Die Erzählung von Adam & Eva ist vermutlich die bekannteste der Menschheit, denn sie hat grundlegende Bedeutung im Judentum, im Christentum und im Islam. Sie ist sehr kurz und kompakt – und behandelt doch die grundlegenden Aspekte des Menschseins. Gleichzeitig ist ihre Deutung heftig umstritten: Die einen wollen sie als historischen Bericht verstehen, die anderen halten gerade das für grundfalsch. Nach wie vor entscheidet sich für viele Christen am „richtigen“ Verständnis der Schöpfungserzählung, wer „Freund“ und wer „Feind“ ist.
Prof. Dr. Siegfried Zimmer hat sich im Rahmen der Reihe „Worthaus 3“ im Mai/Juni 2013 in Weimar dieses Textes angenommen und ihn ausführlich, aber allgemeinverständlich analysiert. Er sagt: Man kann die einzelnen Worte des Textes gar nicht ernst genug nehmen. Und gerade deshalb darf man die Erzählung nicht historisch verstehen. Sie ist so tief und so reich, dass man viel mehr aus ihr gewinnen kann, wenn man nicht an der Oberfläche bleibt.
Zimmer behandelt biblische Texte auf eine wissenschaftliche, aber von persönlicher Leidenschaft geprägte Weise. Nicht umsonst wird ihm nachgesagt, das evangelikale Lager mit der historisch-kritische Theologie versöhnen zu können. Evangelikale verstehen die Schöpfungsgeschichte meist völlig historisch und halten keine andere Deutung für möglich. Kürzlich hörte ich einen Evangelikalen sagen, die Schöpfung sei ja stets der Hauptstreitpunkt im Gespräch mit Nichtchristen. Dass das keinesfalls nötig ist, dass man also – was Evangelikale kaum für möglich halten – die Texte wissenschaftlich betrachten und gleichzeitig ihre tiefen Aussagen über Gott wertschätzen kann, das beweist Siegfried Zimmer.
In einer Serie möchte ich die Erkenntnisse Zimmers knapp zusammen fassen und hier zur Diskussion stellen. Für alle, die die Zeit haben, lohnt es sich auf jeden Fall, die Vorträge selbst zu sehen. Sie sind auf worthaus.org als Audio und Video kostenlos verfügbar.
Eine Erzählung mit Geschichte
Die Erzählung von Adam & Eva fängt nicht am Nullpunkt an. Die meisten Wissenschaftler schätzen, dass die Erzählung in der mittleren Königszeit geschrieben wurde, also zwischen 1.000 und 500 vor Christus. Man spürt ihr ab, dass sie die anderen, viel älteren und berühmten altorientalischen Schöpfungserzählungen kennt. Sie nimmt zu ihnen Stellung. In manchem denkt sie ganz ähnlich, denn an ihnen ist ja bei weitem nicht alles falsch. Es steckt sehr viel Weisheit in ihnen, an die man ohne weiteres anknüpfen kann. Aber die biblische Schöpfungserzählung setzt ganz klare eigene Akzente – und die erkennt man nur, wenn man sie mit den älteren Schöpfungserzählungen vergleicht. Sie beantwortet nicht alle Fragen – sie ist kein Welterklärungssystem. Aber sie hat eine konkrete Botschaft.
Die biblische Erzählung beginnt so (Übersetzung von Siegfried Zimmer):
1. Mose 2,4b -7
Am Tag, als JAHWE-Gott Erde und Himmel machte,
– und es gab das Gebüsch des Feldes noch nicht auf Erden
und das Kraut des Feldes wuchs noch nicht,
denn JAHWE Gott hatte es noch nicht auf der Erde regnen lassen
und der Mensch war noch nicht da, um die Erde zu bearbeiten,
nur ein Wasserschwall stieg aus der Erde empor
und tränkte die gesamte Umgebung –
da formte JAHWE Gott den Menschen aus Staub von der Erde
und er hauchte ihm den Atem des Lebens in die Nase.
So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.
Der erste Satz
Der erste Satz eines Abschnitts ist immer die Überschrift. Es gibt im alten Orient keine Überschriften, so wie wir sie kennen. Der Text einer Schriftrolle fängt mit der ersten Zeile an und geht ununterbrochen weiter bis zur letzten Zeile der Rolle. Es gibt keine Leerzeichen, keine Absätze, keine Formatierung. Auch keine Vers- und Kapiteleinteilungen. Diese hielt erst im späten Mittelalter kurz vor Martin Luther in den Bibeln Einzug. Ein Mönch hat damals die Kapitel eingeteilt, oft recht gut, manchmal auch gar nicht gut, so wie hier. Die Erzählung fängt in 2. Mose 2, Vers 4b an. Der Mönch erkannte nicht, dass er die Kapiteleinteilung mitten in die Vorerzählung setzte.
Man merkt das unter anderem an drei Dingen:
1. Der Satz davor lautet (Vers 4a): „So wurden Himmel und Erde gemacht, als sie erschaffen wurden.“ Laut der hebräischen Grammatik müsste es im ersten Satz unseres Textes dann lauten: „Und am Tag, als JAHWE-Gott diesen Himmel und diese Erde machte..“. Das geschieht hier aber nicht, deshalb muss das ein erster Satz sein.
2. Sätze wie „es gab das Gebüsch des Feldes noch nicht“ oder „das Kraut wuchs noch nicht“ signalisieren, dass hier etwas Neues erzählt wird, denn in den Versen davor wird ja schon einmal die Erschaffung der Welt beschrieben.
3. Hier – und nur hier – wird für Gott der Doppelausdruck „Jahwe-Elohim“ benutzt. In der ersten Schöpfungserzählung (Genesis 1 bis Genesis 2,4a) wird Gott nur „Elohim“ genannt, danach im ganzen Rest des Alten Testaments ebenso, nur in Genesis 2 ab Vers 4b und im Kapitel 3 wird er „Jahwe-Elohim“ genannt (siehe unten). Das zeigt, dass dies eine ganz eigenständige Erzählung ist.
Unsere „Überschrift“ hat vier Bausteine:
1. „Am Tag“
Wörtlich steht hier „b-jom“ – am Tag. Dieser Begriff kommt im Hebräischen oft vor und bedeutet sowohl einen konkreten 24-Stunden-Tag als auch eine unbestimmte Zeitangabe. Hier ist es eine unbestimmte Zeitangabe. Wir würden heute sagen: „Damals, als…“.
Frage: Wenn nicht ein ganz bestimmter Tag gemeint ist, müsste dort dann nicht etwas stehen wie: „Zu der Zeit, als…“? Nein, aus einem ganz einfach Grund: Im biblischen Hebräisch gibt es den Begriff Zeit gar nicht! Das biblische Hebräisch ist keine begriffliche Sprache. Diese entsteht weltweit zum ersten Mal durch Platon und Aristoteles. Davor gibt es in keiner Sprache der Welt abstrakte Begriffe. Deshalb gibt es in der hebräischen Version des Alten Testament auch keinen einzigen abstrakten Begriff. Tage und Jahre kannte man, das Alter und die Jugend genauso, aber diese Worte bleiben alle anschaulich und eng am Leben. Begriffe wie Geschichte, Gesellschaft, Menschheit, Bewusstsein, Person, Identität oder Raum gibt es im (hebräischen) alten Testament nicht. Das müssen wir uns bewusst machen, weil diese Begriffe und diese Denkweise für uns (post)moderne Mitteleuropäer selbstverständlich sind.
Natürlich ist jedem damaligen Leser klar, dass dies keine normale Zeitangabe ist, wie „Ich war vor zwei Wochen in Paris“. Denn die Zeit – auch wenn man den Begriff nicht kennt – ist ja augenscheinlich selbst ein Ergebnis der Schöpfung. Außerdem gibt es keine weitere Zeitangabe. Am Tag als Gott Himmel und Erde erschuf ist ja schon reichlich unkonkret.
Dieses erste Wort der Erzählung wurde natürlich sehr bewusst gewählt. An dem Text ist Jahrzehnte oder Jahrhunderte lang gearbeitet worden. Dazu muss man etwas Weiteres wissen: Im alten Orient gab es keine Autorenliteratur. Autoren mit einem Urheberrecht sind eine relativ moderne Erscheinung. Alttestamentliche Texte sind immer Traditionsliteratur. Damals arbeiteten viele Priester und Weisheitslehrer an solchen Texten, manchmal über Jahrhunderte, oft in mündlicher Rezitation. Und deshalb ist die Wortwahl solcher Texte immer hundertfach bedacht und überlegt.
Wenn die Erzählgemeinschaft also mit „b-jom“ anfängt, dann will sie damit etwas aussagen, wahrscheinlich folgendes: Die Zeit ist das Wichtigste (auch wenn man den Begriff nicht kennt). Wir alle sind zeitliche Wesen und das unterscheidet uns von Gott.
2. „als JAHWE-Gott“
Hier steht wörtlich „JAHWE-ELOHIM“. Ein seltsamer Doppelausdruck, der wie gesagt nur in dieser Erzählung vorkommt, nie mehr sonst in der Bibel. Das Wort „El“ oder „Elohim“ war damals der geläufige Begriff für Gott. „El“ war ganz allgemein das „göttliche Wesen“ genauso wie zum Beispiel der oberste Gott des Pantheon. Aus diesem Wort entwickelt sich später auch das Wort „Allah“ im Islam. Es versteckt sich in vielen Endungen von Namen: Israel, Samuel, etc…
„Jahwe“ ist der Name für Gott in Israel. Er wird von keinem anderen Volk verwendet. Man weiß erst seit ungefähr 50 Jahren, was dieser Name genau bedeutet. Martin Luther wusste das nicht und die pietistischen Väter auch nicht, denn die althebräische Sprache wurde erst in den letzten 100 Jahren tiefer erforscht. „Jahwe“ heißt auf Deutsch: „Ich bin für dich da!“ oder „Ich werde für dich da sein!“ (nicht: „Ich bin, der ich bin“, wie es noch in manchen Bibelübersetzungen steht).
Diesen Namen hat nach hebräischer Überlieferung Gott selbst ins Spiel gebracht, nämlich bei der Berufung des Mose beim brennenden Dornbusch. Mose fragt, wer da mit ihm spricht, und Gott antwortet: „Ich bin für dich da!“. So einen Götternamen gab es noch nicht. Götter hatten in der Regel machtbezogene Namen („Wotan, der Schreckliche“). Die Götter hängen meistens ihre Macht und Überlegenheit heraus. Der Name „Jahwe“ allerdings hat nichts Angsterzeugendes, nichts Autoritäres, nichts Einschüchterndes. Es ist nicht der überlegene Gott der Überlegenen. Er stellt sich dadurch erstmalig vor, dass er hebräische Zwangsarbeiter aus dem Sklavendienst Ägyptens heraus holt. Er ist der Gotte der „Hapiru“, der Hebräer, das bedeutet Zwangsarbeiter. Jahwe ist der Gott der Ausgenutzten. Jahwe ist kein Steigbügelhalter für die Mächtigen dieser Welt, sondern eine Gefahr für sie. Seine Rolle im Exodusgeschehen ist eindeutig: Er tritt auf die Seite der Ausgenutzten, der Weinenden und der Leidenden. Und gegen die Interessen der Herrschenden.
Von diesem „Ich bin für dich da“-Gott Jahwe her wird in unserem Text die Schöpfung erzählt. Das ist wie wenn jemand sagt (ähnlich wie am Anfang des Lukas-Evangeliums): Nachdem schon viele die Schöpfung erzählt haben aus verschiedenen Blickwinkeln, wollen wir die Schöpfung jetzt mal von Jahwe her erzählen, vom den Gott, der für uns da ist. Und da muss man eben einiges anders erzählen.
3. „Erde und Himmel“
„Erde und Himmel“ ist ein Hendiadyoin, also ein Doppelausdruck, der einen komplexen Begriff mit zwei Wörtern ausdrücken will. Das gibt es in der modernen Linguistik kaum mehr (ein Beispiel im Deutschen wäre „Hab und Gut“ für Besitz), aber im alten Orient war es sehr verbreitet. Die Griechen hätten „Kosmos“ gesagt, wir sagen „All“. Aber da das Hebräische keine abstrakten Begriffe kennt, wird hier dieser Doppelausdruck verwendet.
Doch dahinter steckt noch mehr: Die Erde ist die für uns zugängliche Dimension der Wirklichkeit, die wir mit unseren Sinnen erfahren und erforschen können. Mit Himmel aber ist die für uns nicht zugängliche Dimension der selben Wirklichkeit gemeint. In diese Dimension können wir weder sinnlich noch denkerisch eindringen, nicht mal mit unserer Phantasie. Denn die Phantasie ist ja auch an Zeit und Raum und unsere Erfahrungen gebunden. Aber Zeit und Raum ist Teil der uns zugänglichen Dimension, der Erde. Den Himmel können wir uns nicht einmal vorstellen.
Gott hat also alles gemacht, aber nicht nur die uns zugängliche Dimension, sondern auch die uns unzugängliche Dimension. Alles, was ist, verdankt sich Gott. Der Grund für das Dasein liegt nicht im Dasein selber, sondern das ganze Dasein verdankt sich Gott, sagt die Erzählung.
4. „machte“
Dieses Wort „asah“ ist ein ganz normales Wort, das auch verwendet wurde, wenn Menschen etwas machen. Im Gegensatz zu dem Wort „barah“ für „Schaffen“ aus der ersten Schöpfungserzählung, bei der Gott kein Material braucht. Dort spricht Gott und es wird. Er schafft durch sein Wort.
Den schon deutlich abstrakteren Begriff „barah“ kannte man aber offensichtlich noch nicht, als der zweite biblische Schöpfungsbericht verfasst wurde, der in Wirklichkeit der ältere der beiden ist. Deshalb schafft Gott hier ganz konkret und anschaulich aus Material, aus Staub von der Erde und mit seinem Atem. Das konnte man sich vorstellen.
Die Botschaft dieser Überschrift ist also: Gott hat alles geschaffen, was es gibt, alles verdankt sich ihm. Niemand hat ihm geholfen. Übrigens gibt es hier in der Überschrift auch keinen Dualismus, also keinen Widersacher, kein Böses (das Böse kommt später in der Erzählung).
Auch interessant: Die Schöpfung wird nicht begründet. Daran merkt man schon, dass die Erzählung von Adam & Eva zwar wie ein Märchen klingt, aber überhaupt nicht naiv ist. Es wird nichts psychologisiert. Es wird nicht über die Gründe spekuliert. Warum Gott Himmel und Erde erschafft, das kann ein Mensch einfach nicht wissen.
Selber gucken: „Wer ist der Mensch? Die Erschaffung des Menschen“ (Worthaus 3.1.1) bis Minute 36.
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