Ist es möglich, die Bibel in ihrer reinsten Form zu lesen? Also genau so, wie die Texte damals von den Autoren gemeint waren? In den Kommentaren zu einem anderen Beitrag dieses Blogs kam diese Frage auf. Es gab diejenigen, die darauf bestanden, eine Interpretation der Bibel würde immer den Sinn verfälschen und wäre deshalb unzulässig. Andere sagten: Bibellesen ist immer Interpretation und damit ist es nicht möglich, einen reinen Bibeltext zu lesen – was bedeutet: Es bleiben Unsicherheiten über die ursprüngliche Bedeutung. Und damit über unsere Theologie. Was von beiden stimmt?
Die Reise der Information
Bevor aus einem Radio Musik ertönt, muss die Musik eine ziemlich lange Reise überstehen. Sie wird zunächst von einem Mikrofon aufgenommen, das Schallwellen in elektrische Signale wandelt. Diese Signale werden über verschiedene Stationen zum Sendemast befördert, dort in Funksignale umgewandelt und durch die Luft hin zum Radioempfänger befördert. Dort interpretiert die Elektronik die Funkwellen und schickt sie weiter zum Lautsprecher, wo sie wiederum in Schallwellen umgewandelt werden. Auf diesem Weg kann viel schief gehen: Die Information wird mehrmals umgewandelt, selten verlustfrei. Das Funksignal kann gestört werden. Der Empfänger kann auf die falsche Frequenz eingestellt sein. Und allein, dass der Klang nicht von vielen verschiedenen Stellen im Raum kommt, sondern eindimensional aus einem Lautsprecher, ist schon ein großer Unterschied.
Ähnlich geht es einem Stück Information – und nichts anderes ist ein Text – auf dem Weg vom Sender zum Empfänger. Person A hat einen Gedanken, den sie in Worte fasst (1. Umwandlung) und aufschreibt (2. Umwandlung), dieser Text wird zu Person B geschickt, diese liest die Worte (3. Umwandlung) und interpretiert sie (4. Umwandlung), um sich ein Bild von dem Gedanken von Person A zu machen. Person B kann nicht direkt auf den Gedanken von Person A zurückgreifen, sie muss die fragile Fracht, die der von Person A aufgeschrieben Text in sich trägt, interpretieren. Das ist kein Relativismus, sondern normaler Bestandteil der zwischenmenschlichen Kommunikation.
1 Kommunikationsquadrat
Meist klappt das ja auch. Aber es kann dabei auch allerlei schief gehen. Denken wir allein an das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun: Den Satz „Die Ampel ist grün“ kann ich als sachliche Information hören, ich kann ihn als Appell hören („Mach hin, wir haben es eilig!“), ich kann die Selbstoffenbarung des anderen hören („Ich kann sehen, dass die Ampel grün ist“) oder den Satz mit dem Beziehungs-Ohr hören („Du Penner kannst nicht ordentlich Autofahren!“). Welcher Aspekt davon im Vordergrund steht, beeinflusst maßgeblich die Bedeutung, die ich aus dem Satz heraushöre. Und die muss nicht unbedingt mit der Bedeutung übereinstimmen, die der Sender meinte. So entsteht der meiste Ehekrach.
2 Kontext & Wortbedeutung
Des Weiteren muss eine Aussage richtig im Kontext eingeordnet werden, weil jeder Mensch seine Äußerung automatisch in einen solchen eingebettet. Ordnet der Empfänger den Kontext falsch zu, missversteht er, was der Sender sagen will. „Sich durchkämpfen“ sieht in einer militärischen Auseinandersetzung anders aus als beim Erstellen der Steuererklärung.
Das liegt daran, dass eine Vokabel eine künstliche und komprimierte Zusammenfassung von Dingen, Orten, Ereignissen, Handlungen, Gefühlen, etc ist. Jede Vokabel ist eine gesellschaftliche Konvention zum Transport oft vieler verschiedener Elemente in ein paar Buchstaben. Fast jedes Wort ist dabei mehrdeutig und je nach Kontext werden andere Assoziationen, Gefühle und Vorstellungen im Empfänger getriggert.
Nehmen wir das Wort „laufen“: Es bedeutet, sich fortzubewegen. Bei diesem Wort habe ich vielleicht sofort das Bild eines laufenden Menschen vor Augen. Aber läuft der Mensch in meiner Vorstellung normal – also geht er in mittlerem Tempo? Oder läuft er, wie ein Läufer läuft, joggt er also, um ein neudeutsches Wort zu bemühen? Wasser läuft auch, hat aber keine Beine. Das Laufen des Wassers sieht also völlig anders aus, als das Laufen eines Lebewesens. Schlangen laufen komischerweise nicht, obwohl das, was sie da tun, doch eher dem Laufen eines Wirbeltieres gleicht als dem Laufen von Wasser.
Wir ordnen beim Hören der Vokabel automatisch die unserer Meinung nach sinnvollste Bedeutung zu und stoßen die Assoziationskette im Kopf an. Das ist oft richtig und kann manchmal falsch sein, was im besten Fall zur Erheiterung führt, im schlechtesten Fall zum Krieg.
3 Bildsprache
Darüber hinaus meinen wir mit vielen Worten und Sätze gar nicht das, was wir eigentlich sagen. Wenn es aus Kübeln schüttet, dann schüttet es keineswegs aus Kübeln. Und wenn jemand explodiert, dann muss niemand Blut von der Wand kratzen. Wir verstehen alle, was mit diesen Redewendungen gemeint ist. Aber werden das auch noch Menschen in zweitausend Jahren tun? Besonders fraglich ist das bei Wendungen, die auch wörtlich tatsächlich Sinn ergeben würden. Wenn ich hin und weg bin, weiß ein Leser in zweitausend Jahren dann wirklich, dass ich von etwas begeistert war? Er könnte auch denken, ich hätte mir kurz etwas angesehen und hätte dann Abstand davon genommen. Das wäre dann das genaue Gegenteil der gemeinten Aussage.
4 Tote Sprache
Richtig schwierig wird es dann, wenn uns die gesellschaftliche Konvention zu einer Vokabel (oder einer ganzen Sprache) verloren gegangen ist. Zum Beispiel, weil die Sprache 2.000 alt und die dazugehörige Gesellschaft längst tot ist oder sich so extrem verändert hat, dass selbst ein Zeitreisender, der aus dem Jetzt ins Damals flöge, sich mit der heutigen Sprache dort nicht wirklich verständigen könnte. Würde ein heutiger Grieche ins antike Griechenland reisen, würde er vielen Vokabeln erstmal eine Bedeutung zuweisen können, aber er würde ständig in Missverständnisse verwickelt, weil er die gesellschaftlichen Übereinkünfte, die jede Sprache wie ein unsichtbares Netz trägt und stabilisiert, nicht kennt.
5 Übersetzung
Noch mal erschwert wird dieser Faktor durch Übersetzung. Wird ein Text in eine andere Sprache übersetzt, müssen nicht nur die Vokabeln transferiert werden, sondern er muss zwischen zwei im Zweifelsfalle völlig unterschiedlichen Gesellschaftssystemen übertragen werden. Das gilt sogar für dieselbe Sprache in unterschiedlichen Kulturen.
Nehmen wir den Himmel. Allein, wenn jemand das Wort ins Englische übersetzt, muss er schon zwischen dem blauen Himmel (sky) und dem transzendenten Himmel (heaven) wählen. Entscheidet er sich für „heaven“, dann wird er in einem amerikanischen Hörer völlig anderer Assoziationen und Bilder hervorrufen als in einem Menschen aus Indien, auch wenn beide dieselbe Sprache sprechen. Will er kulturkreis-sichere Aussagen treffen, kann er sich nicht auf die Vokabel verlassen, meist noch nicht einmal auf den Kontext. Er muss die Bilder ganz genau beschreiben und jede mögliche Interpretation (!) des Textes durch den Hörer in Betracht ziehen. Das macht allerdings niemand, vor allem niemand, der im 1. Jahrhundert Briefe auf sauteures Pergament schreiben muss.
6 Frühere Deutungen
Und der letzte Faktor sind die vielen Hände, durch die ein Text schon gewandert ist, die vielen Hirne, die ihn schon interpretiert (!) und gedeutet haben und deren Deutungen immer auch bei unserem eigenen Textverständnis ein bisschen im Hintergrund mitschwingen. Ganz unbewusst lesen wir immer auch Martin Luther, Thomas von Aquin oder Wilhelm Busch mit, wenn wir einen Bibeltext lesen. Denn sie haben ihn vor uns gelesen, ihn interpretiert und damit das geprägt, was wir bereits über den Text wissen, bevor wir ihn selbst zu uns sprechen lassen konnten. Das ist nichts Schlechtes, wir müssen uns dessen nur bewusst sein.
Der „biblische“ Text…
Dazu kommen im Falle der Bibel noch ein paar weitere Unsicherheiten, wie zum Beispiel die ziemlich lange übliche mündliche Überlieferung und die Tatsache, dass wir keine Originalschriften, auch nicht die des neuen Testaments, besitzen. Der Urtext ist verschollen, worauf heute unsere Bibelübersetzungen basieren ist der Grundtext, der aus den ältesten existierenden Dokumenten rekonstruiert wurde. Das waren aber nicht die Originale.
Was nun? Ist es also unmöglich, heute den reinen Bibeltext zu lesen? Das würde ja einige Konsequenzen nach sich ziehen: Wir müssten uns dann bei jedem Satz bewusst machen, dass durchaus auch ein anderer Zungenschlag, manchmal sogar eine völlig andere Bedeutung möglich wäre. Etwas „anhand der Schrift“ zu prüfen wäre gar nicht mehr so einfach, wie der bei manchen Menschen inflationäre Gebrauch dieser Wendung suggeriert. Die Bibel wäre keine absolute Messlatte, anhand derer wir etwas mit 100%er Sicherheit festmachen könnten. Und das Wort „biblisch“ müssten wir einmotten – denn es sagt eigentlich nichts aus.
Tja, so ist es in der Tat. Herzlich willkommen in der harten Wirklichkeit!
…und das „Heilige“ der Schrift!
Aber – und darauf lege ich großen Wert: Heißt das, die Bibel hätte heute nichts mehr zu sagen? Heißt es, die Bibel ist irrelevant geworden, ein altes Buch für alte Männer? Ist sie gar unglaubwürdig, ein Märchenbuch? Vielleicht lehrreich, aber absolut profan? Gehört sie ins gleiche Regal wie die „Blechtrommel“? Nein, natürlich heißt es das nicht! In keiner Weise!
Mit der Bibel haben wir ein einzigartiges Schriftdokument von Menschen, die ihre Erlebnisse mit Gott festhielten, ihre Erfahrungen mit ihm, die Wahrheiten über ihn, die sie in ihrem Leben erkannt haben. Christen glauben, dass Gott sich auf geheimnisvolle Weise in der Bibel eingebracht hat, dass er dort zu finden ist, dass sie ein exzellenter Ort ist, um ihn kennen zu lernen. Aus jeder Seite sprüht uns der Geist dessen an, der uns, die ganze Erde und alles geschaffen hat, was existiert. Wahrhaft große Literatur und alles andere als profan. Wer die Bibel „Heilige Schrift“ nennt, tut gut daran! Denn das ist sie.
Wie also kann man der Botschaft der Bibel näher kommen, ihre hohe Relevanz für heute neu entdecken, obwohl es gar nicht so einfach ist, sich des ursprünglichen Sinns sicher zu sein? Und gerade für unsere heutige, postmoderne Welt hat uns die Bibel sooo viel zu sagen…
Nun, es gibt eine Menge Möglichkeiten und Werkzeuge – und die sehen wir uns in Teil 2 an.
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