Warum gibt es Leid auf dieser Welt? Wie ist es möglich, dass Gott sagt, er sei die Liebe und allmächtig – und er uns gleichzeitig auf einen Planeten setzt, der von vorne bis hinten voll mit Leid ist? In der sowohl wir Menschen uns gegenseitig die Köpfe einschlagen als auch die Erde selbst sich gegen uns richtet?
Das Leid, das Menschen anderen Menschen antun, ließe sich noch halbwegs mit unserer gottgeschenkten Freiheit erklären, die wir zum Guten und zum Bösen benutzen können. Und mit der Sünde, die deswegen Raum bekommt. Für ein Erdbeben oder einen Taifun aber kann kein Mensch etwas. Und nicht zuletzt muss jedes Leben auf der Erde irgendwann enden, um neues Leben zu ermöglichen. Geboren werden und Sterben ist Teil des Kreislaufs des Lebens. Nur wenn das Samenkorn in die Erde fällt und stirbt, bringt es neues Leben hervor. Trauer und Leiden sind jenseits böser Taten und menschlicher Fehler ein fester Teil von Gottes Schöpfung.
„Das Ziel ist nicht Perfektion…“
Über diese Frage haben sich schon zahllose Menschen den Kopf zerbrochen und es gibt ebenso zahllose Antwortversuche. Dessen bin ich mir bewusst. Ich bin aber neulich über ein Zitat gestolpert, das für mich eine ganze Menge Fragen beantwortet hat. Das Zitat ist von E. Kent Rogers aus seinem Buch „12 Miracles of Spiritual Growth“ und hat mich auf den Gedanken gebracht, die Frage nach dem Leid in unserer Welt einfach einmal herum zu drehen: Was wäre, wenn es in der Welt kein Leid gäbe? Wenn alles perfekt, fehlerlos, eitel Sonnenschein, wunderbar, ohne Gefahr, ohne Trauer, ohne Schmerzen, ohne … Leid wäre?
Das Zitat lautet:
Das Ziel ist nicht Perfektion. Das Ziel ist Liebe. … Es ist nicht notwendig, perfekt zu sein, um lieben zu können. Und noch mehr: Gäbe es nicht unsere eigene Unperfektheit und die der anderen – wir könnten gar nicht lieben. … Wenn wir den anderen trotz ihrer Macken und Fehler dienen, dann erst wird Liebe möglich.
Und da hat etwas in meinem Kopf Klick gemacht! Könnte das sein? Könnte es sein, dass die Fehlerhaftigkeit dieser Welt, die wir so gern als „gefallene Schöpfung“ geringachten, überhaupt erst die Grundlage dafür liefert, dass wir uns gegenseitig lieben können? Dass Liebe existieren kann? Könnte es in einer perfekten Welt keine Liebe geben? Basiert Liebe auf der Unperfektheit der Schöpfung und ist damit alles, was uns an Leid und Problemen zustoßen kann gar nichts Schlechtes, sondern Notwendigkeit?
Das höchste Gebot
Gottes Wunsch an uns und sein höchstes Gebot ist nicht, dass wir fehlerfrei leben sollen, sondern dass wir Gott und den Nächsten lieben. Würde das erklären, warum die Schöpfung nicht fehlerfrei-statisch angelegt ist, sondern dynamisch-wild, mit Erdbeben, Wirbelstürmen und unser aller Tod am Ende unserer Tage? Mit menschlichem Versagen, also mit Lüge, Betrug, Verrat, Enttäuschung, Verletzung, Mord und allem anderen Bösen zu dem wir alle fähig sind? Ist Liebe ohne die Existenz von Fehlern, Schuld und Leid unmöglich?
Versteht mich nicht falsch: Ich meine nicht, dass der Mörder sagen kann, er gebe nur der Liebe eine Chance. Schuld bleibt Schuld und muss aus der Welt geschafft, bekämpft und verziehen werden. Und trotzdem ist unser Glück auf geheimnisvolle Weise davon abhängig, dass nicht alles glatt läuft. Schwer verdauliche Gedanken.
Die Liebe aber…
Klassischerweise unterscheidet man ja drei Arten von Liebe: Eros, Philia und Agape. Während Eros die körperlich-erotische Liebe ist, das knisternde Geheimnis, dieser wundersame Magnetismus zwischen zwei Menschen, der uns betört, verrückt macht, einander bindet und uns miteinander verschmelzen lässt; und Philia die Freundesliebe, die Hinwendung, das Vertrauen, Partnerschaft und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit; so ist Agape sicherlich die höchste, vielleicht die reinste Form der Liebe, frei von eigenen Interessen, selbstlos, die sich einsetzt für den anderen, sich ausgießt, sich (auf)opfert, ohne dass es sich der andere mir gegenüber verdient hätte. Agape ist, wenn ich mich jemandem selbstlos, unverdient und ohne Gegenleistung zuwende.
Denn gebe ich jemandem das, was ihm zusteht, dann ist es keine Liebe, sondern sein Recht. Hat mein Sohn sein Zimmer aufgeräumt und bekommt dafür einen Euro, dann ist das nicht Agape, denn er hat sich den Euro ja verdient, er steht ihm zu. Hat er es aber nicht geschafft und ich setze mich mit ihm hin, räume mit ihm zusammen sein Zimmer auf und gebe ihm dann den Euro – dann ist das Agape. Denn er hat es sich nicht verdient. Hat jemand den ganzen Tag hart in einem Weinberg gearbeitet und er bekommt abends dafür den vereinbarten Lohn, dann ist das keine Liebe des Verwalters, sondern Verdienst des Arbeiters. Kommt ein anderer erst mittags dazu, und arbeitet den halben Tag hart, bekommt aber den gleichen Lohn wie der Erste, dann ist das ein Akt der Liebe, weil der Besitzer des Weinguts weiß, dass auch der Zweite seine Familie ernähren muss. Teilt ein Reicher sein Brot mit einem anderen Reichen, dann ist das keine Agape, höchstens Philia, vielleicht auch einfach Berechnung, weil er sich eine Gegenleistung erhofft. Teilt ein Reicher sein Brot mit einem Armen, der am Straßenrand sitzt und um Almosen bittet und keine Gegenleistung bringen kann – dann ist das Liebe.
In einer Welt, in der alles gut und fehlerlos wäre, gäbe es niemanden, der am Straßenrand sitzt und um Almosen betteln muss. Niemand, der nicht weiß, wie er seine Familie ernähren soll. Niemand, der versagt. Niemand, der Hilfe von anderen braucht. Wäre alles gut, wären wir immer stark, immer fehlerlos, könnten wir immer volle Leistung geben und würden nie scheitern, geschweige denn böse Gedanken hegen, dann hätten wir letztendlich keinen Grund, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Weil wir uns selbst genügen würden. Weil wir keine Schwächen hätten. Weil wir niemanden bräuchten, um unsere Schwächen auszugleichen. Auch das Fehlen des Anderen im eigenen Leben ist ein Fehlen, das in einer perfekten Welt nicht vorkommen kann. Jeder hätte einen Partner, aber der würde sich eher zugeteilt anfühlen als erobert. Man ist halt zusammen, hat Sex und verdrückt Nutellabrötchen zum Frühstück. Aber es wäre ein starres Nebeneinander. Echte Liebe entwickelt und beweist sich erst, wenn etwas nicht mehr so ist, wie es sein sollte – und wir den anderen trotzdem … lieben.
Gott, der Erzähler unseres Lebens
In seinem Buch „Eine Million Meilen in tausend Jahren“ beschreibt Donald Miller („Blue like Jazz“) was gute Geschichten ausmacht: „Eine ausgezeichnete Geschichte handelt von einem Menschen, der etwas möchte und Schwierigkeiten überwindet, um es zu bekommen“, schreibt er.
Donald Miller entwirft das Bild von Gott als einem Schriftsteller, der seine Geschichte mit uns Menschen schreibt. Sehr bewusst – aber weit entfernt von einem Diktat, wie es die Prädestination lehrt, also der Annahme, dass Gott bereits einen festen Plan für jeden von uns hat und wir gar nicht anders können, als diesen auszuführen. Nein, Gott schreibt unser Leben wie eine gute Geschichte und lässt seinen Geschöpfen Raum zur Entwicklung.
Mir gefällt dieser Gedanke. Mein Bruder – er ist vor einigen Jahren gestorben – war Schriftsteller und hat unzählige Romane geschrieben. Eines Tages erzählte er mir, dass seine Figuren auf wundersame Weise ein Eigenleben hätten. Natürlich hat er sie sich erdacht und mit seiner Tastatur erschaffen, aber trotzdem machten sie oft genug, was sie wollten. Er schreibt ein Kapitel und möchte es auf eine bestimmte Weise enden lassen, doch es geht nicht. Die Charaktere verhalten sich anders als erwartet, die Geschichte entwickelt sich anders, ohne dass er als Autor wirklich Einfluss darauf hätte. Das klingt ziemlich verrückt. Aber viele Autoren haben diese Erfahrung gemacht. Auch Donald Miller bestätigt sie. Der Schriftsteller hat als Schöpfer und Autor der Geschichte nur einen begrenzten Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse.
Das Bild gefällt mir deswegen so gut, weil Gott darin eine aktive Rolle mit uns, seinen Geschöpfen, spielt, aber uns trotzdem nicht der freie Wille zur Entscheidung genommen wird. Und weil Gott eine ausgezeichnete Geschichte schreiben will – eine, die auf ein Ziel hinführt und Sinn macht, ohne, dass alles vorgegeben wäre. Eine Geschichte, in der wir Protagonisten etwas wirklich wollen und durch Schwierigkeiten gehen, um es letztendlich zu bekommen.
Vielleicht sind wir alle Figuren in Gottes Geschichte mit der Welt. Und vielleicht kann keine gute Geschichte entstehen, wenn es keine Schwierigkeiten gibt. Und keine Liebe, wenn wir nicht unperfekt wären – und deshalb liebenswert.
Die richtige Frage
In Johannes 9 antwortet Jesus auf die Frage der Jünger, warum über einen bestimmten Menschen Leid gekommen ist, etwas eigenartiges: Nicht seine eigene Schuld (wie man früher häufig glaubte) noch die seiner Eltern sei der Grund für sein Leid, sondern er sei krank, damit Gottes Macht an ihm sichtbar würde. Damit meint Jesus dessen Heilung, die er im Anschluss an diese Worte sofort in Angriff nimmt. Aber trotzdem klingt es in unseren Ohren sehr befremdlich, wenn ein Mensch ein halbes Leben bitter leiden muss, nur damit Jesus mal eben ein Wunder vollbringen kann. Wer ist nicht schon über diesen Vers gestolpert?
Wenn wir aber in die Gleichung einsetzen, dass Gott die Liebe ist und Jesu obige Antwort nicht zur Einzelauskunft reduzieren, sondern als globale Wahrheit hören, dann lesen wir dort plötzlich etwas ganz anderes, nämlich: Dieser Mensch in seinem Leid ist eine Aufgabe für uns alle. Unser Job ist es, ihn zu lieben und sein Leid so gut wie möglich abzufangen. So wie bei allem Leid in unserer Welt nicht die Schuld des Betroffenen das Problem ist, sondern unser aller Selbstsucht und Ignoranz, kurz: weil wir keine Liebe zeigen. Gleichzeitig aber wird es durch das Leid erst möglich, selbstlose Nächstenliebe zu üben. Und damit Gottes Auftrag zu erfüllen.
Letztendlich lautet die Frage also nicht: „Warum gibt es Leid auf der Welt?“, sondern: „Warum ist die Welt nicht perfekt und fehlerlos?“ Und die Antwort darauf lautet ganz einfach: Weil wir uns sonst nicht gegenseitig lieben könnten. Wenn wir uns aber gegenseitig lieben, dann ist die Welt … perfekt.
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