Inno2012: Cappuccino ist der neue rote Tee

Inno2012 ist nun schon ein paar Tage vorbei – Zeit für ein Resümee.  Wie auch Marlin es schon beschrieb, machte das Treffen einen ambivalenten Eindruck auf mich.

Erstes Gefühl: Gut, dass es Inno2012 gab! Gut, sich mal wieder getroffen zu haben. Ich habe alte Bekanntschaften aufgefrischt und neue, spannende Leute kennen gelernt. Die Atmosphäre war angenehm, die Halle hatte trotz ihrer Größe etwas Gemütliches. Die Präsentationsform (nichts von der Bühne länger als 10 Min) war toll. Facetime (also die Stände im Zentrum des Geschehens) waren eine klasse Sache, vor allem der Kaffee für kleines Geld. J Und natürlich die netten Leute, die Rede und Antwort gestanden haben zu ihren Projekten, Initiativen oder Organisationen. Inno2012 war für mich sehr wertvoll. Nur vielleicht beim nächsten Mal noch mehr Sofas aufstellen und – wie Toby richtig anmahnt – die Künstler besser integrieren.

Eine wichtige Rolle spielte Inno2012 auch in dem Prozess des übergemeindlichen Dialogs. Der hat sich schon so toll im Inno-Logo ausgedrückt und ist an vielen Stellen tatsächlich gepflegt worden. Danke an die Vordenker und Organisatoren! Ich glaube, dass für so manchen aus dem schon jahrelang praktizierten Blick über den Tellerrand endlich das Klettern über denselben geworden ist. Auch wenn insgesamt gesehen und trotz aller Weite nur ein schmales, szenetypisches Spektrum der Christenheit in Deutschland repräsentiert war (und die Frauen auf der Bühne mal wieder völlig in der Minderzahl waren), haben wir doch tolle Initiativen und Gemeinden gesehen, gute Inputs gehört und gute Anstöße mitgenommen. Die alte Dame Willow hat es mal wieder geschafft, Beweger zusammen zu bringen – und diesmal die jungen Wilden, die Willow andernfalls vielleicht über kurz oder lang verloren hätte.

Inno… was nochmal?

Zweites Gefühl: Wofür stand „Inno“ noch mal? Innovativ? Das muss ein Missverständnis sein. Was genau ist an der Idee innovativ, nicht nur für uns selbst da zu sein, sondern für die Menschen unserer Stadt? An Geh- statt Komm-Konzepten? An Diakonie? An Grillen als Gottdienst? Am Wirken lassen des Heiligen Geistes? Damit waren Propheten wie Arno & Andreas und Superzwei schon deutlich früher am Start. Wenn aber nicht mal die Altväter des Frommpop uns wach rütteln konnten – welche Wirkung erwarten wir uns dann von einem (pardon) „Kuschelclub der Erretteten“ wie Inno2012? Seien wir ehrlich: Wir halten uns für super innovativ, aber am Ende ist es doch bei vielen Themen dasselbe wie schon in den letzten 40 Jahren. Nur dass Capuccino nun der neue rote Tee ist.

Aber etwas anderes stimmt auch irgendwie… Wenn ich mir an die eigene Nase fasse muss ich zugeben: Solange ich das nicht selbst in meinem Leben und meiner Gemeinde voll umsetze, ist es eben doch innovativ, vom „Rausgehen“ zu reden. Von Zielgruppengottesdiensten und missionalem Lebensstil. Von sozialem Engagement und vom Tun von Gottes Auftrag. Der Grad an nötiger Innovation misst sich eben immer am Entwicklungsstand des zu Erneuernden.

Das Problem scheint mir zu sein, dass wir schon so lange von der notwendigen Erneuerung reden und so wenige Gemeinden sie wirklich umsetzen. Wir sind uns seit Jahrzehnten (übertreibe ich damit wirklich?) über die Ziele einig, aber wir ändern unsere Praxis nur sehr langsam. Shane Hipps nannte es „zu viel Orthodoxie, zu wenig Orthopraxie“. Woran liegt das?

Innovation ohne Unterbau

Kurz zusammengefasst ist mein Eindruck, dass wir ganz viel über neue Formen, Arbeitsfelder, Gemeindekonzepte und TeeKaffee-Sorten sprechen können (und sollten). Aber dass bei aller nötigen äußerlichen Erneuerung der theologische Unterbau dieser Entwicklung noch auf eigentümliche Weise hinterher hinkt. Oder anders gesagt: Wenn wir nicht aufpassen, bleibt die schöne neue innovative Gemeindewelt innen hohl, weil Stil und Theologie auseinander driften: Stil postmodern, Theologie modern. Die von uns so ersehnte Innovation bliebe vor allem Fassade. Und das merken die Menschen intuitiv.

Was ich meine wurde an Stuttgart an einigen Stellen deutlich, wenn es von der Theorie auf die Praxis kam. So wie es Matthias Kaune (der einzige Katholik – schade!) treffend auf dem Punkt brachte: Wir wollen Kirche für Suchende sein, aber was passiert, wenn sie uns plötzlich wirklich finden?

Wie kompatibel sind unsere Gemeinden für die Menschen „da draußen“? Welche stilistischen (werden weniger) und theologischen (sind schwerer zu überwinden) Schranken und Hürden bauen wir für sie auf? Und welche dieser Hürden sind biblisch begründet und welche kulturell? Oder anders: Welche Schranken baut Gott auf und welche haben wir von unseren Vorfahren geerbt? Wir arbeiten immer daran, das „wir“ und „ihr“ stilistisch aufzulösen. Aber um authentisch zu sein, muss es da nicht auch theologisch aufgelöst oder zumindest bereinigt werden?

Ich habe das Gefühl, viele von uns „Innos“ spüren diese Diskrepanz, so wie ein Teilnehmer von Forum fünf am Mittwochnachmittag es formulierte: „Wir sagen immer: Gott nimmt dich bedingungslos an, so wie du bist, aber dann wird er dich verändern, so wie wir es für richtig halten es Gottes Wille entspricht. – Wo bleibt da die Bedingungslosigkeit?“

In der Folge dominierten viele Fragen, die gar nicht so viel mit „Stil“ als mit Inhalt zu tun hatten: Welche biblischen Aussagen gelten heute nur für eine bestimmte Kultur? Wie hätte Jesus in der Schamgesellschaft Japans über Vergebung gepredigt? Wie können wir trotz unserer westlich-kulturellen Brille die biblischen Aussagen richtig verstehen, so wie sie gemeint waren? Wie kann das ureigenste Wesen christlicher Grundbekenntnisse zutage treten? Welches sind überhaupt diese grundlegenden Bekenntnisse? Mit welchen Thesen lohnt es sich, bei den Menschen anzuecken und mit welchen Dogmen vergeuden wir einfach nur Chancen und vergraulen unnötig Leute, weil Gott diese spezifische Frage, die für uns zentral ist, im Grunde völlig wurscht ist?

Viele Fragen – und erstaunlich wenig Antworten wurden gegeben. Irgendwie schwant mir: Hier liegt Potential für echte Erneuerung. Vielleicht denken wir unsere Innovation bislang einfach nicht wirklich zu Ende und bleiben damit auf halber Strecke liegen zu dem Punkt hin, an dem Jesus sich Gemeinde im 21. Jahrhundert wünscht?

Die Innovation der Botschaft

Das könnte ein Grund sein, warum auch innovative Gemeinden oft nicht so richtig „vom Fleck“ kommen. Haben wir viel zu viel mit uns selbst zu tun, weil wir uns ständig selbst vergewissern wollen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind? Weil wir uns dieses Weges gar nicht sooo sicher sind? Weil es uns doch schwer fällt, uns nicht über Abgrenzung zu anderen zu definieren, sondern über das Zentrum des Glaubens? Weil wir doch Sorge haben, dass Gottes Liebe nicht so bedingungslos ist, wie wir immer predigen?

Ein Pastor einer hippen Berliner Gemeinde sagte in Stuttgart sinngemäß (ich hoffe, ich habe es falsch verstanden): „Wir passen uns ganz an unsere Zielgruppe an, wir steigen immer mit einem säkularen Zitat in die Predigt ein, wir reden verständlich und offen. Aber die letzten zehn Prozent der Predigt gehören der moralischen Botschaft (sic!), mit der wir die Zuhörer ‚herausfordern’.“ Wirklich gute Arbeit, tolle Gemeinde, aber außen weltstädtische Fassade und innen die bekannte dualistische Botschaft? Da entsteht (mindestens für den außen stehenden Interessierten) ein Riss. Die Gefahr ist immer, dass innovative Formen ohne innovative Theologie zu der alten Fischer-fängt-Fisch-mit-Köder-Methode führen. Die ist aber erstens unaufrichtig, zweitens nicht besonders effektiv und drittens oft nicht sehr nachhaltig.

Na, aber ist denn die Botschaft nicht seit 2.000 Jahren dieselbe? Klar. Ist sie. Und genau weil sie so alt ist, ist es so wichtig, diese Botschaft immer wieder vom kulturell bedingten Schliff zu befreien, den sie in jeder Epoche bekommt. Innovative Theologie heißt ja nicht, etwas Neues zu erfinden oder etwas hinzuzudichten. Sondern es heißt, zurück zum Ursprung zu gehen. So wie der Allianz-Vorsitzende Michael Diener es bei Inno2012 ausgedrückt hat: Nicht alles, vielleicht nichts an kirchlichen Innovationen ist neu, aber eine Frage muss sich jede Generation stellen: Was passt wie in die jeweilige Zeit? Das wäre ein guter Themenschwerpunkt für den nächsten Inno-Kongress.

 

Sollten das deine Freunde auch lesen? Teile es!

Kommentare

Comments are closed.

Hinterlasse eine Antwort auf den Artikel

Die Datenschutzerklärung findest du hier.
a