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Niedergang einer Megachurch: Wenn alles von einem Menschen abhängt

Die Mars Hill Megachurch des in die Kritik geratenen Predigers Mark Driscoll in Seattle ist endgültig Geschichte. Gestern gab die Gemeindeleitung bekannt, dass sich die Gemeinde, die jede Woche 12.000 Menschen in einen zentralen Campus und 15 Satelliten-Gemeinden zog, zum Ende des Jahres auflösen wird.

Es ist das traurige Ende einer einst florierenden Gemeinde mit einem pastoralen Superstar an der Spitze. Mark Driscoll hat die Gemeinde 1996 gegründet und sie seither stark geprägt.

Immer wieder war er wegen seines autoritären Führungsstils und herablassenden Umgang mit Frauen in die Kritik gekommen, Anfang des Jahres kamen zu den Vorwürfen Veruntreuung (er hatte eine Werbekampagne für sein  Buch mit Kirchenmitteln bezahlt) und Betrug (er hatte besagtes Buch durch manipulierte Käufe über eine Agentur in die NYT-Bestseller-Liste buchsiert). Als ihn ein bekanntes Pastorennetzwerk aufgrund der Vorwürfe und seiner Weigerung, sich einer Therapie zu unterziehen, aus ihren Reihen ausschloss, war das Fass übergelaufen. Driscoll bat sich im Sommer eine achtwöchige Pause aus, an deren Ende er Mitte Oktober seinen kompletten Rückzug aus der Gemeinde bekannt gab.

Während Driscolls Auszeit war der Gottesdienstbesuch auf die Hälfte gefallen, zwei Satelliten-Gemeinden wurden geschlossen und zwischenzeitlich musste die Kirche Gerüchte über eine drohende Insolvenz dementieren.

Nun also das endgültige Aus. Die verbliebenen Satelliten können sich jetzt entscheiden, ob sie der Muttergemeinde Gebäude und Einrichtung abkaufen, das Personal übernehmen und als selbständige Gemeinde weiter bestehen, ob sie mit einer anderen Gemeinde fusionieren oder ob sie den Betrieb ganz einstellen.

Von Mars Hill lernen

Das Schicksal von Mars Hill hat natürlich viel mit den Problemen der Person Mark Driscoll zu tun und es wäre falsch, den Fall zu generalisieren. Dennoch zeigt der Fall die wunden Punkte eines Gemeindemodells, dass sich zu stark auf einzelne Personen stützt, vor allem, wenn die als Aushängeschild für den Großteil der Attraktivität sorgen und irgendwann im wahrsten Sinne „unersetzlich“ werden.

Relevant ist das nicht nur für Megachurches im fernen Amerika. Zum einen entstehen auch in Deutschland gerade Filialen großer internationaler Gemeinden wie in Konstanz und Düsseldorf (Hillsong, Australien) oder in Berlin der erste Deutschlandableger von Saddleback (Rick Warren, USA). Diese Gemeinden haben hierzulande noch keine pastoralen Superstars herausgebildet, wie es Mark Driscoll einer war. Es sind allerdings sicher gerade diese zentralisierten Strukturen unter einer starken Führung, in denen die Versuchung groß ist, einzelne Personen (zu) stark ins Rampenlicht zu rücken. Aber die gleiche Versuchung lauert auch in jeder normalen Gemeinde, die (hoffentlich) kompetente Hauptamtliche hat.

Dabei sind profilierte Menschen wichtig, um eine Gemeinde zu leiten. Wir brauchen zweifelsohne mehr fesselnde Prediger, begeisternde Priester und einladende Pastoren. Nicht zuletzt war Jesus selbst einer, dem die Massen nachrannten.

Aber die Jesus-Bewegung  wäre ganz schnell am Ende gewesen, wenn der nicht wieder auferstanden wäre und die verwirrten Jünger versammelt und gesendet hätte.

Da das bei gestolperten oder einfach nur weitergezogenen Pastoren nicht immer zu erwarten ist (und in vielen Fällen, in denen zum Beispiel Macht-Missbrauch im Spiel war, auch nicht empfehlenswert wäre), stehen Verantwortliche von Gemeinde jeglicher Größe vor einer Herausforderung: die Gemeinde möglichst wenig um den Hauptamtlichen herum zu bauen und ihn stattdessen als einen Bestandteil eines grösseren Gemeindekonzepts zu sehen. Sicher als einen vitalen und wichtigen, aber eben als einen, bei dessen Fehlen nicht alles zusammen bricht.

Am Ende geht es darum, dass die Gemeindearbeit intern auf vielen Schultern liegt und extern nicht mit ihrem Aushängeschild verwechselt wird, ohne dabei dessen Anziehungskraft zu schmälern.

Wie das passieren kann? Ich kann mir vier Dinge vorstellen:

  1. Klares Gemeindeprofil: Wenn die Gemeinde nur für ihren Pastor bekannt ist, wird sich die Gemeinde mit dessen Fehlen sehr schwer tun. Viele, die nicht zum innersten Kern gehören, werden plötzlich wegbleiben, weil ihr „Star“ nicht mehr da ist.  So ist es offensichtlich in Seattle passiert. Wenn die Gemeinde dagegen für ihr klares Profil bekannt ist, werden auch die Menschen verstärkt genau deswegen von der Gemeinde angezogen. Vor allem aber wird sich der „Stallgeruch“ der Gemeinde bei einem Pastorenwechsel nicht so stark verändern.
  2. Breit angelegte Leitung: Eine gesunde Gemeinde sollte eine möglichst breit angelegte Leitungsstruktur haben. Das beinhaltet Männer und Frauen, Ältere und Jüngere, Ärmere und Reiche, Choleriker und Sanguiniker (wahrscheinlich wenig Phlegmatiker 🙂 ). Bei Mars Hill war das Problem, dass die gesamte Leitungsstruktur auf Mark Driscoll hin ausgerichtet war. Es gab am Ende ein Leitungsteam aus drei Personen, die eine 12.000-Menschen-Gemeinde fast autokratisch regieren konnten. In diese Verlegenheit wird hierzulande so schnell niemand kommen, aber auch einer Gemeinde mit 200 Gottesdienstbesuchern tut es schlecht, wenn die Fäden bei einigen wenigen Menschen zusammenlaufen, die keinerlei Hilfe, aber auch keinerlei Korrektiv haben.
  3. Viele Menschen miteinbeziehen: Wenn der Pastor alles alleine macht, bricht natürlich alles zusammen, wenn er geht. Eine gute Gemeindeleitung versucht, möglichst viele Menschen für die Arbeit zu begeistern und möglichst vielen von ihnen Verantwortung zu übertragen. Das bedeutet: Partizipation, Partizipation, Partizipation. Eine reine Konsumgemeinde wird sich schnell in Wohlgefallen auflösen, wenn das Angebot wegbleibt (oder schlechter wird). Besser (auch aus unzähligen anderen Gründen) ist es, wenn die Gemeinde bei allem beteiligt ist (von der Ideengebung über die Planung bis zur Mitarbeit). Je mehr Mitglieder die Idee der Gemeinde oder eine bestimmte Veranstaltung zu ihrer eigenen machen, desto unabhängiger wird die Gemeinde von den Führungsstrukturen. Das zu tun fällt vor allem den „Macher-Typen“ nicht immer leicht, aber am Ende ist es für alle gesünder.
  4. Bewusstes Zurücktreten des Pastors aus dem Rampenlicht: Gerade wenn man einen sehr beliebten Pastor hat, sollte dieser – wenn möglich – bewusst auch andere mit in den Fokus stellen. Besonders für evangelisch-landeskirchliche und katholische Gemeinden ist der Gedanke oft Neuland, denn hier wird traditionell vom Herrn Pfarrer erwartet, dass er – und er allein – für die Predigt zuständig ist. Andere begabte Menschen aus der Gemeinde an den Predigtdienst heranzuführen vergrößert aber erstens die Vielfalt (was ja an sich schon mal gut ist) und verringert die Gefahr, dass Besucher sich auf einen Prediger konzentrieren. Verknüpft werden können die verschiedenen Leute durch Predigtreihen. In vielen Evangelischen Kirchen gibt es dazu eine Laienpredigerausbildung, in der katholischen Kirche kann jeder Gläubige zur Predigt berufen werden, nicht jedoch nur Wortverkündigung im Rahmen der Eucharistie. Und Freikirchen sind sowieso frei zu tun, was sie wollen.

Wir brauchen profilierte und anziehende Männer und Frauen auf den Kanzeln oder an der Spitze von Bewegungen. Aber am Ende geht es darum, dass sie auf einer stabilen Basis stehen, auf der sie eine gute und anziehende Arbeit machen können, ohne die Gemeinde von sich selbst und ihrem Ruf und Engagement abhängig zu machen. Wenn das gelingt, kann so ein Scherbenhaufen, wie ihn Mark Driscoll jetzt hinterlässt, vermutlich vermieden werden.

Habt ihr Erfahrungen mit solchen Situationen gemacht?

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Kommentare

6 Kommentare auf "Niedergang einer Megachurch: Wenn alles von einem Menschen abhängt"

  1. Thilo says:

    Hat Gott tatsächlich seine Besuche in Driscolls Auszeit halbiert? Oben steht „Gottesbesuche“ 😉

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  2. Vilma says:

    Ich stimme dem voll und ganz zu!

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  3. Peter says:

    „In diese Verlegenheit wird hierzulande so schnell niemand kommen, aber auch einer Gemeinde mit 200 Gottesdienstbesuchern tut es schlecht, wenn die Fäden bei einigen wenigen Menschen zusammenlaufen, die keinerlei Hilfe, aber auch keinerlei Korrektiv haben.“
    Das gibt es in Deutschland öfter.

    Antworten
  4. Timothy says:

    Lieber Rolf, ich glaube du sprichst da einen wunden Punkt an der speziell in frei organisierten Gemeindestrukturen vorkommt. Mit deinen vier Punkten bin ich allerdings nicht zufrieden. Denn ich glaube 1. das die Marshill church sehr wohl ein starkes Profil hatte theologisch wie strukturell sind sie neue Wege innerhalb des konservativen Spektrums gegangen. zu 2. ich dachte es wäre schon seit einiger Zeit so gewesen das Mark driscoll seine Leitungsaufgaben abgegeben hatte um mehr Zeit zum studieren und predigen zu haben?! 3. ich hatte immer den Eindruck das die Last auf vielen Schultern verteilt war, daher auch das dezentrale Konzept von vielen Kampusgemeinden. Entgegengesetzt vieler anderen Bewegungen wurde nicht erst gehandelt als die Gemeinde schon riesig war. Ich habe häufig den Eindruck viele Gemeindeleiter machen sich gar keine Gedanken was passiert wenn die Mitgliederzahlen in die Höhe schießen. Zu 4. geb ich dir voll und ganz recht, wir brauchen mehr Leute in Leitungsfunktionen mit verschiedenen Charaktereigenschaften. Dann Sprichst du von der stabilen Basis auf der wir stehen sollen. Ich glaube diese Basis sollte das Evangelium sein. Die Geschichte zeigt das das Christentum die Macht hat sich immer wieder selbst zu erneuern und zu korrigieren.

    Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. 1.Kor3,11

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  5. Axl says:

    Es gab in unserer Gegend eine Gemeinde, da gingen die Leute nicht zu Jesus in die Gemeinde, sondern zum Z (hier fiel der Name des Gemeindegründers) in die Gemeinde. Zwar ein Diktator, der geistlichen Mißbrauch betrieb. Irgendwann brach das System zusammen und in „meiner“ Geminde konnten wir ein paar Leute auffangen. Gott sei Dank!!!
    Ich habe den Verdacht, das es bei uns Christen viele Leute gibt, die Freiheit und eigenes Denken nicht schätzen.Sie finden es bequem, einen Oberguru zu folgen und hinterfragen ihn nicht. Geschieht das doch, dann wird der Hinterfrager schnell mal mit Bibelstellen und dem Vorwurf mangelnder Geistlichkeit abgewatscht. Leute wie o.g. Z und Mr. Discroll können ihre Macht nur mißbrauchen in einem Umfeld, das aus Bequemlichkeit, Angst usw Freiheit und Denken verteufelt.
    Man darf keine Diktatoren dulden; Denkfaulheit, und Kritikallergie in der Gemeindeherde aber auch nicht.
    Meiner Meinung ist, das zu viele in unseren Gemeinden eine Art spirituelle Wellness möchten und nicht bereit sind selbst denkende und glaubende Menschen zu sein.

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