Ich frage mich, warum unsere Zeit es an sich hat, dass überall da, wo Menschen Gräben überwinden wollen, andere Menschen auftauchen und die Wichtigkeit dieser Gräben betonen – im Namen des Christentums.
Ich frage mich, warum unsere Zeit es an sich hat, dass überall da, wo Menschen Liebe über Gesetze stellen, sich andere Menschen sorgen und mahnen, wie richtig diese Gesetze sind und wie deplatziert die Liebe
– im Namen des Christentums.
Ich frage mich, warum unsere Zeit es an sich hat, dass überall da, wo Menschen den Bedrängten helfen, andere Menschen aufstehen – im Namen des Christentums – und davor warnen, weil diese Bedrängten unser Weltbild verändern könnten.
Ich frage mich, warum unsere Zeit es an sich hat, dass überall da, wo Menschen Brücken bauen und einander verstehen wollen, andere Menschen aufschreien und protestieren, weil jemand wirklich über diese Brücken gehen – und die „richtige“ Seite verlassen könnte.
Sie sorgen, mahnen, protestieren und warnen im Osten, im Süden, im Westen, im Norden, auf der Straße, in Briefen, in Petitionen und Facebook-Kommentaren – im Namen des Christentums.
Im Namen des Christentums?
War es nicht das Christentum, das so oft Gräben überwand – im Namen von Jesus Christus?
War es nicht das Christentum, das so oft Gesetze aus Liebe brach – im Namen von Jesus Christus?
War es nicht das Christentum, das so oft den Bedrängten zur Freiheit verhalf – im Namen von Jesus Christus?
War es nicht das Christentum, das so oft Standpunkte hinterfragte und Brücken baute, um Menschen zu verändern – im Namen von Jesus Christus?
War es nicht Jesus selbst, der so oft Gräben überwand, Gesetze aus Liebe brach, den Bedrängten zur Freiheit verhalf, Standpunkte hinterfragte, damit sich Menschen verändern konnten? War es nicht Jesus, der sich stets gegen Mahner und Besserwisser und Richtigsteller wandte und davor warnte, den Menschen im Namen des Glaubens zu versklaven?
Warum hat unsere Zeit es an sich, dass Menschen im Namen des Christentums reden und das vergessen?
Oder ist es gar nicht nur unsere Zeit? Ist das schon immer so und wird es immer bleiben? Mag sein.
So und so bleibt der Auftrag an uns bestehen: zu lieben.
Auch und gerade die, die sorgen und mahnen und protestieren und warnen.
Und damit genau das zu machen, wofür wir so klar einstehen: Nämlich Brücken zu bauen, um Gräben zu überwinden.
Nur Liebe kann diese Brücke sein. Und wenn Gott voller Liebe ist, und Christus voller Gott, dann tun wir das auch im Namen des Christentums.
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