Die Angst hat gewonnen – lasst die Liebe siegen!

Was für ein Jahr! Ein Populist wird Präsident der größten Supermacht dieser Erde. Die Briten wenden Europa den Rücken zu und in zahlreichen europäischen Ländern erstarken die Spalter. Die Türkei wird zur Diktatur. Und Menschenverachter holen in Deutschland bei Landtagswahlen 25%.

Hinter all dem steckt Angst. Die blanke Angst, zu kurz zu kommen oder unterzugehen, weil es in einer globalisierten Welt für diejenigen, die auf der Sonnenseite stehen, zu viel zu verlieren gibt. Glauben sie zumindest. Wie ein Mensch, der eine große Welle sieht und nicht gelernt hat, darauf zu surfen, sondern sich überspülen lässt – von seiner Angst.

Wir haben viel versäumt, auch hier im guten, alten Europa, dem doch einst so sicher geglaubten Hort der Demokratie und des friedlichen Miteinanders. Wir haben versäumt, unsere Mitmenschen an der Hand zu nehmen, die sich vor der großen Weite fürchten und die unsere Begeisterung für fallende Grenzen nicht teilen. Wir haben versäumt, sich zu freuen über die großen Möglichkeiten, die Veränderungen mit sich bringen. Wir haben versäumt, ihnen die Angst zu nehmen vor dem Fremden und den Fremden – und in beidem vor allem den Reichtum zu sehen, der darauf wartet, gehoben zu werden. Es ist uns nicht gelungen, ihnen innere Sicherheit zu geben in dieser neuen Zeit.

Vor allem aber haben wir es scheinbar nicht geschafft, die Liebe in ihre und unsere Herzen zu legen. Nicht die romantische Version mit den Schmetterlingen im Bauch. Die ist wunderbar und wichtig und wir haben immer zu wenig davon.

Aber was unsere Welt jetzt so dringend braucht ist die vorsätzliche Liebe, die langmütig ist und gütig, die sich nicht ereifert, nicht ihren Vorteil sucht, sich nicht zum Zorn reizen lässt, die das Böse nicht nachträgt, die sich an der Wahrheit freut, die alles erträgt und vertraut und hofft und standhält. Das ist die Liebe, die Jesus geliebt hat. Und das ist die Liebe, mit der Gott uns liebt.

Eine Liebe, die Barmherzig ist mit den Unzulänglichkeiten der anderen. Sogar mit ihren Fehlern. Sogar mit ihrem Hass, der doch nur Angst ist, wie bei einem Hund, der die Zähne fletscht, weil er Angst hat, man würde ihm seinen Knochen wegnehmen und der einfach nicht wahrhaben will, dass wir ihm seinen Knochen von Herzen gönnen.

Lasst uns der Angst begegnen, indem wir auf gefletschte Zähne nicht mit Knurren antworten.
Lasst uns der Angst begegnen, indem wir eine Kultur der Barmherzigkeit prägen, indem wir dem anderen zuhören und das Böse nicht nachtragen.
Lasst uns der Angst begegnen, indem wir lernen, einander zu vertrauen und nicht nur für uns selbst zu kämpfen.

Wir werden weiter gefletschte Zähne sehen.
Unsere Barmherzigkeit wird ausgenutzt werden.
Unser Vertrauen wird enttäuscht werden.

Aber es führt kein Weg daran vorbei. Wenn das Christentum etwas taugt und etwas ändern kann in dieser Welt, dann deshalb, weil Gott genauso handelt: Er ist langmütig und gütig, er sucht nicht seinen Vorteil, er trägt das Böse nicht nach, er freut sich an der Wahrheit und erträgt alles, vertraut uns und hofft auf uns. Das ist Evangelium. Kein Gott, der mit Macht durch die Geschichte poltert und alles vernichtet, was nicht dem Ideal entspricht. Kein Gott, der mit der Angst regiert, alle Menschen zu entsorgen, die sich nicht an die Regeln halten.

Jesus hat uns nicht vor einem gewalttätigen Gott gerettet, vor dem wir Angst haben müssen, das Falsche zu sagen, auf dass er uns ewig quält. Das sind die finsteren Mechanismen dieser Welt und die falschen Götzen der Antike, vor denen uns Paulus immer wieder warnt. Und die sich doch so gerne auch heute noch in unsere Herzen schleichen.

Jesus hat uns vor dieser Angst gerettet, indem er die Liebe in ihrer weitreichendsten Konsequenz vorgelebt hat: Ermordet von Menschen und nicht Rache genommen. Obwohl die himmlischen Heerscharen ein Fingerschnipp entfernt gewesen wären. Er hat den Peinigern vergeben, obwohl er der Herrscher der Welt ist. Nur darin liegt Leben. Nur darin liegt Frieden.

Und nur diese göttliche, uns vom Schöpfer der Welt ohne Vorleistung entgegen gebrachte Liebe, hat die Macht, uns vor unserer eigenen Gewaltbereitschaft, unser dunklen Seite, unserer Sünde, zu retten, die immer in uns schlummert. Das heißt es zu begreifen, zu verkünden, zu leben und dadurch Wirklichkeit werden zu lassen.

„In der Welt habt ihr Angst, aber siehe, ich habe die Wege der Welt überwunden“, sagt Jesus.  Nicht mit Gewalt. Sondern mit Barmherzigkeit. Denn wenn die Liebe die Angst überwunden hat, dann hat auch der Hass keinen fruchtbaren Boden mehr.

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