Was für eine Hoffnung war dieser Papst doch: wäscht Häftlingen und Prostituierten die Füße, lehnt den Prunk der Papstwohnung ab und wohnt bei den Bediensteten, rüttelt an der Selbstherrlichkeit der Kirche. Für viele schien er die goldene Zukunft der katholischen Kirche. Und nun das: Durch die Medien geistert die Meldung, der Papst findet das Schlagen von Kindern gut.
Natürlich gehen in der medialen Schnellschuss-Hysterie unserer Zeit die Details gerne verloren. In Wirklichkeit hat der Papst das so nie gesagt und auch nicht gemeint. Aber was er zum Ausdruck brachte, wiegt trotzdem schwer: Er hob es als positiv hervor, wenn ein Vater beim Schlagen seiner Kindern „deren Würde bewahre“, indem er sie nicht ins Gesicht schlägt. Im Wortlaut sagte er bei der gestrigen Generalaudienz gemäß KNA:
Ein guter Vater versteht zu warten und zu vergeben, und das aus ganzem Herzen. Gewiss, er kann auch entschlossen zurechtweisen: Er ist kein schwacher Vater, kein nachgiebiger, sentimentaler. Der Vater, der zurechtweisen kann, ohne zu demütigen, ist der gleiche, der zu schützen weiß, ohne sich zu schonen. Einmal hörte ich in einem Treffen von Eheleuten einen Vater sagen: „Manchmal muss ich die Kinder ein bisschen schlagen – aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen.“ Wie schön: Er hat einen Sinn für Würde. Er muss bestrafen, er macht’s auf rechte Weise, und dann geht es normal weiter.
Damit aber — und das ist das Problem — billigt er ausdrücklich die bewusste, körperliche Züchtigung von Kindern. Und tut so, als es so etwas wie ein würdevolles Verprügeln gäbe. Eigentlich dürfte das nicht überraschen: Züchtigung in der Erziehung ist nach wie vor offizielle katholische Linie. Und in vielen Ländern Europas und der Welt ist das weder verboten noch verpönt. In vielen US-Bundestaaten dürfen sogar noch Lehrkräfte ihre Schüler körperlich maßregeln. Aus dem Mund eines Papstes aber ist diese Aussage sehr fragwürdig.
Doch damit nicht genug: Es ist nicht das erste Mal, dass der so revolutionär kuschelig geglaubte Papst durch die Billigung von Gewalt verschreckt. Im Nachgang der islamistischen Anschläge auf die Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris schwadronierte er vor erstaunten Journalisten im Flugzeug über den Faustschlag, den auch er jemandem verpassen würde, der seine Mutter beleidigt. Er wollte damit verständlich machen – warum sich Muslime durch die Karikaturen provoziert fühlten, auch wenn man natürlich im Namen der Religion nicht töten dürfe. Faustschlag ja, aber töten nein. Kinder schlagen ja, aber nicht ins Gesicht. Zu viel Gewalt ist böse, aber ein bisschen ist sie schon ok?
Im Zentrum unseres Glaubens steht ein Gott, der nicht auf Gewalt setzt, sondern der vergibt und damit die Spirale der Gewalt durchbricht.
Ein seltsamer Standpunkt. Gerade für einen Menschen im Papstamt, das wie kein anderer für das Erbe des gewaltlosen Jesus von Nazareth stehen sollte, der Schläge, Peitschenhiebe und die Kreuzigung erduldete und damit ein eindrückliches Zeichen setzte. Petrus — immerhin nach katholischer Auffassung der erste aller Päpste — wurde von Jesus für seine Gewalttätigkeit gemaßregelt, als er der Überlieferung gemäß bei der Festnahme Jesu einem Soldaten das Ohr abschlug – und Jesus es diesem wieder „anheilte“. Im Zentrum unseres Glaubens steht ein Gott, der nicht auf Gewalt setzt, sondern der vergibt und damit die Spirale der Gewalt durchbricht.
Ein paar Tage zuvor noch hat Franziskus in seiner Weihnachtsansprache die Gewalt in der Welt verurteilt. Er kritisierte den IS, rief die Konfliktparteien in der Ukraine auf, die Spannungen zu überwinden und sich zu versöhnen. Und er beklagte die Gewalt gegen Kinder, die besonders unter den Konflikten und Krisen litten. „Zu viele von ihnen sind Opfer von Gewalt geworden“, so Franziskus.
Doch wie glaubwürdig ist das, wenn der selbe Papst ausdrücklich bereit ist (und damit vor der Presse prahlt), jemanden wegen einer Beleidigung mit der Faust niederzustrecken? Oder der es billigt, wenn Konflikte in der Familie mit Schlägen gegen die ausgetragen werden, die sich nicht wehren können? Beginnt nicht jeder große Krieg damit, dass Menschen nicht willens sind oder es nie gelernt haben, ihre Meinungsverschiedenheit auf friedlichem Weg zu lösen? Und beginnt dieses Lernen nicht genau an dem Tag, an dem wir das Licht der Welt erblicken? Meine Kinder merken sehr genau, wenn ich Wasser predige und selbst Wein trinke. Und sie imitieren mich nach Kräften — im Guten wie im Schlechten.
Von Jesus ist eine einzige Tätlichkeit überliefert – er warf Tische von Händlern um, die mit dem Glauben Profit machten. Er hatte scharfe Worte für die Zocker parat. Aber von Gewalt gegen sie ist nichts berichtet. Und können wir uns auch vorstellen, wie Jesus einem Menschen die Faust ins Gesicht schlägt, weil der seine Mutter beleidigt? Und gleich danach sagt: „Wenn euch jemand auf die rechte Wange schlägt, haltet ihm auch die linke hin“? Oder dass Jesus es billigt, dass Kinder von ihren Vätern geschlagen werden? Und dieselben Kinder im nächsten Moment als Vorbild für uns bezeichnet? Das Leben Jesu war von Gewaltlosigkeit geprägt. Er hat Konflikte gelöst, Menschen vergeben, ungewöhnliche Wege gefunden, um Frieden zu schaffen. Selbst angesichts von Gewalt und Tod gegen ihn selbst wehrte er sich nicht. Mahadma Ghandi wurde von ihm zu einem gewaltlosen Widerstand inspiriert, der ganz Indien veränderte. Jesajas Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, stumm bleibt und sich nicht wehrt, wird im Allgemeinen auf Jesus gedeutet. Als Mensch demonstrierte er Gewaltlosigkeit und als Gottes Sohn machte er klar, dass der Schöpfer des Universums auf unsere Schlechtigkeit nicht mit Gewalt antwortet – sondern mit dem Angebot der Vergebung. Dem einzigen Weg, der zum Frieden führt.
Dafür sollte ein Papst stehen — egal ob man seine Mutter beleidigt oder ein Kind unartig ist. Besonders ein Papst wie Franziskus, dem so viele Herzen zufliegen und der für so viele Menschen ein Vorbild ist. Für eine Entschuldigung und Klarstellung ist es nicht zu spät. Eigentlich ist es unerhört, dass ein Papst sich entschuldigt – Franziskus aber traue ich es zu. Es würde passen zu dem heißblütigen, lebensnahen und eigentlich so unkomplizierten Argentinier, der mit so viel Leidenschaft, Mut und Offenheit Mensch und Papst ist.
Auch ein Papst ist nur ein Mensch, der Vergebung benötigt. Das könnte das große Erbe sein, dass er der Nachwelt einst hinterlassen wird.
Wir sollten deshalb — bei allem Ernst der im Raum stehenden Äußerungen — nicht der Versuchung verfallen, Franziskus jetzt zu verurteilen und schon mal im Kopf auszumustern. Auch ein Papst ist nur ein Mensch, der Vergebung benötigt. Das hat er gesagt und das könnte auch das große Erbe sein, dass er der Nachwelt einst hinterlassen wird. Aber er muss die Größe haben, das nicht nur den Journalisten in ihre Mikros zu diktieren, sondern es selbst so zu leben. An vielen Stellen tut er es. Und das ist gut so. Wer sich schon insgeheim freut, dass selbst ein so beliebter Papst stolpert und fällt — und mit ihm wieder ein Stück christliche Glaubwürdigkeit —, der wird vielleicht enttäuscht werden. Beziehungsweise überrascht. Hoffentlich.
P.S.: Welche Wirkung so ein Satz aus dem Mund eines Papstes auslösen kann, zeigen die vielen kreativen, aber schmerzlich treffenden Reaktionen auf Twitter der ersten Stunden nach dem Bekanntwerden der Nachricht:
Kinder, Kirche, Karnickel – gebt #Franziskus endlich eine Late Night Show!
— Wulf Rohwedder (@WRohwedder) February 6, 2015
Dann finde ich das #Ohrfeigen von Päpsten in Ordnung – wenn es würdevoll geschieht … #Papst #Franziskus #katholisch #21jahrhundert
— Stefan A. Kascherus (@StefanKascherus) February 6, 2015
Fällt die Prügelstrafe von #RaifBadawi für den #Papst auch unter würdevolles Züchtigen? Geht ja nicht ins Gesicht. #Franziskus
— Terry Reintke (@TerryReintke) February 6, 2015
Wie schlägt man Kinder würdevoll ? Mit der Bibel in der Hand ? Oder gleich MIT der Bibel ? #Franziskus
— Weizen Bier (@Weizen_Bier) February 6, 2015
91 Prozent aller Kinder befürworten Prügelstrafe für unartige Päpste … http://t.co/Z7sXI7hbjf
— Der Postillon (@Der_Postillon) February 6, 2015
Papst arbeitet angeblich auch an neuem Buch "50 shades of pray!" #franziskus
— geraldfleischhacker (@fleischhackerg) February 6, 2015
Wahrscheinlich bewirbt sich Prügel-#Papst #Franziskus gerade für den nächsten Rocky-Balboa-Film: "Rocky vs. The #Pope of Pain".
— Elmyr de Hory (@deHory) February 6, 2015
https://twitter.com/Suomieven/status/563653211643719681
Man sollte seine Kinder allerhöchstens bei "Memory" oder "Mensch ärgere Dich nicht" schlagen, aber sonst nie, Papst #Franziskus!
— tobi. (@variabel_) February 6, 2015
Und wenn du nicht augenblicklich deine Würde zeigst, knall ich Dir noch eine. #Franziskus
— Küchenpsychologe (@PsychodeCuisine) February 6, 2015
Vati kann hauen. #franziskus
— geraldfleischhacker (@fleischhackerg) February 6, 2015
#Franziskus: rechne spätestens morgen mit einmal kräftig zurück rudern. "Ja, das AT sticht das Neue natürlich nicht" oder so, böte sich an.
— Daniel Landau (@LandauDaniel) February 6, 2015
Nur die Queen darf ihre Kinder schlagen – zum Ritter. #Franziskus
— alf frommer (@siegstyle) February 6, 2015
Hätte ein Imam das geäußert, was #Franziskus gesagt hat, wär hier die Hölle los……. #Kinderschlagen #bigotterie
— Schwobabüble (@Tom_0711) February 6, 2015
Und am Ende des Tages ist #Franziskus auch nur ein alter Katholik. Sein Verdienst ist, dass man das schon fast vergessen hatte.
— johannes lindenlaub (@herrlichezeiten) February 6, 2015
wie so oft, kath. Kirche macht einen Schritt nach vorn und zwei zurück. Gewalt in der Erziehung bis zu einem gewissen Grad ok?? #Franziskus
— Rita Ga (@rita_gass) February 6, 2015
"Erziehungstipps von (offiziell) kinderlosen Menschen sind immer die besten." #Franziskus #Pontifex #Vatikan #Erziehung #SZ
— Christian Batzlen (@ChrBatzlen) February 6, 2015
Ich sehe schon einen 1,2 Milliarden Katholikenmob losziehen um in Würde Kinder zu vermöbeln. #Franziskus
— Schwobabüble (@Tom_0711) February 6, 2015
Würdevoll schlagen? So mit Anzug und Krawatte?? #Franziskus
— Schwobabüble (@Tom_0711) February 6, 2015
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