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Die Bibel verstehen (Teil 2)

Im ersten Teil dieses Artikels haben wir gesehen, wie komplex es ist, biblische Botschaft zu verstehen. Einfach lesen – das geht nicht. Auch wenn viele Christen das gerne behaupten – zu weit weg ist allein heute der Sender vom Empfänger der Botschaft. Viel zu interpretationsbedürftig ist schon allein die Alltagskommunikation. Noch viel mehr gilt das für einen Jahrtausende alten Text. Viel Ausgrenzung und viel Leid ist bereits geschehen, weil Menschen die Bibel falsch interpretiert haben.

Aber das disqualifiziert die Bibel keinesfalls als wertvollen, heiligen Text. Natürlich können wir aus den Texten der Bibel, aus ihren Berichten, ihren Erfahrungen und Wahrheiten, ihrer Poesie und ihrer schonungslosen Rohheit unendlich viel lernen, uns an ihr reiben und festmachen, an ihr verzweifeln und unser Leben auf sie bauen. Auf geheimnisvolle Weise findet sich Gott in diesen rauen und ungeschliffenen Menschenworten.

Doch welche Möglichkeiten gibt es, die Bibel heute zu verstehen und das Reden Gottes daraus (richtig) zu hören?

1 Textgattung und Selbstanspruch

Es gibt Bibelskeptiker, die sagen, die Bibel wäre unglaubwürdig, weil sie nicht-wissenschaftliche, unrealistische Aussagen enthielte. Auf der anderen Seite sagen manche Christen, jeder Versuch, die Bibel nicht wörtlich zu verstehen, würde sie als unglaubwürdig diskreditieren.

Beide haben unrecht. Unglaubwürdig ist ein Buch dann, wenn es etwas Falsches berichtet oder verspricht. Milliarden von Christen über die Jahrhunderte konnten und können bestätigen, dass keins der biblischen Bücher das tut. Vorausgesetzt freilich, man nimmt die Texte mit ihrem Selbstanspruch und ihrer geschichtlichen Einordnung ernst. Die Schöpfungsgeschichte wird von unserer heutigen wissenschaftlichen Erkenntnis aufgefressen, wenn man sie als wörtlichen Bericht versteht; aber sie ist eine kraftvolle Hymne der Anbetung eines allmächtigen und höchst kreativen Schöpfergottes, wenn sie urzeitliche, geistliche Lyrik sein darf. Sie macht revolutionäre Aussagen über die Religionen der Zeit (die die Sterne am Himmel für Götter hielten) und den einen, lebendigen Gott (der die Sterne als Lampen an den Himmel hängt). Und sie artikuliert wichtige Wahrheiten über den Menschen, die noch heute für so manchen sehr avantgardistisch sind (das Ebenbild Gottes ist gleich aufgeteilt auf Mann und Frau).

Ebenso ist ein Psalm keine theologische Doktorarbeit, sondern ein künstlerischer Ausdruck des Glaubens. Ein Brief ist eine Auseinandersetzung mit der konkreten Situation eines Empfängers oder einer Gruppe von Empfängern. Eine Apokalypse ist eine Textgattung wie heute Science-Fiction-Literatur. Raumschiff Enterprise hat mehr getan für die Rechte von Schwarzen und Frauen und für die Beendigung des kalten Kriegs als alle Politikerreden zusammen. Enterprise-Schöpfer Gene Roddenberry sagte denn auch in einem Interview: „Star Trek zeigt nicht unsere Zukunft, es zeigt uns, hier und jetzt, und behandelt Dinge, die wir heute verstehen sollten“. Ist Star Trek also wahr? Nein – es ist natürlich nur eine erfundene Geschichte. Transportiert Star Trek Wahrheit? Definitiv! Seine Wahrheit aber liegt auf einer sehr realen und sehr aktuellen Ebene, die uns viel mehr berührt und angeht als wenn es nur eine „wahre“ Geschichte wäre. Star Trek ist wahr, weit über eine vordergründige Richtigkeit der Darstellung hinaus.

Oder nehmen wir die vier Berichte von der Auferstehung Jesu. Sie sind auf den ersten Blick völlig gegensätzlich. Matthäus berichtet von zwei Frauen, die am Ostermorgen zum Grab gehen, Markus von dreien, Lukas von „mehreren“ und Johannes sagt, es war nur eine. Markus, Lukas und Johannes berichten, das Grab war schon offen, bei Matthäus ist es noch zu. Bei Matthäus ist es ein Engel, der den Stein vor den Augen der Frauen wegrollt, bei Markus ist es einer, der innen auf die Frauen wartet. Lukas und Johannes haben gleich zwei Engel. Macht das die Berichte unglaubwürdig? Sagen drei der vier die Unwahrheit?

Zu diesem Schluss kann man nur kommen, wenn man die Texte in die Rolle moderner Ereignisprotokolle zwängt, ein Korsett, das ihnen nicht passt. Wie sind die ersten Christen mit diesen Unterschieden umgegangen? Hätten sie nicht sagen müssen: Lasst und eine einheitliche Version finden? Lasst uns die Wahrheit verkünden? Die Evangelisten kannten sich ja. Aber so funktioniert antike Geschichtsschreibung nicht. Die Wahrheit lag für die Menschen dieser Kultur nicht in der akkuraten Beschreibung der Ereignisse. Das ist uns im 21. Jahrhundert wichtig und zeigt ein Stück weit unsere Oberflächlichkeit. In der Antike lag die Wahrheit tiefer – in der Bedeutung der Ereignisse und in ihrer Wirkung. Wikipedia drückt es so aus: Antike Geschichtsschreibung kommt es “nicht auf die aufbewahrende Darstellung historischer Fakten an, sondern auf ein didaktisches Ziel, das mit Hilfe einer darauf hin geformten Darstellung von Ereignissen erreicht werden sollte“. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes hätte damals niemand der fehlerhaften Darstellung bezichtigt. Sie schrieben mit dem Ziel, Wahrheit, Kraft und Wirkung der Auferstehung zu bezeugen. Weit über konkrete Abläufe hinaus.

Wenn wir die biblischen Texte in ihrer Textgattung und Intention ernst nehmen, dann verlangen wir nicht mehr von einem Volkslied, die Welt im Zusammenhang zu erklären, von einem Gedicht, Wissenschaft zu sein, und von einem antiken Bericht, im modernen Sinne akkurat zu sein. Dann suchen wir endlich die Wahrheit hinter der Fassade und tun das nicht mehr als böse, ungeistliche Bibelkritik ab. Und dann erscheint die Bibel auch selbst offenen, modern denkenden Menschen nicht mehr unglaubwürdig. Denn das ist sie in keiner Weise.

2 Zeit, Ort & Kultur

Um die biblischen Texte verstehen zu können gehört auch, sich schlau zu machen über die Zeit, den Ort und die Kultur, in der dieser Text verfasst wurde. Über die zeitliche und kulturelle Distanz gehen Informationen verloren, die entscheidend sind für das richtige Verständnis des Textes (siehe „Bildsprache“ in Teil 1).

Wenn ich weiß, dass Laodizea, die Stadt aus der Offenbarung, die für ihre Lauheit kritisiert wird, zwischen den berühmten Städten Hierapolis und Kolossä lag, die eine bekannt durch ihre heißen Quellen, die andere durch ihren klaren, kalten Fluss, dann beginne ich zu ahnen, das die Stelle meistens falsch ausgelegt wird. Da wird gesagt: Die Christen in Laodizea hätten sich nur halbherzig für Jesus entschieden, sie brennten weder für Jesus (heiß) noch lehnten sie ihn von ganzem Herzen ab (kalt) – und selbst letzteres wäre Jesus lieber als unentschiedenes Christsein. So ein Unsinn!

Die Quellen von Hierapolis waren heiß, es war ein berühmter Kurort und Menschen kamen scharenweise, um sich dort heilen zu lassen. Außerdem konnte man mit dem heißen Wasser Wolle färben. Kolossä hingegen lag am kalten Fluss Lykos, der erfrischend war, Metallverarbeitung (Münzprägung) erlaubte und überdies kurioserweise irgendwo einfach im Erdboden verschwand, was allein für viele Reisende einen Halt auf der wichtigen Handelsstraße von Milet nach Ephesus wert war.

Laodizea profitierte von beiden Städten, hatte eine florierende Wollverarbeitung, beherbergte Kurgäste aus Hierapolis und war  bekanntes Augenheilzentrum. Es war reich, aber es war ein geliehener Reichtum, eine glänzende Fassade. Die Stadt war abhängig von der Wasserversorgung über ein Aquädukt aus Hierapolis, über das das Wasser lediglich lauwarm in Laodizea ankam. Leodizea hatte keine eigene Quelle, keine eigenen Ressourcen und es hatte nichts getan, um sich eine eigene Grundlage für wirtschaftliche Stärke aufzubauen. Laodizea war ein nichtsnutziger Schmarotzer, der vom Reichtum und den Ressourcen seiner Nachbarn profitiert. Hinter der glänzenden Fassade war es arm.

Der Gemeinde in Laodizea rät Jesus im Sendschreiben, von ihm selbst Gold zu kaufen, das geläutert ist (eine Anspielung auf die Metallverarbeitung in Kolossä), weiße Kleider zu kaufen, damit ihre Schande bedeckt würde (eine Anspielung auf die Wollfärbung in Hierapolis) und Augensalbe, damit sie wirklich sehen könne (eine Anspielung auf ihren eigenen Stolz, Augenheilzentrum zu sein). Kurz: Die Gemeinde ist nicht unentschieden, sie ist nutzlos. Sie schwelgt in ihrem Reichtum und vergisst dabei ihren Auftrag. Sie fühlt sich sicher, aber bemerkt die tönernen Füße nicht, auf denen diese Sicherheit beruht. Und wenn man die Stelle so liest, dann wird sie plötzlich hochaktuell für Menschen im stinkreichen und selbstverliebten Deutschland des 21. Jahrhunderts.

Um sich über Land und Leute zu informieren ist kein Geschichtsstudium notwendig. Oft reicht eine Recherche im Internet, aber überprüfe alles, was du dort findest! Hilfreich sind auch Studienbibeln, Lexika zur Bibel oder elektronische Bibelprogramme, die Hintergrundinformationen enthalten.

3 Gemeinschaft & Offenheit

Apropos Hilfe: Bibeltexte intensiv und in aller Ruhe zu studieren ist gut, aber noch besser ist es, das gemeinsam mit anderen zu tun. Mit anderen, die ebenfalls auf der Suche nach Antworten sind, Menschen von denen ich meine frisch entwickelten Interpretationen  hinterfragen und auch korrigieren lasse. Menschen, mit denen ich im Gespräch auf neue Wege stoße, mit denen ich um die Ecke denken kann und mit denen ich gemeinsam mehr entdecke, als ich es alleine könnte. Weil das Bild der Gruppe größer ist als das des Einzelnen. Im Gespräch kann ich Überlegungen sofort durch das Feuer der Kritik gehen lassen und gemeinsam kommt man in aller Regel zu einem tieferen und tragfähigeren Verständnis.

Das gilt für Freunde, die ähnlich denken wie wir. Das gilt aber genauso für Menschen, mit denen ich Differenzen habe – und das vielleicht sogar noch mehr. Denn wer kann uns besser unsere Unzulänglichkeiten und Fehler vor Augen halten als diejenigen, die uns mit aller Kraft umstimmen wollen? Kritik ist kostenlose Beratung, sagt ein geflügeltes Wort. Menschen, die uns lieben, können uns wunderbare Ratschläge geben und scheuen sich im besten Fall auch nicht, die Wahrheit zu sagen. Menschen, mit denen wir fundamentale Differenzen haben, scheuen sich nie, uns die Wahrheit zu sagen (oder zumindest das, was sie dafür halten). Was wir damit machen, ist immer unsere Sache, aber es lohnt sich, uns selbst frei zu machen von dem Stolz, in allem Recht haben zu wollen. Ehrlich bereit zu sein, sich überzeugen zu lassen, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Souveränität und die Grundvoraussetzung für eine Diskussion auf Augenhöhe.

Das ist nicht einfach, wir alle haben unsere Überzeugungen und wir sollten mit ganzem Engagement für sie eintreten. Aber wenn wir nicht offen dafür sind, unsere eigenen lieb gewonnenen und Sicherheit bietenden Positionen zumindest zu überdenken, dann werden wir uns nicht weiter entwickeln. Dann wird die Menschheit sich nicht weiter entwickeln in ihrer Sicht auf Gott und die Welt. Genau das aber – so scheint mir – ist Gottes expliziter Wille, tief eingearbeitet in die DNA des Homo Sapiens, des „einsichtsfähigen Menschen“. Wir sind mit dem Bedürfnis gebaut, uns immer weiter zu entwickeln. Wir sind geschichtliche Wesen, die sich ihrer Vergangenheit bewusst sind und die ihre Zukunft bewusst gestalten. Stillstand ist nicht Gottes Stil. Entwicklung ist für Gott nichts Böses, sondern Teil der Welt, die er geschaffen hat. Das einzelne Lebewesen entwickelt sich von seiner Zeugung an bis hinein ins hohe Alter. Wir lernen als Babys aus der Interaktion mit unserer Umwelt und aus den Fehlern, die wir machen. Und als Erwachsener ist das nicht anders. Arten entwickeln sich weiter, oft über lange Zeiträume, und das brachte eine unglaubliche Vielfalt an Tieren und Pflanzen hervor. Die Menschheit entwickelte sich von der Steinzeit an bis ins digitale Zeitalter – und sicher darüber hinaus. Der Weg Gottes mit den Menschen entwickelte sich – von den ersten Offenbarungen gegenüber Einzelnen wie Abraham bis hin zum Pfingstereignis, wo Menschen aus allen Ländern und Kulturen den Geist Gottes empfingen. Entwicklung, so scheint mir, ist nur für diejenigen eine Gefahr, deren vornehmliches Bedürfnis Sicherheit ist. Für Gott hingegen ist sie eine der Kerneigenschaften seiner Schöpfung. Für Gott ist es zentral, dass wir uns weiter entwickeln.

Entwicklung heißt, sich nach dem Besseren zu sehnen und es zu suchen. Aber das bedeutet eben auch, Gutes hinter sich zu lassen. Vielleicht hilft es, sich bewusst zu machen, dass auch das Bessere, das wir heute anstreben, irgendwann das Gute sein wird, dass wir hinter uns lassen, um wiederum darüber hinaus zu kommen. War es deshalb schlecht? Auf keinen Fall! Hat es sich gelohnt, dieses Ziel zu verfolgen? Natürlich! Wird es immer gut und richtig und wahr bleiben, auch wenn die Welt sich weiter verändert? Oft nicht. Es gibt nur einige, zentrale Wahrheiten, die durch die Zeit tragen. „Gott liebt uns“ ist so eine, obwohl auch das immer wieder neu für die jeweilige Zeit definiert werden muss. Generationen von Christen waren  überzeugt (und viele sind es immer noch), dass es ein Zeichen der Liebe Gottes ist, so „gerecht“ zu sein, dass er eine ewige Hölle vorhalten muss für all die, die nicht seinem Weg folgen. Heute ist das für viele Christen unvorstellbar. Was von beiden kommt der Wirklichkeit näher? Was trägt? Ist die Abwendung von der Höllenvorstellung ein Rückschritt unserer Erkenntnis zu Gott oder der nächste große Schritt auf das zu, was Gott sich für seine Menschheit vorgestellt hat? Oder ist es die Beendigung eines langen Umweges hin zu dem Ziel, unserer Berufung als Volk Gottes auf Erden gerecht zu werden?

Fragen wie diesen können wir uns am Ende nur im Gespräch und in der offenen Diskussion miteinander nähern. Dafür ist die gegenseitige Korrektur ein wichtiger Baustein. Aber die ist nur sinnvoll, wenn wir auch selbst grundsätzlich bereit sind, unser Denken zu korrigieren.

4 Das große Bild

Das führt uns zum nächsten Punkt, der sich eine ganz simple Frage fassen lässt: Wie ist das große Bild? Wie passt eine bestimmte Aussage, wie passt ein bestimmter Bibelvers in das Bild, das alle biblischen Bücher gemeinsam von Gott zeichnen?

Das herauszufinden ist nicht ganz trivial und je komplexer das „Big Picture“ ist, desto anfälliger ist es für die Brille, mit der wir es deuten. Die Brille ist unser gelernter Glaube, das, was wir im Kindergottesdienst gehört haben oder das, was uns gelehrt wurde, bevor  wir uns für Christus entschieden. Ihr kennt diese Bilder, die zwei Dinge gleichzeitig zeigen, zum Beispiel zwei Gesichter oder eine Vase. Je nachdem, was man zuerst sieht, ist es nicht einfach, auch das zweite Muster zu erkennen. Wenn man das Bild ansieht, kommt automatisch immer erstmal das Bild, das man zuerst gesehen hat. Dass das Bild auch etwas ganz anderes zeigen kann, weiß der Betrachter oft erst, wenn man ihn darauf aufmerksam macht.

Genauso ist es auch mit Bibeltexten. Wenn man von einem bestimmten Denkrahmen ausgeht, dann liest man jeden Vers automatisch in diesem Rahmen. Wenn die Aussage halbwegs logisch ins Bild passt, dann kommt man gar nicht erst auf die Idee, diese erste Bedeutung zu hinterfragen.

Leicht passiert es dann, dass sich das große Bild und die gelesenen Bibelverse gegenseitig bestätigen und verstärken. Ein in sich rundes System entsteht. Alles ist stimmig und die kleinen Hinweise, dass da irgendetwas noch nicht ganz passt, werden von der Überzeugungskraft des Gesamtsystems erdrückt. Hat man einmal ein solches großes Bild, dann ist es unheimlich schwer, aus diesem Denkrahmen wieder auszubrechen. Es benötigt viel Zeit, viel Beschäftigung mit den Texten und eine große Offenheit, um irgendwann ein anderes Bild erkennen zu können. Die gleichen Zutaten, die selben Verse, die selben Linien – und dennoch malen sie plötzlich etwas völlig anderes. Mit den selben Worten erzählen die Texte auf einmal eine ganz andere Geschichte. In sich ebenso stimmig. Aber mit einer völlig anderen Zielrichtung.

Diesem Gesamtkontext nachzuspüren und sich seiner bewusst zu sein ist unheimlich wichtig. Begibt man sich auf die Suche, dann findet man sich schnell bei einem Indizienpuzzle wieder, so wie es das schon gewesen ist, seid es die Theologie gibt. Und wir werden nie alles verstehen. Trotzdem lohnt es sich, unsere bruchstückhafte Erkenntnis, wie Paulus es ausdrückt, immer wieder neu zu betrachten, zu überprüfen und zu überarbeiten – gerade, weil sie bruchstückhaft ist. In dem Wissen, dass die Texte tiefgründig, vielschichtig und nicht einfach für uns zu entschlüsseln sind. Aber dass es ein großes Bild zu entdecken gibt. Denn wir lernen dazu und neue Generationen sehen neue Aspekte. Das große Bild können wir immer nur erahnen.

5 Der Heilige Geist

Bei diesem Indizienpuzzle hilft uns neben unseren lieben Mitchristen und Google noch jemand: Der Heilige Geist. Er ist die Größe, die sich durch alles bisher Genannte zieht. Er steht immer neben uns und flüstert uns liebevoll ins Ohr. Er bewegt unser Herz, sendet uns Menschen, lässt uns neue Dinge in Texten entdecken, die wir schon tausend Mal gelesen haben.

Er ist Gott, der Seelsorger, und Gott, der Lehrer. Der Heilige Geist ermöglicht uns, das Reden Gottes zu erkennen durch Menschen, durch Situationen, durch Bücher, Zeitschriften, Blogeinträge und natürlich durch biblische Texte. Das Gesetz ist in unser Herz geschrieben, sagt der Prophet Jeremia und meint damit genau diese mysteriöse, nicht greifbare und doch so real erlebbare Kraft, die uns helfen kann, einen kleinen Funken göttlicher Wahrheit im scheinbar gänzlich Profanen zu erahnen. Oft können wir das kaum in Worte fassen, aber wenn wir ruhig werden, uns entspannen und uns für Neues öffnen, dann spüren wir beizeiten in unserem Herzen, was richtig ist und was Gott will.

Im Heiligen Geist redet Gott zu uns. Und dass Gott das tut zeigt auch gleichzeitig die Begrenztheit geschriebener Worte. Sie sind maßgeschneidert für eine bestimmte Situation und können mit göttlicher Wahrheit vieles verändern. Doch genau das macht sie auch starr und oft schwer transportierbar in andere Umstände einer anderen Zeit mit einer anderen Kultur in einer so ganz anderen Welt.

Geschriebene Worte sind nur solange gut, wie der Heilige Geist sie uns auslegt und ins Heute übersetzt. Ohne dies werden es schnell tote Worte, die wir zu Waffen umfunktionieren und uns gegenseitig damit verletzen. Wenn wir ernst nehmen, dass Gott keine perfekte Schöpfung angelegt hat, sondern eine „sehr gute“, und wenn wir weiter annehmen, dass der Heilige Geist beim Schreiben der biblischen Texte die Herzen der Autoren bewegt hat, dann müssen wir daraus schließen: Die Bibel ist von Gottes Geist durchdrungen, aber von lebendigen, also fehlbaren Menschen geschrieben.  Wenn wir die biblischen Texte in ein Korsett der Unfehlbarkeit stecken, dann werden sie schnell zu Mitteln zum Zweck, die wir benutzen, statt uns selbst von ihnen inspirieren und lehren zu lassen. Wenn wir uns aber darauf einlassen, dass Gott lebendig ist und er Entwicklung will und es ihm offensichtlich recht ist, zu uns auch durch großartige, lebendige Versager zu sprechen, dann, so glaube ich, kommen wir dem Geheimnis Gottes ein Stück näher. Und  im Vertrauen darauf, dass Gott zu uns spricht, wird es uns vielleicht möglich, diese uralten Texte für unsere heutige, komplizierte und verrückte Welt zu verstehen.

6 ….?

Dies sind einige Dinge, die ich für wichtig halte im Umgang mit der Bibel. Sicher gibt es noch andere Dinge, die andere Menschen für  zentral halten oder die ich einfach übersehen habe. Ich würde mich freuen, wenn ihr die Liste in den Kommentaren ergänzt mit dem, was ihr denkt und ergänzen wollt, aber auch mit dem, was ihr anders seht. Bin gespannt. Und offen. 🙂

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Kommentare

59 Kommentare auf "Die Bibel verstehen (Teil 2)"

  1. JohannesP says:

    Hi Rolf,

    nun, was lange währt… 😉 Ich hatte etwas leicht anderes erwartet in deinem Fortsetzungsbeitrag, aber auch über diesen leidenschaftlich geschriebenen Beitrag kann man gut diskutieren. Und ich spüre tatsächlich deine Leidenschaft und dein Engagement aus dem Geschriebenen heraus! Vieles finde ich wirklich gut formuliert und hilfreich. Es wird dich aber sicher nicht überraschen, dass ich auch einiges ganz anders sehe. Leider brauche ich für diesen Text ein wenig Zeit, um ihn zu verdauen und meine Gedanken zu ordnen, zudem habe ich beruflich eine Menge um die Ohren, so dass es ein bisschen dauern kann, bis ich eine konkrete Antwort formulieren kann. Ich bitte um etwas Geduld! 😉

    Liebe Grüße
    Johannes

    Antworten
    • Rolf Krüger says:

      Wofür ich für mich selbst Verständnis einfordere, dafür kann ich ja kaum jemanden anderen schelten 🙂 Lass dir ruhig Zeit. Bin gespannt auf deine Meinung.

      LG,
      Rolf

      Antworten
  2. Uwe Hermann says:

    Hallo Rolf,
    ich hab mir erst mal einen Kaffee gekocht und ihn mit dir – bzw. deinem Artikel – getrunken :-).
    Mir geht es ähnlich wie Johannes: Es ist ganz schön viel und auch inhaltsreich. Und, ja, man spürt, wie sehr es dich bewegt. Herzlichen Dank, dass du uns daran teilnehmen lässt.
    Ich würde gerne den Satz, den Johannes nur angefangen hat auch beenden: …wird endlich gut. Soll heißen, ich stimme weitestgehend mit dem Geschriebenen überein. Deshalb argumentiere ich jetzt nicht …
    Nur eines möchte ich noch ergänzen, gerade auch im Blick auf die vorangehende Diskussion zum ersten Teil. Du sagst:

    Es gibt wenige Wahrheiten, die durch die Zeit tragen: “Gott liebt uns” ist so eine…

    Für mich ist es vergleichbar, mit „der Mitte der Schrift“ – Jesus Christus – wie ich es in meinem Artikel zum Thema geschrieben habe. Mir ist es ganz wichtig, dass wir Christen uns zumindest darin einig sein können, dass wir Christen sind! Hört sich komisch an, aber auch, wenn es über so manche Aussagen deines Artikels sicher Diskussionsbedarf gibt, diese Grundlage des geinsamen Glaubens sollten wir nicht verlassen.
    Naja, ist vielleicht auch nur meine persönliche Meinung :-).
    Liebe Grüße
    Uwe

    Antworten
    • Rolf Krüger says:

      Christus = Mitte der Schrift – da bin ich absolut bei dir. Christus = Mitte des Glaubens und der Welt und Gottes Heilsplans – ebenfalls. 🙂 Die Aufzählung der zeitlosen Wahrheiten ist ja mit der einen nicht vollständig. Vielleicht sollte ich das noch dazu schreiben.

      Antworten
    • Rolf Krüger says:

      Der Satz war in der Tat etwas engführend. Ich habe ihn verändert: „Es gibt nur einige, zentrale Wahrheiten, die durch die Zeit tragen.“

      Antworten
  3. timski says:

    Spart mir nun den Besuch beim Treffen emergente Theologie 😀

    Antworten
  4. Paul says:

    Danke.

    Zu Laodizea hat ich mal gelesen:
    „Hier wird Bezug genommen auf den Wohlstand und dessen sehr oft negative Wirkung auf menschliche Seelen. Jesus klopft an die Tür seiner Gemeinde.
    Das heißt, dass er zum Zeitpunkt des Klopfens nicht in der Gemeinde ist, sondern außerhalb.“

    Wäre an Ihrer Auslegung von „Sardes“ interessiert, wenn’s mal passt.

    Antworten
  5. Harry says:

    Ich bin sehr berührt von diesem liebevollen Aufruf zu einem vereinenden Miteinander, um in Liebe gemeinsam zu erforschen, was die Breite und Tiefe und Höhe des erlösenden Evangeliums in Christus ist

    Antworten
  6. Karl Heinz says:

    Paulus meint mit stückweiser Erkenntnis nicht, dass wir unsere gewonnenen Erkenntnisse in Frage stellen.

    Bruchstückhaft und unvollständig heißt nicht: falsch, sondern wahr, aber unvollständig.

    Es gehört zum Bewusstsein unserer Geschöpflichkeit anzuerkennen, dass wir nicht vollständig erkennen, aber dass alles, was wir analog zu, d. h. im Einklang mit Gottes geschriebener Offenbarung erkennen, dennoch wahr ist.

    Damit können wir uns, im Kontrast zu allen nicht-christlichen Weltanschauungen, zufrieden geben, weil wir wissen, dass Gottes Erkenntnis vollständig ist und in ihm „keine Finsternis“ ist.

    Das, was wir gewonnen haben, sollen wir halten und uns unserer Meinung gewiss sein, „dass wir nicht mehr Kinder seien und uns bewegen und wiegen lassen von allerlei Wind der Lehre durch Schalkheit der Menschen und Täuscherei, womit sie uns erschleichen, uns zu verführen.“

    Antworten
    • Karl Heinz says:

      Ich erhalte einen getreuen, zuverlässigen, jedoch dunklen, unscharfen Eindruck der Wirklichkeit.

      Es gibt zwei Fehler, die ich machen kann:

      (1) diesen verschwommenen Eindruck für die ultimative Darstellung der Wirklichkeit halten, wie in Platon Höhlengleichnis.

      (2) diesen Eindruck zu hinterfragen, weil er unscharf ist.

      Beide Haltungen zeugen von antitheistischer Autonomie: (1) Meine Wahrnehmung ist normativ für die Wirklichkeit, (2) nur vollständige Erkenntnis ist wahre Erkenntnis.

      Antworten
      • Harry says:

        KH: diesen Eindruck zu hinterfragen, weil er unscharf ist.

        Dies kann mMn nicht falsch sein.

        Kol 1,10 dass ihr des Herrn würdig lebt, ihm in allen Stücken gefallt und Frucht bringt in jedem guten Werk und wachst in der Erkenntnis Gottes

        2Petr 3,18 Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. Ihm sei Ehre jetzt und für ewige Zeiten! Amen.

        Zu Wachsen in der Erkenntnis ist hier ein Aufruf zu einem dauerhaften aktiven dynamischen Prozess, sich ständig um Erkenntnisgewinn zu bemühen auch wenn die Erkenntnis Stückwerk bleibt. Mangelnde Erkenntnis soll dabei zu Demut und gegenseitiger Annahme und Akzeptanz in Schwachheit führen, wobei das Band der Geschwisterliebe die jeweils eigenen Unzulänglichkeiten auffangen soll.

        Danach hat Gott stückwerkhafte Erkenntnis „eingebaut“, um die Liebe untereinander über alle Erkenntnis zu stellen, ohne vom Streben nach Erkenntnis abzulassen.

        Liebe bedeutet hier auch, den jeweiligen Erkenntnisstand des Anderen nicht zu verurteilen, sondern im Gegenteil von ihm auch zu lernen durch geduldiges und offenes Zuhören.

        .

        Antworten
        • Karl Heinz says:

          Harry, niemand sagt etwas gegen Wachstum.

          Es gibt persönliches Wachstum in der Erkenntnis durch Studium, Erfahrung, Austausch und geistliche, Geist-unterstützte Reflektion.

          Und es gibt theologie-geschichtliches Wachstum, wenn die Theologie, insbesondere die Apologetik auf das Denken der Epochen reagiert und sozusagen entsprechend „nachrüstet“ Da bestand insbesondere im Bereich Epistemologie großer Bedarf, nachdem in der Aufklärung von Philosophen wie Descartes grundsätzlich die Frage der Erkenntnis aufgeworfen wurde, die bei den antiken Denkern eher als selbstverständlich vorausgesetzt wurde und eine untergeordnete Rolle spielte.

          Auch nach Kant konnte Apologetik eigentlich nie mehr dieselbe sein wie vorher. Entsprechende Reaktionen und Wechselwirkungen fanden und finden auf Schopenhauer, Hegel, Heidegger sowie alle großen Herausforderungen durch nicht-christliches Denken statt, und werden immer stattfinden.

          Doch Sinn und Ziel allen geistlichen Wachstums kann immer nur eines sein: Eine konsequentere und geradlinigere Darstellung einer umfassenden theistischen Welt- und Lebenssicht, wie wir sie in der Bibel finden.

          Antworten
          • Harry says:

            KH: Eine konsequentere und geradlinigere Darstellung einer umfassenden theistischen Welt- und Lebenssicht, wie wir sie in der Bibel finden.

            Ja.

            Aber wir finden heute viele Darstellungen und Auslegungen in Dogmen und Bekenntnissen usw. ausserhalb der Bibel.

            Wenn sich überwiegend der Einfachheit halber nur daran orientiert wird, besteht die Gefahr, auch die enthaltenen Fehler zu übernehmen. Dogmen und Bekenntnisse wurden zur normativen Kraft des Faktischen neben der Bibel. Wachstum wird damit blockiert.

            Damit liegen dicke Interpretationschichten zwischen der Bibel und dem Laien.

            Ich verstehe die Ermutigung Rolfs u.a. allgemein auch dahingehend, dass auch jeder Laie selbst und auch dogmenabhängige Theologen sich auf die ursprüngliche Schrift besinnen und selbst tiefer und umfassender in die Bibelarbeit einsteigen.

            Antworten
            • Maris says:

              Ich verstehe Karl Heinz anders: Die Dogmen sind Meilensteine hin zu einer solchen christlich-theistischen Gesamtsicht. Was wäre z. B. aus der Trinitätslehre ohne das Konzil von Chalcedon geworden? Sie wäre längst zwischen den ganzen unterschiedlichen Subordinationsmodellen unter die Räder geraten. Daher ist es genau umgekehrt: Wachtum wird dadurch verhindert, dass von jeder Generation erneut die Fundamente ausgegraben werden.

              Antworten
              • Harry says:

                Maris (KH): Die Dogmen sind Meilensteine hin zu einer solchen christlich-theistischen Gesamtsicht.

                Aber sie sind statisch und können Fehler beinhalten, denn sie sind Stückwerk neben der Bibel. Deswegen sind sie dynamisch zu prüfen.

                Maris: Wachtum wird dadurch verhindert, dass von jeder Generation erneut die Fundamente ausgegraben werden.

                Die Bibel ist ein Fundament und deshalb wird hier auch Bibelarbeit angeregt und nicht die Übernahme von Meinungen….und seien es auch welche von prominenten Kirchenvätern, die ihre Wahrheit oft durch Mehrheitsbeschlüsse oder mit Macht durchgesetzt haben.

                Antworten
                • Karl Heinz says:

                  Harry, Bibelarbeit – gern!

                  Doch bevor wir uns über die Bibel unterhalten können, müssten wir uns auf eine Methode, bzw. Hermeneutik einigen.
                  Hier werden klar methodische Vorgaben zugrunde gelegt, nach denen die Bibel zwangsläufig etwas völlig anderes sagen muss, als das protestantische Christentum bisher zu denken gewohnt war.
                  Es ist somit nicht minder eine voreingenommene Bibelarbeit, als es der Orthodoxie vorgeworfen wird.

                  Unterhalten können wir uns also zunächst lediglich über Denkvoraussetzungen.

                  Antworten
                  • Harry says:

                    Denkvoraussetzungen

                    Gut. Wir reden ja hier über eine Philosophie des Verstehens.

                    Wenn denn Hermeneutik als ein nicht endender Dialog über die Deutung der Bibel verstanden wird, sind wir einen Schritt weiter.

                    Angesichts vorhandener Meinungsvielfalt und eingebrannter religiöser Introjekte brauchen wir diesen dynamischen Prozess. Er wird manches bestätigen und manches hinterfragen. Aber angesichts der bestimmenden mächtigen Introjekte sollten wir sicherheitshalber (fast) alles hinterfragen und prüfen. Gemeinsam, zwecks Reflexion, sprich: Über absolut alles in Frieden reden können ohne Angst und Ausgrenzungsphantasien..

                    Antworten
                • Karl Heinz says:

                  Das hatten wir ja alles schon in Teil 1 diskutiert. Es gibt in der von Rolf beschriebenen Methodik eine sehr subjektive Variable, nämlich das Gesamtbild („big picture“). Wie es beschrieben wird, ist es eine Art Brille, mit der ich alles betrachte. Wir haben es also nicht mehr mit deduktiver Textanalyse zu tun, sondern mit induktiven Rückschlüssen aus unserem „big picture“ von Gott und der biblischen Botschaft. Dementsprechend wird ja auch argumentiert, z. B. weil das „big picture“ ergibt, dass Gott ein Gott der inklusiven Liebe ist, der allen vergibt, kann es so etwas wie Hölle nicht geben.
                  Nur sehe ich darin keinen Fortschrit, denn es kann auf diese Weise nur herauskommen, was ich zuvor hineinlege.
                  Oder habe ich was missverstanden?

                  Antworten
                  • Harry says:

                    KH: Nur sehe ich darin keinen Fortschrit, denn es kann auf diese Weise nur herauskommen, was ich zuvor hineinlege.

                    Ich schon. Etwas jenseits vom Mainstream zu denken ist schon eine Bereicherung, weil tradiertes neu gedacht wird. Und genau diese Denke ist die Anregung dafür, aus einer anderen Perspektive zu schauen, vielleicht andere Argumente zu suchen und zu finden.

                    Das Entscheidende daran ist, dass es ein Denkanstoß jenseits der ausgefahrenen Gleise und oft übernommenen Meinung ist.

                    Darum ist Querdenken eine wichtige wertvolle Anregung zu einer tiefgründigen neuen Diskussion und keine Ketzerei.

                    Antworten
                  • Karl Heinz says:

                    Querdenke? Mainstream? 60 Jahre nach Gadamers „Wahrheit und Methode“ und gründlicher Entmythologisierung, Dialektisierung und lückenloser geschichtlicher Einordnung der Bibel frage ich dich: Was ist hier Mainstream, und was ist Querdenke?

                    Antworten
                  • Harry says:

                    Karl Heinz says:
                    14. Juni 2013 um 17:04

                    Antwort:

                    Ich bin Ingenieur und kein Philosoph. Ich sehe es aus der Perspektive eines aufgeklärten Laien.

                    Und danach fühle ich mich ersäuft im christlichen Mainstream, angehäuft mit vielen geschriebenen und ungeschriebenen Dogmen und Bekenntnissen.
                    Eine intensive Bibelarbeit nahe am Grundtext und möglichst nahe am historischen Hintergrund veranlasst mich, einige zur Wahrheit erhobenen Prämissen zu hinterfragen.

                    Nur durch Querdenken komme ich zu einer kritischen Fragestellung. Ich versuche auch hier durch Zuhören zu lernen, wie ich mit dem Angebot aus Inhalten und Werkzeugen selbst meine eigenen Brille loswerde und die Brillen, die mir Andere aufgesetzt haben.

                    Ich weiß, dass bisher niemand absolute Wahrheit und Erkenntnis zur Verfügung hat.

                    Also suche ich Leute, die wie ich erkannt haben, dass ein starres Festhalten am Bisherigen nicht ausreicht, sondern dynamische Methoden gefragt sind. Mit diesen Leuten will ich mich in respektvoller Weise über Inhalte und Methoden austauschen.

                    Dass das Bisherige bei weitem nicht ausreicht, beweisen zu viele Irrtümer in vielen jahrhundertelangen christlichen Kirchengeschichten.

                    Antworten
  7. JohannesP says:

    Ich finde, wir kommen hier einem ganz wichtigen Aspekt näher: Kann die Bibel über die Zeit umdefiniert werden?

    Ich vergleiche mal mit dem (in D) sattsam bekannten Fußball: Es gibt klare Spielregeln, an die sich alle Teams halten müssen. Diese gelten immer und überall, es gibt keine Ausnahmen, und sie sind (vielleicht mal vom Abseits für manche abgesehen, einfach und nicht zu viele). Die Spielregeln können nur amtlich, d.h. von ganz oben, offiziell geändert werden (wie z.B. vor einiger Zeit die Änderung, dass es für den Torwart nicht mehr erlaubt ist, den Rückpass eines eigenen Spielers mit der Hand aufzunehmen). Tor ist Tor, Elfmeter bei Foul, Ecke, Einwurf usw., ihr wisst schon. Ohne Spielregeln kann es kein Spiel geben, da sich niemand auf irgendetwas verlassen kann. Und eine Mannschaft kann auch keine eigenen Spielregeln aufstellen, um womöglich dadurch einen Vorteil zu haben. Und weil die Spieler das wissen und das Spiel lieben, halten sie sich auch (meist) an die Regeln und sind meist auch einsichtig, wenn sie gegen irgendeine Regel verstoßen haben.

    Dann gibt es Mannschaften, die das Spiel unterschiedlich gut beherrschen. Jede Manschaft überlegt sich eine Taktik, um möglichst gut mitspielen zu können. Diese Taktiken können sehr unterschiedlich sein. Früher gab es immer einen Libero, heute gar nicht mehr. Raumdeckung gegen Manndeckung. Bestimmte überraschende Kombinationen können eingeübt werden. Wie schieße ich einen Elfmeter? Wie bringe ich den Ball so vor das Tor, dass mein Angreifer ein Tor schießen kann? Wie verhindere ich Tore? Alles Fragen, für die jeder Trainer andere Antworten parat hat.

    Ich weiß, dass Beispiele oft hinken. Aber ich bin überzeugt, dass Gott klare „Spielregeln“ für uns bereit hat. z.B. wie wir miteinander umgehen sollen. Dass wir unsere Feinde lieben sollen. Dass wir barmherzig sein sollen. Usw. Und weil wir Gott lieben, möchten wir uns auch an diese Spielregeln halten. Zu unser aller Bestem! Weil wir wissen, dass das Leben ohne Spielregeln nicht funktioniert.

    Wie wir nun das Spiel des Lebens spielen, das kann ganz unterschiedlich sein. Heute ist vielleicht ein ganz anderes Vorgehen gefragt als früher. Wir brauchen vielleicht auch keinen Libero mehr. Aber die gleichen Spielregeln gelten auch heute noch, daran hat sich nichts geändert. Ich glaube, dass wir die „Spielregeln“ Gottes aus der Bibel lesen können. Und dass sie gar nicht so umfangreich sind, wie manche glauben. Aber sie gelten und können nicht einfach über den Haufen geworfen werden, weil wir sie für nicht mehr zeitgemäß halten. Wir können das Spiel anders spielen als früher, gerne auch 2moderner“ bzw. „postmoderner“ ;), aber trotzdem gelten für uns immer noch die gleichen Spielregeln wie früher.

    Antworten
    • Karl Heinz says:

      Jesus lehrt uns, wie die Torah richtig, nämlich geistlich zu verstehen ist. Er bringt keine neuen Spielregeln. „Denn ich sage euch wahrlich: Bis dass Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe.“

      Antworten
    • JohannesP says:

      Ich finde schon, dass das Bild gut auf die Fragestellung passt. Nur weil die Spieler heute größer oder schneller sind, heißt das doch nicht, dass die Spielregeln anders sind. Die kann, wie gesagt, nur der Boss verändern, nicht wir. Wir können nur die Taktik oder die Art, wie wir spielen, der Zeit anpassen. Aber Jesus hat tatsächlich die Spielregeln geändert – und zwar radikal vereinfacht auf der einen Seite (liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst, dann hast du das Gesetz erfüllt) und auf der anderen Seite radikal erschwert (ihr habt gehört… ich aber sage euch…). Und das beste: Er hat die perfekte Sonderregel eingeführt: Das Spiel ist eigentlich nicht zu gewinnen, wir bekommen früher oder später eine rote Karte wegen Fouls. Aber wenn wir ihm vertrauen und mit seiner Hilfe versuchen, so fair wie möglich zu spielen (er hilft uns dabei), dann nimmt er alle roten Karten, die der Schiedsrichter zückt, an sich, und wir fliegen nicht vom Platz.

      Antworten
      • Karl Heinz says:

        ist auch nicht neu: Schon Abraham wurde sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet.

        Antworten
        • JohannesP says:

          Da gab’s das mosaische Gesetz noch nicht, und es war ein „besonderer“ Glaube, der allerdings auch seine Schwachpunkte hatte.

          Antworten
          • Karl Heinz says:

            Es gab auch das Zeichen der Beschneidung noch nicht. Die kam dann erst etwas später, als Siegel für die Gerechtigkeit aus dem Glauben. Das ist aber nicht nur um Abrahams willen geschrieben worden, dass es ihm zugerechnet ist, sondern auch um unseretwillen, denen es zugerechnet werden soll, wenn wir an den glauben, der unseren Herrn Jesus von den Toten auferweckt hat, der um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt ist.

            Antworten
      • Rolf Krüger says:

        Und was sagst du zu dem Problem, dass wir seit Jesus die Spielregeln gar nicht vorliegen haben, sondern nur die Spiele und die Spielkommentare?

        Antworten
        • JohannesP says:

          Wir haben doch massig Hinweise: „Die Früchte des Geistes aber sind…“ z. B. Und die meisten sehen auch die 10 Gebote auch heute noch als voll gültig an. Es stimmt, dass die Spielregeln weiter gefasst sind und nicht jeden Einzelfall aufzählen. Aber ich denke, dass Jesus uns mebr Freiheit, aber gleichzeitig auch mehr Verantwortung gegeben hat, das richtige zu tun. Das ist nicht immer das blinde Befolgen von kleinlichen Regeln. Wenn wir reife Christen sind, so traut uns Jesus wohl auch einen verantwortungsvollen Umgang mit den Regeln zu. Als wir klein waren, mussten uns unsere Eltern ziemlich deutlich sagen, was richtig und was falsch ist, und was gefährlich. Als Erwachsene haben wir gelernt und können selbst entscheiden. Trotzdem tun wir meist das Richtige, zumindest wenn wir gut erzogen wurden. Wir stopfen hoffentlich nicht mehr so viele Süßigkeiten in uns rein, bis uns schlecht wird.

          Antworten
          • Rolf Krüger says:

            Genau 🙂 Damit bestätigst du ja: Das neue Testament ist nicht die Fortsetzung des Gesetztes aus dem alten Testament. Sondern Jesus ist die Fortsetzung des Gesetzes. Nicht mehr als Liste von Anweisungen. Sondern als Person. Als lebendige, flexible, barmherzige Person mit ganz eigenen Schwerpunkten.

            Jesus machte den ganzen Tag nichts anderes als das Gesetz neu für die Zeit zu interpretieren. Offensichtlich hielt sich Jesus nicht gebunden an das Gesetz, Ehebrecher zu steinigen, was ausdrücklich bei Mose so geregelt ist. Er sieht den tieferen Sinn hinter der Anweisung und richtet sein Handeln daran aus. Er schickt die Meute fort und verurteilt die Frau nicht – Konservative seiner Zeit hätten gesagt: Er beugt das Gesetz und wendet sich gegen Gottes Willen. Jesus lebt einen erwachsenen Glauben vor, der es ihm erlaubt, sich dynamisch an jede Situation anzupassen. Der nicht mehr festen Spielregeln folgt. Sondern von der Liebe getrieben ist.

            Und weil Gott das genau so wollte, hat er keinen Schriftrolle geschickt, sondern einen kleinen Hosenscheißer, der dann zum Mann und zum Christus, zum Gemarterten und zum Auferstandenen geworden ist. Ohne dass wir uns an starre Spielregeln klammern können und ihn in Schubladen stecken und für uns vereinnahmen könnten. Dem entzieht sich Jesus ziemlich konsequent.

            Antworten
            • Maris says:

              Lieber Rolf,
              du gebrauchst in deinem Artikel das schöne Bild von den beiden Silhouetten. Was du hier eindrucksvoll und begeistert schilderst, ist eine wunderschöne Positivform. Doch, dreh das Bild mal um: Betrachte die begrenzende, oder wenn du willst: die ergänzende Form, durch die die Positivform ihre Kontur erhält. Die größte Manifestation göttlicher Liebe und göttlichen Erbarmens, das Kreuz, ist gleichzeitig die schonungsloseste Darstellung der Sünde. Gott Vater „sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und der Sünde halben und verdammte die Sünde im Fleisch.“ Christus ist die eherne Schlange, das einzige Heilmittel für die von absolut tödlichem Gift getroffene Menschheit. Christus, der gute Hirte seiner Schafe, Gottes Liebe in Person, kam nicht, um zu verurteilen, sondern um zu retten. Das war seine irdische Mission. Diese Positivform erhält seine Kontur durch die begrenzende, ergänzende Form: Derselbe Christus ist der Weltrichter, der gerecht und streng richten wird.
              Leugnen oder schmälern wir die eine Form, verschwimmt die andere, und es bleibt kein Quadrat mehr, sondern wird amorph.

              Antworten
              • Lara says:

                Ja, ebenso kann ein unqualifizierter, grenzenloser Inklusivismus nicht Ausdruck von Glaube, Hoffnung und Liebe sein, sondern deren redactio ad absurdum: Der Wunsch nach einer „leeren Hölle“ hieße, Satan, den Fürsten dieser Welt, zu lieben, was wiederum bedeutete, Gott zu hassen.

                Antworten
                • Lara says:

                  Was für ein Friedensreich soll das werden, in das selbst der Satan einbezogen wird, wenn doch Friede gerade darin besteht, dass der Satan ausgeschlossen wird:
                  „Aber der Gott des Friedens zertrete den Satan unter eure Füße in kurzem.“
                  Und wenn schon Freundschaft mit der Welt „Feindschaft gegen Gott“ ist, was ist dann erst Sympathie für den „Fürsten dieser Welt“?
                  Du siehst: Inklusivismus ohne begrenzende Negativsilhouette wird absurd und „amorph“.

                  Antworten
              • Karl Heinz says:

                Schönes Bild, danke!
                Dieses Prinzip der ergänzenden, begrenzenden Silhouetten hilft, die Bibel zu verstehen. Nimm z. B. Phil. 2,12-13 (Elberf.):
                „Daher, meine Geliebten … bewirket eure eigene Seligkeit mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken, nach seinem Wohlgefallen.“
                Paulus kommt gar nicht auf den Gedanken, aufgrund der menschlichen Verantwortung nach der Art moderner Denker deduktiv auf einen absolut freien Willen des Menschen zu schließen. Gottes souveränes Handeln „nach seinem Wohlgefallen“ bildet die Form, die Begrenzung, innerhalb derer sich menschliche Freiheit und Verantwortlichkeit entfalten kann.

                Antworten
        • Maris says:

          Wir spielen gut, weil wir unseren Trainer lieben, und weil wir wissen, dass er uns liebt und alles für uns tun würde. Und wir lieben die Regeln, weil wir wissen, dass sie von jemandem, der es gut mit uns meint, zu unserem Schutz und für einen fairen Spielverlauf aufgestellt sind.

          Antworten
  8. Thomas Jakob says:

    Hallo Rolf,

    diesen zweiten finde ich ebenso wie den ersten Teil sehr gut und lesenswert. Ein Aspekt kommt mir zu kurz im Verständnis der Bibel und das ist die Naturwissenschaft. Der Bereich Evolutionstheorie wird zwar erwähnt und ist für manche Christen bereits ein Reizthema, aber mir geht um banalere Dinge. Beispiele: Wenn man eine ungefähre Vorstellung der chemischen Zusammensetzung von Wasser und Alkohol hat, kann man das Weinwunder auf der Hochzeit zu Kana eigentlich ausschließen. Wenn man darüber nachdenkt, was es bedeutet, dass auf Josuas Bitte hin die Sonne anhält, (Erdrotation abrupt anhalten, quasi Vollbremsung aus Überschallgeschwindigkeit), dann wird klar, dass es so nicht gewesen sein kann.

    Für diese Art von Bibelkritik braucht man keine Ochsentour durch alte Sprachen, alte Bücher und umfangreiche Fachliteratur unternehmen. Schulwissen Physik/Chemie der Mittelstufe reicht aus. Trotzdem wird solche Kritik von theologisch gebildeten Menschen m. E. nicht ausreichend ernst genommen. Vielleicht ist das einfach zu profan, vielleicht liegt es an dem ohnehin bestehenden Graben zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, jedenfalls sehe ich hier eine enorme Breiten- und Tiefenwirkung, die immer noch unterschätzt wird.

    Herzliche Grüße

    Thomas

    Antworten
    • Maris says:

      gute Frage. Und die leibliche Auferstehung erst! Was sagt die Mittelstufenphysik dazu?

      Antworten
      • Thomas Jakob says:

        Schwierig. Interessant ist auch, was die Kirchen dazu sagen: EKD Glaubens-ABC und Vatikan online. Lektüre incl. kritischem Nachdenken empfehlenswert. Eindeutigkeit sieht anders aus.

        Antworten
    • JohannesP says:

      Lieber Thomas, ich bin der Überzeugung, dass du Glauben nicht naturwissenschatlich erklären kannst. Wunder heißen deswegen Wunder, weil sie unter „normalen“ (d.h. naturwissenschaftlichen Grundvoraussetzungen und Regeln der Physik) eigentlich (und hier passt „eigentlich“) nicht möglich wären. Für mich ist das kein Widerspruch und auch kein Problem für meinen Glauben daran, dass diese Wunder tatsächlich stattgefunden haben. Auf der anderen Seite frage ich mich, was denn vom Glauben noch übrig bleibt, wenn ich alles, was ich naturwissenschaftlich widerlegen bzw. nicht nachweisen kann, ausschließe. Dann bleibt letzlich – nichts. Der Glaube als ein reiner psychologischer Effekt, der mir keine Kraft geben kann, weil es keine übernatürliche Macht gibt, geschweige denn eine, die so beschaffen ist, wie in der Bibel berichtet. Dann bleibt ein Buch mit einigen moralischen / ethischen Einsichten, die wir evtl. noch als Vorbild nehmen können. Der Sinn unseres Lebens allerdings bleibt komplett im Dunkeln bzw. wir müssen uns bei dem bedienen, was uns säkulare Philosphen anbieten.

      Antworten
      • Rolf Krüger says:

        Auf der anderen Seite frage ich mich, was denn vom Glauben noch übrig bleibt, wenn ich alles, was ich naturwissenschaftlich widerlegen bzw. nicht nachweisen kann, ausschließe. Dann bleibt letzlich – nichts.

        Nur dann, wenn du deinen Glauben tatsächlich auf das Für-Wahr-Halten (übrigens eine sehr üble Übersetzung vom ollen Martin) von Ereignissen oder Glaubenssätzen gründest, statt auf eine Vertrauensbeziehung zu diesem wunderbaren, aber unsichtbaren und deshalb nicht greifbaren Gott.

        Wissen wächst, Meinungen ändern sich, nur Vertrauen kann wirklich über die Zeit tragen.

        Wobei ich dir aber auch völlig zustimme, dass Wunder und Naturwissenschaft sich nicht ausschließen. Wunder definieren sich ja gerade dadurch, dass sie aus dem von uns beobachtbaren und verifizierbaren Rahmen ausbrechen. Dazu kann ich dir das neue Buch von Rob Bell empfehlen: „What we talk about when we talk about god“ (bisher nur auf Englisch). Darin zeigt er u.a. anhand der Quantenphysik auf, wie fragil eigentlich unsere Existenz und unsere wissenschaftliche Erkenntnis sind und wie viel größer und anders Gott ist. Und wie wenig verwunderlich Wunder eigentlich sind.

        Antworten
        • JohannesP says:

          „Nur dann, wenn du deinen Glauben tatsächlich auf das Für-Wahr-Halten (übrigens eine sehr üble Übersetzung vom ollen Martin) von Ereignissen oder Glaubenssätzen gründest, statt auf eine Vertrauensbeziehung zu diesem wunderbaren, aber unsichtbaren und deshalb nicht greifbaren Gott.“

          Nun, wenn ich keinerlei Abweichen von der Naturwissenschaft zulasse, dann gibt es nicht nur keine Wunder, dann gibt es auch keinen Gott. Den können wir uns nämlich auch nicht erklären.

          Ansonsten weiß ich um viele Versuche, sowohl aus „liberaler“ als auch konservativer Ecke, Gott mit Hilfe der Wissenschaft zu „erklären“. Vielleicht hilft das dem einen oder anderen, mir nicht sonderlich.

          Antworten
        • Thomas Jakob says:

          Hallo Rolf,

          „Wissen wächst, Meinungen ändern sich, nur Vertrauen kann wirklich über die Zeit tragen.“

          Ein kluger Satz.

          „Wobei ich dir aber auch völlig zustimme, dass Wunder und Naturwissenschaft sich nicht ausschließen. Wunder definieren sich ja gerade dadurch, dass sie aus dem von uns beobachtbaren und verifizierbaren Rahmen ausbrechen.“

          Das ist für mich auch noch in Ordnung. Die Naturwissenschaften sind nie abgeschlossen und viele Dinge, die früher auch Naturwissenschaftler für unmöglich hielten, gehen heute. Allerdings bilden die neuen Möglichkeiten selten frühere Wunder identisch ab, sondern erschließen immer wieder neue Gebiete, während anderes nachhaltig ausgeschlossen bleibt. Auch die Quantenphysik ändert z. B. nichts daran, dass das Anhalten der Sonne bzw. der Erde im Josua-Fall mechanisch nicht geht.

          Es scheint vielen Leuten anders zu gehen, aber für mich war die Tür zum Glauben erst richtig offen, als klar war, dass das auch auf eine für mich akzeptable Art intellektuell redlich möglich ist. Einfach und gerade, ohne irgendwelche Winkelzüge und Verkrampfungen, und ohne, dass ich mir vorwerfen lassen muss, das sei nur meine ganz persönlich zusammengebastelte Laientheologie.

          Herzliche Grüße

          Thomas

          Antworten
      • Thomas Jakob says:

        Lieber Johannes,

        ich stimme Dir zu, dass man Glauben nicht naturwissenschaftlich erklären kann. Ich bin aber davon überzeugt, dass es eine einzige Wirklichkeit gibt, die niemand vollständig erfasst, weder Naturwissenschaft noch Philosophie noch Glaube. Glaube kann Bereiche der Wirklichkeit erschließen, die über das naturwissenschaftlich Erfassbare hinausgehen, aber er kann keine zweite physikalische Wirklichkeit schaffen. Wenn man von einer Wirklichkeit spricht, die nur für den Gläubigen zugänglich ist und in der man Wunder unterbringt, dann brauche ich auch immer eine Erklärung, was während des Wunder in der physikalischen Wirklichkeit der Ungläubigen passiert sein soll. Am Beispiel Josuas mit der angehaltenen Sonne müssten z. B. Gläubige wie Ungläubige die physischen Folgen in gleicher Weise gespürt haben.

        Früher konnte die Kirche solche Fragen und Überlegungen durch Strafandrohung unterdrücken, danach konnte sie sie ignorieren oder dialektisch unter einen dünnen Teppich von Erkenntnistheorie kehren und das wird meist heute noch getan. Das Problem besteht darin, dass gerade in den entwickelten und technisierten Ländern viele Menschen großes Vertrauen zu Naturwissenschaften und Technik haben. Eine Kirche, die meint, deren Erkenntnisse nicht ernst nehmen zu müssen, wird ihrerseits nicht mehr ernst genommen, zumindest dort, wo Glaubensaussagen offen konträr zu anerkanntem Wissen stehen.

        Das gilt natürlich nicht für alle Kirchenvertreter und Theologen, aber die, die neue Wege in die Welt zu den Menschen von heute suchen, geraten in der Regel massiv in die Kritik von Traditionalisten. Dabei sind heute nicht Häretiker das Problem, sondern Christen, die innerlich gekündigt haben, Agnostiker und Atheisten.

        Herzliche Grüße

        Thomas

        Antworten
        • JohannesP says:

          Nun, ich gebe dir vollkommen Recht, dass wir Gläubige und Ungläubige, in der gleichen Wirklichkeit leben.

          Nun, nehmen wir das Wunder Lazarus. Naturwissenschaftlich nicht erklärbar, sogar widersprüchlich, weil jemand, der tot war, unmöglich wieder lebendig werden kann. Welchen naturwissenschaftlichen Ansatz sollte ich finden, um das erklären zu können? Geht nicht. Und dennoch bin ich überzeugt, dass es passiert ist. Das muss jemand anderes nicht glauben, ich tue es. Deswegen werde ich von meinem Umfeld (ich lebe ganz normal in der Welt, habe normale Arbeitskollegen usw.) weiterhin sehr ernst genommen. Das ist mein Glauben, der ein Teil von mir ist. Ich kann Menschen erklären, was das für mich bedeutet. Und die allermeisten können das zumindest verstehen. Manchmal kommt auch so ein Satz: „Es wäre toll, wenn ich auch einfach glauben könnte“. Das ist ein toller Anknüpfungspunkt für weitere Gespräche. Wenn ich dem jetzt mit „naja, die Wunder waren gar keine Wunder, da naturwissenschaftlich nicht erklärbar, sondern sollen etwas bestimmtes aussagen“ kommen würde, dann wäre schnell Schicht im Schacht.

          Antworten
        • Maris says:

          Das Universum wird eben nicht von unpersönlichen Gesetzen regiert, denen Geschöpf und Schöpfer gleichermaßen unterworfen sind, sondern von einem persönlichen Schöpfer und Erlöser.

          Antworten
  9. Christina says:

    Die Schöpfungsgeschichte wird von unserer heutigen wissenschaftlichen Erkenntnis aufgefressen, wenn man sie als wörtlichen Bericht versteht ….

    Ach ja…..von der heutigen…. das mag sein…. aber ….. wie sieht es mit der morgigen… übermorgigen aus? Möglicherweise passt es dann ja wieder…. ;)…. auch alle unsere wissenschaftliche Erkenntnis ist schließlich nur Stückwerk ….. 😉

    Hier noch was Interessantes (auch oder gerade für theolog. Laien) zu den Spielregeln der Schriftauslegung:

    Antworten
  10. Christina says:

    Jemand hat es mal so ausgedrücktt: Die Wissenschaftler erklimmen unter vielen Anstrengungen mühevoll den Gipfel eines hohen Berges …. um oben angekommen festzustellen…….. dass die Theologen (Anmerkung von mir: außer die hist.-krit. 😉 )schon die ganze Zeit über dort gestanden haben.

    Und noch etwas. Passt jetzt vielleicht nicht so ganz zum Thema, ich will auch nicht abschweifen, aber diese kleine Geschichte aus meinem Leben möchte ich noch einfügen. In meiner Schulzeit habe ich im Biologieunterricht mal gelernt, dass der menschliche Embryo in seiner Entwicklung zum Menschen Evolutionsstufen durchläuft. Also irgendwann ist er mal in einem Kaulquappenstadium, hat Kiemen wie ein Fisch oder so ähnlich. Es gab dazu auch Abbildungen im Lehrbuch. Wie gesagt…. ist schon lange her.

    Meine Tochter hat nun viele Jahre später (bei derselben Lehrerin) genau das gleiche zu hören bekommen. Also auch die Lehrbücher dazu scheinen immer noch zu existieren. Dabei ist mir selbst schon seit mindestens 30 Jahren bekannt (und das ganz wissenschaflich), dass das alles Nonsens ist.

    Es ist inzwischen nämlich wissenschaftlich erwiesen, dass es sich bei den „Kiemen“, die angeblich in den frühen embryonalen Stadien vorhanden sind, in Wirklichkeit um den Beginn der Entwicklung von Mittelohr-Kanal, Nebenschilddrüse und Thymusdrüse handelt. Der Teil des Embryos, der als „Eigelb-Beutel“ angesehen wurde, entpuppte sich als ein Organ, dass das Blut für den werdenden Menschen produziert. Und das, was lange Zeit als Schwanz „identifiziert“ wurde, ist tatsächlich die Wirbelsäule, deren Anblick nur deswegen an einen Schwanz erinnert, weil sie ihre Form annimmt, bevor die Beine sich entwickeln.

    Und folgendes ist für alle Wissenschaftsgläubigen vielleicht auch interessant (ging schon vor ein paar Monaten durch die Medien):

    http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/tiere/id_57676028/waren-dinosaurier-giganten-im-federkleid-.html

    http://www.pcgames.de/Wissenschaft-Thema-237118/GNews/Wissenschaft-Auch-Riesen-Dinosaurier-hatten-Federn-876855/

    Muss “Jurassik-Park” jetzt vielleicht umgeschrieben und neu gedreht werden? 😉

    Wir wissen so wenig und glauben immer wir wüßten so viel………

    Antworten
  11. JohannesP says:

    Passend zum Thema – heute war das Predigtthema unseres Pastors „sola scriptura“. Ich kann die Predigt nur empfehlen. Wer die Zeit dafür hat, hier zum Nachhören:
    http://www.feg-marktschwaben.de/index.php/medien/predigten/sermon/379-sola-scriptura-allein-die-schrift

    Antworten
  12. Christina says:

    Mir fällt da noch was ein. Vor ein paar Jahren habe ich mal im TV eine Doku gesehen: „Was Einstein noch nicht wußte – Das Rätsel des Universums“. Auch für naturwissenschaftliche Laien (wie mich z. B.) sehr verständlich dargestellt. Mit ein bißchen googeln habe ich die Doku hier jetzt auch gefunden, in 3 Teilstücke geteilt. Wissenschaftliches Neuland, ich fand das damals sehr interessant:

    http://www.youtube.com/watch?v=VqfMD_wiaUI

    Und ich glaube, wir als Christen haben in Anbetracht dessen (und wer weiß schon, was im Laufe der Zeit noch so alles zutage kommt) überhaupt absolut gar keinen Grund, solche Aussagen wie den biblischen Schöpfungsbericht und anderes anzuzweifeln. Jedenfalls für mich stellt das überhaupt absolut gar kein Problem dar, auch wissenschaftlich nicht.

    Antworten
  13. Maris says:

    Danke! Ja, die Christen geben viel zu schnell viel zu viel aus der Hand, übernehmen verängstigt Prämissen und Denkmuster aus der nicht-christlichen Philosophie und Wissenschaft und wundern sich, weshalb zwar einerseits keiner mehr richtig sauer auf sie ist, sie anderseits auch keiner mehr richtig ernst nimmt.

    Antworten
  14. Christina says:

    Sorry, ich habe gerade festgestellt, dass ich was verwechselt habe. Den von mir verlinkten Film habe ich noch gar nicht gesehen (obwohl er sicher auch sehenswert sein könnte). Also anscheinend gibt es mehrere von der Sorte. Das wußte ich nicht. Aber ich meinte eigentlich diesen Film hier:

    Antworten
  15. Christina says:

    Habe ich gerade gefunden:

    Wir bleiben bei dem Wort. Wenn wir uns nicht mehr auf die Worte der Bibel verlassen können, können wir uns auch nicht mehr auf die Sätze der Bibel verlassen. Wenn wir uns nicht mehr auf die Sätze der Bibel verlassen können, können wir uns auch nicht mehr auf die biblischen Geschichten verlassen. Wenn wir uns nicht mehr auf die biblischen Geschichten verlassen können, können wir uns auch nicht mehr auf die Geschichte des Lebens Jesu verlassen. So können wir uns erst recht nicht mehr auf die Worte Jesu verlassen. Eins hängt hier mit dem anderen aufs engste zusammen.
    (Heinrich Jochums)

    Antworten
  16. Netzrundblick: Die Bibel verstehen - Lechajim says:

    […] Der erste Link zum Thema bezieht sich allerdings nicht auf das Buch. Rolf Krüger veröffentlichte einen Artikel zum Thema „Die Bibel verstehen“. Es soll ein zweiter Teil folgen. Seine Ausgangsfrage: „Ist es möglich, die Bibel in ihrer reinsten Form zu lesen?“ Rolf meint: Nein! Trotzdem ist die Bibel unsere Heilige Schrift und hat uns heute viel zu sagen. Im zweiten Teil will er Möglichkeiten und Methoden nennen, um die Bibel für heute zu verstehen. An seinen Artikel schloss sich eine lebhafte Diskussion mit über 300 Kommentaren an! Die Bibel verstehen (Teil 1) Ich bin schon gespannt auf den zweiten Teil, den Rolf versprochen hat. Ich hoffe, er erscheint bald! Hier jetzt der zweite Teil: Die Bibel verstehen (Teil 2) […]

    Antworten

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