Sterbehilfe: Hat Gott nicht auch den Tod geschaffen?

Was sich dieser Tage in Italien zuträgt, kann eigentlich nur als unwürdig bezeichnet werden: Eine Frau, seit 17 Jahren im Koma, ist zum Spielball zwischen Politik, Kirche und ihrer Eltern geworden.

Letztere wollten die Geräte abschalten lassen, weil dieses Leben kein würdiges sei. Das wiederum versuchten die Regierung Berlusconi und der Vatikan mit zum Teil bizarren Mitteln zu verhindern. Da wird die Exkommunikation in Aussicht gestellt, da wird Kliniken mit dem Schliessen des Geldhahns gedroht, da soll ein Eilgesetz in einer Nacht-und-Nebel-Aktion durch das Parlament gepeitscht und sogar extra die Verfassung geändert werden. Und die Klinik „La Quiete“, die sich schliesslich bereit erklärt hatte, die Patientin zum Sterben aufzunehmen, wurde von Carabinieris durchsucht – wer weiß, welche Vorwände sich da hätten finden lassen, das Sterben zu stoppen.

Jetzt ist Eluana Englaro tot und plötzlich hat es Berlusconi gar nicht mehr so eilig mit seinem Eilgesetz. Jetzt soll über „Regelungen zu Patientenverfügungen“ nachgedacht werden. Denn Eluana Englaro hatte sich gegen lebenserhaltende Maßnahmen ausgesprochen. In der Debatte interessierte das allerdings niemanden.

17 Jahre Wachkoma, abhängig von Beatmungsmaschinen und dem Tropf. Irreversibel, sagten die Ärzte bereits nach zwei Jahren. Ist das Leben? Und wenn ja, ist es dann ein lebens-wertes?

Wohlgemerkt: Aus Sicht der Gesellschaft muss jedes Leben des Lebens wert sein! Egal wie mühsam und unbequem es für eine auf Schönheit und Leistung getrimmte Kultur vielleicht ist.

Aber aus Sicht des Betroffenen stellt sich die Sache vielleicht anders dar. Ob Wachkomapatienten ihre Umwelt registrieren oder nicht – das weiß bis heute niemand.  Wenn ja, dann mag es als eine der schrecklichsten Vorstellungen gelten, bei Bewusstsein zu sein, aber zur Unbeweglichkeit verdammt, ohne sich mitteilen zu können. 17 Jahre lang – tagein, tagaus.

Falls nein, dann ist es lediglich das Sorgen für die Funktionstüchtigkeit von ein paar Muskeln und Nervenzellen – der Mensch dazu, der ist längst ausgewandert.

Die Maschinen abschalten oder nicht – eine schwierige Entscheidung. Seelig die Menschen vor uns, die diese Art von Entscheidung nicht zu tragen hatten. Weil es keine solchen Möglichkeiten gab. Weil es der natürliche Weg gewesen wäre, zu sterben.

Sterben zu dürfen, vielleicht sogar. Denn die Frage ist doch am Ende: Was ist der Tod? Also der Tod im Sinne des menschlichen Ablebens, des Versagens von Körperfunktionen?

Auch wenn wir es gerne verdrängen: Gehört der Tod nicht zum Leben? Und ist der Tod nicht auch von dem geschaffen, der sich den Lauf der Welt erdacht hat? Von der Entstehung einer Eizelle über das kraftvolle Handeln bis hin zum Schwachwerden und letztendlich zum Sterben?

Die moderne Technik ermöglicht uns viel. Aber je mächtiger die Werkzeuge, desto schwerer, damit umzugehen. Und vieles von dem, was wir technisch können, liegt ausserhalb dessen, was wir zu verantworten in der Lage sind.

Die Frage ist also vielleicht weniger „Wie gehen wir mit der Sterbehilfe um?“, sondern vielmehr: Wie gehen wir mit unseren eigenen, technischen Möglichkeiten um, uns über die den Lauf der Natur zu stellen?

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