Bibelübersetzungen sollen den Bibeltext möglichst inhaltstreu und trotzdem für heutige Menschen verständlich wiedergeben.
Natürlich lassen sich die alten Sprachen der Bibel nicht mehr in jedem Fall zweifelsfrei übersetzen (entweder weil die damalige Bedeutung des Wortes in der vorliegenden grammatischen Form nicht eindeutig geklärt ist oder weil der kulturelle Zusammenhang für uns nicht mehr eindeutig rekonstruierbar ist). So bleibt Übersetzung immer Interpretation. Jeder Übersetzer bringt sein Welt- und Glaubensbild in sein Werk mit ein. Davor ist niemand gefeit.
Bibelübertragungen stehlen sich etwas aus dieser Bredouille, weil sie bewusst die Texttreue vernachlässigen und stattdessen Wert auf eine deutlich bessere Lesbarkeit zu legen. Sie sind ganz bewusst stark tendenziös. Sogenannten „bibeltreuen“ Christen sind Übertragungen meist zu frei und liberal. Allerdings ist mir gestern eine Textstelle aufgefallen, in die zwei Übersetzungen einfach ein Wort hinzudichten – ein sehr relevantes Wort sogar, nämlich das Wort „Gott“.
Es handelt sich um Markus 16,16, ein Jesuswort. Der olle Luther schreibt in der revidierten Fassung von 1984:
Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. (Lut84)
Harter Tobak in jedem Fall. Die Gute Nachricht, die gerne eine Übersetzung sein möchte, meint allerdings auch noch das handelnde Subjekt der Verdammung zu kennen:
Wer zum Glauben kommt und sich taufen lässt, wird gerettet. Wer nicht glaubt, den wird Gott verurteilen. (GN)
Gott wird hier wie selbstverständlich eingefügt, doch davon steht nichts im Text. Genauso macht es die NeÜ. Alle anderen Übersetzungen (und Übertragungen!) lassen Gott hier (korrekterweise) zumindest nominell aus dem Spiel.
Werfen wir mal kurz einen genauen Blick auf den fraglichen Teil des Verses: Das griechische Wort für „wer nicht glaubt“ ist ἀπιστήσας, ein Aorist Partizip, der „untreu sein, nicht glauben, nicht vertrauen“ bedeutet. Also wörtlich: „Einer, der nicht geglaubt hat/vertraut hat/treu war“. Der Aorist ist allerdings eine grammatische Form, die einen konkreten Zeitpunkt beschreibt, hier müsste man also noch besser übersetzen: „Einer, der nicht begonnen hat, zu glauben“ oder eventuell „Einer, der in seinem Leben nicht geglaubt hat“ (aus der Perspektive der Zukunft gesehen). Und da im Deutschen das Wort „glauben“ ja immer gerne verwechselt wird mit „etwas für wahr halten“, mag ich „Vertrauen haben“ oder „sein Vertrauen setzen in…“ generell lieber, was der Originalbedeutung auch näher kommt. Die Engländer haben es da mit „faith“ (Glaube im religiösen Sinne) einfacher, das sich klar von „belief“ (Für-Wahr-Halten) unterscheidet.
Das Wort, das Luther mit „verdammen“ übersetzt ist κατακριθήσεται, eine passive Futurform des Wortes κατακρίνω, das einfach nur „verurteilen“ heißt.
Die Übersetzung müsste also aus meiner Sicht so lauten:
Wer nicht angefangen hat, zu vertrauen, der wird verurteilt werden.
Wer aber hier verurteilt, davon verrät Jesus nichts. Es ist auch nicht aus dem Zusammenhang erkennbar – im Gegenteil schilt Jesus ironischerweise zwei Verse vorher die elf Kernjünger wegen ihres Unglaubens (darunter Petrus, den Fels, auf dem Jesus seine Gemeinde bauen will). Und direkt nach unserem Vers philosophiert Jesus über die Zeichen und Wunder, die diejenigen begleiten, die glauben (so selbstverständliche Dinge wie Dämonen austreiben, Kranke heilen und unbeschadet tödliches Gift trinken).
Freilich liegt für den durchschnittlich evangelikal geprägten Christen die Verbindung zwischen „Gott“ und „verurteilen“ erschreckend nahe, aber das ist eben der evangelikale Denkrahmen. Andere christliche Prägungen sind da vorsichtiger. Vielleicht trifft Jesus ja an dieser Stelle gar keine Aussage über Gott? Wann habt ihr das letzte Mal böse Geister ausgetrieben oder etwas Tödliches getrunken? Nie? Na so was. Wenn wir den Vers in seinem Kontext sehen und ernst nehmen, dann sagt Jesus in dieser Passage entweder, wir alle (inklusive dem engsten Kreis der Jünger) sind keine Gläubigen und werden deshalb verurteilt. Oder Jesus meint hier etwas völlig anderes. Suggestions welcome.
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