Ich habe in den letzten Tagen in zwei eigentlich unabhängigen Zusammenhängen eine interessante Beobachtung gemacht: Einmal beim Treffen der Initiative „Emergente Theologie“ in Frankfurt, andererseits beim Vortrag von Torsten Hebel beim Willow Jugendkongress am Freitag.
Die Beobachtung ist folgende: Die von uns heute am meisten benutzte Umschreibung des Evangeliums, nämlich dass Jesus für mich gestorben ist, dass er meine Sünden vergeben hat, für mich auferstanden ist und ich mich bekehren muss, damit ich in den Himmel komme – das ist alles ziemlich ichbezogen.
Diese starke Konzentration auf den Einzelnen ist noch nicht alt – sie war eine Reaktion auf die religiösen Auflösungserscheinungen der Aufklärung und auf die Fokussierung auf die Masse im Zuge der Industrialisierung. Man wollte deutlich machen: Der Einzelne ist Gott nicht egal, Gott liebt jeden persönlich. Und es ist nicht beliebig, was der Einzelne über Gott denkt, wie sich der Einzelne zu Gott stellt. Eine wichtige Botschaft für ihre Zeit!
Eigentlich wollte man damit dem Zeitgeist kontra geben. Was aber nur oberflächlich gelungen ist. In Wirklichkeit hat man, wie das manchmal so ist, den Zeitgeist umarmt. Denn dieses Denken ist natürlich wiederum Kind seiner Zeit. Auch die Gesellschaft außerhalb der Kirchenmauern entwickelte eine Gegenbewegung zur industriellen Gleichschaltung, die in der enormen Individualisierung mündete, die wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Und die nun in der Post-oder-was-auch-immer-Moderne auf bizarre Weise sowohl gefeiert als auch überwunden wird.
Die ersten Christen kannten diesen starken Ich-Bezug nicht. Viele Christen in unserer westlichen Kultur sind nach wie vor irritiert von den biblischen Berichten, in denen „er und sein Haus“ sich taufen ließen. Konnte sich wirklich ein ganzer Haushalt (Vater, Mutter, Kinder, Diener…) bekehren? Ist das nicht Zwangschristianisierung?
Aber wir brauchen gar nicht lange in die Vergangenheit zu blicken, nur auf andere Kulturkreise in unserer eigenen Gegenwart: Ole Ronkei, Massai, Christ, Weltbankberater und Botschafter des Hilfswerks Compassion erzählte uns vor einiger Zeit, dass es für Massai ganz normal ist, dem Glauben des Familienoberhaupts zu folgen. Wenn der Vater Christ wird, dann werden auch seine vier Frauen (!) und 22 Kinder Christen. Die Gemeinden dort sind voll von solchen Konstellationen.
Oder nehmen wir die Säuglingstaufe: Von der großen Mehrheit der Christen werden mit ihr laufend Menschen in die Familie Gottes aufgenommen, für die der Glaube an Gott eher zweitrangig ist gegenüber der essentiellen Frage, wann es endlich wieder Mamas Brust gibt. Und dennoch gehören sie nach katholischem und lutherischem Glauben ab diesem Moment voll dazu. Sind das Christen zweiter Klasse? Die wenigstens von uns würden das zum Glück so abwertend sagen.
Die Frage ist deshalb wichtig, weil sie den Fokus unseres Handelns bestimmt, die Grundausrichtung unseres Beitrags zum Bau des Reiches Gottes. Es ist die Frage, ob ich vor allem für das Jenseits arbeite oder ob ich auch einen Blick für die ganz akuten, handfesten Probleme auf diesem blauen Planeten habe. Und diese nicht nur Mittel für einen höheren Zweck sind. Oder anders gesagt: Ist meine Diakonie, mein Kümmern um die Anliegen von Menschen in Not, nur ein erster Schritt, um denjenigen letztendlich offen für das Evangelium zu machen? Die wenigsten von uns würden das bejahen.
Aber beim Thema Freundschaften sind wir weniger zimperlich. Uns wurde jahrzehntelang eingetrichtert: „Baut Beziehungen zu euren Nachbarn und Arbeitskollegen auf, damit ihr sie irgendwann auch in die Gemeinde einladen könnt“. Ist eine gute Freundschaft für sich kein Wert beim Bau von Gottes Friedensreich? Oder die Wertschätzung eines Ausgestoßenen? Das Glas Wasser für den Verdurstenden? Diese Frage entscheidet sich an meiner Sicht darauf, wie groß Gottes Familie ist.
Die Menschen im Endgericht, von denen Jesus in Matthäus 25 spricht, waren jedenfalls ziemlich überrascht, dass sie Reich Gottes gebaut haben, ohne es zu wissen. Und die anderen waren sehr überrascht, dass sie es nicht getan haben, obwohl sie sich genau dafür abrackerten.
Solche Töne von Torsten Hebel zu hören, den ich bisher nie als emergent-church-verdächtig wahrgenommen habe, fand ich überraschend. Vielleicht wollte er sich bewusst auf Robs Seite stellen wegen der unfairen Anfeindungen gegen ihn. Torsten sagte:
„Wenn wir wirklich davon ausgehen, dass jeder, der kein Übergabegebet gesprochen hat in die Hölle kommt, dann haben wir ein Problem. Dann gehören wir nicht hierher in einen christlichen Kongress, sondern müssten sofort an die Haustüren gehen, um Menschen von Jesus zu erzählen.“
Machen wir aber nicht. Warum? Weil wir das so in dieser Absolutheit dann doch nicht stehen lassen wollen? Weil wir es für möglich halten, dass Gott einst (und jetzt) doch noch anders urteilt als wir es durch unsere weltanschauliche-durch-die-aufklärung- und-die-moderne-und-vieles-andere gefärbten Brille aus der Bibel herauszulesen vermeinen? Dass Gott noch andere Wege zu sich kennt – keine anderen als Jesus, aber andere als ein Übergabegebet? Und dass so mancher Nachfolger Jesu auf diesem Planeten gar nicht weiß, dass er ein solcher ist? Dass Gott doch größer ist als wir es verstehen könnten? Dass Gott doch gnädiger ist als wir? Dass die Liebe am Ende doch das letzte Wort hat?
Klingt für viele Christen unglaublich.
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