Wann wird die konservative Christenheit weinen und sich schämen?

Eine herausfordernde, ja, eine unerhörte Frage von Professor Siegfried Zimmer. Ein Mann will von abermillionen Nachfolgern Jesu, dass sie sich schämen? Und das beim Thema Homosexualität, um das seit Jahrzehnten mit harten Bandagen gekämpft wird und bei dem viele Christen aufrichtig zerrissen sind zwischen ihrem Wunsch, barmherzig zu sein, und ihrer Liebe zur Bibel, die (aus ihrer Sicht) Homosexualität strikt ablehnt? Ist das nicht hochmütig? Ist das nicht respektlos? Ist das angemessen?

Ja, ich halte es für angemessen. Ich halte es für angemessen, weil Siegfried Zimmer uns daran erinnert, dass es bei der ganzen jahrzehntelangen Diskussion gar nicht um Homosexualität geht. Es geht nicht um eine Sachfrage wie „Soll unser Stadtteil ein Einkaufszentrum bekommen?“. Es geht auch nicht um ein Thema aus dem theologischen Labor, über das man bis zum jüngsten Tag begeistert diskutieren könnte, ohne dass es wirkliche Auswirkungen auf den Alltag der Kirche hätte. Nein, es geht um Menschen. Um schwule und lesbische Mitmenschen mit Gefühlen und Emotionen, mit Ängsten und Verletzungen – und die stammen zum großen Teil von uns – der Kirche.

Siegfried Zimmer schafft es wie wenige andere, statt des Klein-Klein der Rechthaberei das große Ganze zu zeigen und den Horizont zu weiten. Im neuesten Worthaus-Vortrag benötigt er nur ein paar Anmerkungen, um alle Streitigkeiten rund um die einschlägigen Bibelstellen – von beiden Seiten – zur Makulatur zu machen. Und er zeigt mit wenigen historischen Einordnungen auf, warum sich die Frage nach Homosexualität, wie wir sie heute kennen, erst seit 200 Jahren stellt. Und warum sich die biblischen Aussagen deshalb auf etwas ganz Anderes beziehen.

Die schwule Frage – Die Bibel, die Christen und das Homosexuelle | 5.1.1

Vor allem aber fragt er uns, wo wir — die Christen — waren, als Jahrtausende lang Schwule und Lesben ausgestoßen, gefoltert und ermordet wurden. Wer kämpfte für diese ausgestoßenen Menschen auf der Anklagebank, denen Jesus doch immer zur Seite gesprungen war? Die Christen waren es nicht, die hatten sich schon auf dem Richterstuhl gesetzt.

Ich halte die Frage auch deshalb für angemessen, weil sich in konservativen christlichen Kreisen gerade eine schaurige Lethargie breit macht. Die Angst geht um: bei einfachen Christen vor der Reaktion der theologisch Eloquenten, bei Pastoren vor der Reaktion der Gemeinde, bei christlichen Verlagen vor dem Zorn der Kunden, bei Spendenwerken vor dem Protest der Spender. Wenige wagen sich aus der Deckung. Schwule dürfen ja kommen – als Sünder unter Sündern. Gut gemeint, aber wenig hilfreich. Die meisten der Verantwortlichen wollen das Thema lieber totschweigen und warten, was die Zeit bringt. Man trifft sich hinter verschlossenen Türen und beratschlagt sich. Als ob es um ein Einkaufszentrum ginge.

Jeder so verstreichende Tag geht allerdings weiterhin auf Kosten der Menschen, die mit Gott leben und dabei ihre schwule oder lesbische Identität nicht verleugnen wollen. Die diese als schöpfungsmäßige Gabe begreifen und sich selbst voll von Gott akzeptiert fühlen wollen. Und die das  nicht können, weil ihre Geschwister ihnen einreden, Gott ekle an, was sie im Innersten sind. Das treibt sie in die Depression und nicht wenige in den Selbstmord. Darf so etwas von christlichen Gemeinden ausgehen? Die meisten Konservativen ahnen, dass da was nicht stimmen kann. Und dass der Kampf auch schon längst verloren ist. Vor allem wegen dieses einen Arguments: Die Liebe ist das Höchste.

Wenn Gott ein Gott der Liebe ist, wie kann es dann sein, dass ein Gebot so viel Leid, Verfolgung und Tod auslöst, wie es die Ablehnung der Schwulen und Lesben Jahrtausende lang getan hat und heute immer noch tut? Wenn Jesus uns auffordert, Gutes und Böses an seinen Früchten zu erkennen, dann dürfte klar sein: Gut sind diese Früchte nicht. Wie kann das Verbot dann wirklich göttlich sein? Zusammen mit Zimmers Argumenten und denen vieler anderer Ausleger fehlt wohl den meisten Christen nur noch der Mut, Gott wirklich zu vertrauen, dass er Liebe höher bewertet, als Recht zu haben. Nur für den Fall, dass wir dann doch falsch liegen. Aber so viel sollten wir verstanden haben von dem, was Jesus uns gelehrt und vorgelebt hat: Die Liebe sticht Richtigkeit*. Immer. Wahrhaft Zeit, zu weinen und sich zu schämen.


Edit 15.04.15, 18:15 Uhr: * Rechthaberei > Richtigkeit (auf Grund eines berechtigten Hinweises in den Kommentaren)

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