„Ich halte mich lieber an das, was in der Bibel steht!“ So oder ähnlich lautet ein Standardargument gegen jeden Versuch eines neuen Blicks auf die Theologie jenseits der im frommen Mainstream tradierten Lesart. „Ich halte mich lieber…“ – das Argument verstehe ich gut. Es spiegelt den natürlichen Wunsch nach Sicherheit wider, der in jeden – na ja, besser in fast jedem – Menschen fest eingepflanzt ist.
Aber es ist auch gleichzeitig die Unterstellung, diejenigen, die vom Mainstream abweichen, würden biblische Aussagen ignorieren, verändern, sogar verdrehen zugunsten ihrer eigenen Weltanschauung. Das trifft viele junge Leute heutzutage, im Emergent-Umfeld, aber auch bei Kirche 21 und vielen anderen ähnlichen Bewegungen. Da in der Bibel aber offensichtlich etwas anderes steht, ist ein solcher neuer Blick für die Kritiker inakzeptabel.
„Offensichtlich etwas anderes“? Ist das wirklich so? Wollen diese neu denkenden Abweichler etwas Offensichtliches verleugnen?
Wenn ich einem solchen Kritiker – nennen wir ihn Paul – erklären wollte, was bei Emergent & Co. wirklich vor sich geht, dann würde ich das folgendermaßen machen:
Stell dir vor, Paul, du bist relativ berühmt und sagst heute in einer Fernsehpredigt den Satz „Nachts sind alle Katzen grau!“. Du willst damit sagen, dass oberflächliche Unterschiede am Ende nicht zählen. Und dass jeder Mensch – unabhängig vom Erscheinungsbild oder der gesellschaftlichen Schicht – den gleichen Wert hat. So wie wir eben heute dieses Sprichwort verstehen.
Stell dir weiter vor, es gibt Menschen, die deine Worte aufschreiben und nach ihnen ihren Alltag ausrichten (wie es hoffentlich bei jedem guten Prediger der Fall ist). Das ist toll, denn sie haben jetzt verstanden, dass sie Menschen nicht unterschiedlich behandelt dürfen, auch wenn sie einen unterschiedlichen sozialen Status oder ein anderes Geschlecht haben. Stell dir vor, das wäre heute revolutionär! Noch vor 50 Jahren war es das durchaus – und in vielen Teilen der Welt ist es das auch heute noch!
Deine „Fans“ haben also diesen Satz in einer Zitatesammlung aufgeschrieben und über die Generationen hinweg wird dieser Ausspruch weiter gegeben. Menschen sprechen in Gottesdiensten und Hauskreisen darüber, der Satz wird auf Englisch, Japanisch, Russisch und Kisuaheli übersetzt. Die Menschen dort lesen den Satz und stellen ihre eigenen Theorien dazu auf, denn die Originalaufzeichnung der Fernsehpredigt gibt es schon lange nicht mehr und die deutsche Sprache ist auch ausgestorben. Und über die Zeit und durch die Kulturunterschiede verändert sich das Verständnis der Menschen zu deinem Satz immer mehr. Während sie irgendwann im Jahre 4.013 n. Chr. mit ihren Raumschiffen in den Urlaub zum Mars fliegen (sorry, aber ähnlich kurios und unglaublich muss unser heutiger Technikstand auf die Menschen zu Jesu Zeit wirken), kennen sie den Satz nur noch aus ihrer Zitatesammlung, die inzwischen Teil der Bibel ist und nach der sie ihr Leben ausrichten.
Und sie halten treu an dem Glauben fest, dass deine Aussage richtig ist – und nachts alle Katzen grau werden! Unzweideutig. Du hattest es ja 2.000 Jahre zuvor in einer Fernsehpredigt (noch in 2D und nur in Farbe, wie antik!) genau so gesagt. Und man kann das ja auch erleben, wenn man nachts raus geht und Katzen ansieht: Sie sind grau! Und sogar, wenn die Wissenschaft durch zahlreiche Studien inzwischen zweifelsfrei nachgewiesen hat, dass Katzen nachts nicht grau werden, sondern nur für uns grau aussehen, bleiben die Nachfahren deiner Anhänger ihrer heiligen Schrift treu. Nachts werden alle Katzen grau. Punkt. Alles andere ist liberale Theologie, die biblisches Gedankengut ablösen will. Die Paulianer bleiben lieber bei dem, was sie in der Bibel klipp und klar lesen und was sie von Kind auf als selbstverständlich gelernt haben. Sie haben natürlich die Sorge, dass, wenn diese Aussage nur übertragen gesehen wird, sie am Ende auch in Zweifel ziehen müssen, dass du überhaupt gelebt hast.
Paul, was nun würdest du den Nachfahren deiner Anhänger in 2.000 Jahren zurufen wollen? „Alles klar, gut, dass Ihr an dem biblischen Weltbild festhaltet!“? Oder würdest du sie anflehen zu erkennen, dass sie dich völlig missverstanden haben? Dass du nie behauptet hast, Katzen würden nachts wirklich grau. Dass dein vermeintliches Weltbild, an dem sie so treu festhalten, gar nicht dein Weltbild ist, sondern nur ihr, über die Jahre mit vielen Dingen angereichertes Zerrbild davon? (Und wie sie nur auf die Idee kommen würden, du hättest so einen Unfug gelehrt?)
Natürlich war die Aussage von dir nicht wörtlich gemeint – und niemand im Jahr 2013 hätte sie wörtlich aufgefasst! Aber aus Angst, irgendetwas falsch zu machen, haben deine Anhänger sich nicht getraut, die über die Jahrhunderte tradierte Bedeutung deiner Worte zu hinterfragen und deine Aussage nicht wörtlich zu nehmen. Sie hatten Angst, dann das zu relativieren, dass du gesagt hast und dich zum wissenschaftsfeindlichen Lügner zu degradieren, der nicht weiß, wovon er spricht.
Stattdessen aber haben sie die wahre, zu deiner Zeit weltbewegende Bedeutung deiner Worte nicht erkannt. Und sie auch nicht gelebt. Indem sie mit Überzeugung an ihrem Verständnis der Zitatesammlung festgehalten haben, haben sie völlig an deiner Intention für ihr Leben vorbei gelebt. Und so werden für sie noch immer – gemäß der heiligen Schrift – nachts alle Katzen grau.
Rückspulen ins Jahr 2013. Steht also in der Bibel offensichtlich etwas? Steht da offensichtlich, dass nachts alle Katzen grau werden? Dass die Erde in sechs Tagen erschaffen wurde? Steht dort offensichtlich, dass…?
Vielleicht konnte ich mit diesem Beispiel etwas klarer machen, was die Menschen bewegt, die sich heute um eine neue Sicht auf die biblischen Aussagen, auf die Heilslehre, auf die Ethik und vieles andere bemühen: Sie ziehen weder in Zweifel, dass Jesus gelebt hat noch lehnen sie die Dinge ab, die er und die anderen biblischen Autoren gesagt und geschrieben haben. Aber sie wollen sich nicht damit abfinden, dass sie wider besseren Wissens und wider aller Logik glauben sollen, dass nachts alle Katzen grau werden der Schöpfungsbericht wörtlich zu verstehen ist, dass die Arche wirklich mit lauter Tieren über die Weltmeere schipperte oder das fast alle Menschen in die Hölle kommen werden. Sie wollen herausfinden, was von unseren tradierten Überzeugungen wirklich dem Selbstbild der Bibel entspricht, was die Protagonisten der Bibel – allen voran Jesus – wirklich gemeint haben. Und was sich im Laufe der Zeit verzerrt hat. Werden wir mit unserer heutigen Lesart der Bibel dem Text wirklich gerecht? Wollte Paul wirklich sagen, dass nachts das Fell aller Katzen eine graue Farbe annimmt? Unterstellen wir ihm Lüge, wenn wir das in Zweifel ziehen? Nein! Im Gegenteil: Es würde Paul sehr erleichtern, wenn die Krusten der Jahrtausende von seinen Worten abgesprengt würden und man endlich wieder seine ursprüngliche Intention versteht.
Was die ganze Sache freilich schwierig macht ist, dass sich im Laufe der Zeit eine Fehl-Interpretation zum festen Bestandteil des Glaubensbetriebs gemausert haben kann. Wenn im Jahr 4013 derjenige als schlechter Christ gilt, der nicht wenigstens eine graue Katze zuhause hält und sie nachts raus lässt (was wiederum nur bestimmte Wohnungen und Häuser für Christen ermöglicht), dann ist die normative Kraft des Faktischen so stark, dass selbst bei aufkommendem Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Lehre die Stabilität des Systems viel größer ist, als dass man mal eben seine Überzeugung korrigieren könnte. Schließlich gibt es schon längst zig christliche Katzenzüchter, die extra für Christen graue Katzen züchten, es gibt christliche Makler, die passende Wohnungen im Erdgeschoss mit Katzenklappe vermitteln, ganze christliche Strömungen definieren sich nur dadurch, dass sie sich von den Christen distanzieren, die keine Katzen für den Glauben an Gott für nötig halten (sind das dann überhaupt Christen?). Und es gibt natürlich Scharen an Seelsorgern, die ihre Brötchen damit verdienen, denjenigen Christen zu helfen, die wegen ihrer Katzenallergie richtig krank sind, die aber ihren Glauben (und damit ihre Katzen) nicht aufgeben wollen. Und niemand traut sich zuzugeben, dass graue Katzen keinerlei Voraussetzung für den Glauben an Gott sind. Es hängt einfach zu viel dran. Zu viel Tradition, zu viele Beziehungen, zu viel Angst davor, sich selbst korrigieren zu müssen. Verstehe ich. Macht es aber nicht richtiger.
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