterschiedliches
Es soll hier gar nicht um das Für und Wider der beiden Ansätze gehen – auch nicht um die tausend Varianten zwischendrin. (Dem treuen Leser dürfte klar sein, dass ich selbst auf der „Love wins“-Seite stehe.)
Es geht mir um die Tatsache, dass Christen überhaupt so Unterschiedliches unter Mission verstehen, sie aber kaum darüber reden, wenn sie zusammen Mission betreiben. Bei wie vielen Projekten wähnt man sich stillschweigend im Konsens, nur um am Ende dann irritiert zurück zu blicken?
Und der Riss verläuft nicht nur zwischen Kirchen und Freikirchen, zwischen Liberalen und Evangelikalen. Er geht auch mitten durch alle Kirchen, Bünde, Konfessionen und Gemeinden.
Ob wohl alle 100 katholischen Verbände, die auf der Mission-Manifest-Bühne standen, die Missiologie von Leo Bigger teilen?
Der kleine große Unterschied
Muss Schuld bestraft oder vergeben werden – diese Frage hat weitreichende Konsequenzen: Zum Beispiel ob Mission nur auf den Einzelnen zielt oder ob sie hochpolitisch ist. Wenn das Individuum vor ewiger göttlicher Strafe zu retten ist, dann hat nichts anderes Priorität – was gibt es Schlimmeres, als ewig zu leiden? Politisches Engagement ist dann nur Zeitverschwendung.
Wenn aber niemand vor Gott gerettet werden muss, sondern die Menschheit nur vor sich selbst, wenn es darum geht, dass Gott uns zu einem Lebensstil der Liebe und Versöhnung ruft, dann ist das Einmischen in die Politik sogar ein zentrales Element von Mission. Politik bestimmt schließlich maßgeblich unser Zusammenleben als Gesellschaft.
Oder der Dialog mit anderen Religionen: Wenn ein Mensch Christ werden muss, um die Ewigkeit glücklich zu verbringen, können Moslems, Buddhisten oder Atheisten nicht einfach solche bleiben. Mission ist in diesem Fall erst mit einem Religionswechsel ein Erfolg.
Im anderen Fall ist der nicht nötig, denn es geht um die Idee, für die Jesus steht. Freilich spüren Christen dabei gigantischen Rückenwind durch das Gnadenhandelns Gottes am Kreuz. Wenn ich selbst am eigenen Leib erfahren habe, dass Versöhnung in der Natur meines Schöpfers liegt, dann gibt mir das viel Kraft, dasselbe zu tun.
Ich wünsche jedem Menschen, die Liebe und Freiheit in Christus erleben zu können. Und deshalb erzähle ich auch gerne die christliche Botschaft.
Aber einem Muslim, Buddhisten oder Atheisten gilt die Gnade Gottes genauso und auch er kann sie selbst leben und verbreiten. Ziel von Mission ist dann nicht ein Religionswechsel, sondern ein Gesinnungswechsel. Das macht Mission nicht überflüssig, aber Dialog möglich.
Der Elefant ist da… redet über ihn!
Es ist toll, wenn Christen unterschiedlicher Couleur zusammenarbeiten, wenn sie gemeinsam öffentlich für den Glauben einstehen. Das passiert noch immer viel zu selten, lasst uns alles dafür tun, damit es häufiger geschieht!
Aber sollen alle an einem Strang ziehen, brauchen auch alle eine gemeinsame Richtung. Zumindest für das jeweilige Projekt.
Habt den Mut, die Karten auf den Tisch zu legen! Sprecht den Elefanten an! Ihr werdet feststellen: Er ist da. (Und falls nicht, war es nicht schlimm.) Vielleicht ist das unangenehm, vielleicht erfordert es Mut. Vielleicht sorgt es gleich am Anfang für Irritation.
Doch es sorgt auch für klare Köpfe. Und Aufrichtigkeit. Und die Chance, ein Projekt zu gestalten, zu dem alle stehen. Ihr werdet die Unterschiedlichkeit dadurch nicht auflösen. Aber ihr könnt euch in aller Unterschiedlichkeit als Geschwister lieben und miteinander arbeiten lernen.
Den Elefanten zu verschweigen zahlt sich am Ende nicht aus. Lasst ihn uns (davon) reiten! 🐘
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