Im ersten Teil dieses Artikels haben wir gesehen, wie komplex es ist, biblische Botschaft zu verstehen. Einfach lesen – das geht nicht. Auch wenn viele Christen das gerne behaupten – zu weit weg ist allein heute der Sender vom Empfänger der Botschaft. Viel zu interpretationsbedürftig ist schon allein die Alltagskommunikation. Noch viel mehr gilt das für einen Jahrtausende alten Text. Viel Ausgrenzung und viel Leid ist bereits geschehen, weil Menschen die Bibel falsch interpretiert haben.
Aber das disqualifiziert die Bibel keinesfalls als wertvollen, heiligen Text. Natürlich können wir aus den Texten der Bibel, aus ihren Berichten, ihren Erfahrungen und Wahrheiten, ihrer Poesie und ihrer schonungslosen Rohheit unendlich viel lernen, uns an ihr reiben und festmachen, an ihr verzweifeln und unser Leben auf sie bauen. Auf geheimnisvolle Weise findet sich Gott in diesen rauen und ungeschliffenen Menschenworten.
Doch welche Möglichkeiten gibt es, die Bibel heute zu verstehen und das Reden Gottes daraus (richtig) zu hören?
1 Textgattung und Selbstanspruch
Es gibt Bibelskeptiker, die sagen, die Bibel wäre unglaubwürdig, weil sie nicht-wissenschaftliche, unrealistische Aussagen enthielte. Auf der anderen Seite sagen manche Christen, jeder Versuch, die Bibel nicht wörtlich zu verstehen, würde sie als unglaubwürdig diskreditieren.
Beide haben unrecht. Unglaubwürdig ist ein Buch dann, wenn es etwas Falsches berichtet oder verspricht. Milliarden von Christen über die Jahrhunderte konnten und können bestätigen, dass keins der biblischen Bücher das tut. Vorausgesetzt freilich, man nimmt die Texte mit ihrem Selbstanspruch und ihrer geschichtlichen Einordnung ernst. Die Schöpfungsgeschichte wird von unserer heutigen wissenschaftlichen Erkenntnis aufgefressen, wenn man sie als wörtlichen Bericht versteht; aber sie ist eine kraftvolle Hymne der Anbetung eines allmächtigen und höchst kreativen Schöpfergottes, wenn sie urzeitliche, geistliche Lyrik sein darf. Sie macht revolutionäre Aussagen über die Religionen der Zeit (die die Sterne am Himmel für Götter hielten) und den einen, lebendigen Gott (der die Sterne als Lampen an den Himmel hängt). Und sie artikuliert wichtige Wahrheiten über den Menschen, die noch heute für so manchen sehr avantgardistisch sind (das Ebenbild Gottes ist gleich aufgeteilt auf Mann und Frau).
Ebenso ist ein Psalm keine theologische Doktorarbeit, sondern ein künstlerischer Ausdruck des Glaubens. Ein Brief ist eine Auseinandersetzung mit der konkreten Situation eines Empfängers oder einer Gruppe von Empfängern. Eine Apokalypse ist eine Textgattung wie heute Science-Fiction-Literatur. Raumschiff Enterprise hat mehr getan für die Rechte von Schwarzen und Frauen und für die Beendigung des kalten Kriegs als alle Politikerreden zusammen. Enterprise-Schöpfer Gene Roddenberry sagte denn auch in einem Interview: „Star Trek zeigt nicht unsere Zukunft, es zeigt uns, hier und jetzt, und behandelt Dinge, die wir heute verstehen sollten“. Ist Star Trek also wahr? Nein – es ist natürlich nur eine erfundene Geschichte. Transportiert Star Trek Wahrheit? Definitiv! Seine Wahrheit aber liegt auf einer sehr realen und sehr aktuellen Ebene, die uns viel mehr berührt und angeht als wenn es nur eine „wahre“ Geschichte wäre. Star Trek ist wahr, weit über eine vordergründige Richtigkeit der Darstellung hinaus.
Oder nehmen wir die vier Berichte von der Auferstehung Jesu. Sie sind auf den ersten Blick völlig gegensätzlich. Matthäus berichtet von zwei Frauen, die am Ostermorgen zum Grab gehen, Markus von dreien, Lukas von „mehreren“ und Johannes sagt, es war nur eine. Markus, Lukas und Johannes berichten, das Grab war schon offen, bei Matthäus ist es noch zu. Bei Matthäus ist es ein Engel, der den Stein vor den Augen der Frauen wegrollt, bei Markus ist es einer, der innen auf die Frauen wartet. Lukas und Johannes haben gleich zwei Engel. Macht das die Berichte unglaubwürdig? Sagen drei der vier die Unwahrheit?
Zu diesem Schluss kann man nur kommen, wenn man die Texte in die Rolle moderner Ereignisprotokolle zwängt, ein Korsett, das ihnen nicht passt. Wie sind die ersten Christen mit diesen Unterschieden umgegangen? Hätten sie nicht sagen müssen: Lasst und eine einheitliche Version finden? Lasst uns die Wahrheit verkünden? Die Evangelisten kannten sich ja. Aber so funktioniert antike Geschichtsschreibung nicht. Die Wahrheit lag für die Menschen dieser Kultur nicht in der akkuraten Beschreibung der Ereignisse. Das ist uns im 21. Jahrhundert wichtig und zeigt ein Stück weit unsere Oberflächlichkeit. In der Antike lag die Wahrheit tiefer – in der Bedeutung der Ereignisse und in ihrer Wirkung. Wikipedia drückt es so aus: Antike Geschichtsschreibung kommt es “nicht auf die aufbewahrende Darstellung historischer Fakten an, sondern auf ein didaktisches Ziel, das mit Hilfe einer darauf hin geformten Darstellung von Ereignissen erreicht werden sollte“. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes hätte damals niemand der fehlerhaften Darstellung bezichtigt. Sie schrieben mit dem Ziel, Wahrheit, Kraft und Wirkung der Auferstehung zu bezeugen. Weit über konkrete Abläufe hinaus.
Wenn wir die biblischen Texte in ihrer Textgattung und Intention ernst nehmen, dann verlangen wir nicht mehr von einem Volkslied, die Welt im Zusammenhang zu erklären, von einem Gedicht, Wissenschaft zu sein, und von einem antiken Bericht, im modernen Sinne akkurat zu sein. Dann suchen wir endlich die Wahrheit hinter der Fassade und tun das nicht mehr als böse, ungeistliche Bibelkritik ab. Und dann erscheint die Bibel auch selbst offenen, modern denkenden Menschen nicht mehr unglaubwürdig. Denn das ist sie in keiner Weise.
2 Zeit, Ort & Kultur
Um die biblischen Texte verstehen zu können gehört auch, sich schlau zu machen über die Zeit, den Ort und die Kultur, in der dieser Text verfasst wurde. Über die zeitliche und kulturelle Distanz gehen Informationen verloren, die entscheidend sind für das richtige Verständnis des Textes (siehe „Bildsprache“ in Teil 1).
Wenn ich weiß, dass Laodizea, die Stadt aus der Offenbarung, die für ihre Lauheit kritisiert wird, zwischen den berühmten Städten Hierapolis und Kolossä lag, die eine bekannt durch ihre heißen Quellen, die andere durch ihren klaren, kalten Fluss, dann beginne ich zu ahnen, das die Stelle meistens falsch ausgelegt wird. Da wird gesagt: Die Christen in Laodizea hätten sich nur halbherzig für Jesus entschieden, sie brennten weder für Jesus (heiß) noch lehnten sie ihn von ganzem Herzen ab (kalt) – und selbst letzteres wäre Jesus lieber als unentschiedenes Christsein. So ein Unsinn!
Die Quellen von Hierapolis waren heiß, es war ein berühmter Kurort und Menschen kamen scharenweise, um sich dort heilen zu lassen. Außerdem konnte man mit dem heißen Wasser Wolle färben. Kolossä hingegen lag am kalten Fluss Lykos, der erfrischend war, Metallverarbeitung (Münzprägung) erlaubte und überdies kurioserweise irgendwo einfach im Erdboden verschwand, was allein für viele Reisende einen Halt auf der wichtigen Handelsstraße von Milet nach Ephesus wert war.
Laodizea profitierte von beiden Städten, hatte eine florierende Wollverarbeitung, beherbergte Kurgäste aus Hierapolis und war bekanntes Augenheilzentrum. Es war reich, aber es war ein geliehener Reichtum, eine glänzende Fassade. Die Stadt war abhängig von der Wasserversorgung über ein Aquädukt aus Hierapolis, über das das Wasser lediglich lauwarm in Laodizea ankam. Leodizea hatte keine eigene Quelle, keine eigenen Ressourcen und es hatte nichts getan, um sich eine eigene Grundlage für wirtschaftliche Stärke aufzubauen. Laodizea war ein nichtsnutziger Schmarotzer, der vom Reichtum und den Ressourcen seiner Nachbarn profitiert. Hinter der glänzenden Fassade war es arm.
Der Gemeinde in Laodizea rät Jesus im Sendschreiben, von ihm selbst Gold zu kaufen, das geläutert ist (eine Anspielung auf die Metallverarbeitung in Kolossä), weiße Kleider zu kaufen, damit ihre Schande bedeckt würde (eine Anspielung auf die Wollfärbung in Hierapolis) und Augensalbe, damit sie wirklich sehen könne (eine Anspielung auf ihren eigenen Stolz, Augenheilzentrum zu sein). Kurz: Die Gemeinde ist nicht unentschieden, sie ist nutzlos. Sie schwelgt in ihrem Reichtum und vergisst dabei ihren Auftrag. Sie fühlt sich sicher, aber bemerkt die tönernen Füße nicht, auf denen diese Sicherheit beruht. Und wenn man die Stelle so liest, dann wird sie plötzlich hochaktuell für Menschen im stinkreichen und selbstverliebten Deutschland des 21. Jahrhunderts.
Um sich über Land und Leute zu informieren ist kein Geschichtsstudium notwendig. Oft reicht eine Recherche im Internet, aber überprüfe alles, was du dort findest! Hilfreich sind auch Studienbibeln, Lexika zur Bibel oder elektronische Bibelprogramme, die Hintergrundinformationen enthalten.
3 Gemeinschaft & Offenheit
Apropos Hilfe: Bibeltexte intensiv und in aller Ruhe zu studieren ist gut, aber noch besser ist es, das gemeinsam mit anderen zu tun. Mit anderen, die ebenfalls auf der Suche nach Antworten sind, Menschen von denen ich meine frisch entwickelten Interpretationen hinterfragen und auch korrigieren lasse. Menschen, mit denen ich im Gespräch auf neue Wege stoße, mit denen ich um die Ecke denken kann und mit denen ich gemeinsam mehr entdecke, als ich es alleine könnte. Weil das Bild der Gruppe größer ist als das des Einzelnen. Im Gespräch kann ich Überlegungen sofort durch das Feuer der Kritik gehen lassen und gemeinsam kommt man in aller Regel zu einem tieferen und tragfähigeren Verständnis.
Das gilt für Freunde, die ähnlich denken wie wir. Das gilt aber genauso für Menschen, mit denen ich Differenzen habe – und das vielleicht sogar noch mehr. Denn wer kann uns besser unsere Unzulänglichkeiten und Fehler vor Augen halten als diejenigen, die uns mit aller Kraft umstimmen wollen? Kritik ist kostenlose Beratung, sagt ein geflügeltes Wort. Menschen, die uns lieben, können uns wunderbare Ratschläge geben und scheuen sich im besten Fall auch nicht, die Wahrheit zu sagen. Menschen, mit denen wir fundamentale Differenzen haben, scheuen sich nie, uns die Wahrheit zu sagen (oder zumindest das, was sie dafür halten). Was wir damit machen, ist immer unsere Sache, aber es lohnt sich, uns selbst frei zu machen von dem Stolz, in allem Recht haben zu wollen. Ehrlich bereit zu sein, sich überzeugen zu lassen, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Souveränität und die Grundvoraussetzung für eine Diskussion auf Augenhöhe.
Das ist nicht einfach, wir alle haben unsere Überzeugungen und wir sollten mit ganzem Engagement für sie eintreten. Aber wenn wir nicht offen dafür sind, unsere eigenen lieb gewonnenen und Sicherheit bietenden Positionen zumindest zu überdenken, dann werden wir uns nicht weiter entwickeln. Dann wird die Menschheit sich nicht weiter entwickeln in ihrer Sicht auf Gott und die Welt. Genau das aber – so scheint mir – ist Gottes expliziter Wille, tief eingearbeitet in die DNA des Homo Sapiens, des „einsichtsfähigen Menschen“. Wir sind mit dem Bedürfnis gebaut, uns immer weiter zu entwickeln. Wir sind geschichtliche Wesen, die sich ihrer Vergangenheit bewusst sind und die ihre Zukunft bewusst gestalten. Stillstand ist nicht Gottes Stil. Entwicklung ist für Gott nichts Böses, sondern Teil der Welt, die er geschaffen hat. Das einzelne Lebewesen entwickelt sich von seiner Zeugung an bis hinein ins hohe Alter. Wir lernen als Babys aus der Interaktion mit unserer Umwelt und aus den Fehlern, die wir machen. Und als Erwachsener ist das nicht anders. Arten entwickeln sich weiter, oft über lange Zeiträume, und das brachte eine unglaubliche Vielfalt an Tieren und Pflanzen hervor. Die Menschheit entwickelte sich von der Steinzeit an bis ins digitale Zeitalter – und sicher darüber hinaus. Der Weg Gottes mit den Menschen entwickelte sich – von den ersten Offenbarungen gegenüber Einzelnen wie Abraham bis hin zum Pfingstereignis, wo Menschen aus allen Ländern und Kulturen den Geist Gottes empfingen. Entwicklung, so scheint mir, ist nur für diejenigen eine Gefahr, deren vornehmliches Bedürfnis Sicherheit ist. Für Gott hingegen ist sie eine der Kerneigenschaften seiner Schöpfung. Für Gott ist es zentral, dass wir uns weiter entwickeln.
Entwicklung heißt, sich nach dem Besseren zu sehnen und es zu suchen. Aber das bedeutet eben auch, Gutes hinter sich zu lassen. Vielleicht hilft es, sich bewusst zu machen, dass auch das Bessere, das wir heute anstreben, irgendwann das Gute sein wird, dass wir hinter uns lassen, um wiederum darüber hinaus zu kommen. War es deshalb schlecht? Auf keinen Fall! Hat es sich gelohnt, dieses Ziel zu verfolgen? Natürlich! Wird es immer gut und richtig und wahr bleiben, auch wenn die Welt sich weiter verändert? Oft nicht. Es gibt nur einige, zentrale Wahrheiten, die durch die Zeit tragen. „Gott liebt uns“ ist so eine, obwohl auch das immer wieder neu für die jeweilige Zeit definiert werden muss. Generationen von Christen waren überzeugt (und viele sind es immer noch), dass es ein Zeichen der Liebe Gottes ist, so „gerecht“ zu sein, dass er eine ewige Hölle vorhalten muss für all die, die nicht seinem Weg folgen. Heute ist das für viele Christen unvorstellbar. Was von beiden kommt der Wirklichkeit näher? Was trägt? Ist die Abwendung von der Höllenvorstellung ein Rückschritt unserer Erkenntnis zu Gott oder der nächste große Schritt auf das zu, was Gott sich für seine Menschheit vorgestellt hat? Oder ist es die Beendigung eines langen Umweges hin zu dem Ziel, unserer Berufung als Volk Gottes auf Erden gerecht zu werden?
Fragen wie diesen können wir uns am Ende nur im Gespräch und in der offenen Diskussion miteinander nähern. Dafür ist die gegenseitige Korrektur ein wichtiger Baustein. Aber die ist nur sinnvoll, wenn wir auch selbst grundsätzlich bereit sind, unser Denken zu korrigieren.
4 Das große Bild
Das führt uns zum nächsten Punkt, der sich eine ganz simple Frage fassen lässt: Wie ist das große Bild? Wie passt eine bestimmte Aussage, wie passt ein bestimmter Bibelvers in das Bild, das alle biblischen Bücher gemeinsam von Gott zeichnen?
Das herauszufinden ist nicht ganz trivial und je komplexer das „Big Picture“ ist, desto anfälliger ist es für die Brille, mit der wir es deuten. Die Brille ist unser gelernter Glaube, das, was wir im Kindergottesdienst gehört haben oder das, was uns gelehrt wurde, bevor wir uns für Christus entschieden. Ihr kennt diese Bilder, die zwei Dinge gleichzeitig zeigen, zum Beispiel zwei Gesichter oder eine Vase. Je nachdem, was man zuerst sieht, ist es nicht einfach, auch das zweite Muster zu erkennen. Wenn man das Bild ansieht, kommt automatisch immer erstmal das Bild, das man zuerst gesehen hat. Dass das Bild auch etwas ganz anderes zeigen kann, weiß der Betrachter oft erst, wenn man ihn darauf aufmerksam macht.
Genauso ist es auch mit Bibeltexten. Wenn man von einem bestimmten Denkrahmen ausgeht, dann liest man jeden Vers automatisch in diesem Rahmen. Wenn die Aussage halbwegs logisch ins Bild passt, dann kommt man gar nicht erst auf die Idee, diese erste Bedeutung zu hinterfragen.
Leicht passiert es dann, dass sich das große Bild und die gelesenen Bibelverse gegenseitig bestätigen und verstärken. Ein in sich rundes System entsteht. Alles ist stimmig und die kleinen Hinweise, dass da irgendetwas noch nicht ganz passt, werden von der Überzeugungskraft des Gesamtsystems erdrückt. Hat man einmal ein solches großes Bild, dann ist es unheimlich schwer, aus diesem Denkrahmen wieder auszubrechen. Es benötigt viel Zeit, viel Beschäftigung mit den Texten und eine große Offenheit, um irgendwann ein anderes Bild erkennen zu können. Die gleichen Zutaten, die selben Verse, die selben Linien – und dennoch malen sie plötzlich etwas völlig anderes. Mit den selben Worten erzählen die Texte auf einmal eine ganz andere Geschichte. In sich ebenso stimmig. Aber mit einer völlig anderen Zielrichtung.
Diesem Gesamtkontext nachzuspüren und sich seiner bewusst zu sein ist unheimlich wichtig. Begibt man sich auf die Suche, dann findet man sich schnell bei einem Indizienpuzzle wieder, so wie es das schon gewesen ist, seid es die Theologie gibt. Und wir werden nie alles verstehen. Trotzdem lohnt es sich, unsere bruchstückhafte Erkenntnis, wie Paulus es ausdrückt, immer wieder neu zu betrachten, zu überprüfen und zu überarbeiten – gerade, weil sie bruchstückhaft ist. In dem Wissen, dass die Texte tiefgründig, vielschichtig und nicht einfach für uns zu entschlüsseln sind. Aber dass es ein großes Bild zu entdecken gibt. Denn wir lernen dazu und neue Generationen sehen neue Aspekte. Das große Bild können wir immer nur erahnen.
5 Der Heilige Geist
Bei diesem Indizienpuzzle hilft uns neben unseren lieben Mitchristen und Google noch jemand: Der Heilige Geist. Er ist die Größe, die sich durch alles bisher Genannte zieht. Er steht immer neben uns und flüstert uns liebevoll ins Ohr. Er bewegt unser Herz, sendet uns Menschen, lässt uns neue Dinge in Texten entdecken, die wir schon tausend Mal gelesen haben.
Er ist Gott, der Seelsorger, und Gott, der Lehrer. Der Heilige Geist ermöglicht uns, das Reden Gottes zu erkennen durch Menschen, durch Situationen, durch Bücher, Zeitschriften, Blogeinträge und natürlich durch biblische Texte. Das Gesetz ist in unser Herz geschrieben, sagt der Prophet Jeremia und meint damit genau diese mysteriöse, nicht greifbare und doch so real erlebbare Kraft, die uns helfen kann, einen kleinen Funken göttlicher Wahrheit im scheinbar gänzlich Profanen zu erahnen. Oft können wir das kaum in Worte fassen, aber wenn wir ruhig werden, uns entspannen und uns für Neues öffnen, dann spüren wir beizeiten in unserem Herzen, was richtig ist und was Gott will.
Im Heiligen Geist redet Gott zu uns. Und dass Gott das tut zeigt auch gleichzeitig die Begrenztheit geschriebener Worte. Sie sind maßgeschneidert für eine bestimmte Situation und können mit göttlicher Wahrheit vieles verändern. Doch genau das macht sie auch starr und oft schwer transportierbar in andere Umstände einer anderen Zeit mit einer anderen Kultur in einer so ganz anderen Welt.
Geschriebene Worte sind nur solange gut, wie der Heilige Geist sie uns auslegt und ins Heute übersetzt. Ohne dies werden es schnell tote Worte, die wir zu Waffen umfunktionieren und uns gegenseitig damit verletzen. Wenn wir ernst nehmen, dass Gott keine perfekte Schöpfung angelegt hat, sondern eine „sehr gute“, und wenn wir weiter annehmen, dass der Heilige Geist beim Schreiben der biblischen Texte die Herzen der Autoren bewegt hat, dann müssen wir daraus schließen: Die Bibel ist von Gottes Geist durchdrungen, aber von lebendigen, also fehlbaren Menschen geschrieben. Wenn wir die biblischen Texte in ein Korsett der Unfehlbarkeit stecken, dann werden sie schnell zu Mitteln zum Zweck, die wir benutzen, statt uns selbst von ihnen inspirieren und lehren zu lassen. Wenn wir uns aber darauf einlassen, dass Gott lebendig ist und er Entwicklung will und es ihm offensichtlich recht ist, zu uns auch durch großartige, lebendige Versager zu sprechen, dann, so glaube ich, kommen wir dem Geheimnis Gottes ein Stück näher. Und im Vertrauen darauf, dass Gott zu uns spricht, wird es uns vielleicht möglich, diese uralten Texte für unsere heutige, komplizierte und verrückte Welt zu verstehen.
6 ….?
Dies sind einige Dinge, die ich für wichtig halte im Umgang mit der Bibel. Sicher gibt es noch andere Dinge, die andere Menschen für zentral halten oder die ich einfach übersehen habe. Ich würde mich freuen, wenn ihr die Liste in den Kommentaren ergänzt mit dem, was ihr denkt und ergänzen wollt, aber auch mit dem, was ihr anders seht. Bin gespannt. Und offen. 🙂
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