Optional liebevoll

Ist für Christen ein liebevoller Lebensstil lediglich optimal? Denn das hieße optional. Oder ist er die Basis des Glaubens? Und welche Auswirkung hat das auf die Diskussionskultur unter Christen zu umstrittenen Themen?

Neulich hat etwas stattgefunden, das es im Zeitungs-Feuilleton regelmäßig gibt, in christlichen bzw. evangelikalen Kreisen aber so gut wie nie: Ein öffentlicher Diskurs mit Rede und Gegenrede. Nicht im Sinne organisierter „Pro & Contra“. Sondern in Form zweier Gesprächspartner, die in unterschiedlichen journalistischen Medien aufeinander Bezug nehmen und Argumente austauschen, die jeder mitlesen und zu denen sich jeder seine Meinung bilden kann. Das so etwas passiert, ist erfreulich. Denn diese Diskussionskultur ist uns in manchen christlichen Kreisen verloren gegangen.

Konkret geht es um den Artikel „Die Hände zum Himmel“ aus der ZEIT-Beilage Christ & Welt, in der Autor Hannes Leitlein über den Christustag schreibt. Das war eine evangelikale Veranstaltung mit 21.000 Besuchern an Fronleichnam in Stuttgart.

Hannes Leitlein sieht im Christustag vor allem ein harmoniesüchtiges Event, das die wachsenden Differenzen in der evangelikalen Szene rund um die Themen Bibelverständnis und Homosexualität kaschieren sollte. Im Blick hat er vor allem dem Aufruf „Zeit zum Aufstehen„, dem er attestiert, ein Flop zu sein, „wenn nicht einmal die Hälfte der Besucher des Christustages ihn mittragen kann“. Was verbindend wirken soll, trage in Wirklichkeit zur Spaltung bei.

Die Kritik am Christustag und an „Zeit zum Aufstehen“ greift Stefanie Ramsperger auf, Chefredakteurin des christlichen Medienmagazins „pro“. In  einem Kommentar kritisiert sie den Christ-&-Welt-Text als überspitzt. Die Ablehnung der Homosexualität sei nicht die „letzte Bastion der Evangelikalen“, wie Leitlein behaupte. Mit seinem Beitrag befeuere er genau das, was er kritisiere, nämlich eine Überbetonung der Homosexualitäts-Thematik. In jedem Fall spalte sie die evangelikale Bewegung nicht. Man sei vielmehr „in einem guten Diskussionsprozess“, der für die Breite der Bewegung stehe, zitiert sie den Bundestagsabgeordneten Frank Heinrich, der selbst Mitglied im Hauptvorstand der Evangelischen Allianz ist.

Leitleins Text ist in der Tat ein ziemlich pointierter Blick auf das Thema, aufgehängt am Christustag (weil der eng mit „Zeit zum Aufstehen“ verknüpft wird). Er ist keine umfassende Analyse der Evangelikalen und will das sicher auch nicht sein. Und er hat die Christ-&-Welt-Leserschaft im Blick. Vor diesem Hintergrund muss man ihn sicher lesen.

An manchen Stellen ist er mir auch zu spitz und mutmaßend. Aber er trifft die Wirklichkeit meines Erachtens tatsächlich besser als die Replik von Stefanie Ramsperger. Sie stellt die Situation enorm harmonisch dar. Als ob jeder Evangelikale entspannt die jeweils andere Position akzeptieren könnte. Wer sich ein wenig in den sozialen Medien, in Internetforen und in evangelikalen Gemeinden herumtreibt, der weiß, dass die Emotionen bei diesem Thema schnell sehr hoch kochen. Vielfach spricht man dem anderen lieber die Glaubwürdigkeit als Christ oder gar den ganzen Glauben ab, als nur einen Schritt weit auf einander zuzugehen.

Das gilt ein wenig für beide Seiten – und doch sind es meistens die sich öffnenden Christen, die sich plötzlich mit Liebesentzug und Abweisung durch die „Rechtgläubigen“ konfrontiert sehen. Ich kenne christliche Künstler, die lieber nicht öffentlich ihre (offene) Meinung zum Thema sagen – aus Sorge, nicht mehr gebucht zu werden. Ein Pastor einer landeskirchlichen Gemeinde erzählte mir vergangenes Jahr, dass er sofort seine Koffer packen müsste, wenn seine Gemeinde wüsste, dass er Schwulsein nicht strikt ablehnt.

Und erst kürzlich lernte ich feine, engagierte Menschen aus der Leitung einer  freien Gemeinde in Düsseldorf kennen. Sie haben mehr als die Hälfte ihrer Besucher verloren, als sich die Gemeindeleitung im Rahmen eines monatelangen Prozesses zur Akzeptanz von Homosexualität aufgrund eines neuen Bibelverständnisses durchrang. Freundschaften sind zerbrochen. Das Thema spaltet. Ein „guter Diskussionsprozess“ ist zumindest an der Basis noch bei Weiten nicht überall angekommen.

Leider trägt erwähntes „Zeit zum Aufstehen“ nicht viel Konstruktives dazu bei. Im Gegenteil: Es wendet sich ausdrücklich gegen bestimmte Entwicklungen. Gleich am Anfang heißt es:

„Bewegt von seiner Liebe, stehen wir gemeinsam auf gegen Lehren, Ideologien und Kräfte in unseren Kirchen und in unserer Gesellschaft, die die Würde des Menschen in Frage stellen, die Freiheit des Bekenntnisses einschränken und das Herzstück unseres Glaubens preisgeben.“

Was nach Meinung der Initiatoren das Herzstück des Glaubens ist und gegen welche Entwicklungen es – bewegt von der Liebe Gottes – geht, wird beim Lesen des Textes klar: Gegen alles außerhalb der Ehe zwischen Mann und Frau, gegen Abtreibung und Euthanasie, gegen jeden historisch-kritischen Ansatz in der Bibelauslegung und gegen jegliche Kritik an der Missionierung Andersgläubiger. Gegen diese Dinge darf man natürlich sein. Und man darf auch dafür aufstehen, gegen sie zu sein. Aber ein Schritt aufeinander zu ist das nicht. Es ist eine Abgrenzung von denen, die „falsch“ glauben. Ohne Diskussion. Und damit ebnet die Initiative eben leider keine Wege.

Ich vermute, genau deswegen findet der Aufruf nicht die Masse an Unterstützern (1 Mio Evangelikale gibt es in Deutschland, wird immer gesagt, 8.500 haben bisher unterschrieben und die Unterschriften tröpfeln selbst nach dem Christustag nur noch zaghaft herein). Weil eben immer weniger Evangelikale diese Grabenkämpfe mitmachen wollen, egal, in welcher Verpackung sie kommen. Sie wollen die Dinge differenzierter sehen und nicht immer „dagegen“ sein.

Am Ende ihres Kommentars beschreibt Stefanie Ramsperger treffend, wie sich Evangelikale klassischerweise definieren, nämlich…

[…] über ihre persönliche Beziehung zu Jesus Christus, die sich in Gebeten, Bibellesen, einem aktiven Gemeindeleben und – optimalerweise – einem liebevollen Lebensstil ausdrückt[…].

Eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus, aktives Gebet, Bibellesen und ein aktives Gemeindeleben sind allerdings schon längst kein Alleinstellungsmerkmal der Evangelikalen mehr. Papst Franziskus ermutigt katholische Christen mit fast genau denselben Worten in „Evangelii Gaudium“ den Glauben zu leben. Ihr Nachsatz ist es, an dem (von der Autorin sicher ungewollt) der Knackpunkt deutlich wird: Quasi im Vorbeigehen wird ein „liebevoller Lebensstil“ noch als optimierendes Sahnehäubchen angehängt. Sicher meinte sie das nicht so krass, wie es wirkt, aber im Leben vieler Christen ist leider genau das Realität: Christen reden viel von der Liebe, aber gerade Konservative stehen wesensbedingt in der Gefahr, ihre Glaubensüberzeugungen über die Liebe zu stellen (weil sie ja vor allem das bisher Bewährte konservieren wollen). Bei den „Liberalen“ kommt die Liebe oft aus anderen Gründen nicht ausreichend zum Zug, aber das ist ein anderes Thema.

Die Reinheit der Lehre geht vielen Konservativen über alles. Und das, obwohl im Neues Testament an vielen Stellen, allen voran von Jesus selbst, immer wieder deutlich gemacht wird: Das Höchste ist die Liebe. Sie ist keine optionale Optimierung eines ansonsten auf die eigene Rettung und Wohlfahrt fixierten Glaubenslebens, sondern Kern und Sinn unseres gesamten Christseins. Oft wird Lieblosigkeit paradoxerweise sogar mit der Liebe begründet: Derjenige erkennt einfach nicht, was gut für ihn ist. Die Liebe zu ihm treibt mich dazu, ihm seine Vergehen aufzuzeigen und ihm die Wahrheit zu sagen.

Die Liebe aber sagt: Sobald Menschen unter unserer Theologie oder unserer Ethik leiden, muss irgendwas an dieser Theologie oder Ethik falsch sein. Nicht, wenn sie lediglich unbequem für ihn ist, sondern wenn er darunter leidet. Jesus drückt es so aus: Die Essenz des Glaubens ist es, Gott zu lieben von ganzem Herzen und unseren Nächsten wie uns selbst. Alles andere ordnet sich diesen beiden Sätzen unter. (Mt. 22, 37-40)

Natürlich kann es Situationen geben, in denen dem Kind die dringend nötige Medizin nicht schmeckt. Aber dann bedarf es zumindest immer einer genauen und persönlichen Beschäftigung mit der jeweiligen Person und ihrer Situation. Pauschalen sind selten liebevoll. Und liebevoll das sollten wir als Nachfolger Christi schon sein – nicht idealerweise, sondern zuallererst und als Grundlage von allem anderen Denken und Handeln.

Der einzige gangbare Weg für konservative Christen in dieser Frage ist vermutlich dieser: Sie müssen sich trauen, die Liebe über ihre Glaubensüberzeugung zu stellen. Und darauf vertrauen, dass Gott ebenso handeln würde oder es zumindest billigt, dass wir die Liebe über die Lehre stellen. Die Gewissheit allerdings, dass Gott so handelt, drängt sich bei einem Blick auf Jesu Leben vom Anfang bis zum Ende geradezu auf (denn wenn wir ihn sehen, sehen wir den Vater, sagt Jesus). Und dann hieße das: Den Menschen ihre sexuelle Identität zuzugestehen, auch wenn diese dem eigenen ethischen und theologischen Erkenntnisstand widerstrebt. Oder auch erst mal nur dem anderen eine andere Erkenntnis zugestehen, ohne gleich die eigenen Felle davon schwimmen zu sehen.

Dann wäre ein guter Diskussionsprozess in gegenseitiger Wertschätzung tatsächlich möglich. Und dann käme man vielleicht auch zu einer theologischen Lösung. Vor allem aber zu einer von Liebe und Respekt getragenen – und das dürfte unstrittig in Gottes Sinn sein.

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