„Das andere aber ist dem gleich“: Die eigentliche ethische Revolution Jesu

Diese Woche hat Alan Posener, Journalist bei der WELT und passionierter Papstkritiker, im WDR 5 Morgenecho folgenden Satz gesagt:

[Benedikt hat nicht erkannt,] dass die „gottlose“ Moderne in vielen Fällen viel humaner ist als der gottversessene Fundamentalist.

Auf Deutsch: Nichtchristen fragen viel mehr danach, was human ist und dem Anderen gut tut, als fundamentalistische Christen das tun. Oder noch kompakter: Gottlose Menschen verhalten sich oft viel christlicher als Christen.

Auf den ersten Blick  scheint diese These zu stimmen: Wie oft verurteilen Christen Andersdenkende und grenzen sie aus, weil deren Lebensstil dem (von ihnen vermuteten) Willen Gottes widersprechen? Wie oft sagen Christen: Ich verstehe deine Not ja, aber es ist nun mal gegen Gottes Willen! Und wie oft verstehen sie nicht einmal die Not…

Der Fundamentalist setzt klare Prioritäten

Wenn man aber genauer hinsieht, dann führt uns diese These aufs Glatteis. Denn sie geht an der Fragestellung des Fundamentalisten vorbei. Und lassen wir beim Begriff „Fundamentalist“ mal alle Emotionen und alle negativen Vorurteile beiseite. Fundamentalist ist erst einmal jeder, dessen Glaube auf einem festen Fundament steht, von dem er nicht bereit ist, abzuweichen und das seiner Meinung nach für alle Menschen verbindlich ist.

Gerade deshalb sind Fundamentalisten normalerweise sehr menschenzugewandt. Der Andere liegt ihnen am Herzen. Er fragt, was gut für den Anderen ist, wie es ihm wohl ergeht. Das Wohl des Anderen allerdings vermutet er in den Weisungen Gottes, so wie er diese aus seiner Heiligen Schrift versteht. Er stellt also Gottes Willen bewusst über sein eigenes, menschliches Empfinden. Das macht ihn nicht automatisch zum gefühlskalten Monster. Wenn er halbwegs emphatisch ist, dann leidet und trauert auch der Fundamentalist mit dem Anderen mit, dessen Taten oder Lebensstil er ablehnt. Er fühlt mit der Geschiedenen, die sich nicht wieder binden will und deshalb ihren neuen Freund nicht heiratet. Er fühlt mit der Frau, die die Nase voll hat von Gemeinde, weil sie als Frau mit ihren Gaben nicht geachtet wird. Er versteht das Leid des Homosexuellen, dem der Fundamentalist das Ausleben seiner Neigung untersagt.

Aber wenn Gott sagt, dass Sex in die Ehe gehört, dass Frauen nicht predigen sollen und es Homosexualität nicht geben darf, dann zählt für den Fundamentalisten eben einzig dieser (von ihm vermutete) Wille Gottes. Auch wenn er durchaus eine andere Lösung für sympathischer, liebevoller, angebrachter hielte und er innerlich (und vielleicht auch äußerlich) um die richtige Lösung ringt. Trotzdem: Die Frage nach dem, was aus menschlicher Sicht dem Anderen gut tut, ordnet er dem Willen Gottes unter – zum (vermuteten) Wohl des Anderen. Er setzt klare Prioritäten. Für ihn ist Gottes Wille letzte Instanz. Darin will er seinem Gott treu sein.

(Dass es wie überall natürlich auch unter Fundamentalisten genug Leute gibt, die gute Motive für ihren eigenen Machtzuwachs missbrauchen oder deren Herzen verbittert und hart sind, muss ich ja nicht extra erwähnen. Die wollen wir hier mal vernachlässigen. Ich spreche von den „gutmeinenden“ Fundamentalisten. Und niemand halbwegs Konservatives muss sich scheuen, sich zu dieser Gruppe zu zählen.)

Das klingt beeindruckend und – zumindest für biblisch orientierte Menschen – vorbildlich. Viele Christen, die ich kenne, würden sich sofort diesem Bild eines Christen als Idealbild zuordnen. Schade ist nur, dass Jesus das ganz anders sieht…

Die Gleichberechtigung des Menschen

Die Schriftgelehrten, also die theologischen Profis seiner Zeit, hatten Jesus permanent auf dem Kieker. Einmal wollten sie Jesus testen und fragten ihn, was denn das höchste Gebot sei. Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft sei das wichtigste und erste Gebot, antwortete Jesus auf die Frage und lieferte damit die Antwort, die sie hören wollten.

Aber dann fügt er einen Satz an, der es in sich hat. Einen Satz, den man leicht überliest, der aber die Energie in sich barg, das junge Christentum in den nächsten Jahren bis an die Enden Europas zu katapultieren. Ein Satz, dessen Tragweite selbst Schwergewichte wie Petrus erst schrittweise (und mit einiger Nachhilfe von Gott) verstanden. Er lautet:

„Das andere aber ist dem gleich.“

Was wir heute beim Lesen gar nicht mehr richtig beachten, weil es im Schatten des darauf folgenden berühmten Mosezitat „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ steht, war damals ein Hammer – und ist es heute noch! Dieser Halbsatz  ist die wahre ethische Revolution Jesu: Wo bisher der Blick auf Gott alleiniger Mittelpunkt allen religiösen Handelns war, stellt Jesus nun unseren Blick auf den anderen Menschen damit auf dieselbe Stufe. Was ist human? Was dient dem anderen? Was bedeutet es, ihn zu lieben? Was ist gut für ihn? Diese Fragen stehen seit diesem Satz Jesu nicht mehr unter dem Vorbehalt des (vermuteten) Willens Gottes. Beide Blickrichtungen sind plötzlich gleichberechtigt.

Das Gesetz im Herzen

Das ist eine enorme Kompetenzerweiterung, die Jesus uns da zugesteht. Er vertraut uns weitreichende Entscheidung darüber an, was in Ordnung ist und was nicht, was moralisch ist und was unmoralisch. Er gibt uns Entscheidungsgewalt über ethische Fragen. Kein aufrechter Fundamentalist würde sich dieses Recht zugestehen (auch wenn sie es ständig machen, weil sie die Entscheidung darüber treffen müssen, was denn überhaupt Gottes Wille für eine bestimmte Frage ist). Aber Jesus tut das. Damit vollzieht Jesus nichts Geringeres als das, was Gott durch den Propheten Jeremia angekündigt hat: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz schreiben.“

Das bedeutet ja nicht, dass die papierener Regeln des mosaischen Gesetzes 1:1 in unser Gewissen gepflanzt werden. Das Gesetz ins Herz geschrieben zu bekommen bedeutet die Gabe, die Freiheit und die Verantwortung, „richtig“ und „falsch“ aus dem eigenen Gewissen und der eigenen Erfahrung heraus in der Verantwortung vor Gott zu formulieren. Nichts anderes demonstriert Jesus, wenn er sich über die ausgefeilten Sabbatgebote hinwegsetzt, wenn am Sabbat wandert, Ähren pflückt, Kranke heilt, predigt – und den Gesetzeslehrern die Leviten liest: Der Sabbat sei für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.

Die Gesetzeslehrer hatten im Bestreben, das Sabbatgebot ernst zu nehmen, die Regeln immer weiter verfeinert, was man am Tag des Herrn tun dürfe und was nicht. Am Ende durfte man am Sabbat nicht einmal mehr dem Nachbarn in seiner Not helfen. Die Leitplanken Gottes waren ein Gefängnis geworden. Die Gesetzeslehrer wollten das Fundament ihrer Religion ernst nehmen und haben deshalb als Fundamentalisten den Willen Gottes – so wie sie ihn vermuteten – über die Frage nach dem Wohlergehen der Menschen gestellt. Das kritisiert Jesus immer wieder scharf.

Binden und lösen

Jesus verleiht uns im Gegenteil das Recht, zu binden und zu lösen (Matthäus 18,18) – ein Terminus den Rabbiner benutzten, wenn sie verbindliche religiöse Regeln festlegten („binden“) oder die anderer Rabbiner für nicht mehr gültig erklärten („lösen“). In unzähligen Situationen nimmt Jesus sich die Freiheit, die allgemein als verbindlich geltenden religiösen und ethischen Regeln zu aktualisieren – manche verschärfte er, manche lockerte er. Aber immer behielt er dabei den Menschen im Blick, um den es gerade ging. Er ging stets auf die konkrete Situation seines konkreten Gegenübers ein – und lies sich dabei immer von der Liebe leiten.  Das war ihm nicht deswegen möglich, weil er der Sohn Gottes war und er deswegen besondere Befugnis gehabt hätte, das Gesetz außer Kraft zu setzen. Oft sehen wir Jesu Korrekturen an den alttestamentlichen Regeln als eine Art aktualisierte Version 2.0, die von da ab Gültigkeit haben sollte. Damit aber wären Jesu Lehren wieder nur ein starres Korsett, das kurze Zeit passt und schon wenige Jahre später oder in anderen Kulturkreisen zwickt und einengt.

Jesus aber hat uns kein aktualisiertes Gesetz gegeben, sondern eine Schablone, wie wir zu unserer jeweiligen Zeit und in jeder einzelnen Situation die richtigen Entscheidungen treffen können: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten!

Jesus war also kein Fundamentalist im anfangs beschriebenen Sinne. Und er will auch nicht, dass wir Fundamentalisten sind. Er will nicht, dass wir den von uns vermuteten (und ja doch eh nie vollständig von uns erfassbaren) Willen Gottes über die Liebe zu unserem Nächsten stellen. Beides darf gleichberechtigt nebeneinander bleiben, darf sich auch gefühlt widersprechen. Dieser kurze Satz macht deutlich: Jesus will, dass auch wir immer wieder neu fragen und beantworten, was gut ist und was nicht; mit fragendem Blick zu Gott, aber mutig, Neues zu denken, bezogen auf unsere heutige Zeit und Kultur und auf die ganz konkrete Situation und gemeinsam mit allen Betroffenen. Und das kann und wird sich von dem, was damals richtig oder falsch war, im Zweifelsfall unterscheiden. Eins allerdings ist sicher und gilt damals wie heute: Es kann nichts wirklich schlecht sein,  was von der Liebe getrieben ist.

Wer so liebt und damit die Blaupause Jesu in sein eigenes Handeln überträgt, der lässt seinen Fundamentalismus hinter sich. Der wendet sich mit einer neuen Freiheit den Menschen zu, ohne den inneren Druck, ihnen Gottes Willen nahebringen zu müssen. Ihm wird bewusst, dass Gott sein Gesetz in unser Herz geschrieben hat – und uns damit das Vertrauen schenkt, richtig und falsch in jeder Situation neu zu bewerten. Das befreit, beseitigt unsere Scheuklappen und nimmt uns die Angst, selbst gegen Gottes Willen zu verstoßen. Es ermöglicht Nächstenliebe ohne Hintergedanken. Es führt uns alle in eine ganz neue Freiheit – die Freiheit, die Jesus jeden Tag gelebt hat.

Die Freiheit Jesu

Was sagt der ehemalige Fundamentalist nun zur  Geschiedenen, die sich nicht wieder binden will und deshalb ihren neuen Freund nicht heiratet (aber in der Gemeinde mitarbeiten möchte)? Wie reagiert er auf die Frau, die die Nase voll hat von Gemeinde, weil sie als Frau mit ihren Gaben nicht geachtet wird (die aber exzellent predigen kann)? Wie geht er mit dem Homosexuellen um, der seine Neigung in einer verbindlichen Partnerschaft ausleben möchte (und der viele Schwule kennt, die sich für Gott interessieren, aber von der Kirche ausgestoßen werden)?

Er bewertet jede Situation und jede Fragestellung individuell in der Spannung zwischen seiner Liebe zu Gott, seiner Erfahrung, der Zeit, in der er lebt und den Bedürfnissen jedes einzelnen beteiligten Menschen. Ohne eins gegen ein anderes auszuspielen. Eine schwierige Übung – jedes Mal. Aber wenn er es wagt, dürfte er merken: Diese Spannung ist in jeder Situation und für jeden Beteiligten… lebbar. Und befreiend. Und verändernd. Und bringt uns näher zu Gott. Etwas, was der Fundamentalist immer wollte. Aber auf seine bisherige Art und Weise nie geschafft hat.

Bild: hjl@flickr.com

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